Briefwechsel

Gretor, Willy und Wedekind, Frank

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Paris, 1. September 1894 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Gretor, Willy

Geehrter HerrWilly Gretor, wie Artur Kutscher 1922 im Erstdruck vermutete [vgl. Kutscher 1, S. 281-283]. Fritz Strich, der den Briefentwurf 1924 zuerst nachdruckte, merkte dazu an: „Vermutung Kutschers, die sehr einleuchtet. [...] Gretor, ein genialer Abenteurer und Hochstapler, Maler, Dichter, Bilderfälscher und Kunsthändler. Wedekind wurde damals sein Sekretär.“ [GB 1, S. 354f.] Bei dem Briefentwurf dürfte es sich allerdings lediglich um das Konzept eines generellen Bittschreibens handeln, auf dessen Grundlage Wedekind dann einen spezifisch an Willy Gretor gerichteten Brief formulierte, der nicht überliefert ist.

Ich bin Journalist. Ich habe nachdem ich die Schule verlassenWedekind verließ die Kantonsschule in Aarau nach dem Abitur im Frühjahr 1885. Artikel in ZeitungenWedekind veröffentlichte 1887/88 Feuilletonartikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“. geschrieben. Eine kleine Erbschaftdie väterliche Erbschaft nach dem Tod des Vaters. erlaubte es mir dann mich der freier/n/ literarischen Arbeit hinzugeben. Damit habe ich mir einen in den literarischen Kreisen Deutschlands geschätzten Namen gemacht. Meine Mittel sind zu Ende ohne daß ich noch von ihrem Ertrag leben kann. Ich habe seit drei Monatenseit etwa Mitte Juni 1894, als Wedekind aus London zurück wieder in Paris war. wieder angefangen für Zeitungen zu schreiben, aber (Frankfurter Ztg. Berl. Tagbl. Tägliche Rundschau) aber die Redactionen haben mir meine Artikel als unverwendbar, zu subjectiv, zur/ab/gewiesenAbsagen der genannten Tageszeitungen („Frankfurter Zeitung“, „Berliner Tageblatt“ und die in Berlin erscheinende „Tägliche Rundschau“) mitsamt vorangehender Anfragen Wedekinds sind nicht überliefert. Wedekind hat allerdings Oscar Bie, seit dem Mai-Heft 1894 leitender Redakteur der „Neuen Deutschen Rundschau (Freie Bühne)“ im S. Fischer Verlag in Berlin, wie die 1890 gegründete „Freie Bühne“ im 5. Jahrgang 1894 nun hieß, zwei Prosaskizzen zur Veröffentlichung in der Zeitschrift angeboten [vgl. Wedekind an Oscar Bie, 6.8.1894] und vermutlich eine Absage erhalten.. Was ich seinerzeit ohne Mühe | that muß ich erst wieder lernen. Und es wird mir gelingen, wenn ich noch einen Monat Zeit habe, meine Anstrengungen fortzusetzen.

Ich habe versucht was mir in meiner Lage möglich war. Ich bewarb michNäheres zu Wedekinds Bewerbungen in dieser Zeit ist nicht bekannt. um eine Stelle als Correspondent aber die Stellen sind besetzt. Ich bot mich den großen Blättern Berlins an/ls/ Correspondent für CorreaSchreibversehen, statt: Korea. an. Man hält die Situation für die Ausgabe nicht für wichtig genug. Ich war in sämmtlichen Übersetzungsbureaus von Paris. In Folge der Ferien hat man keine Arbeit zu vergeben.

Ich sehe vor mir die Unmöglichkeit zu arbeiten, die KrisesSchreibversehen, statt: Krisis. die sich in meinem | Leben eingestellt zu überleben. Ich fürchte in einen Abgrund zu fallen, aus dem es mir nicht mehr möglich sein wird mich emporzuarbeiten.

