Briefwechsel

Giraudoux, Jean und Wedekind, Frank

4 Dokumente

Berlin, 17. September 1906 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Giraudoux, Jean

[Hinweis und Zitat in: Body 1986, S. 263:]


[…] ein Exemplar der Büchse der Pandora (mit der Widmung: „Herrn Giraudoux, mit der Bitte um freundliches Gedenkenan den Besuch von Jean Giraudoux am 17.9.1906 bei Wedekind in Berlin [vgl. Josef Ruederer an Wedekind, 1.9.1906], den Wedekind notierte: „Mr. Giraudox aus Paris kommt mit einer Empfehlung von Rüderer.“ [Tb] Bei dieser Gelegenheit hat Wedekind das Exemplar seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“ mit der Widmung Jean Giraudoux wohl übergeben. „Wedekind schenkt seinem Besucher [...] das Exemplar der Pandora mit der [...] Widmung.“ [Body 1986, S. 264] Jean Giraudoux dürfte bereits hier den Wunsch geäußert haben, eine französische Ausgabe von Wedekinds Lulu-Tragödien „Der Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1903) herauszubringen (siehe die folgende Korrespondenz Wedekinds mit Jean Giraudoux).. Berlin, September 1906. Frank Wedekind“) […]

Einzelstellenkommentare

Paris, 13. November 1906 (Dienstag)
von Giraudoux, Jean
an Wedekind, Frank

Monsieur,

Je nʼai pu mʼentendre avec Mon camarade MayerAntoine-André Meyer studierte gemeinsam mit Jean Giraudoux an der Ecole normale supérieure de Paris [vgl. Body 1986, S. 267]. quʼà mon retour à ParisJean Giraudoux hatte sich vom 10. bis 18.9.1906 in Berlin aufgehalten [vgl. Body 1986, S. 264], wo er Wedekind am 17.9.1906 besucht hatte [vgl. Tb], kehrte am 20.9.1906 nach Frankreich zurück (zunächst war er bei seiner Familie in Cusset) und war zum Beginn seiner Kurse an der Ecole normale supérieure de Paris am 5.11.1906 wieder zurück in Paris [vgl. Body 1986, S. 264]., quʼun séjour à la campagne a reculé de deux mois, et cʼest la raison pour laquelle je nʼai pas pu vous ecrire plus tôt et vous donner des nouvelles | de la traductiondie Übersetzung von Wedekinds Tragödie „Der Erdgeist“ (1895), die Jean Giraudoux gemeinsam mit seinem Freund Antoine-André Meyer in Angriff genommen hatte (und vermutlich auch den zweiten Teil der Lulu-Tragödie, „Die Büchse der Pandora“, zu übersetzen plante); sie wurde nicht fertiggestellt.. Elle est commencée depuis quelques jours, et nous procure lʼoccasion dʼadmirer de plus près lʼErdgeist et dʼy découvrir chaque jour de nouvelles beautés. Jʼespère que tout sera près de la fin vers PâquesOstersonntag fiel auf den 31.3.1907. Jean Giraudoux hielt sich vom 24.3.1907 bis 16.4.1907 erneut in Berlin auf und traf Wedekind dem Tagebuch zufolge am 26.3.1907 („Giraudoux besucht mich“), 5.4.1907 („Giraudoux Reinhart e.ct.“) und 7.4.1907 („Welti und Giraudoux kommen. Wir gehen zu Steinert dann in die Sezession“)., epoque à laquelle je serai à Berlin, et pourrai vous communiquer moi même le point où nous en sommes. |

Peut être la representation de lʼErdgeistDie geplante französische „Erdgeist“-Aufführung wurde nicht realisiert. pourrait elle avoir lieu au début de lʼhiver prochain.

Les journaux de Berlin que je lis assiduement me permettent de suivre votre succès là bas, et nous nous en réjouissons.

