Briefwechsel

Zeiß-Gasny, Hedwig und Wedekind, Frank

2 Dokumente

Dresden, 21. August 1909 (Samstag)
von Zeiß-Gasny, Hedwig
an Wedekind, Frank

[Hinweis mit Referat im Rahmenentwurf zu Wedekinds Brief an Hedwig Zeiß-Gasny vom 22.8.1909 aus München:]


[...] eine namhafte Schauspielerin vom Dresdener Hoftheater [...] Frau Hofrat Z. wante sich vor kurzem an Frank Wedekind, mit der Bitte, [...] das Gedicht „Der Reisekoffer“ in einer literarischen Matinee in Dresden öffentlich vortragen zu dürfen.

Einzelstellenkommentare

München, 22. August 1909 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Zeiß-Gasny, Hedwig

[1. Briefentwurf mit Entwurf des Rahmens:]


Der Ein ungalante Dichter

eine namhafte Schauspielerin vom Dresdener Hoftheater und Gattin des dortigen Dramaturgen Frau Hofrat Z. wanteSchreibversehen, statt: wandte. sich vor kurzem an Frank Wedekind, mit der Bitte, Wedekinds um die Erlaubnis das Gedicht „Der Reisekoffer“ in einer literarischen Matinee in Dresden öffentlich vortragen zu dürfen. Wedekind antwortete der Dame umgehend folgendes: Sehr geehrte gnädige Frau Hofrat!

Sehr galant klingt diese Zurückweisung klingt das gerade nicht. u/U/nd trotzdem wird die Dame Herrn Wedekind für seine diese seine Ablehnung dankbar sein müssen, da sie das viel weit viel weniger als zweideutige Wedekindsche Gedicht „Der Reisekoffer“ offenbar gar nicht verstanden hat. Sie wäre sonst schwerlich jemals auf den Gedanken verfallen, es in einer literarischen Matiné zum besten zu geben.


[2a. Druck in den „Münchner Neuesten Nachrichten“:]


Wedekind und die Dresdner. Ein angesehenes weibliches Mitglied des Dresdener Hoftheaters, Gattin des dortigen Dramaturgen, wandte sich vor kurzemHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Hedwig Zeiß-Gasny an Wedekind, 21.8.1909. an Frank Wedekind mit der Bitte um die Erlaubnis, das Gedicht „Der Reisekoffer“ in einer literarischen Matinee in Dresden öffentlich vortragen zu dürfen. Wedekind antwortete der Dame umgehend folgendes:

„Sehr geehrte gnädige Frau HofratHedwig Zeiß (geb. Gasny), die mit ihrem Gatten, dem Hofrat und Hoftheaterdramaturgen Dr. phil. Karl Zeiß in Dresden (Kaiser Wilhelm-Platz 4) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1910, Teil I, S. 1047] lebte, ehemals Hofschauspielerin in Dresden [vgl. Neuer Theater-Almanach 1906, S. 355] und auf das Rollenfach der Naiven spezialisiert, gab in Dresden Leseabende, deren Erfolg die Presse vermerkte: „Frau Hofrat Hedwig Zeiß-Gasny, die seit ihrem Weggang von der Dresdner Hofbühne als Vortragskünstlerin mit glänzendem Erfolge aufgetreten ist“ [Dresdner Nachrichten, Jg. 54, Nr. 358, 27.12.1909, S. (3)].! Bei der uneingeschränkten Verachtung, die das Dresdener Hoftheater seit 20 Jahrenseit 1889; das Dresdner Hoftheater (Generaldirektion seit 1894: Nikolaus von Seebach) hatte bis dahin kein einziges Stück Wedekinds inszeniert, von dem eine entsprechende Anfrage überliefert ist [vgl. Wedekind an Nikolaus von Seebach, 24.10.1894]. für meine gesamte dramatische Arbeit an den Tag legt, kann es unmöglich in meinem Interesse liegen, dem Dresdener Publikum von einer Hofschauspielerin durch den Vortrag von Gedichten wie ‚Der Reisekoffer‘Das zuerst in der Sammlung „Die Jahreszeiten“ (1897) veröffentlichte, für die Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ (1905) überarbeitete Gedicht „Der Reisekoffer“ [KSA 1/I, S. 420f., 655f.] wurde als Beispiel für Wedekinds Humor rezipiert [vgl. KSA 1/II, S. 1274]. vorgeführt zu werden. Ich glaube, dankbarere Aufgaben für Schlauspielerinnen geschaffen zu haben. Für Ihre liebenswürdige Absicht, durch deren Ausführung Sie mir keine besondere Ehrung erwiesen hätten, wie Sie vielleicht voraussetzten, sage ich Ihnen meinen ergebensten Dank. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung F. W.“


