Briefwechsel

Scharf, Ludwig und Wedekind, Frank

3 Dokumente

München, 31. Dezember 1895 (Dienstag)
von Scharf, Ludwig
an Wedekind, Frank

Herzliches Prosit Neujahr!

Ihr

Ludwig Scharf

München
Wilhelmstrasse 3eLudwig Scharf wohnte um die Jahreswende 1895/96 in München in der Wilhelmstraße 3e (1. Stock) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1896, Teil II, S. 539] (siehe die Hinweise zur Datierung)..

Einzelstellenkommentare

München, 9. Januar 1905 (Montag)
von Eichler, Max, Blei, Franz, Scharf, Ludwig, Steiger, Edgar, Vrieslander, Otto, Dreßler, Anton und Vrieslander, John Jack
an Wedekind, Frank

Postkarte


Herrn
Frank Wedekind
Schriftsteller
Hier – Selbst
Franz Josephstraße 42/r |


[Foto]

Sünde istDer faksimilierte Satz „Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte“ (darunter gesetzt der ebenfalls faksimilierte Namenszug des Autors) stammt aus dem „Marquis von Keith“ und ist ein Zitat der Titelfigur zu Beginn des 2. Aufzugs [vgl. KSA 4, S. 171]. Der Satz findet sich außerdem als Aperçu in der Liste der Aphorismen „Also sprach der ‚Marquis von Keith‘“ [vgl. Frank Wedekind: Also sprach der „Marquis von Keith“. In: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, Jg. 7, Nr. 49, Dezember 1902, S. 826; KSA 5/II, S. 191]. eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte.
Frank Wedekind.


Tugend istDer Satz „Tugend ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Säfte“, den Max Eichler unter Wedekinds faksimiliertem Satz „Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte“ geschrieben hat, greift diesen auf und formuliert ihn um („Tugend“ statt „Sünde“, „Säfte“ statt „Geschäfte“), um ihn im Rekurs auf die als Charakterlehre tradierte Humoralpathologie („schlechte Säfte“) als Aperçu variierend zu unterstreichen. eine mythologische Bezeichnung für schlechte Säfte. Gruß
Max EichlerBegegnungen mit dem Maler und Zeichner Max Eichler notierte Wedekind am 1.6.1904 („Von Eichler gemalt“), 17.9.1904 („Ich werde bei Eichler photographirt. Er macht eine Skizze von mir“), 17.1.1905 („Mit Anna von Seidlitz, Blei und Eichler im Café de l’Opéra“), 26.1.1905 („mit Eichler, Anna v. Seidlitz und Dreßler in der Torggelstube“), 1.2.1905 („mit Dreßler Eichler Langheinrich und Anna Torggelstube“), 3.2.1905 („Mit Gerhäuser Anna v. Seidlitz und Eichler bis 5 Uhr im Café de l’Opéra“) und 6.2.1905 („Nachts in der Torggelstube mit Anna Langheinrich Dreßler Lotte Eichler, Scharf“) im Tagebuch. Bei den Begegnungen teilweise dabei waren Franz Blei, Anton Dreßler und Ludwig Scharf, die auf der vorliegenden Gruppenpostkarte ebenfalls vertreten sind.


Man bittetDer Satz „Man bittet, sich aber nicht zu erkälten“ bezieht sich auf das Lied „Mein Lieschen“ [KSA 1/II, S. 94f.], 1901 mit allen drei Strophen in der Reihe der „Brettl-Lieder von Frank Wedekind“ veröffentlicht [vgl. KSA 1/IV, S. 989, 993], das 1905 gleichlautend als Gedicht gedruckt wurde; sein erster Vers lautet: „Mein Lieschen trägt keine Hosen“, die dritte Strophe lautet: „Wie leicht kann sie sich beim Hupfen / Erkälten, eh’ sie’s gedacht; / Und bleibt ihr auch nichts als ein Schnupfen, / Man nimmt sich doch lieber in acht.“ [KSA 1/I, S. 628] Wedekind brachte das Lied 1901 bei den Elf Scharfrichtern und 1904 bei den Sieben Tantenmördern in München zum Vortrag [vgl. KSA 1/IV, S. 1000f.]., sich aber nicht zu erkälten (siehe Mein Lieschen!)!


In diesem Zeichen sollst Du siegen. AntonBegegnungen mit dem befreundeten Musiker Anton Dreßler notierte Wedekind häufig im Tagebuch, gelegentlich mit dem Vornamen, wie am 12.9.1904 („Abends mit Anton und Lotte in der Bar“) und 27.6.1905 („mit Anton und Lotte in der Torggelstube“), überwiegend aber mit dem Nachnamen..


Du hast das Zweite Gesichteine prophetische Gabe haben (Redewendung), auch: unbekannte Seite einer Person, Charakterzüge, die sie zu verbergen sucht.! Blei


Otto VrieslanderBegegnungen mit dem Musiker Otto Vrieslander hat Wedekind im Tagebuch nicht notiert.


John Jack VrieslanderBegegnungen mit dem Grafiker John Jack Vrieslander (d.i. Hans Zarth) hat Wedekind im Tagebuch nicht notiert.


Jott, wie haben se Dir zujericht(berlinerisch) Gott, wie haben sie Dich zugerichtet. – diese Kunst-ZapanausenWortneuschöpfung, wohl Verballhornung von ‚Banausen‘.!
Ludwig Scharf


Sind das Poeten? Oder DikobekenWortneuschöpfung, wohl Verballhornung von ‚Dichtern‘.?