Croyez moi, Monsieur, votre très reconnaissant et respectueux,
Giraudoux


45 Rue dʼUlmSitz der Ecole normale supérieure de Paris.


[Übersetzung:]


Sehr geehrter Herr,

Ich konnte mich mit meinem Kommilitonen Mayer erst bei meiner Rückkehr nach Paris verständigen, die sich durch einen Aufenthalt auf dem Lande um zwei Monate verschoben hat. Daher konnte ich Ihnen nicht früher schreiben und Ihnen Neuigkeiten zur Übersetzung mitteilen. Sie ist vor einigen Tagen begonnen worden und gibt uns die Möglichkeit, den Erdgeist näher zu bewundern und jeden Tag neue Schönheiten darin zu entdecken. Ich hoffe, dass gegen Ostern alles so gut wie fertiggestellt sein wird, denn dann werde ich in Berlin sein und könnte Ihnen persönlich mitteilen, an welchem Punkt wir stehen.

Vielleicht könnte die Aufführung des Erdgeist Anfang nächsten Winters stattfinden.

Die Zeitungen aus Berlin, die ich eifrig lese, erlauben mir, Ihren Erfolg dort zu verfolgen, und wir erfreuen uns daran.

Seien Sie meiner großen Dankbarkeit und Hochachtung versichert, mein Herr,
Giraudoux


45 Rue dʼUlm

Einzelstellenkommentare

Berlin, 6. Dezember 1906 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Giraudoux, Jean

Sehr geehrter Herr Giraudoux!

empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilenvgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906.. Ich würde längst an Sie oder an Herrn MeyerAntoine-André Meyer studierte gemeinsam mit Jean Giraudoux an der Ecole normale supérieure de Paris [vgl. Body 1986, S. 267]. schon geschrieben haben, wenn nicht die aufregende Erwartung mit den ProbenDie Proben für die Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ am 20.11.1906 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu Berlin (Direktion: Max Reinhardt) hatten am 12.11.1906 begonnen, wie Hermann Bahr notierte: „Programm für heute: Probe von Wedekinds ‚Frühlings Erwachen‘, die wol, mit dem üblichen nachherigen Trasch im Bureau, bis fünf dauern wird“ [Tb Bahr, Bd. 5, S. 143]. Wedekind war da in Dresden und notierte die aufreibenden Proben seiner Kindertragödie im Tagebuch ab dem 13.11.1906 („Fr. Erwachen Probe“) täglich bis zum Tag der Uraufführung am 20.11.1906 („Probe vor der Censur vor Glasenapp und Possart“). gewesen wäre die einen nicht zur Sammlung kommen läßt. Ich freue mich | nun außerordentlich darüber mit meinen Arbeiten in dem schönen herrlichen Paris eine so ehrenvolle und würdige Gastfreundschaftdie von Jean Giraudoux und Antoine-André Meyer in Paris offenbar gemeinsam geplante Übersetzung von Wedekinds Lulu-Dramen (siehe unten). wie bei Herrn Meyer und bei Ihnen gefunden zu haben. Dieser TagSchreibversehen, statt: Tage. kommt mein Verleger, den Sie ja kennenJean Giraudoux hatte Wedekinds Verleger Bruno Cassirer, in dessen Verlag die berühmte Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) erschienen ist, um die Zensurprozesse gegen Autor und Verleger geführt wurden, die letzte Verhandlung am 10.1.1906 [vgl. KSA 3/II, S. 1167], am 17.9.1907 in Berlin durch Wedekind persönlich kennengelernt: „Mr. Giraudox aus Paris kommt mit einer Empfehlung von Rüderer. Wir gehen zusammen zu Cassirer.“ [Tb] Im Bruno Cassirer Verlag war „Die Büchse der Pandora“ (1903) erschienen, Wedekind hat Jean Giraudoux ein Exemplar seiner Tragödie mit einer Widmung überreicht [vgl. Wedekind an Jean Giraudoux, 17.9.1906] und Jean Giraudoux dürfte eine Übersetzung geplant haben – eine „Erdgeist“-Übersetzung hat er dann gemeinsam mit Antoine-André Meyer begonnen [vgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906]. nach Paris und wird Sie voraussichtlich besuchen. Ich ersehe nun aus dem was mir Herr Meyer mittheiltHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Antoine-André Meyer an Wedekind, 13.11.1906. Antoine-André Meyer dürfte Wedekind in zeitlicher Nähe zu dem Brief seines Freundes Jean Giraudoux (siehe oben) geschrieben haben., daß sich geschäftlich | augenblicklich noch nicht viel ausmachen läßt. Da Sie so große Pläne mit den beiden Stückendie Lulu-Tragödien „Der Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1903), die Jean Giraudoux und Antoine-André Meyer in Paris zu übersetzen planten (siehe oben) und zumindest den „Erdgeist“ in französischer Fassung in Paris auch aufzuführen vorhatten [vgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906]. Übersetzung und Aufführung kamen nicht zustande. vorhaben darf ich ja wol voraussetzen, daß meine Interessen so gewahrt sind wie es bei Übersetzungen gebräuchlich ist.

