HerrHr. Franklin Wedekind.
Digitale Briefedition
Frank Wedekind (1864-1918) zählt heute wie kein anderer zu den bahnbrechenden Autoren der literarischen Moderne. Seine Korrespondenz ist von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung. Die Textsorte Brief in allen ihren Ausformungen – Briefkarte, Postkarte, Telegramm, Visitenkarte etc. – ist in seiner Zeit die zentrale privat-öffentliche Kommunikationsform, die im kulturellen Gedächtnis bis heute präsent ist. Das spezifische Potenzial interaktiver und synoptischer Darstellung von ‚Text' und ‚Schriftbild' macht die Online-Edition von Briefen attraktiv.
Mit der für die Wedekind-Briefedition neu konzipierten Systemarchitektur wurde durch zahlreiche Recherchetools und transparente Verweisungen ein komplexes, aber auch einfach zu bedienendes Informationssystem geschaffen. Neben der üblichen Volltextsuche wird die gezielte Suche nach Personen, Orten, Datumsangaben etc. angeboten. Ebenso ist eine gezielte Auswahl von Briefwechseln zwischen bestimmten Personen möglich, um Konversationsketten analysieren zu können.
Vor 143 Jahren
Frank Wedekind an Minna von Greyerz am 21.4.1883
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Stefan Zweig am 5.6.1913
TELEGRAMM-ADRESSE: TEGETTHOFFHOTEL, WIEN.
INTERNATIONALER HOTEL-TELEGRAPHEN-CODE.
Sehr verehrter Herr Zweig!
Empfangen Sie meinen herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilenvgl. Stefan Zweig an Wedekind, 4.6.1913. und Ihren freundlichen Vorschlag von dem ich sehr gerne Gebrauch mache. Heuteam 5.6.1913, an dem Wedekind um 10.30 Uhr eine Probe zu dem „Franziska“-Gastspiel (Vorstellungen am 6.6.1913, 9.6.1913 und 12.6.1913) der Münchner Kammerspiele im Deutschen Volkstheater in Wien notierte: „10½ Probe von Franziska“ [Tb]. und morgenam 6.6.1913, an dem Wedekind zu seinem Gastspiel im Deutschen Volkstheater in Wien (siehe oben) „Generalprobe Franziska“ sowie abends „Wiener Premiere von Franziska“ [Tb] notierte. haben wir noch alle Hände voll zu thun. Aber vielleicht darf ich Sie um die Liebenswürdigkeit bitten nach der Vorstellungnach der Premiere von „Franziska“ im Deutschen Volkstheater (siehe oben) am 6.6.1913 (Beginn: 19.30 Uhr, Ende vor 22 Uhr) [vgl. Neues Wiener Tagblatt, Jg. 47, Nr. 153, 6.6.1913, S. 26], die Stefan Zweig besucht haben dürfte. in die Garderobe zu kommen, wenn Ihnen das nicht unangenehm ist. Andernfalls würde ich Sie am Samstagam 7.6.1913, an dem Wedekind sich aber nicht mit Stefan Zweig traf, mit dem er erst am 10.6.1913 einen Ausflug unternahm: „Stefan Zweig holt uns zu einer Automobilfahrt nach dem Kobenzl“ [Tb]. zu treffen trachten.Mit schönsten Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Otto Eisenschitz am 8.1.1900
Mein lieber alter FreundOtto Eisenschitz in Wien (VIII, Langegasse 44) [vgl. Lehmann’s Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1900, Teil VII, S. 215], Dramaturg am Theater in der Josefstadt [vgl. Neuer Theater-Almanach 1900, S. 567].,
lang lang ists her, seit wir uns gesehenFrank Wedekind traf Otto Eisenschitz mit Donald Wedekind im Frühjahr 1895 in Berlin und hatte bereits an die dortigen gemeinsamen Erlebnisse erinnert [vgl. Wedekind an Otto Eisenschitz. Hannover, 24.3.1898].. Es wundert mich übrigens außerordentlich, daß wir einander vor zwei Jahren nicht in Wien begegnetwährend des Gastspiels des Ibsen-Theaters (Direktion: Carl Heine) in Wien vom 2.6.1898 bis 12.6.1898 in, dessen Ensemblemitglied Wedekind seinerzeit war. Wedekind hatte das Wiener Gastspiel angekündigt [vgl. Wedekind an Otto Eisenschitz. Hannover, 24.3.1898]. sind. Ich hatte freilich von früh bis gen Mitternacht Arbeit vollauf sonst würde ich Sie wol aufgestöbert haben. Es ist nicht ausgeschlossen daß ich | im Lauf des nächsten Sommers wieder nach Wien komme. Vor der Hand besuche ich nach Abschluß meiner HaftWedekind wurde am 3.2.1900 aus der Festungshaft entlassen, die er auf der Festung Königstein wegen Majestätsbeleidigung absaß. meinen Freund Dr. Heine in HamburgDr. phil. Carl Heine in Hamburg (Eichenallee 11), dort inzwischen „Director des Carl Schultze-Theater“ [Hamburger Adreß-Buch 1900, Teil III, S. 256]., mit dem ich seinerzeit in Wien war und gehe dann nach München zurück um mich in meiner so schmählich unterbrochenen SchauspielereiWedekind war vor seiner Flucht in die Schweiz am 30.10.1898 infolge der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“ am Münchner Schauspielhaus als Sekretär, Dramaturg und Schauspieler tätig gewesen. weiter zu bilden.
