Briefwechsel

Vögtlin, Adolf und Wedekind, Frank

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Aarau, 14. April 1881 (Donnerstag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Den Früh- und Sprühgeistern.


So ist es ja: Die Regeln des Pedanten
Vermögen nie frühreifen Geist zu zwingen;
Das junge Feuer will mit Riesen ringen
Und flammt empor über die ausgeplanten
Und enggezognen Schranken der Galanten.
Erstickt, erdrückt – muß es zurück sich schlingen,
Im Widerstreite kann kein Werk gelingen
Und Unmuth nagt im Busen des Verbannten.
Und aber ist es so: Nach der Vollendung
Verklärtem Stern trägt dich kein Drachenflug,
Und nur sein Ich genießen ist – Verblendung. –
So gib dann du, wenn dich Gesetze trügen
Dir selbst die Pflicht: Sei Andern erst genug,
So wirst du deinem eignen Selbst genügen! |


Nimm diese Worte, lieber Franklin, hin als ein Pfand der Erinnerung an deinen „Altenvon Wedekind verwendeter Aliasname Adolf Vögtlins, den dieser möglicherweise auch bei den wöchentlichen Kneipen benutzte.“. Sie mögen dich begleiten bei jeder That, groß oder klein; folge ihnen – und du wirst glücklich sein, ohne nur egoistischem Glücke zu leben.

Dein Weg ist nun nicht der meineDie Lebenswege der Schulfreunde trennten sich. Während der 3 Jahre ältere Adolf Vögtlin nach erfolgreicher Maturaprüfung – Zeugnisübergabe am 14.4.1881 – die Kantonsschule Aarau verließ, um ein Hochschulstudium an der Universität Genf aufzunehmen, erhielt Wedekind, der die Versetzung in die III. Klasse des Gymnasiums nicht geschafft hatte, in den nächsten Monaten Privatunterricht auf Schloss Lenzburg, ehe er im Herbst erneut in die II. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau eintrat.; aber glaube mir, ich werde dir immer u überall, wo wir uns immer treffen mögen, dieselbe Gesinnung entgegentragen, der ich hier Ausdruck zu geben versuchte.

Lebe wohl auf Wiedersehn!
Dein
Kasp. Adolph Voegtlin.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 30. Juni 1881 (Donnerstag)
von Wedekind, Frank
an Vögtlin, Adolf

Schloß Lenzburg, VI.1881.


Lieber Altervon Wedekind verwendeter Aliasname Adolf Vögtlins, den dieser möglicherweise auch bei den wöchentlichen Kneipen benutzte.!

Allerdings versprach ich Dir, als wir in Aarau von einander Abschied nahmenAdolf Vögtlin hatte am 14.4.1881 die Maturität erhalten und bald darauf, zum Sommersemester 1881, das Studium an der Universität Genf aufgenommen., und Du mir einen guten Rath für den künftigen LebenswegAdolf Vögtlin an Wedekind, 14.4.1881. in die Hand drücktest, Dir recht bald mitzutheilen, wohin mich das Schicksal geführt habe. Trotz den besten Vorsätzen kam ich aber bis jetzt noch nicht zur Lösung meines Wortes. Ich kann und will mich nicht entschuldigen, aber bitten will ich Dich, ob Du mir nicht diese Nachlässigkeit verzeihen wolltest. Nicht wahr, Du verzeihst mir?

Bis jetzt bin ich noch zu Hause gewesen, und habe meine Kenntnisse durch PrivatstudienWedekind, der im April 1881 nicht in die III. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau versetzt worden war, erhielt seitdem auf Schloss Lenzburg Privatunterricht. gepflegt, jetzt gedenke ich aber bei Nächstem nach Solothurn abzureisenan die Kantonsschule Solothurn, wo Wedekind die Schullaufbahn fortsetzen wollte [vgl. auch seine Korrespondenz mit Oskar Schibler].. Gestern Nachmittag kam ich mit Carl SchmidtCarl Schmidt, der mit Wedekind und Adolph Vögtlin befreundet war, besuchte im Schuljahr 1881/82 die IV. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau und bestand im Frühjahr 1882 die Maturitätsprüfung. in Wildegg zusammen. Nachdem ich ihm meine ländlichen Schäfergedichte, in denen sich nunmehr meine Muse bewegt, vorgelesenWedekind hatte für seine Hirtendichtung ein blaues Büchlein, betitelt „Bucolica“ angelegt, dass ihm in der Zeit seiner Flucht nach Zürich im Herbst 1898 abhanden kommen sollte [vgl. Wedekind an Weinhöppel, 8.3.1905]. Über die Gedichte korrespondierte er 1881 auch mit Walter Laué und Oskar Schibler. hatte, erzählte er mir ein langes und breites von seiner Liebe zu E. Ich wunderte mich nicht wenig, wie aus einer so harmlosen Freundschaft, von der er in Aarau ehedem sprach, eine so innige, feurige Liebe gedeihen könnte. Im höchsten Grade tragisch wurde er aber, als er mir schilderte, welchen namenlosen Kampf es gekostet habe, um sich von dieser Liebe loszureißen, um dieselbe in sich zu tilgen. Ich begriff nun nicht ganz | recht, wie man gegen seine Liebe kämpfen kann, da sie doch eigentlich nicht aus dem eigenen Willen entspringt, sondern mehr passiver Natur, eben eine Leidenschaft ist, und eine geliebte Person kann einem doch unmöglich durch einen plötzlichen Entschluß gleichgültig werden. Nicht wahr, lieber Alter? Auch auf mein armes Herze hat AmorLiebesgott in der römischen Mythologie. wieder losgedrückt. Du wirst nämlich begreifen, daß ich zu dem idyllischen Schäferleben, das ich hier oben führe, auch eine Schäferin brauche. Zu dem Ende schuf ich mir im Geiste ein Ideal und nannte dasselbe Galathea(griech.) die Milchweiße, in der griechischen Mythologie Meeresnymphe und schönste Tochter der Meeresgottheiten Nereus und Doris, in der antiken Dichtung beliebter Name für schöne Schäferinnen [vgl. KSA 1/II, S. 1574]., da sich schlechterdings keine von Lenzburgs Töchtern dazu herbeilassen wollte, die Stricknadel mit dem Hirtenstabe zu vertauschen. Mit besagter Galathea sitze ich aber nun an schönen Sommertagen auf grüner Au, im Schatten der dichtbelaubten Buche und hüte meine – Esel, da die eigentlichen Schafe hier in der Umgegend so selten sind. Auf beiliegendem BlattDie Beilage fehlt. wirst Du die Versedas Gedicht „Willkommen schöne Schäferin“, das Wedekind später „Frühling“ nannte [vgl. KSA 1/II, S. 1581]. Adolf Vögtlin bezog sich in seinem Antwortbrief auf die letzte Strophe des Gedichts [vgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 2.7.1881]. finden, mit denen ich die Königin meines Herzens bei unserem ersten Zusammentreffen empfing, nebst ihrem werthen BildnisEine mit „Galatea“ betitelte Bleistiftzeichnung, die „ein ernstes, gereiftes Frauenporträt im Halbprofil“ zeigt [KSA 1/II, S. 1543], befindet sich in einem Skizzenbuch mit der Aufschrift „Album“, das Einträge zwischen Weihnachten 1882 und September 1897 enthält [Blatt 3r, vgl. auch KSA 1/I, S. 778]., welches ich ihr einst in einer süßen Schäferstunde eigenhändig abgenommen habe. Nun aber leb wohl; du siehst, daß ich von meinem Pessimismus so weit geheilt bin, und wieder die schönere Seite des Lebens zu finden weiß. Grüße den lieben Pölderich, Schibler und SigristDie Genfer Medizinstudenten Leopold Frölich, Wilhelm Schibler und Hans Sigrist hatten mit Adolf Vögtlin, Moriz Sutermeister und Armin Wedekind die Kantonsschule Aarau besucht und am 14.4.1881 die Maturität erlangt. von mir und dem großen Sutermeister, den ich jüngstFür Juni 1881 ist keine Reise nach Zürich ermittelt. Über einen Besuch am 17.5.1881 in Zürich bei Moriz Sutermeister und Armin Wedekind, die am 27.4.1881 an der dortigen Universität immatrikuliert worden waren, berichtete Frank Wedekind Oskar Schibler [vgl. Frank Wedekind an Oskar Schibler, 18.5.1881]. in Zürich traf. Falls Du mir antworten solltest, schreib nur noch nach Lenzburg; wenn ich schon fort bin, wird man mir den Brief schon schicken, aber in alle Ewigkeit verbleibt Dir treu

Dein Dich innig liebender
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Genf, 2. Juli 1881 (Samstag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Genf den 2. Juli 81.


Mein lieber Franklin!

Dein Briefchenvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 30.6.1881. hat mich recht gefreut; ebenso das Gedichtchenvermutlich „Willkommen schöne Schäferin“, später „Frühling“ genannt [vgl. KSA 1/I, S. 391 und 1/II, S. 1581]. mit dem Bildchendas Portrait der „Galathea“. Eine mit „Galatea“ betitelte Bleistiftzeichnung, die „ein ernstes, gereiftes Frauenporträt im Halbprofil“ zeigt [KSA 1/II, S. 1543], befindet sich in einem Skizzenbuch mit der Aufschrift „Album“, das Einträge zwischen Weihnachten 1882 und September 1897 enthält [Blatt 3r, vgl. auch KSA 1/I, S. 778].. Dieses beweist wirklich die Hand eines sich offenbarenden Meisters. Deine Galatea(griech.) die Milchweiße, in Wedekinds Hirtendichtung die Schäferin in Anlehnung an den in der antiken Dichtung beliebten Namen für schöne Schäferinnen [vgl. KSA 1/II, S. 1574]. ist wirklich ein Ideal der Kunst; nie wird die verkümmerte Natur dergleichen Geschöpfer(schweiz.) Schöpfer, Erschaffer. sich rühmen können. Gewiss! ein junger Kaulbachim übertragenen Sinn Nachkomme des deutschen Historienmalers Wilhelm Kaulbach, dessen Malerfamilie 1881 schon in dritter Generation zur Berühmtheit gelangt war. schlummert in Lenzburgs Schloßhallen. Ja, vielmehr noch! Kaulbach ist zugleich Schäfer. Seine Füße treten den wohlrüchigsten Koth der Erde, seine Hauptlocken ragen in die Feuerwolken des Himmels hinein. Kaulbach verfaßt Pastoralien. Mit Spannung erwarte ich dein nächstes, größeres Schäfergedicht; gerne will ich commentiren, (du weißt, ich besitze auch etwas Phantasie im Magensack) und es kritisirend der | erstaunten Welt, den strohköpfigen Kalauerprofessoren vor die Nase reiben: „Das hat der verpönte Schloßzauber geschaffen“ und solch’ herrliche Kritik übt der „blödsinnige Prophet von der Aare.“! Gewiß wir werden Ruhm ernten. Freue dich mit mir, du, Männlein aus der Wolke! Schon hab ich mir einen Lorbeerkranz aus bestem Schafmist um die Schläfen geträumt und Du – Du standest zu meiner Linken auf einem Marmorschemel und sahst um deines Rumpfes Länge auf mich herab. Also gute Omina(lat.) Vorzeichen, Vorbedeutungen. für dich. Vorwärts! auf der parnassischen Sprossenleiterdie Stufen zur vollendeten Kunst, in Anlehnung an Platons Stufenleiter der Erkenntnis und den Berg Parnass, der in der griech. Mythologie Heimat der Musen (Göttinnen der Künste) ist.! Vorwärts mein ProselytNeubekehrter., du neugebackener „Obsimistvermutlich ironisch gemeinte Wortschöpfung aus den Begriffen ‚Optimist‘ und ‚Pessimist‘..“ – In der That, Du hast dich bekehrt? Bist Optimist geworden? Das freut mich ungeheuerlicher Maßen. Nun wollen wir uns verbrüdern, denn ich bin ans Extrem der Weltverachtung gelangt und:


Wenn/o/ die Extreme sich verbinden,
Da giebt es einen guten Klang!?
Das e/E/ine muß vom Himmel schinden, |
Das Andere vom Erdentang:
Giebt einen prächt’gen Wolkensang.