[2b. Druck im „Grazer Tagblatt“:]


(Der ungalante Wedekind.) Eine namhafte Schauspielerin vom Dresdener Hoftheater und Gattin des dortigen Dramaturgen wandte sich vor kurzem an Frank Wedekind mit der Bitte um die Erlaubnis, das Gedicht ‚Der Reisekoffer‘ in einer literarischen Matinée in Dresden öffentlich vortragen zu dürfen. Wedekind antwortete der Dame umgehend folgendes: „Sehr geehrte gnädige Frau Hofrat! Bei der uneingeschränkten Verachtung, die das Dresdener Hoftheater seit 20 Jahren für meine gesamte dramatische Arbeit an den Tag legt, kann es unmöglich in meinem Interesse liegen, dem Dresdener Publikum von einer Hofschauspielerin durch den Vortrag von Gedichten wie ‚Der Reisekoffer‘ vorgeführt zu werden. Ich glaube, dankbarere Aufgaben für Schlauspielerinnen geschaffen zu haben. Für Ihre liebenswürdige Absicht, durch deren Ausführung Sie mir keine besondere Ehrung erwiesen hätten, wie Sie vielleicht voraussetzten, sage ich Ihnen meinen ergebensten Dank. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochschätzung F. W.“ Sehr galant klingt dies gerade nicht. Und doch wird die Dame Herrn Wedekind für seine Ablehnung dankbar sein müssen, da sie das viel weniger als zweideutige Wedekind’sche Gedicht „Der Reisekoffer“ offenbar gar nicht verstanden hat. Die Frau Hofrat wäre sonst schwerlich jemals auf den Gedanken verfallen, dieses Gedicht in einer literarischen Matinée zum besten zu geben.


[2c. Druck in den „Dresdner Nachrichten“:]


Ein hochgeschätztes früheres Mitglied unseres Königl. Schauspiels Frau Hofrat Gasny-Zeiß wandte sich vor kurzem an Frank Wedekind mit der Bitte um die Erlaubnis, das Gedicht „Der Reisekoffer“ in einer literarischen Matinee in Dresden öffentlich vortragen zu dürfen. Wedekind antwortete der Dame umgehend folgendes:

Sehr geehrte gnädige Frau Hofrat! Bei der uneingeschränkten Verachtung, die das Dresdner Hoftheater seit 20 Jahren für meine gesamte dramatische Arbeit an den Tag legt, kann es unmöglich in meinem Interesse liegen, dem Dresdner Publikum von einer Hofschauspielerin durch den Vortrag von Gedichten wie ‚Der Reisekoffer‘ vorgeführt zu werden. Ich glaube, dankbarere Aufgaben für Schlauspielerinnen geschaffen zu haben. Für Ihre liebenswürdige Absicht, durch deren Ausführung Sie mir keine besondere Ehrung erwiesen hätten, wie Sie vielleicht voraussetzten, sage ich Ihnen meinen ergebensten Dank. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochschätzung F. W.“

Sehr galant klingt dies gerade nicht. Aber auch rein sachlich hätte man von Herrn Frank Wedekind eine andere Begründung der höflichen Bitte erwarten dürfen. Dem Dresdner Hoftheater wird wahrhaftig niemand den Vorwurf literarischer Rückständigkeit machen können. Immerhin ist es doch nicht verpflichtet, den literarischen Produktionen des Herrn Frank Wedekind, die, ob mit, ob ohne Absicht des Verfassers – das sei dahingestellt, zynisch und zersetzend wirken, seine Tore zu öffnen. Herr Wedekind scheint es als eine Todsünde anzusehen, wenn deutsche Kunstinstitute in der Erwerbung von „Frühlingserwachen“, „Erdgeist“, die „Büchse der Pandora“ keine ersprießliche Bereicherung ihrer Spielpläne ersehen. Die Leitungen der deutschen Hoftheater sind darin von absoluter Einmütigkeit, mit, soviel uns bekannt ist, der Ausnahme des Stuttgarter Hoftheaters, das die Satire „Der Kammersänger“ brachte. Sehr weit geht schließlich Herr Wedekind, wenn er die aus dem Verhalten einer Hofbühne von ihm gezogenen Konsequenzen auf die früheren Mitglieder derselben ausdehnt.

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