Eine Summe von 200 frs würde mir erlauben meine SchuldenWedekind war in finanzieller Bedrängnis; er lieh sich nicht nur von seinen Geschwistern Geld, so von seiner Schwester Erika [vgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 8.8.1894], und bat auch seine Mutter darum [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 15.8.1894], sondern die „Not war so groß, daß er sich [...] sogar von der alten Herwegh Geld lieh!“ [Kutscher 1, S. 280] Erika Wedekind schuldete er noch Ende des folgenden Jahres 1.300 Francs, Donald Wedekind 1.400 Francs [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 22.12.1895], die mich hindern zu Hause zu sein, zu bezahlen, und meinen Weg als anständiger Mensch fortzusetzen. Ich huldige keinen Utopien. Ich habe kein anderes Ziel, als mir eine geachtete Position in der Gesellschaft zu erringen.

Es wird mir nicht leicht, Sie um diese Hülfe zu bitten indem ich mir sage, daß ich Aermeren unglücklicheren Aermeren als ich bin, die Früchte Ihrer Großmuth raube. Aber ich besitze schließlich auch nichts auf dieser Welt als mein | Leben, meine Begabung und meinen besten Willen.

Erlauben Sie mir, eine Bitte beizufügen: Wenn Ich wäre glücklich, irgend eine Arbeit zu finden, die mir 200 frs per Monat einbrächte. Es würde mir lei Ich sehe nur die Möglichkeit, mir das unb Was man mehr braucht würde ich mir nebenbei avec facilité(frz.) mit Leichtigkeit. verdienen können. Ich würde mit jeder Arbeit vorlieb nehmen. Ich spreche drei Sprachendeutsch, französisch, englisch. und es wäre nicht das erste Mal daß ich in einem Bureau arbeiteWedekind hatte von Ende 1886 bis Frühjahr 1887 (bis Sommer 1887 freiberuflich weiter tätig) eine „Stelle als Vorsteher des Reklame- und Pressebüros der Firma Maggi & Co. in Kempttal bei Zürich.“ [Vinçon 1992, S. 254].

Es geschieht nur um meine Identität zu beweisen, wenn ich mir erlaube, meiner Bitte eines meiner Bücher beizufügenDas als Beilage vorgesehene Buch ist nicht ermittelt..

Wenn Sie es für nöthig halten | mögen Sie mich zitirenherbeizitieren, vorladen. oder mir einen meinerSchreibversehen, statt: Ihrer. Das deutet allerdings eher auf eine Firma (etwa ein Verlag), die Angestellte hat, weniger auf eine Privatperson wie Willy Gretor. Angestellten schicken.

Wenn Sie mir die Hülfe zukommen lassen wollen, so wage ich nicht

Wenn ich Sie darum bitte so geschieht es in der festen Hoffnung mich meiner Schulden ab/q/uittirenquitt sein, die Schulden los sein. zu können auf die eine oder andere Weise. Ich gebe Wollen der Herr meine Zusicherung entgegennehmen, daß seine Wohlthat nicht auf einen unfruchtbaren Boden fällt.

Ich bitte Sie nur um das eine mich nicht warten zu lassen, denn meine Lage Ihre Entscheidung ist entscheidend.

En haut dévouement(frz.) Mit großer Hingabe (Grußformel).
votre(frz.) Ihr.

Einzelstellenkommentare

Paris, 3. September 1894 (Montag)
von Gretor, Willy
an Wedekind, Frank

Willy Grétor

Einzelstellenkommentare

Paris, 1. Oktober 1894 (Montag)
von Gretor, Willy
an Wedekind, Frank

[Hinweis, Referat und Zitat in Kutscher 1, S. 282-283:]


[...] Gretor [...] hatte [...] literarischen Ehrgeiz, er plante ein Schauspiel, und da er sich zu schwach fühlte, es allein durchzuführen, sicherte er sich die Hilfe von Wedekinds erfahrener Hand. Er hofft, daß sie gut zusammen arbeiten, und daß das Stück viel Erfolg hat. Nur bittet er, zu niemandem davon zu sprechen, bis es fertig ist. „Meine Gründe weshalb, mündlich, und Sie werden mir recht geben.“ (Briefe vom Oktober 94 und Juli 95vgl. Willy Gretor an Wedekind, 22.7.1895 und 27.7.1895..)