EdgarDen Schriftsteller und Journalisten Edgar Steiger kannte Wedekind als Mitarbeiter des „Simplicissimus“; er notierte im Tagebuch gelegentlich Begegnungen mit ihm, so am 16.6.1904 („Abend mit Steiger“) oder am 12.9.1907 („Abends treffe ich Edgar Steiger auf dem Hofbräuhauskeller“).

Einzelstellenkommentare

München, 10. Dezember 1905 (Sonntag)
von Scharf, Ludwig
an Wedekind, Frank

München, Schellingstr. 38 MB II lLudwig Scharf wohnte seinerzeit als Übersetzer [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1906, Teil II, Sp. 1268] und Schriftsteller ausgewiesen unter dieser Adresse in München (Schellingstraße 38, Mittelgebäude, 2. Stock, links) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1906, Teil I, S. 463].


10.XII.05


Lieber Wedekind,

ich höre, dass Du nächst dem HetmannWedekind spielte in „Hidalla“ am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin die Hauptrolle des Karl Hetmann (Premiere: 26.9.1905). Die Inszenierung, die allein bis zum Jahresende 40 Vorstellungen erlebte, hatte einen starken Publikumserfolg. auch den MarquisWedekind hatte am 13.12.1905 ein „Marquis von Keith“-Gastspiel im Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin, sein zehnter Auftritt in der Titelrolle, wie er notierte: „Ich spiele zum 10 Mal den Marquis“ [Tb]. in Berlin noch spielen wirst. Dadurch verzögert sich Deine Ankunft in München wohl noch um WochenWedekinds Reise nach München verzögerte sich um Monate; er blieb in Berlin und reiste erst wieder am 25.6.1906 zu einem längeren Aufenthalt nach München [vgl. Tb].. Man hat aber, um gewisse Solidaritätsgefühle nicht in die Brüche gehen zu lassen, das unabweisliche Bedürfnis ‒, von Zeit zu Zeit sich zu sehen und zu sprechen.

Ich möchte Dir nun folgenden, auch von Langheinrich unterstützten Vorschlag machen: Du hast in Berlin mit Lilienkron u. Dehmel literarische AbendeWedekind hatte am 5.3.1905 im Beethovensaal in Berlin (Köthener Straße 28) um 12 Uhr eine gemeinsame Matinee zusammen mit Gertrud Eysoldt, Detlev von Liliencron und Marcell Salzer [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 116, 4.3.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (12)], die er im Tagebuch festhielt („Vortrag im Bethovensaal mit Gertrud Eysold Lilienkron und Marzel Salzer“), um danach abzureisen („Abfahrt nach München“). Ein gemeinsamer Vortragsabend von Detlev von Liliencron und Frank Wedekind fand am 22.10.1905 um 20 Uhr wieder im Beethovensaal in Berlin statt [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 529, 17.10.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (4)], von Wedekind im Tagebuch notiert („Abends mit Detlev von Lilienkron Vortrag im Bethovensaal“), außerdem ein gemeinsamer Vortragsabend von Frank Wedekind und Richard Dehmel am 3.12.1905 wiederum um 20 Uhr im Beethovensaal [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 34, Nr. 613, 2.12.1905, Morgen-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (3)], von Wedekind ebenfalls im Tagebuch notiert („Vortrag mit Richard Dehmel im Bethoven Saal der Philharmonie“). veranstaltet: wie wäre es, wenn Du mit mir zusammen | einen dritten Abend arrangieren würdest? Es dürfte Dir oder Deinem Agenten keineswegs schwerfallen und wird nur von Deinem guten Willen abhängen. ‒

Ich will Dir kein Klagelied vorsingen von den elenden Verhältnissen, in denen ich immerzu lebe, und die dadurch wieder etwas gebessert würden. Ich will Dich nur daran erinnern, dass Du durch einen solchen VortragsabendEin gemeinsamer Vortragsabend von Wedekind und Ludwig Scharf in Berlin fand offenbar nicht statt. eine event. grössere Hilfsaction, wie ich sie mit Dir schon einmal besprochen habe (Harden, Zukunft), am leichtesten in die Wege geleitet werden könnte.

Ueberleg’ Dir’s einmal und schreib mir dann eine Zeile darüber! Es spränge für meinen Teil bestimmt soviel heraus, dass ich Reise und Berliner Aufenthalt damit bestreiten könnte. Vielleicht noch | etwas darüber. ‒

Es würde mich freuen, wenn wir uns auf diese Weise wieder mal in Berlin sehen würden, was, glaube ich, seit 97Ludwig Scharf, der dann wieder nach München ging, hatte 1897 als Redakteur in Berlin gelebt, wo er viel mit Wedekind zu tun und seine damalige Redaktionsadresse (Magdeburgerstraße 13) als Deckadresse für Wedekinds Korrespondenz mit seiner verheirateten Geliebten zur Verfügung gestellt hatte [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 26.8.1897 und 1.9.1897]. nicht mehr der Fall war.

Mit herzlichem Gruss ‒
Dein alter
Ludwig Scharf.


Es geht das Gerücht, dass Du nach Berlin übersiedeln wollest. Diese Befürchtung, Du könnest München verloren gehen, dürfte Dir bei Deinem Wieder-Erscheinen sehr zu gute kommen. ‒

Einzelstellenkommentare