Ich will jedoch meine Poesie nicht an dich vergeuden, bevor du mir den Beweis gegeben, daß du Besseres leistest. Deine Galatea war auch gar zu idyllisch – schäfermädchenkleidlich, /–/ wässerlich – seicht. Sieh, mein Lieber, zwei Verliebte brauchen im Landregen auch nicht einmal einen MantelVögtlin dürfte sich auf die dritte Strophe des Gedichts „Willkommen schöne Schäferin“ bezogen haben. In der überlieferten Fassung „Frühling“ (1897) heißt es: „Und trübt sich der Sonne goldiger Schein / Und fällt ein kühlender Regen, / Dann ist mein Mantel nicht zu klein, / Wollen beide darunter uns legen.“ [KSA 1/I, S. 391]; sie decken am Besten sich einander. (Wenn doch gezotetanzüglich gewitzelt. sein soll.) Das Maskulin ist gewöhnlich oben und es schadet nicht im Mindesten wenn seine heiße Leidenschaft etwas abgekühlt wird. Sie könnte, in ihrem vollsten Maße zum ungestörten Ausbruch gekommen, leicht für immer zur Neige gehn. Du sprachst dann von der Leidenschaft der Liebe, ob sie bekämpft werden kann? Im Allgemeinen nicht; aber es giebt Ausnahmen. Ich verweise deine Aufmerksamkeit auf Schillers Prosastück: Eine großmüthige Handlung aus der neuesten Geschichte. Ich könnte bei der Auseinandersetzung leicht ernst werden. Sie erforderte auch mehrere Seiten und dann | müßte ich dabei auf die Mängel meines FreundesCarl Schmidt, der mit Wedekind und Adolf Vögtlin befreundet war [vgl. die Briefe Wedekind an Adolf Vögtlin, 30.6.1881 und 5.7.1881]. zu sprechen kommen, auf seine bekannte Schwärmerei & Großsprecherei, die deine Frage veranlaßt haben. Du mußtest natürlich auf jene zweifelnden Gedanken geleitet werden. Aber sieh! ich spreche nicht gern von den Schäden & Mängeln eines lieben Freundes. Es ist genug, wenn wir unsere gegenseitigen Fehler kennen und sie unwirksam zu machen wissen, W/w/ir brauchen sie nicht einander auszurupfen oder gar noch vor Dritten plan zu legen. Ein nächstes Mal werde ich einen edleren Brief zu schreiben versuchen. Schreib mir bald, was zuSchreibversehen, statt: du. treibst. Studire recht fleißig neben dem Poetisiren; die Phantasie kann doch nicht alle Thatsachen & Folgen aus sich ergänzen. Beobachte auch die Natur in ihrem Werden & Vergehen. Nur so kannst du weiter kommen. Lebe recht wohl! Herzliche Grüße von meinen CumpanenDie Medizinstudenten Leopold Frölich, Wilhelm Schibler und Hans Sigrist, die im Frühjahr 1881 mit Adolf Vögtlin an der Aarauer Kantonsschule die Matura erlangt hatten und nun mit ihm in Genf studierten. am LemanLe Léman, (Schweizer Französisch) Genfersee. und einen warmen Gruß der freudschaftlichen Liebe von

Deinem
Adolphe Vögtlin.


[Am linken Rand um 270 Grad gedreht:]


Es wird mich freuen, recht häufig mit dir Ideen auszutauschen, oder dich, so mir möglich, in deinen Meinungen zu corrigiren.

Adresse. – chez Mr Morel, rue Kléberg 14.


Vom dritten August an treffen mich die Briefe in der Kaserne Genéve. Infanterie-RekrutAdolf Vögtlin absolvierte die sechswöchige Rekrutenschule (4.8.-15.9.1881) für Infanterierekruten der I. Armeedivision in der Kaserne Genf [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 61, Nr. 15, 16.1.1881, Beilage, S. (6)]..

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 5. Juli 1881 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Vögtlin, Adolf

Schloß Lenzburg, 5.VII.1881


Lieber Adolph!

Daß Dein letzter Briefvgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 2.7.1881. mich im höchsten Grade überrascht und befremdet hat, brauche ich Dir wohl nicht erst mitzutheilen. Trotzdem muß ich ihn aber stellenweise billigen und darum nimm meinen besten Dank dafür hin. – Zu meiner Beschämung muß ich Dir gestehen, daß ich nämlich wirklich zuerst von dem eitlen Wahn befallen war der erste Theil Deines werthen Schreibens enthalte nur unschuldigen Spaß, als mir dann aber plötzlich die bitterste Ironie darin klar ward, da begann ich, auch an der Wahrheit der letzten Sätze, in welchen Du von freundschaftlichem Gruß und von Fortsetzung unserer Korrespondenz sprichst, zu zweifeln, und bin ungewiß, ob ich nicht auch hierin Ironie suchen soll. – Sind diese Zeilen nun wirklich ironisch aufzufassen, so bin ich es mir schuldig, Dich, den ich immerhin achten muß, über meinen letzten Briefvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 30.6.1881. etwas aufzuklären, bevor ich mich mit Schmerzen von der Freundschaft, die ich zwischen uns wähnte, losreiße. Sind besagte Zeilen aber wörtlich zu verstehen, so bin ich Dir zu eben derselben Aufklärung verpflichtet, die Dir in diesem Falle nur sehr willkommen sein kann. – Leider hast Du mir aber den besten Grund gegeben, mich nicht weiter Deines Umgangs erfreuen zu können, denn Du schreibst mit der kältesten Verachtung, Du wollest Deine Poesie nicht vergebens an mich vergeuden, bis ich Dir etwas besseres leisten zu können beweise. Nimm nun an, dieses sei mir unmöglich, dann wirst Du begreifen, daß es, so weh es mir auch thun mag, mit unserer Freundschaft | zu Ende sein muß, denn meine Ehre läßt es nicht zu, einen Freund zu besitzen, der mich verachtet. Der Tadel, den Du mir hast zukommen lassen wegen meiner GalateaWedekinds Gedicht „Willkommen schöne Schäferin“, später „Frühling“ genannt [vgl. KSA 1/II, S. 1581], das er seinem letzten Brief [vgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 30.6.1881] beigelegt hatte (die Beilage ist nicht überliefert)., ist sehr begründet, und ich hätte ihn gern aus Freundesmund gehört; aber mit Verachtung ausgesprochen, muß er mich kränken. Mit großem Dank nehme ich nun also Deine Belehrungen entgegen; muß Dir aber, trotz innerem Widerstreben verbieten, mir wiederum von Freundschaft zu sprechen. Zu meiner Rechtfertigung muß ich Dir aber sagen, daß ich niemals um Deine Freundschaft buhlte. Der ZufallSpätestens im Schuljahr 1779/80 dürften sich Frank Wedekind und Adolf Vögtlin kennenlernt haben, seitdem besuchten beide die Kantonsschule Aarau besucht, Adolf Vögtlin als Klassenkamerad von Wedekinds älterem Bruder Armin. Wie es zur näheren Bekanntschaft kam, ist nicht ermittelt. hat uns zusammengeführt. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich je mehr scheinen wollte, als ich bin, und Du hättest mich nicht mit „Lieber Freund“ begrüßen sollen, bevor Du mich genau kanntest. Du hast in mir doch gewiß kein Lumen mundi(lat.) Licht der Welt. gesucht, daß Du dieser einmaligen Verirrung vom Wege des Edlen wegen mich mit solcher Verachtung strafst. Was ich schrieb, bis ich Aarau verließNachdem Wedekind am Ende des Schuljahrs 1880/81 (14.4.1881) nicht in die III. Klasse des Gymnasiums versetzt worden war, wurde er von der Kantonsschule abgemeldet und erhielt seitdem auf Schloss Lenzburg Privatunterricht., das kennst Du so ziemlichDie Mitglieder des Dichterbunds „Senatus Poeticus“, zu dem Adolf Vögtlin und Wedekind gehörten, kritisierten untereinander ihre literarischen Produkte [vgl. auch Wedekinds Korrespondenzen mit Walter Laué und Oskar Schibler]. alles und es ist mir nie eingefallen, irgend etwas absichtlich vor Dir geheim zu halten. Was nun das Bekämpfen der Liebe betrifft, so kann ich allerdings in diesem Fall, wo es sich um ein weibliches Wesen handelt (Bitte, laß Dich nicht wieder beleidigen!) nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Aber laß mich Dir an einem ähnlichen Beispiel darlegen, daß von einem Bekämpfen der Liebe unmöglich die Rede sein kann, und Du magst diese Erklärung dann auf das mir allerdings bekannte Prosastück Schillers: Eine großmüthige Handlung anwenden, welches zu untersuchen ich selber aus Mangel an eigener Erfahrung nicht wage. Zuvor aber, um über die Begriffe im Klaren zu sein, | will ich Dir meine Definition von „Liebe“ vorlegen, die Du, wie ich hoffe, nicht verwerfen wirst. Ich kann nur in einem Grade lieben, und zwar im Superlativ. Das mir über alles andere werthvolle wird von mir geliebt und, obschon sich mehrere Objekte in diese Liebe theilen mögen, so kann ich doch nicht das eine mehr oder minder lieben als das andere. – Nun hatte ich einen Freund, d. h. jemanden, den ich liebte, natürlich im höchsten, einzig möglichen Grade. Dieser Freund beleidigte mich aber so empfindlich, daß ich meine Ehre gekränkt fühlte. Nun hatte ich die Wahl, entweder den Freund fahren zu lassen und die Ehre zu retten, oder umgekehrt. Sobald ich mich nun auf diese oder jene Seite neigte, so war die Liebe für jenes oder dieses Besitzthum verschwunden und so blieb mir nichts zu bekämpfen übrig, denn nur die höchste, stärkste Zuneigung kann ich Liebe nennen. Die Liebe zu meinem Freunde aber wollte nicht weichen. Ich konnte mir ihn nicht klar vor Augen führen, wie er jenen schneidigen Brief an mich ausdachte. Mein Erinnerungen fielen immer auf einen anderen Moment: Freundlich sah ich ihn auf mich zukommen; er legte mir ein Andenkenvgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 15.4.1881. in die Hand und sprach: „Hier, lieber Franklin, hast du etwas, weil wir scheiden müssen“. „Ich danke Dir, mein guter Freund“, sprach ich und dabei wurde es mir warm ums Herz, denn ich sah, daß ich doch nicht von der ganzen Welt verlassen sei. Jetzt fordere jenes Papier wieder zurück! Ich will es Dir schicken, denn ich weiß den Inhalt auswendig, aber von Deinen Freundschaftsversicherungen entbinde ich Dich nicht mehr. Sie sind mir jetzt theurer als je, denn ich mußte sie mit meiner Ehre er|kaufen. Ich glaube zwar nicht, daß Dir ein Freund genehmer ist, wenn er sich Dir aufdrängt, als wenn der Zufall ihn dir zuführt, aber ich folge meinem Herzen. Verzeihe mir die leichte Rede meines Briefes und widerrufe die Verachtung in dem Deinigen. Was aber Karl Schmidtder mit Adolf Vögtlin und Wedekind befreundete Kantonsschüler Carl Schmidt. anbelangt, so hast Du mehr in meinen Ausdrücken gesucht, als dahintersteckt. Mein Fehler war, daß ich, als ich auf ihn zu sprechen kam, in dem gleichen, leichten Ton fortfuhr, ohne zu bedenken, daß ich einen zarteren Gegenstand behandelte. Immerhin ist es so gut mein, wie Dein Freund und ich wüßte nicht, was mich bei seinem offenen geraden Benehmen zu einem nachtheiligen Urtheil über ihn verleiten sollte. Wäre dies aber dennoch der Fall, so kannst du sicher sein, daß ich es ihm selbst, nicht Dir mitteilen würde.

