Inhalte
Status quo der Edition - Einleitung - Digitale Edition - kulturelle Bedeutung der Briefe - Editionsphilologisches Konzept
Status quo der Edition
Die Online-Präsentation der Briefe von und an Frank Wedekind ist abgeschlossen.
Einleitung
Seit ihrer Gründung 1987 wurden von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind (EFFW) national und international rund 3.600 Korrespondenzstücke von und an Wedekind ermittelt und in Kopie gesammelt. Davon waren bis dahin rund 2.800 unveröffentlicht geblieben. Nach dem Umzug der EFFW von Darmstadt nach Mainz 2015 und mit Beginn des DFG-Projekts „Edition der Korrespondenz Frank Wedekinds als Online-Volltextdatenbank“ 2018 wurden zahlreiche weitere Korrespondenzstücke ermittelt. Insgesamt umfasst „Frank Wedekinds Korrespondenz digital“ 5863 Korrespondenzstücke.
Die Online-Edition der Korrespondenz Frank Wedekinds wurde an der EFFW durchgeführt und 2025 abgeschlossen. Darunter befinden sich sowohl umfangreiche Briefwechsel als auch zahlreiche Einzelbriefe. Diese komplexe Überlieferung fordert das Modell einer digitalen Edition.
Diese bietet die Möglichkeit:
- Wedekinds gesamte Korrespondenz ohne Hierarchisierung einzelner Korrespondenzpartner*innen zu erschließen und zugänglich zu machen,
- große Datenmengen, in diesem Fall umfangreiche Korrespondenzen, für verschiedene Nutzer*innen und Disziplinen aufzubereiten und zu vernetzen,
- durch vielfältige synoptische Darstellungsmodi (edierter Text, Faksimile, XML-Code) und interaktive Recherchemöglichkeiten (auch im Kommentar) ein breites Anwendungsspektrum zur Verfügung zu stellen,
- Nachträge (z.B. neu aufgefundene Korrespondenzstücke) und Korrekturen jederzeit integrieren zu können,
- aktuelle editionsphilologische und -technische Standards weiterzuentwickeln.
Das Datenmodell wurde primär für diese Online-Edition entwickelt. Es bietet aber auch das Potenzial einer Hybrid-Edition, nämlich die Möglichkeit, einzelne Briefe und Briefwechsel auch in gedruckter Form zu generieren.
Der Referenzwert der Online-Edition ist durch die eindeutige Kennzeichnung von Erfassungsdatum und Bearbeiter*in gegeben.
Zur digitalen Edition
Technische Zielsetzung
Vorbemerkung: Auf die benutzerfreundliche Erfassung und Annotation der Briefe durch eine vollständig web-basierte Oberfläche einschließlich web-basiertem TEI-Editor wurde in der Eingabe größten Wert gelegt. Ebenso ist es Grundsatz, in der Ausgabe eine benutzerfreundliche, sich möglichst selbsterklärende Darstellung für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung zu stellen.
Die Entwicklung folgt einem benutzerzentrierten (Design-)Prozess.
Architektur-Ziele:
- Modulare Architektur, um die Austauschbarkeit der Komponenten zu ermöglichen
- Generische Eignung für digitale (Brief)-Editionen
- Größtmögliche Unabhängigkeit vom verwendeten Datenbankmanagementsystem
- Verwendung einschlägiger Standards (TEI)
Technische Realisierung
Bei der plattformunabhängigen Anwendung kommen folgende Technologien zum Einsatz:
- GitLab
- Git
- Docker
- Java EE Stack
- JSF, PrimeFaces
- AJAX, jQuery, JavaScript
- CSS, Responsive Design
- XSLT / XSL-FO
- JPA (Objekt-Relationales Mapping mit OpenJPA)
- TEI (SIG:Correspondence/WeGA)
- Relationales DBMS (PostgreSQL)
Auszeichnungen und Kommentierungen erfolgen durch Übernahme von (Standard-)Word-Formatierungen sowie manuellen Annotationen im Editor, die im TEI-Format in der Datenbank gespeichert werden.