Um was es sich handelt, wie weit Wedekind mitgearbeitet hat, und was fertiggestellt wurde, wissen wir nicht, aber es ist schon die Rede vom III. und IV. Akte, und Albert Langen ist bereits von Gretor ins Vertrauen gezogen. Daß Wedekind sich Gretors Sekretär nenntWedekind hatte in einer halbfiktionalen autobiografischen Skizze [vgl. Wedekind an Ferdinand Hardekopf, 28.4.1901] erklärt: „Dann ging ich [...] nach Paris zurück und wurde dort schliesslich Sekretär eines auch in Berlin bekannten großen dänischen Malers und Bilderhändlers namens Willy Grétor, in dessen Dienst ich auch ein halbes Jahr lang in London tätig war.“ [Frank Wedekind: Autobiographisches. In: Pan, Jg. 1, Heft 5, 1.1.1911, S. 147-149, hier S. 148] Die Behauptung zu London ist unrichtig., bezieht sich wohl auf diese Tätigkeit. Im übrigen war er frei, und sogar die Unterstützung war nicht als Entlohnung gedacht, sondern Gretor schreibt ausdrücklich, er wisse, daß er das Geld von Wedekind zurückerhalten werde.

Einzelstellenkommentare

Leipzig, 11. Juli 1895 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Gretor, Willy

[Hinweis und Zitat in Willy Gretors Brief an Wedekind vom 22.7.1895 aus Paris:]


[...] ihr schreiben [...]. Ihr brief ist voll von spitzen bemerkungen, „(will der herr Graf ein tänzchen wagen)“ [...]

Einzelstellenkommentare

Paris, 22. Juli 1895 (Montag)
von Gretor, Willy
an Wedekind, Frank

22.7.95.


21, BOULED BERTHIERWilly Gretor (Pseudonym von Wilhelm Petersen), Maler, Kunsthändler, Kunstfälscher und Spekulant, außerdem Mentor Albert Langens und Mäzen Wedekinds, war in den Pariser Adressbüchern anfangs am Boulevard Malesherbes 112 (8. Arrondissement) gemeinsam mit Albert Langen – „Gretor, peintre“ und „Langen, rentier“ [Paris-Adresses 1894, S. 2085] – verzeichnet (das war zugleich die Adresse des 1893 gegründeten Albert Langen Verlags), nie aber offiziell am Boulevard Berthier 21 (17. Arrondissement), wo der Maler („artiste peintre“) Stephen Jacob gemeldet war [vgl. Paris-Adresses 1894, S. 1770; Paris-Adresses 1896, S. 1415], wo er gleichwohl seinen Sitz hatte. Willy Gretor „führte [...] in Paris am Boulevard Berthier ein großes Haus, reiste kreuz und quer durch Europa und [...] betrieb [...] einen lukrativen europäischen Kunsthandel, nicht nur mit echten, sondern, das bestätigte sich später, mit gefälschten Gemälden.“ [Abret 2005, S. 9]