Du bittest mich in Deinem lieben Brief auch um Nachricht über mein Leben. Letzte Woche hatte ich mich in Solothurn zum ExamenWedekind, der im Frühjahr 1881 nicht in die III. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule versetzt worden war und seitdem Privatunterricht auf Schloss Lenzburg erhielt, wollte an der Kantonsschule Solothurn die Schullaufbahn fortsetzen [vgl. auch seine Korrespondenz mit Oskar Schibler]. angemeldet. Das löbl. Rektorat schrieb mirnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Franz Lang an Wedekind, 4.7.1881. – Franz Lang, seit 1846 Professor für Naturwissenschaften an der Kantonsschule Solothurn, war von 1872 bis 1883 auch ihr Rektor [vgl. J. E.: Professor Dr Franz Vinzenz Lang 1821–1899. In: Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, Jg. 82, 1899, S. III-VIII]. aber, sie hätten in vier Wochen FerienAnfang August 1881 dürften die Schulferien in Solothurn begonnen haben. In einer Korrespondenznachricht vom 30.7.1881 wurde in der Presse gemeldet: „Das Schuljahr [...] der Kantonsschule geht dem Ende entgegen.“ [Der Bund, Jg. 32, Nr. 211, 2.8.1881, S. (3f.)], darum möge ich noch warten, bis zum Wiederbeginnen der Schule. Am Sonntagden 3.7.1881. war ich in Brugg mit einigen aus der 3. Gym.ehemalige Klassenkameraden Wedekinds, die mit ihm im Schuljahr 1880/81 die II. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau besucht hatten und (anders als Wedekind) in die III. Klasse versetzt worden waren. von Rauber eingeladenFritz Rauber hatte mit Wedekind die I. und II. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau besucht.. Wir machten uns sehr fidel und die hohen Mauern der ehrwürdigen ProphetenstadtErhalten hatte Brugg den Beinamen „Prophetenstadt“ durch ihre Lateinschule (gegründet 1396), die auf das Studium an der theologischen Akademie in Bern vorbereitete und daher eine große Zahl angehender Geistlichen in der Stadt konzentrierte. widerhallten von den rauschenden Gesängen, wodurch die werthe Bürgerschaft erfreut wurde.

Nun lebe wohl, grüße Pöldi und SchiblerLeopold Frölich und Wilhelm Schibler, die beiden ehemaligen Mitschüler Adolf Vögtlins an der Kantonsschule Aarau und jetzigen Kommilitonen an der Universität Genf. von mir und sende recht bald eine erquickende Antwort Deinem, das Beste erwartenden, Dir in aller Treue ergebenen, um Verzeihung bittenden Freunde
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Genf, 8. Juli 1881 (Freitag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Genf den 8. Juli 81.


Mein lieber Franklin!

Wenn Du mich versicherst, Du seiest von meinem Briefevgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 2.7.1881. überrascht gewesen, so glaube mir, daß ich es nicht minder war beim Lesen deiner Antwortvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 5.7.1881.. Ich traute dir und traue dir noch zu, die zwei Farbentöne, die meinem Briefe als Folie dienten, unterscheiden zu können. Der erste Theil ist Ironie; von da an, wo dir der Brief ernst erschien, ist er wirklich ernst gemeint und ich glaube hierin nichts gesagt zu haben, daß d/D/ich irgendwie verletzen könnte: Ich versicherte Dich meiner Freundschaft und gab dir einen guten Rath, so viel ich noch weiß. Daß Du nie um meine | Freundschaft gebuhlt, weiß ich wohl: Nie würde ich sie einem Buhler angetragen haben. Ich sah aber, daß du neben deinem Talent ein gutes Herz besitzest. Das freute mich und gab mir den Anlaß, mich Dir zu nähern. Ich glaubte auch, dir nützlich sein zu können und im Vereine mit einer congenialen Natur das Glück mir versprechen zu dürfen, ein schönes Streben einst möglichst zu verkörpern.

Nun bitte ich Dich, meine Zeilen noch einmal durchzulesen und wenn Du weißt, was Ironierhetorische Figur, „ursprünglich nur eine bestimmte Redeweise, die darin besteht, daß sich der Sprechende den Anschein gibt, etwas anderes zu denken und zu glauben, als wirklich der Fall ist; doch muß dieser Gegensatz von Schein und Wirklichkeit, wenigstens dem Verständigen, erkennbar bleiben“ [Meyers Großes Konversationslexikon. 6. Aufl. 1905-09, Bd. 10. S. 27]. bedeutet, so wird/s/t du keine Bemerkung findet/n/, die deiner Ehre Einbrucht thun könnte. Wenn Du jedoch die Definition von Ironie nicht kennen solltest, so schlage Lessings Hamb. Dramaturgie | nachIn Auswahl gehörte die „Hamburgische Dramaturgie“ in der Abschlussklasse (IV. Klasse) des Gymnasiums zum Lehrstoff im Fach Deutsch [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule, Aarau 1881, S. 18]. Daher könnten die Freunde im Schuljahr 1880/81 am Beispiel ausgewählter Stücke über den witzig-ironischen Stil in Lessings Theaterkritik diskutiert haben.. Ferne sei von mir, daß ich einen Freund durch Spötteleien kränken wollte. Keine Rede von Verachtung. Ich wollte habe mich ebenso niedrig gestellt als Dich und wollte an Deiner Hand mich über die Welt lustig machen, aber nie über dich.

Solltest Du nach diesen Worten noch irgend welchen Zweifel gegen meine Aufrichtigkeit und meine Zuneigung zu dir hegen so schreibe mir nicht mehr, bis ich es mir einst vergönnt sein W wird, jene durch die That zu beweisen.

Nie ahnte ich, von dir so mißverstanden zu werden, sondern glaubte einen Brief abgegeben zu haben, an dem Deine Phantasie sich ergötzen könnte, jene Bilder, in materiellen Kraftzügen hingezeichnet, in zartere, edlere Töne vermischen würde. | Vielleicht bist du dich so starker Redeweisen an mir nicht gewöhnt! Du glaubtest einen Jüngling, dessen Mund mit Honigseimungeläuterter Honig, im übertragenen Sinn: freundlich einschmeichelnde Rede [vgl. DWB, Bd. 10, Sp. 1792]. gefüllt, einen SchmachtlappenHungerleider, Schmarotzer [vgl. DWB, Bd. 15, Sp. 892]. vor dir zu haben.

Wenn du nach diesen Erklärungen dich irgendwie verletzt fühlst, thut es mir leid; ich wollte dir absolut nicht weh thun. Würdest Du jenes Gedichtchendas Gedicht, das Adolf Vögtlin mit seinem Abschiedsbrief an Wedekind in Aarau überreichte [vgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 14.4.1881]. mir zurückschicken, so vergäbest Du dich dadurch eines Andenkens an mich, eines Zeichens meiner freundschaftl. Zuneigung zu Dir. Es würde mir wehthun.

Zum Schlusse noch eine kritisirende Bemerkung: Liebe ist nicht definirt, wenn du sagst: Liebe ist Liebe im höchsten Grade. Ferner kündet sie sich auf verschiedene Arten an. Hier handelt es sich um Liebe, die Freunde verbindet u um Liebe die zur Ehe führt. Es frägt sich, welches die ideellere ist, welche zuerst sich vorfand und welcher Natur die Leidenden sind. Mein Freund, ein Kampf ist auf jeden Fall möglich, vielleicht sogar eine Bekämpfung. – Lebe nun wohl, mein lieber Franklin, verfluche mich in die Höhlen des Elends oder laß mich Dich zum Altar ewiger Freundschaft führen. Wenn du keine Liebe für mich übrig hast, dann schreibe mir einen letzten, lieben Brief. Er wird mir als abschreckende Erinnerung verscherzter Freundschaft dienen und kannst du mich so vor größerem Unglück bewahren. Leb wohl, lebe wohl. Dein Adolphe.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 10. Juli 1881 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Vögtlin, Adolf

Schloß Lenzburg, VII.1881.


Lieber Adolph!

Nimm meinen innigsten Dank hin für Deinen lieben Brief[Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 160, 9.7.1881, Seite (3)]., der mir die alleredelste Freude der Welt bereitet hat, und beschämt zugleich, wie auch gehoben, durch deine Großmut trete ich nun vor Dich hin, um mir Verzeihung auszuwirken für die beleidigenden Zweifelvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 5.7.1881., die mein stolzes Herz, von wilder Leidenschaft befangen, gegen deine Freundschaft hegt. Bitte, vergiß die Blöße, die ich mir vor Deinen Augen durch dies unsägliche Mißtrauen gab. Dann wirst du das mir gegebene Wort, durch That deine Freundschaft zu beweisen, schon in vollstem Maße gelöst haben. Ich kann Dir auch das Versprechen geben, mich fürderhin nicht mehr in den unreinen Tönen thierischen Genusses bewegen und dichten zu wollen, sondern meinen Pegasusin der griech. Mythologie geflügeltes Pferd; Sinnbild der Dichtkunst. ein wenig höher der Sonne zufliegen zu lassen, wo er weniger Gefahr läuft, auf schlüpfrigem Boden auszugleiten und ein Bein zu brechen. Obschon ich Dich sonst aller unchristlichen Gefühle unfähig halte, so glaube ich dennoch, gerechten Grund zu haben, wenn ich annehme, Dir eine erfreuliche Nachricht zu bringen, indem ich Dir den Tod meiner GalatheaSchon vor dem 1.7.1881 hatte Wedekind seinen „Klage-Gesang beim Tode Galateas“ Oskar Schibler zugesandt [vgl. Wedekind an Oskar Schibler, 24.6.1881]. verkünde. – Du und Deine Briefe tragen die schreckliche Schuld ihres Mordes, und Ihr werdet sehen, wie Ihr Euch am Tage des Zorns(dt.) Dies irae, Titel und Beginn des christlichen Hymnus über das Jüngste Gericht (Apokalypse), hier: das Jüngste Gericht selbst. verantworten wollt. Zwar muß mein Verstand Dir für die schreckliche That Dank wissen, aber meinem Herzen, das solange an dem lieben Wesen hing, wirst Du es verzeihen, wenn es die Muse zu folgendem, kurzen Grabgesang vermochte, welcher die Reihe meiner PastoralienHirtendichtung, Wedekinds Schäferdichtungen aus den Monaten Mai bis Juni/Juli 1881, die er in ein blaues Heft mit der Aufschrift „Bucolica“ schrieb. abschließt: |


Es weht durch die Bäume ein kalter Wind,
Die Blätter fallen herab.
Und Galathea, das liebe Kind,
Ich trug sie soeben ins Grab.