Wie geht es Ihnen? Sie | leben und wirken auch nur noch als Priester ThaliensAnhänger der Thalia, der Muse des Lustspiels oder des Schauspiels überhaupt ‒ ein Stückeschreiber (die bewusst antiquierte Periphrase war eher im frühen 19. Jahrhundert gebräuchlich). Wedekind spielt darauf an, dass der Schriftsteller und Übersetzer Otto Eisenschitz nur noch als Dramaturg am Theater in der Josefstadt wirkte [vgl. Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1900, Teil II, Sp. 305].. Ich sehne mich hier obenauf der Festung Königstein, wo Wedekind wegen Majestätsbeleidigung inhaftiert war (sie liegt oberhalb des Ortes Königsstein auf einem Felsplateau des Elbsandsteingebirges). danach zurück wie sich ein Fisch auf denSchreibversehen, statt: dem. Trocknen nach dem Wasser sehnen muß.
Mein Bruder Donald lebt in Zürich ziemlich einsam, mit Journalistik beschäftigSchreibversehen, statt: beschäftigt.. Der Strom des Lebens hat ihn noch nicht in den Strudel hineingerissen. Seine Adresse ist ManeggasseSchreibversehen, statt: Maneggstraße (in Zürich gab es keine Manegggasse). Donald Wedekind wohnte in der Maneggstraße 5 in Untermiete (er war jedenfalls unter dieser Adresse nicht namentlich in den Adressbüchern verzeichnet). 5. Es wird indessen | wol nicht lange dauern, dann treibt er auch wieder auf hohem Meer.
Seien Sie herzlich gegrüßt mein lieber Herr
Eisenschitz. In der Erwartung eines baldigen Wiedersehens
Ihr
Frank Wedekind.
Festung Königstein
8. Januar 1900.
[Druck:]
Mein lieber alter Freund, lang, lang ist’s her, seit wir uns gesehen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich im Lauf des nächsten Sommers wieder nach Wien komme. Vor der Hand besuche ich nach Abschluß meiner Haft meinen Freund Dr. Heine in Hamburg, mit dem ich seinerzeit in Wien war, und gehe dann nach München zurück, um mich in meiner so schmählich unterbrochenen Schauspielerei weiter zu bilden.
Wie geht es Ihnen? Sie leben und wirken auch nur noch als Priester Thaliens. Ich sehne mich hier oben danach zurück, wie sich ein Fisch auf dem Trockenen nach dem Wasser sehnen muß.
Mein Bruder Donald lebt in Zürich ziemlich einsam, mit Journalistikbeschäftigung. Der Strom des Lebens hat ihn noch nicht in den Strudel hineingerissen. Es wird indessen wohl nicht lange dauern, dann treibt er auch wieder auf hohem Meer.
Seien Sie herzlich
gegrüßt, mein lieber Herr Eisenschitz. In der Erwartung eines baldigen
Wiedersehens Ihr
Frank Wedekind.
Festung Königstein, 8. Januar 1900.