Ich freue mich sehr darauf, Sie um PfingstenPfingstsonntag fiel auf den 19.5.1907. Jean Giraudoux hatte sein Kommen um Ostern angekündigt [vgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906] und war vom 24.3.1907 bis 16.4.1907 in Berlin, wo er Wedekind dem Tagebuch zufolge am 26.3.1907 („Giraudoux besucht mich“), 5.4.1907 („Giraudoux Reinhart e.ct.“) und 7.4.1907 („Welti und Giraudoux kommen. Wir gehen zu Steinert dann in die Sezession“) traf. wieder hier zu sehen und bitte Sie, mich gleich bei Ihrem Eintreffen zu besuchen. Als Sie das letzte MalJean Giraudoux, der sich seinerzeit vom 10. bis 18.9.1906 in Berlin aufgehalten hatte [vgl. Body 1986, S. 264], besuchte Wedekind mit einer Empfehlung von Josef Ruederer [vgl. Josef Ruederer an Wedekind, 1.9.1906] am 17.9.1906 erstmals in Berlin (siehe oben). bei mir waren hatte ich noch gar keine Gesellschaft | in Berlin gefunden, während ich jetzt mehrere Stammtische gefunden habe, an denen Sie eine anregende Gesellschaft treffen würden.

Also auf Wiedersehn! Ich schreibe mit gleicher Post an Herrn Dr. MeyerHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Antoine-André Meyer, 6.12.1906..

In vorzüglicher Hochschätzung
Mit ergebenstem Gruß
Ihr
FrWedekind.


6.XII 6.
Kurfürstenstraße 125.


[Kuvert:]


Monsieur Jean Giraudoux
Paris
45. rue dʼUlm.

Einzelstellenkommentare

Paris, 24. Februar 1907 (Sonntag)
von Giraudoux, Jean
an Wedekind, Frank

24 ( Februar (Ohne Anspielung auf Wernerʼs StückAnspielung auf das Schicksalsdrama „Der vierundzwanzigste Februar. Eine Tragödie in einem Akt“ (1815) von Zacharias Werner, in dem an dem titelgebenden Datum als Fluch Todesfälle geschehen.)


Sehr verehrter Herr Wedekind,

Ich habe mit dem grössten Vergnügen den so glänzenden ErfolgWedekinds „Frühlings Erwachen“ hatte in der Inszenierung Max Reinhardts an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (Uraufführung: 20.11.1906) einen durchschlagenden Erfolg. ihres „Frühlings Erwachen“ erfahren, und ich wollte längst diese Gelegenheit benutzen, um Ihnen nicht nur meine grosse Freude, aber auch die Bewunderung mehrerer Freunde auszudrücken, denen ich die Büchse vorgelesenJean Giraudoux dürfte die Tragödie „Die Büchse der Pandora“ aus dem Exemplar vorgelesen haben, das er mit einer Widmung von Wedekind erhalten hatte [vgl. Wedekind an Jean Giraudoux, 17.9.1906]. habe. Es gibt für mich keinen Zweifel mehr; meine Hoffnung, | Sie bald in Paris applaudiren zu können, wird bald in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht wie weit Herr Doktor MeyerAntoine-André Meyer studierte gemeinsam mit Jean Giraudoux an der Ecole normale supérieure de Paris [vgl. Body 1986, S. 267]. Er hatte gemeinsam mit Jean Giraudoux begonnen, Wedekinds „Erdgeist“ zu übersetzen [vgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906] und saß nun offenbar an einer Übersetzung der „Büchse der Pandora“, dem zweiten Teil der Lulu-Tragödie. Die Übersetzung wurde nicht beendet. in der Uebersetzung gekommen ist, er hat aber schon mit dem Verleger der ZeitschriftAlfred Vallette hat die von ihm 1890 neugegründeten Zeitschrift „Mercure de France“ gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Rachilde, bis 1935 herausgegeben (auf dem Titelblatt keine Namen genannt).Le Mercure de France“, die Sache schon besprochen, und alles geht glänzend. Die Pariser, die sich der/ie/ deutschen Studentenmützn/en/, der/ie/ Uhlanenz/h/elmemilitärische Kopfbedeckung von Lanzenreitern (= Ulanen)., und die verliebten Kellnerinnen als Requisiten und Hauptsache jedes deutschen Stückes vorstellten, werden eine schöne Ueberraschung haben.

