Sehr verehrter Herr BlockPaul Block, Journalist und Schriftsteller in Berlin (Nollendorfstraße 31/32) [vgl.
Berliner Adreßbuch 1912, Teil I, S. 241], seit 1899 für das „Berliner Tageblatt“ tätig,
die letzten Jahre als Korrespondent in Paris, hatte unlängst beim „Berliner Tageblatt“
(Chefredakteur: Theodor Wolff) die Leitung des Feuilletons übernommen: „In unserer
Feuilletonredaktion tritt mit Beginn der neuen Woche ein Wechsel ein. Paul Block,
der seit fast fünf Jahren Korrespondent des ‚Berliner Tageblatts‘ in Paris war, übernimmt
wieder das Amt des leitenden Feuilletonredakteurs. das er bereits früher verwaltet
hatte.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 513, 8.10.1911, Morgen-Ausgabe, S. (2)].!
Sehr wohl erinnere ich mich, wie ich im Winter
1895 und 96 zu IhnenWedekind suchte seinerzeit in Berlin – er traf beim ersten Besuch am 20.1.1895 in
Berlin ein [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 169], bei zweiten Besuch war er spätestens
Mitte Dezember 1896 in der Stadt [vgl. Wedekind an Ludwig Fulda, 11.12.1896] – Paul
Block auf, der damals Dramaturg und Sekretär am Neuen Theater sowie zugleich am Residenztheater
(Direktion beider Bühnen: Sigmund Lautenburg) in Berlin war [vgl. Neuer Theater-Almanach
1895, S. 283; Neuer Theater-Almanach 1896, S. 259; Neuer Theater-Almanach 1897, S.
265]. Paul Block erinnerte sich 1914: „Es werden siebzehn oder achtzehn Jahre her
sein, da sah ich Wedekind zum ersten Male im Bureau des Berliner Neuen Theaters.“
[Friedenthal 1914, S. 151] ins Neue Theater kam und wie Sie mir rieten: Wenn Sie an
die Bühne gelangen wollen, dann schreiben Sie doch einen Einakter, der ist am
raschesten untergebracht. Ich schrieb meinen KammersängerWedekind schrieb seinen Einakter „Der Kammersänger“ (zunächst unter dem Titel „Das
Gastspiel“) September bis Mitte Oktober 1897 [vgl. KSA 4, S. 323]. und erreichte damit
meine erste Berliner Aufführungdie Uraufführung des von Martin Zickel inszenierten Einakters „Der Kammersänger“ am
10.12.1899 im Rahmen der Eröffnungsmatinee der Sezessionsbühne am Neuen Theater in
Berlin; sie fand bei Publikum und Kritik eine positive Resonanz [vgl. KSA 4, S. 392].
Es war das erste Mal, dass ein Stück Wedekinds auf einer Berliner Bühne zu sehen war.. Schon hundert mal habe ich erzählt, wie
zutreffend Sie mir damals rieten und werde das auch sicherlich nie vergessen.
Und nun empfangen Sie meinen herzlichen DankHinweis auf eine nicht überlieferte Anfrage; erschlossenes Korrespondenzstück: Paul
Block an Wedekind, 24.11.1911
dafür daß Sie mich i vor die ehrenvolle Aug/f/gabe stellen, einer
Weihnachtsdichtung für das Berliner TageblattB. T.Wedekind schrieb einen Beitrag zur Umfrage „Unsere Schriftsteller bei der Arbeit“
[KSA 5/II, S. 425f.], der in der Weihnachts-Ausgabe des „Berliner Tageblatt“ erschien
[vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 654, 24.12.1911, Morgen-Ausgabe, 4. Beiblatt,
S. (2)], „als vorletzter Beitrag der in alphabetischer Reihenfolge abgedruckten Beiträge“
[KSA 5/III, S. 820], insgesamt 45 Texte (jeweils mit der faksimilierten Unterschrift
der Autoren und Autorinnen versehen), vorangestellt eine redaktionelle Einleitung,
in der es heißt: „Wir haben an die deutschen Schriftsteller die Anfrage gerichtet,
welche Arbeiten wir im kommenden Jahr von ihnen zu erwarten haben. Viele haben unsere
Frage beantwortet […], eine kleine Anzahl hat die Antwort abgelehnt oder ist der Frage
ausgewichen, aus Gründen, die wir achten müssen. […] Die Briefe folgen in alphabetischer
Reihe, da bei dieser Gelegenheit jede kritische Sichtung nach Anciennität und literarischem
Geschmack taktlos erscheinen müßte.“ [Unsere Schriftsteller bei der Arbeit. Eine Rundfrage.