Still deckt’ ich sie zu und weinte nicht,
Sie war ja noch immer so schön.
Ich küßte ihr freundliches Angesicht –
Auf baldiges Wiedersehn!


Was nun Deine Erklärung über Liebe betrifft, so thut es mir leid, Dir nicht beistimmen zu können. Ich wenigstens kenne keinen Unterschied zwischen der Liebe unter gleichen und derjenigen unter verschiedenen Geschlechtern, als den, daß letzterer Liebe noch der körperliche Geschlechtstrieb zu Hilfe kommt. – Ich vermuthe zwar, daß ich durch diese einfache Meinung die zarten Seiten Deines inneren Seelenlebens heftig verletze, aber untersuche selbst aufs Genaueste in Deinem Gemüth und urtheile sodann noch einmal.

Nun noch eine Nachricht, die sowohl Dir wie Deinen GenossenLeopold Frölich, Hans Sigrist und Wilhelm Schibler, die drei ehemaligen Mitschüler Adolf Vögtlins an der Kantonsschule Aarau und jetzigen Kommilitonen an der Universität Genf. von der Kantonsschule sehr unerfreulich klingen wird: Letzten Freitagden 8.7.1881. schwänzte Frank OberlinDruckfehler, Lese- oder Schreibversehen, statt: Franz Oberle (oder: Franz Oberli, wie er auch genannt wurde). – Wedekind hatte den ehemaligen Mitschüler, der im Schuljahr 1881/82 die IV. Klasse der Gewerbeschule an der Kantonsschule Aarau besuchte und im Herbst die Matura ablegen sollte, in zwei Gedichten „Nacht ists, die Stürme brausen sehre“ (12.1880) [vgl. KSA 1/II, S. 1912] und „Was ist das für Gesang und Schall“ [vgl. KSA 1/II, S. 2157] verewigt. die Schule. Samstagsmorgenden 9.7.1881. um 4 Uhr nimmt er sein Geschichtsbuch und geht in den Schachenim Nordwesten an der Aare gelegener Ortsteil von Aarau., um Geschichte zu repetieren. Zwei Stunden später, um 6 Uhr, fand man seinen LeichnamDie Traueranzeige erschien noch am selben Tag: „Freunden und Bekannten machen wir hiemit die schmerzliche Mittheilung, dass es Gott gefallen hat, unsern innigst geliebten Sohn und Bruder Franz Oberle, Kantonsschüler, gestern durch einen schweren Unglücksfall im Alter von 19. Jahren in’s bessere Jenseits abzuberufen. Wir empfehlen den theuren Dahingeschiedenen Ihrem liebevollen Andenken und bitten um stille Theilnahme“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 160, 9.7.1881, Seite (3)]., der in der Telliim Nordosten an der Aare gelegener Ortsteil von Aarau. von der Aare aufs Land geworfen war. Wie er umgekommen, weiß niemand zu sagen. Die VermuthungenGerüchte, dass Franz Oberle sich umgebracht hatte [vgl. KSA 2, S. 849]. aber über seinen Tod halte ich für zu grundlos und unwürdig, als daß ich sie weiter melden möchte. Seine irdische Hülle wurde nach Muri gebracht, um dort beerdigtDie Beisetzung fand am „Sonntag den 10. Juli, Vormittags 10 ¼ Uhr in Muri statt“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 160, 9.7.1881, Seite (3)]. Auch darüber berichtete die Presse: „Gestern fand in Muri die Beerdigung des am 8. d. in der Aare dahier verunglückten Kantonsschüler Franz Oberli statt. Ein ungewöhnlich großer Leichenzug war Zeuge der allgemeinen Theilnahme an dem schrecklichen Schlage, der die bedauernswerthen Eltern in dem so plötzlichen Verluste des einzigen Sohnes getroffen; auch eine ansehnliche Zahl von Schülern und Lehrern der Kantonsschule hatten sich eingefunden, um den so unerwartet Dahingeschiedenen zur letzten Ruhestätte zu begleiten. Wie derselbe seinen Tode gefunden, ob ein unglücklicher Zufall, ein augenblicklicher Schwindel, ein unvorsichtiger Fehltritt ihn, den völlig Ahnungslosen in die Arme des Todes stürzte, ist wohl nicht mehr zu enträthseln; am Tage vorher hatte er in voller Jugendlust sich gefreut, in wenigen Tagen am Aarauer Jugendfest und dann am Kantonalturnfest in Brugg theilnehmen und dort vielleicht einen Preis sich erringen zu können, denn er war ein tüchtiger Turner, leider aber des Schwimmens unkundig. Am Morgen des 8. ds. war er noch auf einem Spaziergang bei der Badanstalt gesehen worden, den er in aller Frühe unternommen um ungestört sich auf die folgende Schulstunde vorzubereiten“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 161, 11.7.1881, Seite (2)]. zu werden. Die Gedanken eines PessimistenAnhänger des Pessimismus, einer der überzeugt ist, dass unsere Welt die schlechteste aller möglichen Welten sei. Der Pessimismus ist ein auf Arthur Schopenhauers Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung (1819)“ zurückgehender philosophischer Begriff, der in Eduard Hartmann „Die Philosophie des Unbewußten“ (1869) aufgegriffen sich in den 1880er Jahren zur Modephilosophie entwickelte. Wedekinds Auseinandersetzung mit dem Pessimismus geht, vermittelt durch die Hartmann-Schülerin Olga Plümacher (Wedekinds philosophische ‚Tante‘) und vermutlich den Hartmann-Schüler Karl Goswin Uphues (Wedekinds Deutschlehrer in der Kantonsschule Aarau von 4/1879 bis 12/1881), auf die Zeit zwischen Winter 1880/81 und Winter 1882/83 zurück, in der er zahlreiche weltschmerzlich und pessimistisch inspirierte Gedichte verfasste. Ironisch gebrochen erscheint die Thematik in Fridolin Wald, der Hauptfigur im Drama „Der Schnellmaler“ (1889) und der Figur des „Moritz“ in „Frühlings Erwachen“ (1891/1906) [vgl. KSA 1/I, S. 929-931 und KSA 5, S. 592f. und 836-838]. über diesen Vorfall wirst Du errathen. Ich umgehe also ihre Mittheilung.

Und nun leb wohl. Grüße Pöldi, Sigrist und Schibler und Dich selbst aufs Freundschaftlichste von Deinem Dir treu ergebenen

Confrater(lat.) Mitbruder. Franklin.

Einzelstellenkommentare

Genf, 30. Juli 1881 (Samstag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Genève 30. Juli 81.


Mein lieber Franklin!

Empfange hiemit schnell einige Zeilen von deinem Altenvon Wedekind verwendeter Aliasname Adolf Vögtlins, den dieser möglicherweise auch bei den wöchentlichen Kneipen benutzte.. Sie möchten Dir nur schnell bedeuten, daß der Alte für einige 6 Wochen sich der Correspondenz enthalten muß, da er vom Militärdienst in Anspruch genommen ist. Ich bitte dich daher nicht zu zürnen, wenn in dieser Zeit auf einige allfälligeetwaige. liebe Briefe von Dir, deren ich sehr gerne zu erhalten wünschte, keine Antwort von mir erfolgen sollte. Du weißt ja ungefährWedekind hatte an der Kantonsschule Aarau in der I. und II. Klasse am Militärunterricht teilgenommen. Der Lehrplan sah für alle Schüler in den Sommersemestern „Soldaten- und Compagnieschule, Geschützbedienungs- und Zugschule“ vor sowie „Richt- und Schießübungen mit Geschütz und Gewehr. Marschsicherungs- und Vorpostendienst. Uebungen im Kartenlesen im Terrain, im Diestanzenschätzen, Recognisciren, Anfertigung von Croquis und Terrainbeschreibungen, Orientierungsübungen. Lösung leichter taktischer Aufgaben für Infanterie und Artillerie. Kleine Gefechtsübungen.“ Im Wintersemester wurden die Schüler der II. und III. Klasse jeweils einstündig in der Waffenlehre und Schießtheorie unterrichtet [vgl. Programm der Aargauischen Kantonsschule 1881, S. 25]., wie’s im Kasernenleben zugeht. Es wird mir unmöglich sein während der Rekrutenschule weitere Correspondenz als mit meinem Liebchennicht ermittelt., Mutter und SchwesterAdolf Vögtlin hatte zwei Schwestern. Hier dürfte die verwitwete Anna Sophie Keller-Vögtlin, die ältere der beiden, gemeint sein [vgl. Stammbaum Vögtlin und Familienkarte Vögtlin Johann Jakob in: Stadtarchiv Brugg Q 014.1.42]., die eben meiner Mittheilsamkeit bedürftig sind, zu pflegen. Also noch|einmal bitte ich um alsdannige(schweiz.) im Sinne von: dann, wenn der Fall eingetreten ist. Entschuldigung.

Diese Woche habe ich eine schöne Fußtour gemacht und hätte gerne, trotzdem ich mich auch im einsamsten Thale nie verlassen fühlte, einen Verwandten meines Geistes um mich gehabt. Meine Reise ging über NyonMont TendreBerggipfel (1679 m) im Kanton Waadt, höchste Erhebung im Schweizer Jura.Lac de JouxSee im Kanton Waadt (1004 m), 9 Kilometer lang, 1 Kilometer breit.VallorbesYverdonLa Chaux de fondsNeuchatelEstavayerFribourgLausanne – Genève. Mit Ausnahme von einem einzigen Tage hatte ich prächtiges Wetter u habe viel neue Eindrücke mit nach Hause gebracht. Ich habe mich jedoch kolossal angestrengtDie gesamte Tour ist etwa 335 Kilometer lang mit jeweils circa 4.550 Metern An- und Abstieg und 69 Stunden Wanderzeit. und bin heute noch sehr müde. Eigenthümlichen Eindruck machte auf mich die Fontaine (frz.) Quelle.der Orbe bei Vallorbes. Das Flüßchen bildet nämlich den Lac d. Joux u den Brenet-SeeLac Brenet, ein kleiner, sich ans Nordufer des Lac de Joux anschließender See., die keine Ausflüsse haben u kommt dann plötzlich bei Vallorbes wieder zum Vorschein u sprudelt gleich einer ungeheuren Quelle aus den | Kl/a/lkschluchten hervor. Woher und wie? Die Wunder der Natur sind so manigfaltigSchreibversehen, statt: mannigfaltig. als es Naturen giebt. Sie gräbt stundenlange Tunnel in einem Athemzuge; die menschliche Kraft, t/T/ausende von armen Teufeln siechen bei der gleichen Arbeit dahin. – Vor meiner Abreise hat’s hier in Genf tüchtig geerdbebnetDie Presse berichtete über das Erdbeben vom 21./22.7.1881, dass sich „Donnerstags Abends 7 Uhr“ mit einem Erdstoß in Genf ankündigte, dem „zwei weitere Stöße [...] um Mitternacht und noch drei, und zwar ziemlich starke, um 2 Uhr 40 früh“ gefolgt waren [St. Galler-Zeitung, Jg. (51), Nr. 171, 25.7.1881, S. 688f.]., und mich hat der zweite Stoß ganz sachte über den Bettrand hinausgeworfen. Das war ein bli kitzliges Gefühl / so mitten in der Nacht. Bin dann von 3 Uhr an auf geblieben und habe mich an den Sündertisch der Dichtung gesetzt. Kannst dir denken, was für göttliche Erdbebenpoesie da herauskam. Ein paar Tage vorher brannte es im vis-a-vis(frz.) gegenüber, Gegenüber.. Das war auch wieder hübsch, wenn die rothen Flämmlein so liebkosend zu uns herüberzüngelten. Auf der Reise schlug der Blitz in den Bahnzug, den ich ein paar Minuten verlassen hatte. Ich kam wieder zu meinem hirneschwerenWortschöpfung, wohl ironisch im Sinne von: geistreich (mit viel Hirn). Schlußsatz: „Unkraut, | das verdirbet nimmer!dialektale Variante der Redewendung: Unkraut vergeht nicht.“ Sonst hätte mich der Teufel schon lange heruntergeschaufelt. Nun habe ich m/M/uth im Leibe und werde künftig tüchtig drauf los sündigen. – In deiner letzten Auseinandersetzungvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 10.7.1881. über die Liebe kommst du, obgleich du es nicht glaubst, meiner Meinung näher als je. Du sagst, daß bei der Liebe zwischen den verschiedenen Geschlechtern, noch ein thierisches Moment hinzukomme. Das gestehe ich zu, ohne zu erröthen, obgleich du mich vielleicht für Platonikervermutlich Schreibversehen, statt: einen Platoniker (oder: platonisch); hier im Sinn einer rein geistigen, asexuellen Liebe gemeint. hälstSchreibversehen, statt: hältst.. Mit jener Aussage aber gestehst z/D/u zu, daß es verschiedene „Arten“ von Liebe gibt. Warum sollte uns ein Kampf nicht möglich sein u gerade da ja der Mensch darauf aus geht, Alles thierische von sich zu werfen. Dies/s/es Eine wird ihm glücklicherweise nie gelingen. Aber erinnere dich, wie manches Drama hat den Kampf zwischen Mutter- & Geschlechtsliebe schon zum Objekt genommenGedacht haben dürfte Adolf Vögtlin an die vielen Dramen, die die tragische Geschichte des Ödipus, der seinen Vater Laios ermordete und seine Mutter Iokaste heiratete, zum Thema wählten, allen voran die griechische Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles.? Freilich trug die letztere den Sieg davon; aber das Gegentheil wird möglich und es macht den Menschen zum Gotte. Der thierische Trieb kann vom Geiste besiegt werden.