Lieber Hrr Wedekind, erst heute habe ich eine ruhige stunde in der ich Ihnen auf ihr schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Willy Gretor, 11.7.1895. In diesem verschollenen Brief dürfte vom „Erdgeist“-Drama mitsamt der anstehenden Drucklegung im Albert Langen Verlag, von Max Liebermann (siehe unten) und vom Verhältnis Wedekinds zu Willy Gretor die Rede gewesen sein. „Wedekind, dessen Mittel aus der Erbschaft bereits erschöpft waren und der von seiner Schriftstellerei nicht leben konnte, wurde im September 1894 von Grétor als ‚Sekretär‘ engagiert“ – nach einem nur im Entwurf überlieferten „Bittbrief“ [Vinçon 1987, S. 47], in dem Wedekind seine finanzielle Misere darlegte [vgl. Wedekind an Willy Gretor, 1.9.1894]. Inzwischen dürfte es eine Auseinandersetzung Wedekinds mit seinem Mäzen gegeben haben, wie der vorliegende Brief andeutet. antworten kan. Entweder hat hrr Langen mich, oder Sie ihn misverstanden. Nicht von einem stücke dass Sie beabsichtigen zu schreiben war die rede, sondern eins dass ich im begriffe bin zu schreiben, und wozu ich ihre erfahrene hand wünschte, da ich mich zu schwach fuhle es allein durchzufuhren. |

Bezüglich „Lulu“, ist es Ihnen bekand, dass ich eine bearbeitung des stoffes habe. Als Hrr Langen mir mittheilteAlbert Langens Mitteilung an Willy Gretor über Wedekinds „Erdgeist“ erfolgte nach dem 10.7.1895 (siehe unten), wann genau, ist unklar. „Albert Langens Vertrauter Willy Grétor“ hat sich jedenfalls mit dem vorliegenden Brief „in die Debatte über das Schicksal des Werkes eingeschaltet, [...] nachdem es bereits zum Bruch zwischen Langen und Grétor gekommen war“, und er machte in diesem Brief „Ansprüche Wedekind gegenüber geltend“ [KSA 3/II, S. 835], die erfolglos blieben., dass Sie ihm das stück eingereichtWedekind hatte Albert Langen nach einer Unterredung mit dem Verleger am 9.7.1894 in Leipzig sein Drama „Der Erdgeist“ am darauf folgenden Tag für die Veröffentlichung im Albert Langen Verlag übergeben und bereits diesen Titel genannt [vgl. Wedekind an Albert Langen, 10.7.1895], der noch unsicher war. Das vieraktige Stück, eine seit Spätsommer 1894 entstandene Umarbeitung der ersten drei Akte aus der fünfaktigen Monstretragödie „Die Büchse der Pandora“ (1894) mit einem neu geschrieben 3. Akt (der ursprüngliche 3. Akt wurde zum 4. Akt“) [vgl. KSA 3/II, S. 833f.], im sogenannten Stollberg-Manuskript noch unter dem Titel „STAUB. Eine Tragödie“ [KSA 3/II, S. 857], hatte zwischenzeitlich auch den Arbeitstitel „Irrlicht“ [vgl. Wedekind an Otto Brahm, Deutsches Theater zu Berlin, 17.8.1895], der verworfen wurde. „Der Erdgeist. Eine Tragödie“ erschien 1895 im Verlag von Albert Langen noch mit der Verlagsadresse „Paris und Leipzig. (Paris 112, Bd Malesherbes)“ [KSA 3/II, S. 858]. Die Erstausgabe lag „Ende September 1895“ [KSA 3/II, S. 835] gedruckt vor. Die zweite Auflage „Lulu. Dramatische Dichtung in zwei Teilen. Erster Teil: Erdgeist. Tragödie in vier Aufzügen“ erschien 1903 im Albert Langen Verlag für Literatur und Kunst in München [vgl. KSA 3/II, S. 861] mit einer Widmung, um die Willy Gretor gebeten hatte [vgl. Wedekind an Korfiz Holm, 12.4.1903] und die 1913 in die „Ausgabe letzter Hand“ [auch KSA 3/II, S. 868] übernommen wurde: „Willy Grétor gewidmet“ [KSA 3/I, S. 401]. hatten, sagte ich ihnen, dass ich ebenfalls eine bearbeitung des stoffes stückes habe, und bat ihn Sie darüber zu benachrichen, falls Sie noch geneigt wären aus den beiden bearbeitungen ein stück zu machen.

