Wien 23 NovemberNovbr 905
Lieber Herr Wedekind!
I bin di Mizzi Vögelhubernicht identifiziert; weder die vorgebliche Schreiberin des Briefs noch ihre Schwester
Fanni (siehe unten) konnten ermittelt werden. Der Nachname Vögelhuber (häufiger: Vogelhuber,
Voglhuber) ist zwar im süddeutsch-österreichischen Raum belegt (diese Mundart prägt
verballhornt den Brief), in Wien nur Vogelhuber und Voglhuber [vgl. Lehmanns Allgemeiner
Wohnungs-Anzeiger für Wien 1905, Teil VII, S. 1413f.], doch legt der bizarre Inhalt
des vermutlich fingierten Briefs nahe, dass es sich, auch im vulgären Anklang an „vögeln“
= „begatten“ [DWB, Bd. 26, Sp. 432], um ein Pseudonym handelt – möglicherweise angeregt
durch die Figur der resoluten Wirtin Josepha Vogelhuber aus dem populären Lustspiel
„Im weißen Rößl“ (1898) von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg. & mei Schwester ist die Fanninicht identifiziert, vermutlich fingiert (siehe oben); der Name dürfte insofern eine
anzügliche Anspielung sein auf die weibliche Hauptfigur in „Hidalla“, Fanny Kettler.. – Mir san Zwilling, e/I/, bin schwarzschwarzhaarig. und die Fanni is rothrothaarig.; mir san beide gut gstölltgut gestellt; hier im Sinne von: (körperlich) gut gebaut., jede hat a Stumpfnaserl & a GrüabelGrübchen. im Kinn Mir ham einen guten kleinen aber festen Busen, wie die Herzkirschen, zum
hineinbeissen und das Futerl„FUT“ = „vulva“ [DWB, Bd. 4, Sp. 1060].! na i sag nix weiter! Anschaun und Probiren! Mir lesen | jetzt in Wienin der Wiener Presse über die erfolgreiche Berliner „Hidalla“-Inszenierung am Kleinen
Theater (Premiere: 26.9.1905) [vgl. KSA 6, S. 474-495, 551-562], die das Stück in
umfangreichen Besprechungen verrissen hat; so wurde etwa über Karl Hetmanns Verein
(siehe unten) geschrieben: „Für die schönen Männer und Frauen also besteht absolute
Paarungspflicht. [...] Das alles klingt wie eine Posse“, sei aber nur „unfreiwillige
Komik“ [Paul Goldmann: Berliner Theater. „Hidalla“ von Frank Wedekind. In: Neue Freie
Presse, Nr. 14818, 22.11.1905, Morgenblatt, S. 1-4, hier S. 2]; oder es wurde der
auch im vorliegenden Brief zitierte Dialog (siehe unten) zitiert und kommentiert:
„In diesem Stücke kommt ein [...] Verein vor, der aus lauter schönen Menschen besteht
und dessen Mitglieder, Männer und Weiber, sich verpflichten, einander keine erotische
Gefälligkeit zu versagen. [...] Irgend ein Privatgelehrter erscheint plötzlich auf
der Bildfläche, um im Redaktionsbureau der Reformer der Verfasserin einiger Aufsätze
über Liebessklaverei seine Aufwartung zu machen. Mitten in philosophischen oder doch
scheinphilosophischen Auseinandersetzungen erinnert er sich daran, daß er Mitglied
des erwähnten Bundes ist, und verschafft sich Sicherheit darüber, einer Bundesgenossin
gegenüberzustehen. Sofort tritt er unvermittelt an die Schöne heran und fragt sie
leise: ‚Wann bist du mein?‘ Sie haucht: ‚Wann du willst.‘ – ‚Heute Abend noch?‘ –
‚Ja.‘ [...] Diese geflüsterte Episode wurde eine Pein für die Schauspieler und zu
einer Qual für das doch ziemlich abgebrühte Publikum des Kleinen Theaters.“ [Alfred
Klaar: Das Anstößige auf der Szene. In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 39, Nr. 288, 18.10.1905,
S. 1-4, hier S. 2] so viel von Ihrer neichenneuen. Zucht-AnstaltIn Wedekinds Schauspiel „Hidalla“ (1904) wird der missgestaltete Philosoph Karl Hetmann,
die Hauptfigur des Stücks, im 1. Akt als „Sekretär des Internationalen Vereins zur
Züchtung von – Rassemenschen“ [KSA 6, S. 54] vorgestellt, in den nur Menschen von
besonderer Schönheit als Mitglieder aufgenommen werden.
„Hidalla“. JessasJesus; im süddeutschen Sprachraum Ausruf des Erstaunens., Jessa’s das wär was für uns; aber zwa gute Hengsten müßten mir uns ausbitten.
„Wann bist du meinZitat aus dem den 2. Akt von „Hidalla“ (Dialog zwischen Walo Freiherr von Brühl und
Fanny Kettler): „V. BRÜHL Wann bist du mein? FANNY Wann du willst. V. BRÜHL Heute
abend noch? FANNY Ja.“ [KSA 6, S. 67].“ „„Wann Du willst““ „Heute Abend’s noch“ „„Ja““
„Und wie oftkein Zitat; hinzu erfunden, um das sexuell Anzügliche zu betonen.“ ............! –
Wir mechtenmöchten. sehr bitten, bei Herrn HetmannKarl Hetmann, die männliche Hauptfigur in „Hidalla“ (siehe oben). das gute Wort einzulegen, dass mir kenntenkönnten. Mitglieder von den neichen Vereinder ‚Verein zur Züchtung von Rassemenschen‘ (siehe oben). werden. Wir werden gut & brav sein & gewiss fleißig arbeiten! – Leben’s wohl, Antwort Post restantposte restante (frz.) postlagernd. VII. BezirkNeubau, der 7. Gemeindebezirk der Stadt Wien.
Mizzi