Lebe wohl! Dein
Adolphe

Adr. A. V. recrue d’infanterie(frz.) Rekrut der Infanterie; Adolf Vögtlin absolvierte die sechswöchige Rekrutenschule (4.8.-15.9.1881) für Infanterierekruten der I. Armeedivision in der Kaserne Genf [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 61, Nr. 15, 16.1.1881, Beilage, S. (5)]., IV. Compagnie
Caserne, Genève.


[Am linken Rand um 90 Grad gedreht auf Seite 4:]


Wenn du nach Solothurn gehstWedekind wollte an der Kantonsschule Solothurn seine Schullaufbahn fortsetzen. Eine Rippenfellentzündung im August 1881 verhinderte den Plan., wünsche ich zur Prüfung herzlich Glücke. Schönen Gruß von Pöldi. Wirst du dich vielleicht auf dem dortigen Bahnhof presentiren wenn wir durchreisen auf der Heimkehr? Es würde uns freuen!

Schreibe bald einen lieben Brief.


[Am linken Rand um 90 Grad gedreht auf Seite 1:]


Bin also von 3 August an in der Kaserne. Briefe brauchst du also nicht zu frankiren.

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 10. August 1881 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Vögtlin, Adolf

Schloß Lenzburg, VIII.1881.


Mein lieber Adolph!

Mit Schrecken bemerke ich soeben, daß mein Vorrat an Briefpapier vertilgt ist, und Du mußt daher entschuldigen, wenn ich im Vertrauen auf den felsenfesten Satz „Der Zweck heiligt das MittelRedewendung.“ mich mit diesem ungehobelten Format begnüge. Nimm nun meinen besten Dank für Deinen l. Briefvgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 30.7.1881. hin, und da ich Deine Gründe vollkommen begriffen, so entbinde ich Dich also, zwar nicht ohne Schmerzen, aber eben deswegen mit desto größerem Stolz für die nächsten 6 WochenAdolf Vögtlin besuchte die Rekrutenschule der Infanteriedevision in der Kaserne in Genf, die vom 4.8.-15.9.1881 dauerte [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 61, Nr. 15, 16.1.1881, Beilage, S. (5)]. der Verpflichtung, auf diesen Brief und etwa noch folgende, zu antworten. Mit großem Interesse las ich die Beschreibung der Naturwunder, denen Du auf Deiner Reise begegnet. Bei der Vergleichung zwischen einem natürlichen und einem künstlichen Tunnel und ihrer schnelleren und langsameren Bereitung ist mir aber doch auch die Vergleichung ihres Nutzens eingefallen, und wenn Du die hinfällige Menschennatur der Unzerstörbarkeit des Wassers gegenüberstellst, so wirst Du gewiß nicht mehr das Wunderbare eines Gotthard-TunnelsAm 29.2.1880 war nach 7 Jahren 5 Monaten Bauzeit der Durchstich für den 15 Kilometer langen Eisenbahntunnel, den damals längsten Tunnel der Welt, gelungen. Anfang 1882 sollte der provisorische Betrieb der Strecke beginnen, am 22.5.1882 fand die Eröffnungsfeier der Gotthardbahn statt. Europaweit berichtete die Presse über die Ereignisse. unterschätzen, besonders, da das Wasser doch wohl nur da durch die Erde dringt, wo schon eine Oeffnung bestand. |

Die Beschreibung des Erdbebensdas Erdbeben vom 21./22.7.1881, dass sich „Donnerstags Abends 7 Uhr“ mit einem Erdstoß in Genf ankündigte, dem „zwei weitere Stöße [...] um Mitternacht und noch drei, und zwar ziemlich starke, um 2 Uhr 40 früh“ gefolgt waren [St. Galler-Zeitung, Jg. (51), Nr. 171, 25.7.1881, S. 688f.]., welches Du erlebt hast, hat mich aufs tiefste erschüttert. Ich bin aber gewiß, daß mich seine Folgen, Deine Erdbeben-Poesien, wenn Du erlaubst, noch mehr erschüttern würden. Ich will nicht unbescheiden sein. – Aber offen gestanden, ich liebe die brausende, zügellose Leidenschaft, die Tumulte des Herzens, über alles, vielleicht gerade darum, weil sie mir am meisten abgehen.

Gegen Deinen süßen Trost in Bezug auf Deine Sicherheit: „Unkraut verdirbt nichtRedewendung.“ möchte ich aber dann doch in allem Ernste protestieren. Diesmal stehe ich als warnender Geist vor Deiner trüben Seele und möchte Dich bewahren vor der schrecklichen Selbstverachtung, denn ihre Folgen sind furchtbar und unabwendbar. Selbstmord folgt auf Selbstverachtung so gewiß, wie Schmerz auf Freude, wie Regen auf Sonnenschein.