Sie wissen wie heufig | Sie mir die mitarbeiterschaft anboten, und als Sie sich mit mir erzürnten war die konstrution des stückes die die ich angegeben hatte, Sie können es mir deshalb nicht übel nehmen, das ich mit liebe ein sache weiter gearbeitet habe, die ich durch Sie habe lieb gewonnen. Vor einigen monaten wollte ich Ihnen schon bezuglich dieser sachen sprechen, verschafte mir deswegen ihre adresse durch die gräfin NémethyWedekind kannte die in Paris lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Gräfin Emmy de Némethy „seit Mai 1893“ [Vinçon 1987, S. 47] und unterhielt mit ihr freundschaftliche Beziehungen. | t/m/eine vielseitigen beschäftigungen und reisenUmstellung (markiert durch die Ziffer „2“ über „reisen“, die Ziffer „1“ über „beschäftigungen“), zuerst: reisen und beschäftigungen. haben mich jedoch in meinem vorhaben verhindert und so habe ich meinen freundnicht identifiziert. gebeten Ihnen davon zu benachrichten.

Dies über die literanen fragen ihres briefes.

Ihr brief ist voll von spitzen bemerkungen, „(will der herr GrafZitat aus Wedekinds nicht überliefertem Brief (siehe oben); Wedekind hat Heinrich Heine zitiert (mit allen damit gegebenen Anspielungen), der wiederum aus Lorenzo da Pontes Libretto zu Mozarts Opera buffa „Die Hochzeit des Figaro“ („Le Nozze di Figaro“, 1790) zitierte, als er als zweites Motto seines italienischen Reisebilds „Die Bäder von Lukka“ (1830) gegen Graf August von Platen gerichtet (das erste Motto ist einem Gedicht Platens entnommen: „Ich bin wie Weib dem Manne – –“) an die Gedichtzeile Platens die Verse des „Figaro“ anfügte: „Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen, / So mag ers sagen, / Ich spiel ihm auf.“ [H. Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Hamburg 1830, S. (216)] ein tänzchen wagen), sind sind gegen mich gereitz, aber den teufel auch, wehr hätte anderst an meinem gehandelt an meiner stellen, als Sie mich des nachts wäcken | kamenWedekind konnte Willy Gretor nachts wecken, denn in „den letzten Pariser Monaten wohnt er in Grétors Haus“ [Abret 2005, S. 12] am Boulevard Berthier 21 (siehe oben).. Sie sprechen von Max Liebermann, ja aber der Hrr kennt mich ja nicht, er hat mich zwei mal gesehen, und unsere gemeinsamen bekanntenWilly Gretor war mit Dr. Wilhelm Bode, Kunsthistoriker und Direktor der Königlichen Gemäldegalerie in Berlin [vgl. Adreßbuch für Berlin 1896, Teil I, S. 21], schon einige Jahre bekannt und wurde spätestens 1896 mit Auftakt des Briefwechsels dessen Kunstagent [vgl. Wolff-Thomsen 2006, S. 232-296]; er dürfte Wedekind mit ihm bekannt gemacht haben. Willy Gretor war mit Theodor Wolff, seinerzeit Korrespondent des „Berliner Tageblatt“ in Paris, gut bekannt, wie seine Briefe an ihn aus dem Jahr 1894 dokumentieren [vgl. Wolff-Thomsen 2006, S. 219f.]. Wedekind hat den späteren Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ durch Willy Gretor in Paris kennengelernt, was Theodor Wolff unmittelbar nach Wedekinds Tod an versteckter Stelle – ein Nachruf ohne entsprechende Überschrift (unter der Verfassersigle „T.W.“ bildet er den Rahmen eines ansonsten zeitpolitischen Leitartikels) – publik machte: „Ich ging [...] auf einer Strecke seines Lebens mit ihm [...]. Er gehörte in Paris zum Hofstaat eines merkwürdigen, abenteuerlichen Dänen, der Maler, Mäcen, schrankenloser Gelegenheitssucher, verführerisch geistvoller Lebemann und sonst noch vielerlei war.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 47, Nr. 128, 11.3.1918, Montags-Ausgabe, S. (1); vgl. Martin 2017, S. 157] Bode und Theodor Wolff sind mir beide wenig gut gesonnen.