Die Liebenswürdigkeit mit der Sie mich empfangenJean Giraudoux, der vom 10. bis 18.9.1906 in Berlin war [vgl. Body 1986, S. 264], hatte Wedekind mit einer Empfehlung von Josef Ruederer [vgl. Josef Ruederer an Wedekind, 1.9.1906] am 17.9.1906 in Berlin aufgesucht und wurde von Wedekind mit Bruno Cassirer, dem deutschen Verleger der „Büchse der Pandora“, bekannt gemacht: „Mr. Giraudox aus Paris kommt mit einer Empfehlung von Rüderer. Wir gehen zusammen zu Cassirer.“ [Tb] haben ermutigt mich, | Ihnen eine NovelleBeilage dürfte das Heft der Pariser Monatsschrift gewesen sein, das die von Jean Giraudoux unter Pseudonym veröffentlichte Novelle „De ma fenêtre“ enthält [vgl. J.-Emmanuel Manière: De ma fenêtre. In: LʼErmitage. Revue de littérature et dʼart, Jg. 17, Nr. 12, 15.12.1906, S. 339-353]. zu schicken, die in der Dezembernummer des „Ermitage“ erschienen ist. Ich habe sie vor drei Jahren geschrieben, „als ich noch jünger war als jetzt“, und Sie werden in ihr viel vermissen, nur die Langweiligkeit nicht. Halten Sie mein Senden nur als eine Mittel, meinen aufrichtigen Dank auszudrücken.

Ueber meine Re/a/ise nach BerlinJean Giraudoux, der dann vom 24.3.1907 bis 16.4.1907 in Berlin war, hatte seine Reise nach Berlin für um Ostern 1907 angekündigt [vgl. Jean Giraudoux an Wedekind, 13.11.1906]. bin ich noch nicht ganz mit meinen ElternLéger Giraudoux und seine Gattin Anne Giraudoux (geb. Lacoste) in Cusset (verheiratet seit dem 7.10.1879). einig, die mich während meiner Osternferien in b/B/eschlag nehmen wollen. Ich will aber keineswegs meine Abfahrt auf | September vers/aufs/chieben, und werde warscheinlich den Monat April in Deutschland zubringen. Es wird mich unendlich freuen Sie wiederzusehenJean Giraudoux traf Wedekind in Berlin dem Tagebuch zufolge am 26.3.1907 („Giraudoux besucht mich“), 5.4.1907 („Giraudoux Reinhart e.ct.“) und 7.4.1907 („Welti und Giraudoux kommen. Wir gehen zu Steinert dann in die Sezession“)..

Verargen mir/Sie/ mir nicht den bösen Einfall, auf deutsch zu schreiben. Ich bin von den vielen Fehlern schon genug gestraft.

Mit Versicherung meiner Dankbarkeit und mit meinen besten Grüssen
Ihr ergebenster Giraudoux


45 Rue dʼUlmSitz der Ecole normale supérieure de Paris, wo Jean Giraudoux studierte.

Einzelstellenkommentare