Zur kulturellen Bedeutung der Briefe von und an Wedekind
Die Briefe von und an Wedekind zeigen, wie eng sein literarisches Schaffen mit den künstlerischen Kreisen der Zürcher, Münchner und Berliner Moderne verbunden war und wie aufmerksam er seine Wirksamkeit in der Öffentlichkeit verfolgte. Wedekind wusste sich in Position zu bringen. Er war zudem international vernetzt.
Die Familien- und Jugendbriefe geben detailreiche Hinweise auf die diffizile Emanzipation aus der kulturellen Enge kleinstädtischer Verhältnisse und patriarchaler Familienstrukturen. Von seiner Etablierung im literarischen Feld erzählen auch die vielen, von Wedekind verbissen geführten Konflikte, sei es in Verlags- und Theaterangelegenheiten oder im öffentlich ausgetragenen Kampf mit den Zensurbehörden. Darüber geben auch seine Verbindungen zu kulturell einflussreichen Persönlichkeiten Auskunft, die ihm zudem Wege in die politische Szene jener Epoche eröffneten. Opportune Rücksichtnahme auf die Eigenheiten und Eitelkeiten seiner Briefpartner*innen ist Wedekinds Briefen nicht fremd. Mit keiner öffentlich einflussreichen Person, sofern sie von ihm als ‚Partei‘ begriffen war, wollte er es sich verderben. Wedekind plante seine Briefe sorgfältig, wie seine vielen Briefentwürfe bezeugen, die er – sie nuanciert überarbeitend – anschließend wohlformuliert ausführte. Stilistisch gehört er zu den großen Briefschreibern seiner Epoche.
Zahlreiche Aufschlüsse über die Produktion und Rezeption seiner Werke ergeben sich aus der umfangreichen Korrespondenz. Vielfältige Anregungen und Unterstützungen für sein literarisches Werk erfuhr Wedekind durch seine Briefpartner*innen von früh an. Aus seiner Korrespondenz mit Frauen lässt sich auch erfahren, wie empfindlich und konfliktgeladen in jener Epoche des Umbruchs Beziehungen zwischen Frauen und Männern sich gestalteten, in einer Epoche, in welcher – nicht zuletzt durch die mächtigen Impulse der Frauenbewegung – die Geschlechterverhältnisse und -rollen in Freundschaft, Liebe, Ehe, Familie und Beruf neu verhandelt wurden.
Zusammen mit der Kritischen Edition der Werke (KSA, Darmstadt 1994-2013) bilden die Briefe von und an Wedekind eine bedeutende Materialbasis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Werk und Person des Autors sowie für die Literatur- und Kulturgeschichte des Fin de Siècle zwischen 1880 und 1918.
Zum editionsphilologischen Konzept der digitalen Edition
Die parallele Darstellung der Transkription des Schriftstückes und des Faksimiles der Handschrift ermöglicht nicht nur die Kontrolle über die genaue typographische Wiedergabe des Textes, sondern weist dem Faksimile auch eine eigenständige Funktion zu. Sie besteht darin, dass sie einerseits die typographische Transkription mimetisch entlastet und andererseits den durch den Medienwechsel entstehenden Zeichenverlust im Abbild kompensiert. Freilich ersetzt das Digitalisat der Handschrift nie das handschriftliche Original.
Alle Texte sind unter Beachtung folgender Editionsprinzipien diplomatisch wiedergeben:
Arial dient in dieser Edition als Standardschrift. Sie wird im Kommentar durchgängig verwendet, bei der Wiedergabe der Originale lediglich für den im Gesamtkorpus der Korrespondenz dominierenden Schrifttyp (Kurrent).
Die Schrift in den primär überlieferten Korrespondenzstücken (Originale: Autographen oder Typoskripte) wird typographisch differenziert wiedergegeben:
- Kurrent = Arial
- Lateinische Schrift = Times New Roman
- Maschinenschrift = Courier New
- gedruckte Textteile (z.B. Briefkopf, Orts- und Datumsvordruck, Namensaufdruck auf Visitenkarte) = Arial (fett)
Die Schrift in den sekundär überlieferten Korrespondenzstücken (Abschriften von fremder Hand, Drucke, erschlossene Korrespondenzstücke) wird in der Standardschrift Arial wiedergegeben.