kennen Sie Max LiebermannWedekind hatte Max Liebermann im Zusammenhang mit der für den 16.12.1896 in dessen Berliner Wohnung (Pariser Platz 7) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1896, Teil II, S. 625] anberaumten Vorlesung seiner Tragödie „Der Erdgeist“ (1895) kennengelernt, wie dieser sich erinnerte: „Es mögen zwanzig Jahre her sein, daß ich Wedekind zum ersten Male sah [...]. Er wollte nämlich sein Drama ‚Der Erdgeist‘ in meinem Atelier vorlesen. [...] Auf meine Entgegnung, daß ich weder ihn noch sein Stück kenne, überreichte er mir ein in Zürich gedrucktes Exemplar von ‚Frühlings Erwachen‘ [...]. Lag es am Vorleser oder am Stücke, jedenfalls machte ‚Der Erdgeist‘ gerade die entgegengesetzte Wirkung, die sich Wedekind versprochen hatte: die tragischen Stellen hatten einen starken Heiterkeitserfolg [...]. Darin waren alle einig [...], daß eine Aufführung unmöglich sei, ein kolossaler Theaterskandal wäre sonst unvermeidlich.“ [Max Liebermann: Wie ich Wedekind kennen lernte. In: Friedenthal 1914, S. 312f.] ..? ...?

Mit beste Grüsse
Ihr ergebener
Willy Grètor.


[Emendierter Text:]


22.7.95.


21, BOULED BERTHIER


Lieber Herr Wedekind, erst heute habe ich eine ruhige Stunde, in der ich Ihnen auf Ihr Schreiben antworten kann. Entweder hat Herr Langen mich, oder Sie ihn missverstanden. Nicht von einem Stücke, das Sie beabsichtigen zu schreiben, war die Rede, sondern eins das ich im Begriffe bin zu schreiben, und wozu ich Ihre erfahrene Hand wünschte, da ich mich zu schwach fühle, es allein durchzuführen.

Bezüglich „Lulu“ ist es Ihnen bekannt, dass ich eine Bearbeitung des Stoffes habe. Als Herr Langen mir mittheilte, dass Sie ihm das Stück eingereicht hatten, sagte ich Ihnen, dass ich ebenfalls eine Bearbeitung des Stoffes Stückes habe, und bat ihn Sie darüber zu benachrichtigen, falls Sie noch geneigt wären, aus den beiden Bearbeitungen ein Stück zu machen.

Sie wissen wie häufig Sie mir die Mitarbeiterschaft anboten, und als Sie sich mit mir erzürnten war die Konstruktion des Stückes die, die ich angegeben hatte, Sie können es mir deshalb nicht übel nehmen, das ich mit Liebe ein Sache weiter gearbeitet habe, die ich durch Sie habe lieb gewonnen. Vor einigen Monaten wollte ich Ihnen schon bezüglich dieser Sachen sprechen, verschaffte mir deswegen ihre Adresse durch die Gräfin Némethy, meine vielseitigen Beschäftigungen und Reisen haben mich jedoch in meinem Vorhaben verhindert, und so habe ich meinen Freund gebeten, Ihnen davon zu benachrichtigen.

Dies über die literarischen Fragen ihres Briefes.