Was nun unsere Diskussion über die Liebevgl. dazu auch Wedekind an Adolf Vögtlin, 10.7.1881. anbelangt, so muß ich endlich nach heldenmüthiger Vertheidigung meiner Meinung kapitulieren. Ich thue es mit Freude, da Du mir in diesen Anschauungen doch näher bist, als ich vermuthete. – Oder muß ich etwa für wahr halten, daß Du PessimistAnhänger des Pessimismus, einer der überzeugt ist, dass unsere Welt die schlechteste aller möglichen Welten sei. Der Pessimismus ist ein auf Arthur Schopenhauers Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung (1819)“ zurückgehender philosophischer Begriff, der in Eduard Hartmann „Die Philosophie des Unbewußten“ (1869) aufgegriffen sich in den 1880er Jahren zur Modephilosophie entwickelte. Wedekinds Auseinandersetzung mit dem Pessimismus geht, vermittelt durch die Hartmann-Schülerin Olga Plümacher (Wedekinds philosophische ‚Tante‘) und vermutlich den Hartmann-Schüler Karl Goswin Uphues (Wedekinds Deutschlehrer in der Kantonsschule Aarau von 4/1879 bis 12/1881), auf die Zeit zwischen Winter 1880/81 und Winter 1882/83 zurück, in der er zahlreiche weltschmerzlich und pessimistisch inspirierte Gedichte verfasste. Ironisch gebrochen erscheint die Thematik in Fridolin Wald, der Hauptfigur im Drama „Der Schnellmaler“ (1889) und der Figur des „Moritz“ in „Frühlings Erwachen“ (1891/1906) [vgl. KSA 1/I, S. 929-931 und KSA 5, S. 592f. und 836-838]. geworden bist? – Das würde mich allerdings am allermeisten freuen, denn meines Erachtens kann nur ein Pessimist wahrhaft glücklich sein, da er doch alle Hoffnung und alles ängstliche „Langen und Bangen“ verlernt hat. – Da ich nunmehr in unserem Liebesstreit kapituliert habe, so will ich Dir noch eine Hinterthür zeigen, durch welche ich mich hätte retirierenflüchten. können. Da du aber darauf nicht gefaßt warst und ich im Beginn des Kampfes selber nicht daran dachte, so habe ich keinen Gebrauch davon gemacht. – Nun höre aber, auf welche Weise ich aus | einem Christen ein ungläubiger Skeptiker wurde. Es sind nun bald zehn JahreAls Achtjähriger hatte Frank Wedekind seine Geburtsstadt Hannover verlassen und war mit seiner Familie in die Schweiz emigriert, wo er am 15.9.1872 ankam. her, als ich in Hannover einst auf der Straße einen Mann sah, der im Vorübergehen 1 Fr. in einen am Hause stehenden Opferstock warf, währenddem neben mir jemand zu seinem Begleiter sagte, indem er auf den braven Geber zeigte: „Der will auch ein Geschäft mit unserem Herrgott machen.“ Diese Worte habe ich nie vergessen und sie führten mich später im Verein mit vielen anderen Motiven auf die Ueberzeugung, daß der Mensch nichts thue ohne angemessene Belohnung, daß er keine andere Liebe kennt, als EgoismusDer für Wedekind signifikante Egoismus-Diskurs [vgl. KSA 2, S. 820, 839f.] durchzieht die gesamte Korrespondenz mit Adolf Vögtlin.. Denn abgesehen von aller Vergeltung hier oder im Jenseits, ist uns doch das Bewußtsein einer nützlichen Handlung, das Gewissen, eine sonst unerschwingliche Belohnung, die wir wohl zu berechnen und zu schätzen wissen. Wem aber das Gewissen nicht solche Belohnung gewähren kann, wer nicht den inneren Genuß von seinen Wohlthaten hat, der verübt auch keine. Wir sagen, er sein ein geiziger, gefühlloser Mensch. Was kann er dafür? – Ich brauche Dir wohl nicht zu erklären, da Geschlechts- und Freundesliebe von vornherein schon nur dem Egoismus entspringen, daß wir nur solchen Menschen, die uns nichts angehen, uneigennützig wohlthätig sein könnten, wäre nicht das Gewissen. – Ich weiß zwar sehr wohl, daß diese Anschauung schon im Alterthum aufgetaucht ist, ich bin aber trotzdem nicht imstande, mich von ihr zu trennen, wie auch noch niemand imstande war, sie mir zu widerlegen. Vom letzten Sonntagden 7.8.1881. bis heute, Mittwochden 10.8.1881., war Naturforschergesellschaft in Aaraudie Jahresversammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, die 1881 unter der Leitung des Geologen und Gymnasialprofessors Friedrich Mühlberg in Aarau stattfand. Mit nur 130 Mitgliedern (statt der erwarteten 200 bis 250) war die Tagung relativ schwach besucht.. Mein Papa war alle 4 TageAm Sonntag, den 7.8.1881, wurden „der Empfang der Gäste und die Sitzung der vorberathenden Kommission“ ausgerichtet sowie ein Kneipabend auf dem Aarauer Festplatz „Schanzmätteli“. Am zweiten Tag trugen anerkannte Wissenschaftler über Themen „verschiedenen Inhalts, aber von allgemeinem Interesse“ vor. Nachmittags gab es „einen Ausflug ins Bad Schinznach und auf die Habsburg“ und abends wiederum eine Zusammenkunft auf dem Schanzmätteli. Nach den Fachdiskussionen der Spezialisten, die am dritten Tag in Sektionen stattfanden, gab der Aarauer Cäcilienverein ein Konzert. Am letzten Tag der Jahresversammlung wurden Vereinsgeschäfte erledigt und noch einmal Vorträge für die interessierte Öffentlichkeit gehalten [vgl. Aargauische Nachrichten, Jg. 27, Nr. 162, 12.7.1881 (Programm) sowie die täglichen Berichte ebd., Nr. 185, 8.8.1881, Nr. 186, 9.8.1881 und Nr. 187, 10.8.1881]. dort, während Armin und ich nur ein KonzertDer Cäcilien-Verein Aarau (Männerchor, gemischer Chor und Orchester) veranstaltete das Konzert anläßlich „der Jahresversammlung der schweiz. naturforschenden Gesellschaft“ am Dienstag, 9.8.1881, um 17 Uhr „unter Mitwirkung des Stadtorchesters von Bern“. Gespielt wurde zunächst die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 (Pastorale) von Ludwig van Beethoven. Im II. Teil sangen Josef Burgmeier Händels „Arie für Bass aus Judas Maccabäus“, der Männerchor Eduard Köllners „Ave Maria“ (Opus 46), die Sopranistin Olga Schmuziger die Lieder „Ich hab’ im Traum geweinet“ (Text: Heinrich Heine), vertont vom Direktor des Cäcilienvereins Eusebius Käslin, sowie Theodor Kirchners Komposition „Was gibt doch der Sonne den herrlichsten Glanz“ (Text: Friedrich August Leo). Abschließend sang der Chor „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus Haydns „Schöpfung“ [vgl. Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 184, 6.8.1881, S. (3)]. und einen KneipabendÜber den Kneipabend am 7.8.1881 berichtete die Presse: Die im Laufe des Sonntags eingetroffenen Mitglieder der Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft „haben sich Abends auf dem heimeligen Schanzmätteli bei den Klängen der hiesigen Stadtmusik und bei einem guten Tropfen, der, wie wir vermuthen, eine chemische Analyse der Herren Naturforscher auch nicht zu fürchten hatte, zu einer geselligen Vereinigung, die schließlich zu einer gemüthlichen sich gestaltete, zusammengefunden“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 185, 8.8.1881, S. (2)]. mitmachten. Am 4. Tage brachte Papa | dann einen alten StudienfreundKarl Vogt, der mit Georg Büchner in den 1830er Jahren in Gießen Medizin und Chemie studierte, lernte den ein Jahr älteren Friedrich Wilhelm Wedekind womöglich erst 1846/47, lange nach der Studienzeit, während des gemeinsamen Aufenthalts in Paris kennen. 1848/49 begegneten sich die beiden Anhänger der Revolution erneut in Frankfurt, Friedrich Wilhelm Wedekind als politischer Beobachter und Korrespondent für die Deutsche Reichs-Zeitung Karl Vogt als Abgeordneter in der Deutschen Nationalversammlung. Karl Vogt floh im Mai 1849 in die Schweiz, der Freund war am 12.3.1849 in die USA emigriert [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 261f. und Günther Klaus Judel: Der Liebigschüler Carl Vogt als Wissenschaftler, Philosoph und Politiker. In: Giessener Universitätsblätter 37 (2004), S. 50-56]. mit zu uns aufs Schloß, Professor C. Vogt von Genf, den Du sicher auch kennstKarl Vogt lehrte als Professor für Paläontologie, Zoologie und vergleichende Anatomie an der Universität Genf, hatte dem Schweizer Nationalrat angehört und war Präsident des Genfer National-Instituts für Wissenschaft und Kunst., und der uns alle mit seinen urgelungenen Unterhaltungen aufs beste amüsierte. Gegenwärtig sind in Solothurn FerienDie vierwöchigen Sommerferien an der Kantonsschule Solothurn hatten Anfang August 1881 begonnen: „Das Schuljahr [...] der Kantonsschule geht dem Ende entgegen.“ [Der Bund, Jg. 32, Nr. 211, 2.8.1881, S. (3f.)]. Sie dürften bis etwa 30.8.1881 angedauert haben.; wenn diese vorüber sind, werde ich mich dorthin begeben, um endlich das Gymnasium zu überwinden, nachdem ich nun ein Viertel JahrNachdem Frank Wedekind im April 1881 nicht in die III. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau versetzt worden war, hatte er das I. Quartal des Schuljahres 1881/82 auf Schloss Lenzburg Privatunterricht erhalten. lang neue Lebenskraft geschöpft habe. Mein Frater(lat.) Bruder, gemeint war Armin Wedekind, der ehemalige Mitschüler Adolf Vögtlins, der an der Universität (ETH) in Zürich studierte und bis zum 20.9.1881 Semesterferien hatte. hat nun auch Ferien und läßt Dich herzlich grüßen. Nun ist mein Brief zu Ende. Ich frankiere ihn nicht, werde aber mich bestreben, in 14 Tagen einen zweiten nachzuschicken, wenn Du es erlaubst. Lebe jetzt recht wohl und streng Dich nicht zu sehr an in Deinem schwierigen Dienst, grüße mir Pöldi und SchiblerLeopold Frölich und Wilhelm Schibler, die beiden ehemaligen Mitschüler Adolf Vögtlins an der Kantonsschule Aarau und jetzigen Kommilitonen an der Universität Genf. aufs Beste, vor allem aber Dich selbst von Deinem treuen Freunde
Franklin Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Brugg, 23. September 1881 (Freitag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Brugg den 23. Sept 81.


Mein lieber Franklin!

Du siehst, daß ich die Musenstadt Genf verlassen, daß ich von RousseauDer Schriftsteller, Musiker, Philosoph und Pädagoge Jean Jacques Rousseau ist in Genf geboren und aufgewachsen und war Bürger der Genfer Republik. u CalvinDer Reformator Johannes Calvin lebte seit 1536 in Genf, wo er 1564 starb. Abschied genommen, vielleicht auf Wiedersehen. Wie mich dein BriefWedekind an Adolf Vögtlin, 10.8.1881. im Staatsformateidgenössisches Folio- oder Kanzleiformat (22 x 35 cm). gefreut, kannst Du Dir denken. So ganz in sich selbst, in philosophische Träumereien versunken, plötzlich durch einen zündenden Gedanken wieder aufgeschreckt zu werden, thut mir gut. Ich bekam ihn gerade zur Mittagszeit. Da hatte ich MußeAdolf Vögtlin dürfte während seiner sechswöchigen Rekrutenzeit in der Kaserne von Genf (bis zum 15.9.1881) wenig Freizeit gehabt haben., zu lesen. Bevor ich jedoch weiter auf jene Zeilen, eingehe, muß ich dich fragen, ob Du wieder auf deinen Knochen herumbummeln könnest. SchmidtCarl Schmidt, der die IV. Klasse des Gymnasiums der Kantonsschule Aarau besuchte, war sowohl mit Wedekind als auch mit Adolf Vögtlin, der wie Carl Schmidt in Brugg aufgewachsen war, befreundet. hat mir nämlich mitgetheilt, du seiest ernstlich erkrankt gewesen. Was hat dich ins | Bett gelegt? Vielleicht die Faulheit selbst, die Mutter aller Laster & Krankheiten? Vielleicht neue Liebesqualen? Doch nein! Du bist ja über diesen Schwindel erhaben. Du hast dich aus diesem Erdendunst zum Aetherthron der Wahrheit emporgeschwungen. Theile mir also sofort mit, wie du dich befindest & woran du krank gelegenWedekind, der sich Mitte August eine Rippenfellentzündung zugezogen hatte, musste 5 Wochen das Bett hüten [vgl. auch Wedekind an Oskar Schibler, 14.9.1881]. hast.

Ich meinerseits fühle mich heute gesunder, kräftiger als je. Der Militärdienst hat mir gut zugeschlagen. Ich habe auch neue Freundschaften geschlossen, derer ich mich freuen darf,. Kameradschaft geschlossen mit unsern Brüdern im Welschlande(schweiz.) die französischsprachige Schweiz.. Sie haben mich wider Erwarten zuvorkommend aufgenommen und sie, ihrerseits, fanden mich nicht so ungehobelt, wie man die deutschen Bauernsöhne sich das vorzustellen gewohnt ist. | Alle nahmen herzlich, ich möchte fast sagen, gerührt von mir Abschied. – Nun bin ich zum Avancement(frz.) Beförderung. vorgeschlagen worden u trete wahrscheinlich in die Ende Oktober in Aarau beginnende Aspiranten-SchuleOffizierschule der Schweizer Armee. Der Kurs für die Infanterie dauerte vom 15.10.1881 bis zum 25.11.1881 [vgl. Neue Zürcher Zeitung, Jg. 61, Nr. 15, 16.1.1881, Beilage zu Nr. 15, S. (5)]. ein. Bis dahin nehme ich noch Ferien; nachher verreise ich höchst wahrscheinlich wieder nach Genf, um die Franz. Sprache mir gründlich anzueignen.

Während der Ferien komm ich einmal, Besuches wegen, nach Lenzburg und wenn du dann noch zu HauseWedekind hatte die in Aarau abgebrochene gymnasiale Laufbahn an der Kantonsschule Solothurn fortsetzen wollen. Seine Erkrankung vereitelte den Plan. sein solltest, so hoffe ich, dich zur einem Rendez-vous(frz.) Verabredung., zu einem gemüthlichen Schoppenälteres Hohlmaß, in der Schweiz etwa 0,3 bis 0,5 Liter. 1877 von der Einheit Liter ersetzt, blieb der Begriff in der Umgangssprache geläufig. einladen zu dürfen. Diese Zusammenkunft kann uns vielleicht auf ferne Jahre hinaus verbinden, auch wenn uns Länder u Meere trennen. (Ich hoffe nächstes Jahr in EnglandAdolf Vögtlin studierte im Frühjahr 1882 in England und erhielt nach dem Masterabschluss (Ende Mai 1882) eine Anstellung in Burnemouth [vgl. Carl Schmidt an Wedekind, 4.6.1882]. mich aufzuhalten). Nächste Woche gehe ich nach Baden. | Wenn du schreibst, so adressire: )R A. V. pr. Adr. Frauen Wwe. Keller-VögtlinAnna Sophie Keller-Vögtlin, die ältere Schwester Adolf Vögtlins., Vorstadt, Baden. Ich bleibe dort bis Ende Mitte Oktober.