In: Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 654, 24.12.1911, Morgen-Ausgabe, 4. Beiblatt,
S. (1)] Die Umfrage wurde am 28.12.1911 in der Morgen-Ausgabe des „Berliner Tageblatt“
mit elf weiteren Beiträgen fortgesetzt. Wedekinds Beitrag war ein Auszug aus einem
Brief [vgl. Wedekind an Paul Block, 17.12.1911], der nicht als Briefauszug kenntlich
gemacht war. zu schreiben. Aber das Berliner TageblattB. T. ist
leider | über mich ganz anderer Ansicht als Sie, verehrter Herr Block. Aus
beiliegender Besprechungnicht überliefert. Es dürfte sich entweder um Fritz Engels Besprechung von „Musik“
im „Berliner Tageblatt“ gehandelt haben, aus der Wedekind zitiert (siehe unten), oder
um die im „Berliner Tageblatt“ veröffentliche Notiz von Fritz Engel, aus der Wedekind
ebenfalls zitiert (siehe unten). ersehen Sie Zeile für Zeile, wie wenig ich mich für
die Aufgabe eigeneSchreibversehen, statt: eigne.. Oder sollten Sie mir einen moralischen Selbstmord zumuten,
indem Sie mich auffordern für das Berliner TageblattB. T. zu arbeiten und dadurch die von
ihm über mich abgegebenen Urtheile zu sanktionieren? Das traue ich Ihnen nicht
zu. Sicherlich vergessen Sie aber eines. Seit vier Jahren bin ich für die Leser
des Berliner TageblattB. T.
„ein GehirnZitat aus Fritz Engels Notiz zu Wedekinds Widerspruch gegen seine Besprechung von
„Musik“ (siehe unten): „Uns läßt das sehr kalt, wie uns auch die Briefe kalt gelassen
haben, die Wedekind im Laufe der letzten Monate direkt an uns gerichtet hat. Vor den
Strafrichter gebracht, würden sie Herrn Wedekind einige Unannehmlichkeiten bereiten,
uns selbst erschienen sie als die Äußerungen eines Gehirns, das in beklagenswerter
Weise alle Urteilsfähigkeit und gesellschaftliche Kultur eingebüßt hat, um sich dafür
mit einer abnormen Selbstanbetung zu füllen.“ [fe: Frank Wedekind und die „Akademische
Bühne“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 38, Nr. 54, 30.1.1909, Abend-Ausgabe, S. (3)], das in beklagenswerter Weise alle Urteilsfähigkeit und
gesellschaftliche Kultur eingebüßt hat, um sich dafür mit einer abnormen
Selbstanbetung zu füllen.“
Diese öffentliche EntgegnungFritz Engels Notiz „Frank Wedekind und die ‚Akademische Bühne‘“ (siehe oben). des Berliner TageblattB. T. auf
einen Privatbriefvgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 28.1.1909. wurde zwar unter vier AugenWedekinds Gespräch mit Fritz Engel, Feuilletonredakteur des „Berliner Tageblatt“,
der sich polemisch über Wedekind geäußert hatte (siehe oben), fand am 5.2.1910 in
Berlin statt: „Ich fahre zum Berliner Tageblatt. Theodor Wolff empfängt mich sehr
liebenswürdig. Unterredung mit Fritz Engel.“ [Tb] mit Bedauern zurückgenommen. Die
Leser des Berliner TageblattB. T. | haben aber von dieser Zurücknahme bis heute nichts
erfahren und werden müssen
denken, wenn sie einen Beitrag von mir im Berliner TageblattB. T. lesen, daß ich mir solche
Beschimpfungen zur Ehre anrechne. Ich will nun auch nicht weiter davon reden, daß
mein Einakter „Zensur“, der vor einem JahrWedekinds Gastspiel vom 6. bis 19.10.1910 („Die Zensur“, bei der Premiere zusammen
mit „Der Liebestrank“) am Kleinen Theater in Berlin (insgesamt zehn Vorstellungen). am Kleinen Theater in Berlin
aufgeführt wurde, von der Kritik des Berliner TageblattB. Ta unter einem an den Haaren
herbeigezogenen Vorwande einfach mit Stillschweigen übergangenDas trifft so nicht zu. Paul Schlenther hatte der Berliner Premiere von „Die Zensur“
am 6.10.1910 am Kleinen Theater im „Berliner Tageblatt“ eine Besprechung gewidmet,
in der er allerdings deutlich machte, dass das Stück seinen Erwartungen nicht entsprach
[vgl. P.S.: Kleines Theater. Zum ersten Male: „Die Zensur.“ Theodizee in einem Akt.