Ihr Brief ist voll von spitzen Bemerkungen, „(will der Herr Graf ein Tänzchen wagen)“, sie sind gegen mich gereizt, aber den Teufel auch, wer hätte anders an meinem gehandelt an meiner Stelle, als Sie mich des Nachts wecken kamen. Sie sprechen von Max Liebermann, ja aber der Herr kennt mich ja nicht, er hat mich zweimal gesehen, und unsere gemeinsamen Bekannten Bode und Theodor Wolff sind mir beide wenig gut gesonnen.

Kennen Sie Max Liebermann??

Mit beste Grüßen
Ihr ergebener
Willy Grètor.

Einzelstellenkommentare

Paris, 27. Juli 1895 (Samstag)
von Gretor, Willy
an Wedekind, Frank

21, BOULED BERTHIER


Lieber Hrr Wedekind!

Ich habe Ihnen nach Leipzig geschriebenvgl. Willy Gretor an Wedekind, 22.7.1895. und denke der brief wird Ihnen nachgeschickt, falls Sie ihre adresse dort gelassen haben.

Ich kann heute nicht | so genau sagen wie gross der betrag ist, ein paar hundert francs denke ich, muss aber erst nach sehen. Es ist gleichfalls ein misverständnis dass ich Langen authorisirt habe, ihre schuld an mich zu diferencirenunterscheiden; aber möglicherweise ist etwas anderes gemeint.. |

Ich hatte Ihnen schon vor längerem geschriben, wennm ich nicht durch reisen und sonstige arbeit darin verhindert gewesen wäre. Sie legen mir alles unrecht zu, und gedenken gar nicht, das Sie mich aufstörten in einem augenblick, wo ich ruhe bedurfte. Mit vielen grüssen
Ihr ergebener Willy Grêtor. 27.7.95


[Emendierter Text:]


21, BOULED BERTHIER


Lieber Herr Wedekind!

Ich habe Ihnen nach Leipzig geschrieben und denke der Brief wird Ihnen nachgeschickt, falls Sie ihre Adresse dort gelassen haben.

Ich kann heute nicht so genau sagen wie groß der Betrag ist, ein paar hundert Francs denke ich, muss aber erst nachsehen. Es ist gleichfalls ein Missverständnis dass ich Langen autorisiert habe, ihre Schuld an mich zu differenzieren.

Ich hätte Ihnen schon vor längerem geschrieben, wenn ich nicht durch Reisen und sonstige Arbeit darin verhindert gewesen wäre. Sie legen mir alles Unrecht zu, und gedenken gar nicht, dass Sie mich aufstörten in einem Augenblick, wo ich Ruhe bedurfte. Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener Willy Gretor. 27.7.95

Einzelstellenkommentare

Zürich, 1. November 1898 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Gretor, Willy

[Hinweis in Willy Gretors Brief an Wedekind vom 10.11.1898 aus London:]


Ihr interessantes schreiben ist mir zur hand gekommen [...]

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London, 10. November 1898 (Donnerstag)
von Gretor, Willy
an Wedekind, Frank

Lieber Herr Wedekind,

Ihr interessantes schreibennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Willy Gretor, 1.11.1898. – Wedekind dürfte Willy Gretor aus Zürich, wo er am 31.10.1898 morgens eintraf [vgl. Wedekind an Beate Heine, 12.11.1898], mitgeteilt haben, dass er, um der Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung im Zuge der „Simplicissimus“-Affäre zu entgehen, aus München nach Zürich geflohen ist und in seiner Situation finanzieller Unterstützung bedürfe. ist mir zur hand gekommen, leider bin ich aus mehreren gründen nicht imstande Ihnen nützlich sein zu können, auch reise ich morgenWedekind vermutete später: „seine ganze Reise nach Wien schien erlogen zu sein“ [Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899]. nach Wien, werde aber | auf meiner rückreise über Zurich kommenWilly Gretor ist nicht nach Zürich gekommen [vgl. Wedekind an Beate Heine, 7.1.1899]..

Mit besten grusse
ihr
W. Grétor


10.11.98.

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