Helgoland den 28/6/ Aug. 1899
Mein lieber Herr Wedekind.
Ihren Brief vom 23. AugustAug.nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Carl Heine, 23.8.1899.
Wedekind dürfte in dem Brief mitgeteilt haben, dass an diesem Tag seinem Begnadigungsgesuch
stattgegeben und die siebenmonatige Gefängnishaft, zu der ihn das Leipziger Gericht
am 3.8.1899 verurteilt hatte, in Festungshaft umgewandelt wurde. der zu meiner Verwunderung noch von
Leipzig aus datiert war, erhielt ich gestern; den vom 1 Augustnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Carl Heine, 1.8.1899. hatten wir noch
nicht beantwortet, da wir nicht wußten, wohin wir ihn adressieren sollten. Sie
sehen, wir sind noch immer in Helgoland, Montag28.8.1899. gehen wir nach Wilhelmshaven
und am 1. SeptemberSept. sind wir zurück. Es thut mir sehr leid, daß
ich Ihnen Ihr ManuskriptMskr. erst am 1 SeptemberSept. sendenHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Sendung des Manuskripts „Ein
gefallener Teufel“; erschlossenes Korrespondenzstück: Carl Heine an Wedekind, 1.9.1899.
Wedekind begann mit der Umarbeitung von „Ein gefallener Teufel“ (der Urfassung) zu
„Marquis von Keith“ (1901) „nach Rückerhalt des Manuskripts von Carl Heine“ [KSA 4,
S. 413]; bereits am 16.9.1899 konnte er mittteilen, aus der Umarbeitung sei „etwas
geworden“ [Wedekind an Beate Heine, 16.9.1899]. In einer späteren Notiz über seine
Haftstrafe resümierte er: „Nach viermonatlichem Aufenthalt im Gefängnis in Leipzig
wurde die Strafe in Festungshaft verwandelt. Die noch übrigen 4 Monate verbrachte
ich auf der Festung Königstein, wo ich das im Gefängnis begonnene Drama ‚Der Marquis
von Keith‘ beendete.“ [Nb 55, Blatt 13r]
kann, aber ich habe es in Hamburg verschlossen, so daß nur ich es herausnehmen
kann. | Über meine Zukunft bin ich selbst noch nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich
werde ich September 19/8/99 1900 entweder am Deutschen SchauspielhausCarl Heine war erst in den Jahren 1901 bis 1907 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg
als Regisseur tätig. in
Hamburg oder am Deutschen TheaterCarl Heine war erst ab 1917 am Deutschen Theater in Berlin als Regisseur und Dramaturg
tätig. in Berlin Oberregisseur; doch ist das noch sehr
unsicher. Nach MünchenWedekind hatte angenommen, Carl Heine werde eventuell nach München gehen [vgl. Wedekind
an Hans Richard Weinhöppel, 27.7.1899]. zieht es mich nicht sehr. Was das Variété-TheaterNäheres über Carl Heines Pläne für ein Varieté ist nicht ermittelt.
betriffSchreibversehen, statt: betrifft., so fehlt es vor Allem an Geld; aber falls Sie Lust und Gelegenheit
haben, Ihre Ansichten darüber zu
fixieren, würden Sie bei mir auf das aller|dringlichste Interesse stoßen. Das
Modell zu einer geeigneten Bühne ist in meinem Besitz. Was Sie über Ihre Pläne ab
FebruarWedekind dürfte seine Zukunftspläne für die Zeit nach seiner Entlassung aus der Festungshaft
am 3.2.1900 vor allem in dem verschollenen Brief vom 23.8.1899 erläutert haben (siehe
oben). schreiben, klingt ja sehr erfreulich.
Was ist das für ein Verleger-Kontraktnicht eindeutig ermittelt; Wedekinds Verleger war nach wie vor Albert Langen.. Zu UnterrichtWedekind hat Carl Heine offenbar berichtet, dass er nach seiner Entlassung aus der
Festungshaft Schauspielunterricht bei einem Schauspieler nehmen werde ‒ dieser Schauspieler
war dann Fritz Basil (siehe unten). würde ich bei Häußerbei Karl Häußer (Pseudonym für Karl Heußenstamm) in München (Wagmüllerstraße 12) [vgl.
Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 228; Teil II, S. 628], Münchner
Hofschauspieler [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 455]. nicht
bei MeyerM.bei Meyer ‒ gemeint ist der Regisseur und Hofschauspieler Fritz Basil (Pseudonym für
Friedrich Meyer) in München (Galeriestraße 15) [vgl. Adreßbuch von München für das
Jahr 1900, Teil I, S. 24, 349; Teil II, S. 188], seit 1894 am Münchner Hoftheater
tätig [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 455]. Wedekind nahm dann bei ihm Schauspielunterricht
(siehe Wedekinds Korrespondenz mit Fritz Basil). rathen.