Hierauf: „Der Liebestrank.“ Schwank in drei Akten. Beides von Frank Wedekind. In:
Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 509, 7.10.1910, Morgen-Ausgabe, S. (2)]. wurde, daß mir
meine Dramen „Musik“ und „Oaha“ vom Berliner TageblattB. T. „vor die Füße geworfenZitat aus Fritz Engels Besprechung der Berliner Premiere von „Musik“, in der es über
„Musik“ heißt: „Es ist ein schlechtes Stück […]. Nein, Herr Frank Wedekind! Wer in
Ihnen einen der originalsten Köpfe unserer Zeit, einen Schrittmacher neuer Anschauungen,
einen Gestalter kühner Probleme [...] sieht [...], muß Ihnen dieses Stück und Stücke
wie jenes ‚Oaha‘ vor die Füße werfen. Annahme verweigert.“ [F.E.: Wedekinds „Musik“.
Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908,
Sonntags-Ausgabe, S. (2)] Wedekind hat die Formulierung mehrfach aufgegriffen, in
Briefen [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 2.11.1908 und 4.11.1908] sowie in „BT“
überschriebenen Notizen: „Vor die Füße werfen = eine lausbubenhafte Unverschämtheit.“
[Nb 56, Blatt 65r] „Ein Stück vor die Füße werfen“ [KSA 5/III, S. 596].“ wurden,
daß seit Jahren jeder Beifall, den ich in Berlin erziele vom Berliner TageblattB. T.
todgeschwiegen wird, sondern ich erlaube mir, Ihnen folgenden Vorschlag zu
machen:
Wenn das Berliner TageblattB. T. für meine literarischen
Angelegenheiten die nämliche Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit übrig hat,
die es den literarischen Angelegenheiten von Gerhard Hauptmann widmetAnspielung auf gelegentliche Äußerungen über Gerhart Hauptmann im „Berliner Tageblatt“
– etwa in der Ankündigung einer Festschrift über den S. Fischer Verlag, zu der es
heißt: „Aus dem Inhalt des Gedenkbuches können wir die wertvollsten Beiträge leider
nicht wiedergeben, weil der Raum einer Tageszeitung beschränkt ist, und weil es brutal
wäre, die Dichtungen zu zerreißen. Wir erwähnen, daß Gerhart Hauptmann die unveröffentlichte
Schlußszene aus ‚Griselda‘ beisteuert“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 537, 21.10.1911,
Morgen-Ausgabe, S. (2)]; oder in der Meldung: „Zwischen der Direktion des Deutschen
Theaters und Gerhart Hauptmann ist ein Vertrag zustande gekommen, nach dem Gerhart
Hauptmanns Komödie ‚Schluck und Jau‘ innerhalb der nächsten Saison im Deutschen Theater
zur Aufführung gelangen wird.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 548, 27.10.1911, Morgen-Ausgabe,
S. (3)] Wedekind könnte auch schon Kenntnis davon gehabt haben, dass Gerhart Hauptmanns
Roman „Atlantis“ (1912) im „Berliner Tageblatt“ vorabgedruckt werden sollte, wie dann
vielfach angekündigt war (möglicherweise vorab bereits auf Plakaten), in der Zeitung
selbst zuerst einige Tage nach dem vorliegenden Brief: „Gerhart Hauptmanns neuer Roman
erscheint im ersten Quartal des nächsten Jahres im ‚Berliner Tageblatt‘. Der Roman
führt den Titel ‚Atlantis‘. Er schildert die Abenteuer eines jungen deutschen Gelehrten,
der auszieht, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Der erste Teil gipfelt in
einem grandios gezeichneten Schiffbruch auf hoher See; der zweite Teil spielt in und
bei New-York.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 619, 5.12.1911, Abend-Ausgabe, S.
(3)] , dann
rechne ich es mir zur Ehre an, am Berliner TageblattB. T. mitzuarbeiten. Das damit keine
Beeinflussung der Kritik | versucht ist, versteht sich von selbst, da Schmähnotizen, Beschimpfungen,
Totschweigen und Fälschungen schließlich nichts mit Kritik zu tun haben.
Sollte das B. T. aber mit meinem Vorschlag nicht einverstanden sein, dann
werden Sie, verehrter Herr Block, es begreiflich finden, wenn ich meine
Weihnachtsdichtungen lieber in Blättern veröffentliche, die ganz genau
ebensoviel Entgegenkommen und Liebenswürdigkeit für mich wie für Gerhard
Hauptmann übrig haben.
Mit den besten Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München 25.11.11.