Einfügungen der Herausgeber*innen im Textfeld werden durch eckige Klammern gekennzeichnet. Im Falle von Emendationen erscheinen sie recte, ansonsten kursiv.
Aufgelöst sind:
- Endsilbenverschleifungen
- Geminationsstriche
- Silbentrennungsstriche.
Beibehalten sind:
- Abkürzungen
- Getrennt- und Zusammenschreibung
- Groß- und Kleinschreibung
- Hoch- und Tiefstellungen
- Originäre Währungsangaben
- Wechsel zwischen Schriftarten.
Ersetzt sind:
- Kapitälchen durch Versalien.
Vereinheitlicht sind:
- einfache und doppelte Bindestriche zu einfachen Bindestrichen.
Einfügungen der Korrespondent*innen:
- sind wie folgt gekennzeichnet: über der Zeile, unter der Zeile, auf der Zeile, Kopf der Seite, Fuß der Seite, linker Seitenrand, rechter Seitenrand, Gegenseite, Rückseite oder Freiraum.
- Sie sind in Form von geschweiften Klammern {} kenntlich gemacht.
Nicht entzifferter Text:
- Nicht entzifferte Sätze, Satzteile, Wörter, Buchstaben sind mit +++ gekennzeichnet. Wenn erkennbar, ist pro Buchstabe ein + gesetzt.
Sachirrtümer der Korrespondent*innen:
- Textstellen, die auf einem Sachirrtum beruhen wie z.B. eine irrtümliche Datierung, sind nicht bereinigt. Sie sind im Einzelstellenkommentar erläutert.
Schreibversehen:
- Fehlende Pünktchen über ä, Ä, i, ö, Ö, ü und Ü sind stillschweigend ergänzt.
- Fehlende Buchstaben im Text sind nicht ergänzt. Die Stelle ist gegebenenfalls im Einzelstellenkommentar erläutert.
- Fehlende Wörter im Text sind in eckigen Klammern ergänzt, um die Lesbarkeit des Textes zu ermöglichen. Der Eingriff ist im Einzelstellenkommentar erläutert.
- Fehlende komplementäre Klammern, fehlende An- und Abführungszeichen oder ein fehlender Punkt am Satzende sind ergänzt. Das ergänzte Zeichen steht in eckiger Klammer, z.B. „Sie hat Magenschmerzen[“].
Seitenumbrüche:
- sind durch geraden Strich | gekennzeichnet.
Streichungen durch die Korrespondent*innen:
- Einfache und doppelte Satz-, Wort-, Silben- und Buchstabendurchstreichungen sind ausgeführt. Komplexere Durchstreichungen sind im Einzelstellenkommentar erläutert.
- Wiederaufgehobene Streichungen sind ungekennzeichnet ausgeführt. Sie sind im Einzelstellenkommentar erläutert.
Textschäden:
- Die Schadenstelle ist als „unklarer Text“ markiert.
- Der Textschaden ist gekennzeichnet als Schädigung durch Wasser, Feuer, Schmutz oder Papierverlust.
Textumstellungen:
- Textumstellungen der Korrespondent*innen sind ausgeführt. Sie sind im Einzelstellenkommentar erläutert.
Überschreibungen:
- Überschreibungen von ganzen Wörtern, Silben oder Buchstaben sind wie folgt gekennzeichnet: Der überschriebene Text ist durchgestrichen, der überschreibende Text ist in Schrägstrichen nachgestellt. Beispiele: „
meint/glaubt/“ („glaubt“ überschreibt „meint“), „g/l/au/ie/bt“ („liebt“ überschreibt „glaubt“).
Unterstreichungen:
- Ausgeführt sind einfache und doppelte Unterstreichungen. Zahlreichere Unterstreichungen sind im Einzelstellenkommentar erläutert.