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Paul Schlenther am 21.1.1915
München, 21. Januar 1915.
Sehr verehrter Herr HofratHofrat Dr. phil. Paul Schlenther in Berlin-Wilmersdorf (Kaiserplatz 14) [vgl. Berliner Adreßbuch 1915, Teil I, S. 2741]; der Titel eines k.u.k. Hofrat war ihm 1910 seitens der österreichischen Krone verliehen worden.!
Wollen Sie gestatten, Ihre Zeit für einen Moment in Anspruch zu nehmen. Während eines mehrwöchentlichen KrankenlagersWedekind war am 29.12.1914 am Blinddarm operiert und am 9.1.1915 aus der Klinik entlassen worden; er notierte am 21.1.1915 – an dem Tag, an dem er den vorliegenden Brief schrieb – den Besuch seines behandelnden Arztes Dr. med. Friedrich Scanzoni von Lichtenfels: „Skanzoni verbindet mich“ [Tb]. war es mir vergönnt, mich eines Tages an Ihrer fesselnden Besprechung „Roman eines Würzburgers“ zu erfreuen. Mitten in Ihrer Besprechung stieß ich auf die Zusammenstellung | von vier NamenAugust Strindberg, Frank Wedekind, Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann. Paul Schlenther schrieb in seiner Besprechung von Leonhard Franks mit dem Fontane-Preis ausgezeichneten Roman „Die Räuberbande“ (1914): „Der Roman erschien bei Georg Müller, München, dem Verleger Strindbergs und Wedekinds, aber ein anderer moderner Verleger, S. Fischer, der Verleger Ibsens und Hauptmanns, hat diesen Roman des Fontane-Preises gewürdigt.“ [Paul Schlenther: Roman eines Würzburgers. In: Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 645, 19.12.1914, Abend-Ausgabe, S. (2-3), hier S. (2)], aus der ich auf ein ganz außergewöhnliches, ich muß wohl sagen, auf das denkbar größte Wohlwollen schließen mußte, das bei Ihnen, verehrter Herr Hofrat, gegenüber meiner Arbeit obwaltete. Verzeihen Sie mir bitte die Eitelkeit, daß ich mir sagte: Sollte mein Zustand jetzt kritisch werden, dann würde er mir durch den Gedanken an die in Ihrer Besprechung gefundene | Zusammenstellung um ein Beträchtliches erleichtert, und ich hätte Ihnen für diese Erleichterung vielleicht nicht mehr danken können. Um so mehr drängt es mich, das nachträglich zu tun mit der ergebenen Bitte, nichts unstatthaftes darin erblicken zu wollen.
Mit
ehrerbietigem Gruß
Ihr
alter
Frank
Wedekind.
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Wilhelm Solf am 18.4.1916
EDEN-HOTEL
am Zoologischen Garten
Tel. Amt Nollendorf No 1227‒1251.
Telegr. Adr.
Edenotel. Berlin.
BERLIN W.
KURFÜRSTENDAMM 246/47
18. April 1916.
EuerEw. Exzellenz!
Wollen Euer Exzellenz freundlichst gestatten, Ihnen in der Beilage mein Bismarckdrama überreichen zu dürfen. Für die von Euer Exzellenz mir zuteil gewordene AuszeichnungWedekind beruft sich auf die telefonische Mitteilung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft 1914 (Wilhelmstraße 67) [vgl. Berliner Adreßbuch 1916, Teil II, S. 252], die Lesung seines Dramas „Bismarck“ dort könne am 15.5.1916 stattfinden, wie er am 18.4.1916 notierte: „Solf telephonirt daß Vortrag am 15 Mai Montag stattfindet.“ [Tb] Den Brief dürfte Wedekind gleich im Anschluss an das Telefonat geschrieben haben. Wedekind notierte am 15.5.1916 in Berlin zunächst „Mittag im Club mit Dr. Solf“ (der Club war die Deutschen Gesellschaft 1914) und abends „Bismarck-Vorlesung.“ [Tb], die Arbeit in der Deutschen Gesellschaft 1914 am 15 Mai vortragen zu dürfen, | beehre ich mich aufrichtig und herzlich zu danken.
Euer Exzellenz
ehrerbietigst ergebener
Frank Wedekind.