Briefwechsel

Sandrock, Adele und Kraus, Karl

2 Dokumente

Berlin, 30. November 1905 (Donnerstag)
von Sandrock, Adele und Wedekind, Frank
an Kraus, Karl

Kartenbrief


An
Herrn Carl Krauss.

in Wien 3/4/ III.
Wohnung (Straße und Hausnummer) Schwindgasse No 3. |


Geliebter Krauss - mein hoher HerrZitat aus Heinrich von Kleists Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ (1810), in dem die Titelfigur den Grafen Friedrich Wetter vom Strahl beständig so anredet: „Mein hoher Herr!“ – zugleich Anspielung auf Inszenierung des „Käthchen von Heilbronn“, mit der Max Reinhardt, mit dem Adele Sandrock mit ihrem Engagement an seiner Bühne im Konflikt stand, am 19.10.1905 das umgebaute Deutsche Theater zu Berlin eröffnet hatte [vgl. Balk 1997, S. 58-61]..

Dem Fr. W. Ihrem Ideal leiste ich Gesellschaft in einer elenden Kneipenicht ermittelt.. Er sagt mir ich soll Ihnen schreiben daß ich Sie liebe - vielleicht hat er recht. Bitte schreiben Sie mir ob Ihnen das angenehm ist? Wie ich Sie | kenne läßt Sie das ziemlich kalt.

Ich habe S++++nicht identifiziert; außer „S“ ist der Rest des Namens ausradiert (der möglicherweise dritte Buchstabe hat eine Unterlänge, eventuell ein „g“). gesprochen - ich war entsetzt wie schmutzig er war und häßlich wie eine Nachteule! Bitte süßer Carl schreiben Sie mir noch mal die Adresse von dem Berliner Rechtsanwaltnicht identifiziert.. Ich wohne Hotel Central. Fr. W. ist ein perverser Wüstling.

Tausend innige Küsse
Dilly..


Ein perverser Wüstling bin ich nur in diesem Fall aber ich bin glücklich. Herzlichste Grüße! Baldiges Wiedersehn! Frank


[unter der Anrede um 180 Grad gedreht Adele Sandrock:]

Ich grüße Ihre Damenicht eindeutig identifiziert, vermutlich aber Berthe Marie Denk, die mit Karl Kraus ebenso wie mit Wedekind eine Liaison hatte.!


Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Dezember 1905 (Donnerstag)
von Sandrock, Adele, Weinhöppel, Hans Richard, Wedekind, Frank und Eysler, Robert
an Kraus, Karl

Postkarte


An Herrn
Karl Kraus
in Wien
Wohnung (Straße und Hausnummer) IV. Schwindg. 3. |


Sie Elender Hecht. Eigentlich sollte ich Ihnen nicht mehr schreiben, weil Sie ein ordinairer‚ordinaire‘ (frz.) = gewöhnlich. FiloujudWortschöpfung aus ‚Filou‘ (frz.) = Spitzbube, Gauner, Schelm (scherzhaft), und ‚Jude‘ (abwertend zu ‚Jud‘ verkürzt); ‚der jüdische Filou‘ war ein antisemitisches Stereotyp. sind und mir nicht ein WortKarl Kraus hatte auf Post von Adele Sandrock nicht reagiert – nicht auf einen von Wedekind mitunterzeichneten schwärmerischen Kartenbrief [vgl. Adele Sandrock, Wedekind an Karl Kraus, 30.11.1905], nicht auf die Liebeserklärung in einer gleich darauf folgenden Postkarte von ihr: „Liebster Carl, Ich liebe Dich wie ich eben Fr. W. beichtete“ [Nottscheid 2008, S. 154]. geschrieben haben.

Frank hat heute gigantisch gespieltWedekind notierte am 28.12.1905 seinen neunten Auftritt in der Titelrolle des „Marquis von Keith“ [vgl. Tb] am Kleinen Theater in Berlin (nach der Premiere am 13.12.1905); die Vorstellung begann um 20 Uhr [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 657, 28.12.1905, Morgen-Ausgabe, 3. Beiblatt, S. (3)]. Sein Gastspiel in dieser Rolle fand in der Presse keinen Beifall [vgl. KSA 4, S. 548f.]; man fand ihn „spottschlecht“ [Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 635, 14.12.1905, Morgen-Ausgabe, S. (2)] und war „arg enttäuscht“ [Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 244, 15.12.1905, S. 976].. Der Mann ist ein Genie! Gruß Ihre Adele


Darf ich Ihnen meinen lieben Jugendfreund Hans Richard Weinhöppel recht warm empfehlen. Ich gratuliere zum Wiener CabaretWedekind gratulierte zur Gründung des Künstlerkabaretts Nachtlicht, die in der Presse angekündigt war: Marc Henry, „der Gründer und Leiter der elf Scharfrichter, wird hier ein Original-Kabarett mit dem Titel ‚Nachtlicht‘ eröffnen.“ [Nachtlicht-Kabarett. In: Neues Wiener Journal, Jg. 13, Nr. 4366, 17.12.1905, S.22] Es sollte an den Erfolg der Elf Scharfrichter in München anknüpfen und wurde am 5.1.1906 um 22 Uhr in Wien eröffnet, unter Beteiligung von Wedekinds altem Freund Hans Richard Weinhöppel, der unter seinem Pseudonym (Hannes Ruch) die musikalische Leitung übernahm: „Heute 10 Uhr in Bradys Wintergarten I., Ballgasse 6, Eröffnungsvorstellung des Künstler-Cabarets ‚Nachtlicht‘ unter der Leitung von Mr. Henry und Hannes Ruch (von den Elf Scharfrichtern).“ [Neue Freie Presse, Nr. 14859, 5.1.1906, Morgenblatt, S. 17] Karl Kraus war an dem Unternehmen allerdings nicht direkt beteiligt, wie er zur Eröffnungsvorstellung klarstellte: „Ich ärgere mich immer, daß ich so spät erst von all den Dingen, die ich tue, erfahre. [...] Da habe ich hinter meinem Rücken ein modernes Cabaret gegründet. [...] dies erfahre ich als der letzte. Und freue mich der mythenbildenden Kraft, die ich mir in Wien bereits erworben habe. [...] Daß ich in Gesellschaft des Leiters Mr Henry und seiner Mitarbeiter zu sehen bin, ist unbestreitbar; auch daß ich ab und zu in szenischen Dingen mit Rat helfe. Aber im Ganzen habe ich zu dem Cabaret, das gegründet wird, keine andere Beziehung als die des Interesses, das ein Kunstfreund an einer künstlerischen Gründung nimmt“ [Die Fackel, Jg. 7, Nr. 192, 5.1.1906, S. 27].. Herzlichst Frank.


Wenn Sie wollen, werde ich in wenig Tagen die Freude erleben, Sie zu begrüßen. Bis dahin erlaube ich mir, Sie schönstens zu grüßen. Ihr Hans Richard Weinhöppel –


Ergebenen Gruß sendet Robert Eysler.

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