Nun noch schnell eine kleine Bemerkung zu Deinem letzten BriefeWedekind an Adolf Vögtlin, 10.8.1881.. „Der Mensch kennt keine andere Liebe als den Egoismus.“ Du gehst so weit, die Liebesdienste gegen das Gewissen, als EgoismusDer für Wedekind signifikante Egoismus-Diskurs [vgl. KSA 2, S. 820, 839f.] durchzieht die gesamte Korrespondenz mit Adolf Vögtlin. zu erklären. Das Christenthum hält als Rächerin für Verbrechen, als Straferin vernachlässigter Wohlthaten das Gewissen im Hintergrund. Man soll sein Gewissen immer zu beruhigen suchen. Dann kannst du glücklich sein. Man sollte sein Glück nicht suchen dürfen? Der Glückliche ist Egoist? Derjenige, der sich glücklich fühlt dadurch, daß er seine Mitmenschen glücklich gemacht hat, sollte Egoist sein? |

Endlich –: Sind Gewissen, Glück und Gott nicht Eines? Also wer seinen Gott zu befriedigen sucht, wer lebt nach dem „Willen des Herrn“, huldigt dem Egoismus? Egoismus, ein Wort, das in sich selbst zusammenfällt, wenn man seinen Begriff so weit, so ins Unendliche ausdehnen will, /–/ ein abscheuliches, fades, nichtsagendesSchreibversehen, statt: nichtssagendes. Wort!

Du mußt bestimmt den Begriff des Egoismus einschränken. Du darfts/st/ ihn nicht aus das anwenden, was den Menschen den Göttern nähert. Eine StaattseinrichtungSchreibversehen, statt: Staatseinrichtung. kann egoistisch sein, der Mensch im Allgemeinen darf nicht Egoist genannt werden. Wer eine Wohlthat thut, um sein Gewissen frei u frankRedensart ‚frank und frei‘ für: offen und ehrlich. zu halten, ist nicht Egoist. Er handelt dabei nicht eigenmächtig. Das Gewissen befiehlt ihm die Handlung: | Er muß.

Zum Ende: Wie viele tausende von schönen Handlungen vollziehen sich nicht h/t/äglich, möchte ich fast sagen?, ohne daß die Handelnden auch nur einen Gedanken an innere Befriedigung dächten? Im Kleinen: Denke an Rettungen bei Feuersbrünsten, bei Wassersnöthen, im Kriege, wo die Gefahr nicht einmal den Gedanken erlaubt, wo die That sich aus „Instinkt“ vollzieht, wo die Noth drängt! Wer möchte da von Gewissensberuhigung sprechen? Wer möchte an Egoismus denken. Es ist das Menschliche, das die Menschen aneinander kettet, das sie zwingt, sich zu helfen, wo u wann Noth ist. Ich könnte dir Beispiele aufzählen, von Wohlthaten, bei denen zur Ausführung nicht Zeit vor|handen war, noch an Gewissensbisse der Zukunft, noch an Ehre u Ruhm, noch an irgendwelchen ein inneres Vergnügen zu denken, bei denen nur Zeit w/da/ war, Gedanken zur Vollbringung zu fassen.

Wohl kann Egoismus die Welt beherrschen, die Menschen beherrscht er nicht.

Solltest duwiederaufgehobene Streichung. es dennoch finden, dann müßtest du ihn noch qualifiziren.

Diese paar Worte mögen dich zu neuem Nachdenken anregen. Sobald ich meine alte Definition von Egoismus wieder in meinem Kürbis zurecht gestellt habe, mußt du sie haben.

Grüße mir Deinen Bruder herzlich u empfange Du meinen wärmsten Handschlag.
Dein Kasp. A. Vögtlin. |


Und wenn es doch so wäre? Wenn dem eignen Selbst
Zu dienen nur die Erde Du uns schenktest,
Warum schufst du der Selbstlerwesen zweie?
Und gabst verschiedene Gestalten beiden?
Gabst diesem voll, wornach das a/A/ndere lechzte
Und süße Stillung b/B/eiden, damit sie sie,
Wenn Schmerz das Eine dünkte, zart verschenkten? |

Einzelstellenkommentare

Lenzburg, 24. September 1881 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Vögtlin, Adolf

Lenzburg, IX.1881.


Lieber Freund!

Du kannst Dir leicht denken, welche Ueberraschung Dein lieber BriefAdolf Vögtlin an Wedekind, 23.9.1881. in meiner herbstlich-trübenDie Zeitungen meldeten noch für den 23.9.1881 eine „Fortdauer des unbeständigen Wetters mit zweitweisen Regenschauern“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 27, Nr. 225, 23.9.1881, S. (3)], ab dem 24.9.1881 wurde eine „[a]llmälige Aufheiterung mit zunehmender Temperatur“ angekündigt [ebd., Nr. 226, 24.9.1881, S. (3)], die sich in den folgenden Tagen stabilisierte [vgl. ebd., Nr. 228, 27.9.1881, S. (3)]. Einsamkeit hervorgebracht hat. Ich will mich nun auch bemühen, ausführlich auf Dein Schreiben zu antworten, was mir umso leichter wird, da Freundschaft und das Feuer der Ueberzeugung meine Feder begeistern. Meine Gesundheit ist, Dank der lieben Pflege meiner Eltern und Geschwister, leidlich wiederhergestellt; ich litt nämlich an einer akuten Rippenfellentzündung, die mich 5 Wochenetwa zwischen 17.8.1881 und 21.9.1881. Spätestens am 18.8.1881 ‒ einen Tag für den Postweg von Lenzburg nach Aarau gerechnet – hatte Armin Wedekind Oskar Schibler von der Erkrankung unterrichtet, wie aus dessen Antwort hervorgeht: „Du wirst begreifen, dass mich deine in aller Kürze abgefasste Karte sehr erschreckt hat. Ich bitte dich desshalb mir so bald als möglich eine genauere u bestimmte Beschreibung von Franklins Zustand zukommen zu lassen. Denn ich könnte nicht ruhig sein wenn ich meinen Franklin in wirklich ernster Gefahr schwebend wüsste.“ [Oskar Schibler an Armin Wedekind, 19.8.1881 in: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia. Nachlass Frank Wedekind. FW B 156] lang ans Bett fesselte. Nun bin ich wieder auferstanden und sehne mich nach dem Augenblick, mit Dir, l. Freund, zusammenzukommen. Näch|sten Freitagder 30.9.1881. ist Maturitätswixein festlicher Umtrunk (Kommers), den die Abiturienten der Gewerbeschule am Abend der Zeugnisübergabe mit den anderen Schülern der Kantonsschule Aarau feierten. in Aarau. Es wäre nun möglich, daß Du mich schon dort, im Fall das Wetter schön ist, treffen würdest, da ich voraussetze, Du werdest diesen Moment nicht versäumen, die alma mater(lat.) die segensreiche=nährende Mutter; Synonym für die höhere Schule oder Universität, hier die Kantonsschule Aarau. wieder einmal zu besuchen.

Deine welsche(schweiz.) die französischsprachigen Schweizer. Kameradschaft hat mich nach einiger, bald überwundener Eifersucht herzlich gefreut, wie auch Dein beneidenswerthes Glück im MilitärdienstVögtlin war zur Beförderung (Avancement) vorgeschlagen worden.. Nun muß ich aber notwendig wieder auf meinen Egoismus zurückkommenDer für Wedekind signifikante Egoismus-Diskurs [vgl. KSA 2, S. 820, 839f.] durchzieht die Korrespondenz mit Adolf Vögtlin. auf die Gefahr hin, dir dadurch langweilig zu werden, aber du darfst nicht glauben, daß ich nicht für meine Worte stehe, solange sie noch zu verteidigen sind.

Wie Du recht vermutet hast, so habe ich mich allerdings in meinem letzten BriefeWedekind an Adolf Vögtlin, 10.8.1881. unklar ausgedrückt und unsere Begriffe stimmen auch nicht so ganz überein. Aber ungeachtet dessen, daß unsere Ideen über Mensch und Gott himmelweit auseinandergehen, will ich es mit Deiner Erlaubnis jetzt noch einmal versuchen, Dich von der Richtigkeit meiner Anschauung zu überzeugen. – Zuerst über Gewissen und Gefühl: Du sagst in Betreff einer Handlung gemäß der Gewissensvorschrift: „Er handelt dabei nicht eigenmächtig; das Gewissen befiehlt ihm die Handlung: er muß“. Nun sagt aber Lessing: „Kein Mensch muß müssenZitat aus Lessings „Nathan der Weise“ (1779) I/3.“. Schiller sagt: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei.Zitat aus Schillers Gedicht „Die Worte des Glaubens“ (1797).“ Und ich habe schon so häufig die Vorschriften des Gewissens übertreten, daß ich Dir versichern kann, daß hier von einem Müssen nicht die Rede ist. Nun höre aber meine Idee darüber. Bei näherer Untersuchung fand ich keinen wesentlichen Unterschied zwischen Gefühl und Gewissen, wie man auch letzteres oft das Pflichtgefühl nennt. Da nun aber Gewissen und Gefühl bei den ver|schiedenen Völkern, bei verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten so ganz verschieden sind*Fußnote, im Druck mit Asteriskos (*) am Seitenende, hier am Ende des Briefes eingefügt., so zweifelte ich, zumal ich ohnehin schon längst Atheist bin, an ihrem göttlichen Ursprung, und leitete sie vielmehr aus der Erziehung und dem Umgang mit Menschen überhaupt ab. Mein Atheismus mag Dich nun allerdings frappieren. Aber ich kann Dich versichern, daß erst treffende Gründe ihn mir aufgedrungen haben. Nun wieder zum Egoismus zurück! Du klagst schon über den Ausdruck, wie fade und nichtssagend er sei. Wenn ich Dir nun aber beweise, daß alle schönen, großen Thaten aus Egoismus entspringen, so fällt diese Klage weg. Denken wir uns nun eine Feuersbrunst, wo viele Menschen unter eigener Lebensgefahr ihre Mitmenschen retten. Gläubige Christen, die unter den Rettern sind, helfen in Aussicht auf einstige Belohnung im Himmelreich, denn: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangenZitat aus Matthäus 5,7.“. (Egoismus) Du sagst, es gäbe auch solche, die gar nicht nachdenken, sondern „aus Instinkt“ helfen. Abgesehen davon, daß ich an der Anwesenheit des Instinktes bei reiferen Menschen zweifle, ist eine That aus Instinkt dem Thäter doch in keiner Weise anzurechnen. Ich nehme nun aber an, daß die meisten der Retter aus wahrem Mitleid retten. Ist nun dieses Mitleid schwach, so magst Du es einfach Gefühl nennen, tritt es dagegen stark auf, so wird es dringender, es wird zum Pflichtgefühl, zum „Gewissen“. Immerhin | ist dies Mitleid dem Retter noch in keiner Weise als lobens- oder tadelnswert anzurechnen. Es ist ein Leiden, das unwillkürlich im Menschen entsteht, sobald ihm ein fremdes Leiden kund wird. Weißt Du nun noch einen andern Grund, außer dem Mitleid, der die Retter zu der edlen Handlung bewegt? – Ich weiß keinen. Wenn aber der Mensch ein Leiden spürt, so ist sein erster Gedanke, dasselbe zu beseitigen, weil er sich selbst liebt. So beseitigen die Retter ihr Mitleid, denn es wüchse sonst mit jedem Augenblick. Ist das nicht Egoismus? – Was? – Aber, zu was wird hier der Egoismus? Zur Stütze der menschlichen Gesellschaft, zur Quelle aller schönen Thaten. Vielleicht bist Du, von diesem Beweise überzeugt, vielleicht auch nicht. Ich hoffe das erstere. Immerhin wirst Du aber sagen, daß auf diese Weise jede Moral umgestoßen sei. Ich aber behaupte das Gegentheil:

Der Mensch kommt mit mancherlei Gaben auf die Welt. Schon bei kleinen Kindern bemerkt man, daß das Eine gerne, das Andere ungern gibt, daß das Eine barmherzig, das andere gefühllos ist. Niemand macht den Kindern daraus einen Vorwurf oder ein Verdienst. Man sucht ihnen höchstens dies abzugewöhnen, jenes beizubringen. In vielen Fällen bleibt aber auch die Erfüllung dieser Pflicht aus und die Anlagen entwickeln sich ungestört. Bis jetzt sind die Kinder noch unverantwortlich. Bald treten sie aber als Glieder der Menschengesellschaft ins Leben hinaus und da heißt es gleich: Der ist gut, Jener schlecht; Der freigebig, Jener geizig. Die Schlechten und Geizigen werden zu Egoisten qualifizirt und der Haß und Fluch der Welt lastet auf ihnen. Fragen wir nun, welche glücklicher sind, die Gehaßten oder die Geliebten? Ich denke | doch, die letzteren genießen ein schöneres Dasein. – – Unwürdige Menschheit, wo bleibt Dein Verstand? Einen Blindgeborenen bemitleidest Du seines körperlichen Gebrechens wegen und den Geizhals verdammst Du wegen eines geistigen! Ist das Deine Barmherzigkeit, Deine Nächstenliebe? – Jene Unglücklichen scheltet Ihr Egoisten! – Seid Ihr besser als sie, Ihr Heiligen unter den Menschen? – Laßt Euch den Schafspelz ausklopfen, und überall kommen die gleichen, egoistischen Wölfe heraus!! Nun wage mir noch einer, einen Stein zu werfenin Anlehnung an Johannes 8,7: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ auf seinen armen Bruder, der unvollkommener als er auf die Welt gekommen ist, ich will ihm heimzünden.