Was ich zu Juliane DéryDie als Bühnenautorin bekannte Schriftstellerin war eine schillernde Persönlichkeit
der europäischen Boheme, die in den Schriftstellerkreisen von Paris, München und Berlin
verkehrte. Ihren letzten Text soll sie der Münchner Zeitschrift „Jugend“ angeboten,
den letzten Brief vor ihrem Tod (siehe unten) an den Berliner Bühnenverleger Theodor
Entsch geschrieben haben. Wedekind kannte sie persönlich [vgl. Juliane Déry an Wedekind,
7.6.1896]. sage? Nichts. Denn ich weiß n/N/ichts.
In den Prozeß-Berichten, die ich
las, war ihr Name nicht erwähnt, nur gelegendlichSchreibversehen, statt: gelegentlich. IhresSchreibversehen, statt: ihres. Selbst|mordesDie als Kind vom Judentum zum Katholizismus konvertierte Juliane Déry beging am 31.3.1899
(Karfreitag) in Berlin Selbstmord ‒ Presseberichten zufolge aus Liebeskummer wegen
ihrer geplatzten Verlobung, gelegentlich unter Hinweis darauf, sie sei in die Dreyfus-Affäre
verwickelt. So schrieb die Berliner „Volks-Zeitung“ unter Berufung auf das Wiener
„Fremdenblatt“ (da die Schriftstellerin als Wienerin galt, hat die dortige Presse
sich besonders für sie interessiert): „Durch die Veröffentlichungen des ‚Figaro‘ über
die Zeugenaussagen in der Dreyfus-Angelegenheit kommt eine Verbindung an das Tageslicht,
durch welche die vor kurzem durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Schriftstellerin
Juliane Déry in Beziehungen zu Dreyfus gebracht wurde.“ In einer Aussage von 1894
vor dem französischen Gerichtshof seien „diese angeblichen Beziehungen“ unter die
„Verdachtsgründe“ gegen Dreyfus „eingereiht“ und in einer „nunmehrigen Aussage“ erneut
wiederholt worden, wobei es sich um „Verleumdung“ handle. Dreyfus war unterstellt
worden, „daß er viel Geld mit Frauen vergeudete“, die „der Halbwelt“ angehörten, von
diesen „Frauen sollte nun eine die unglückliche Juliane Déry sein und phantasievolle
Leute brachten sogar ihren Selbstmord damit in Verbindung und wollten ihn als Bestätigung
ihrer Beziehungen zu Dreyfus aufgefaßt wissen, obwohl sich Juliane Déry vom Balkon
gestürzt hat, zwei Tage ehe die Aussagen [...] veröffentlicht wurden.“ [Juliane Déry
und die Dreyfus-Affaire. In: Volks-Zeitung, Jg. 47, Nr. 177, 16.4.1899, Morgenblatt,
S. (3)] hörte ich
von irgendwelchen Beziehungen zur Dreyfuß-AngelegenheitDie Dreyfus-Affäre war ein Justizskandal, der in den 1890er Jahren die französische
Öffentlichkeit spaltete und eine massive innenpolitische Krise in Frankreich markiert.
Infolge antisemitisch motivierter Verleumdungen war Alfred Dreyfus, französischer
Offizier jüdischer Herkunft, 1894 wegen Landesverrats verurteilt und auf die Teufelsinsel
verbannt worden. Für ihn eingesetzt hat sich insbesondere Emile Zola (am 13.1.1898
erschien sein berühmter offener Brief „J’Accuse...!“ an den französischen Staatspräsidenten).
Der Fall nahm eine Wende, das Urteil wurde am 3.6.1899 aufgehoben und Dreyfus sollte
sich einem neuen Kriegsgerichtsverfahren stellen, das am 8.8.1899 begann und am 19.9.1899
mit der Begnadigung des Offiziers durch den Staatspräsidenten endete..
Ich bitte Sie, mir bei Ortsveränderung Ihre Adresse gefälligst zukommen zu lassen; ich bin
augenblicklich in großer Eile und werde Ihnen ausführlicher erst von Leip
Hamburg aus schreiben. Gegen 12. SeptemberSeptSeptember.Wedekind war am 12.9.1899 noch immer im Gefängnis in Leipzig inhaftiert; erst am 21.9.1899
trat er seine Festungshaft auf der nahe Dresden gelegenen Festung Königstein an. denke ich in Dresden zu sein, vielleicht
habe ich da Gelegenheit Sie aufzusuchen.
Mit den herzlichsten Grüßen von meiner Frau und mir
Ihr
Carl Heine