Altervon Wedekind verwendeter Aliasname Adolf Vögtlins, vermutlich auch dessen Biername., vergib mir meine schulmeisterliche Begeisterung, aber sie spricht für meine Ueberzeugung. Wenn Du fragst, wie ich auf diese Egoismustheorie gekommen sei, so lautet meine Antwort: Durch den Ausdruck „OpferfreudigkeitIn der Szene I/5 von „Frühlings Erwachen“ (1891) ist der Begriff „Opfer-Freudigkeit“ [KSA 2, S. 275] im Dialog zwischen Melchior und Wendla als einer der Schlüsselbegriffe in der Diskussion um Egoismus und Altruismus hervorgehoben [vgl. KSA 2, S. 839f.].“. Ich weiß zwar, daß ich dadurch, daß ich den Auswurf der Menschheit in Schutz nehme, Deine idealen Vorstellungen von Mensch und Gott verletze, aber ich kann nicht anders. Schreibe mir nun recht bald wieder, wie Du meine Ansichten aufgenommen, und im Fall Du oder ich oder wir Beide nicht nach Aarau gehen, wann mir das Vergnügen, Dich wiederzusehen, in Lenzburg zutheil werden soll. Mein Bruder läßt Dich herzlich grüßen. Er war letzte Woche in Aarau zu Besuch bei Philistershier die Familie Rauchenstein. Der Begriff ‚Philister‘ ist mehrdeutig, einerseits pejorativ für ‚Spießbürger‘, andererseits in der Schüler- und Studentensprache Bezeichnung für die Ehemaligen der Schüler- und Studentenverbindungen.. Nun ade, Gruß an Pöldi, etc.

Dein treuer Freund
Franklin Wedekind.


Dies martialische Briefformatdas eidgenössische Folio- oder Kanzleiformat (22 x 35 cm). läßt wiederum um Verzeihung bitten.


[Fußnote zum Asteriskos auf Seite 32:]


*Bei uns spricht das Gewissen gegen jede Rache; den Corsicanern gebietet es dieselbe. Deinen Verwandten wäre es gewiss höchst unangenehm, wenn Du für einen Monarchen Dein Leben aufgibst. Eine deutsche Mutter würde unter solchen Umständen jubeln und Gott danken. Dies als Beispiele für obige Behauptung.

Einzelstellenkommentare

Baden, 30. September 1881 (Freitag)
von Vögtlin, Adolf
an Wedekind, Frank

Baden den 30. Sept. 81.


Mein lieber Freund!

Atomen gleich zerstäuben die Gedanken im weiten, nebelhaften Geisterraum; a/A/tomen gleich in unsehbare Schranken zwängt Ein Gedanke sie in leichtem Traum: Ein Sonnenstrahl.

Wir glaubten uns unendlich weit auseinander in unsern Ideen und waren uns so unendlich nah, daß wir unsere Nähe nicht fühlten. Wir fühlten uns nicht, weil wir Eins waren. Ich habe nun deine Hauptanschauung und Erklärung dessen, was d/D/u unter EgoismusDer für Wedekind signifikante Egoismus-Diskurs [vgl. KSA 2, S. 820, 839f.] durchzieht die Korrespondenz mit Adolf Vögtlin. verstehst vollkommen begriffen und könnte sie billigen, wenn ich wollte. Deine Auseinandersetzung habe ich mitgefühlt; sie hat mich begeistert und ich verstehe dich. Wenn du das unter Egois/s/mus verstehst, dann will ich gerne Eigenliebler sein, dann ich will ich die ganze Menschheit für Egoisten gelten lassen. „Die Eigenliebe ist die Stütze der menschlichen Gesellschaft, die Quelle aller schönen Thaten“; so sprichst du dich ausvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 24.9.1881.. Gut! aber warum dann, lieber Franklin, hast du nöthig darüber zu schimpfen, die Menschen als Egoisten auszuhudelnauszuschimpfen., dich verächtlich darüber auszudrücken, wenn doch der | Egoismus die Triebfeder zu allen vornehmen Thaten ist? Sollen diese verbannt sein aus dem menschlichen Zusammenleben? Es soll sich kein Wesen vor dem andern hervorthun, jedes Ich dem andern gleich werden? mit einem Wort: Der Sozialismus soll über die Menschheit seiner/e/n Schlummertrank, sein vergiftendes, entkräftendes Morphium ausgießen. Wir sollen uns selbst, wir sollen das Ich nicht mehr, nur unsern Nächsten liebenDiskussion um die Auslegung des Gebots: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ (Levitikus (3. Buch Moses) 19,18)? Jeder soll seine Liebe verschenken an seinen Bruder. Keiner ist ja lieblos! Ja! aber dem Einen gab Gott die Liebe zur Kunst, dem a/A/ndern zum Fleisch, dem Dritten Barmherzigkeit gegen Mensch u Thier, wenn ich mich so naiv ausdrücken darf. Und es war gut so. Hätte er Alle in gleicher Weise und in gleichem Maße beschenkt – das würde sauber herausgekommen sein! Sollte er darum „parteiisch“ genannte werden dürfen? Ich glaube nein! Gründe dafür kannst Du dir selber in Genüge aufzählen. = Kurz: Du hast das Wort Egoismus verfolgt u vertheidigt bis in die Tiefen hinab, wo wir eigentlich keinen Egoismus mehr finden, nachdem du vorher den Menschen als Egoist vertheidigt verdammt hast/tt/est. Gründlich hast du dabei gedacht u haarscharf; aber du hast damit deinen Pessismismus verdammt.

Der Mensch liebt sich selbst. Er kennt keine andere Liebe. Ich frage dich, warum? Ist er daran Schuld, daß er sich selbst liebt? Du wirst gestehen müssen:, n/N/ein! Folglich darfst du ihn des | Egoismus beschuldigen, darfst du ihn gering achten? Ich glaube wiederum: „Nein!“ Hier, an dieser Grenze des Denkens, wo der Geber Gott die Unendlichkeit eintreten läßt, wo der Ursprung u das Ende des Menschengeschlechtes zusammenfällt, fällt auch Deine An/Be/schuldigung in Nichts zusammen. Glaube du nun, der Mensch sei Egoist; ich möchte ihn hier anders betitelt wissen, oder dann den Ausdruck „Egoismus“ nicht auf kleinliche Sachen angewendet wissen; oder endlich: er ist dann anzuwenden, wenn den er absolut nichts Vorwürfiges bedeuten soll.

Ich gehe nun mit dir so weit, den Menschen als Egoisten an zu erkennen; aber ich verachte diesen Egoismus nicht. Ich könnte dir auch leicht beweisen, daß er nicht einmal dies ist, daß er nicht sich selbst liebt – doch wir kömmen auf die Untersuchungen über die Gottheit. Du brauchst nicht zu wissen, was ich Gott nenne, bis ich des Begriffs ganz klar bin. Ich bin vielleicht klar; aber ich wage es nicht, das Gefühl & die Gedanken auszusprechen. Ich behalte meinen Gott in furchtbarem „Egoismus“ und theile das Vergnügen in Gott nicht einmal mit meinem liebsten Bruder, nicht mit meiner Geliebten, nicht mit dir, lieber Franklin. Der Geiz stößt m/d/einem Gewissen die Riegel. Ich gebe das Glück nicht heraus, weil .... weil es für einen Andern ein Unglück sein könnte.

Ich hoffe übrigens<,> mit dir mündlich über das Verhandelte noch | einmal sprechen zu können. Ich ersehne den Moment, da wir allein unsere Gedanken in traulicher Rede auseinandersetzen; unsere Gefühle austauschen können.

Ich möchte Dich noch auf zwei Aussprüche unse/zweier unserer Denkherren aufmerksam machen, die du das letzte Mal citirtin Wedekind an Adolf Vögtlin, 24.9.1881. hast: „Kein Mensch muß müssen.Zitat aus Lessings „Nathan der Weise“ I/3 (1779).“ Du hast Lessing mißverstanden oder gar nicht. Denke noch einmal darüber nach, bevor du mein „Er muß“Zitat aus Vögtlins letztem Brief [vgl. Adolf Vögtlin an Wedekind, 23.9.1881]. be/ve/rurtheilst. „Ich habe schon so häufig die Vorschriften meines Gewissens übertreten“, sagst Du: Was hat dich dazu bewogen? Du mußtest den Lockungen folgen, du konntest nicht anders.

Schiller: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist freiZitat aus Schillers Gedicht „Die Worte des Glaubens“ (1797).“; ja! wenn ...!.*

* Hierüber werde ich dir einst ein Sonettein Gedicht, das in der italienischen Grundform aus 2 Vierzeilern (Quartetten) und 2 Dreizeilern (Terzetten) mit je elfsilbigen Versen besteht. – Das angekündigte Sonett ist nicht ermittelt. schicken!

Lebe nun wohl, lieber Franklin! Dein letzter Briefvgl. Wedekind an Adolf Vögtlin, 24.9.1881. hat mich gefreut u gehoben wie noch keiner dieser Art. Ich danke dir u hoffe, daß, wenn unsere Anschauungen auseinander gehen sollten, doch das Streben nach Wahrheit, die Pflege edler Freundschaft uns für das Zeitliche verbinden wird. Sollten wir uns auch in den Meinungen als GegenfüßlerAntipoden, „die Bewohner zweier einander diametral gegenüberstehender Orte der Erde. Ihre Füße sind einander zugekehrt; sie haben um 180° verschiedene Länge, entgegengesetzte Breite, Tages- und Jahreszeiten“ [Meyers Konversationslexikon 1905-1909, Bd. 1, S. 586]. oder besser als Extreme herausstellen, so thut das nichts zur Sache.

Les extrèmes se touchent.(frz.) Die Extreme berühren sich. Sprichwörtliche Redensart.

In unverbrüchlicher Treue
Dein
Kasp Ad Voegtlin.


Gute BesserungWedekind erholte sich von einer Rippenfellentzündung, mit der er 5 Wochen krank im Bett gelegen hatte. u fröhlichen Herbst!

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