Briefwechsel

Wedekind, Frank und Rickelt, Julia

11 Dokumente

Berlin, 26. August 1897 (Donnerstag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin 26/8.97Wedekind hat den Brief vom 26.8.1897 in einem Entwurf zum 9. Auftritt des Einakters „Der Kammersänger“ als Quelle für einen Monolog Helene Marowas genutzt, auf dem er „Scene mit J.R.“ sowie „Aussprüche von J.R.“ notierte; einige davon sind dem vorliegenden Brief entnommen: „‚Ich [...] komme vor Sehnsucht um.‘ – ‚G. wird mißtrauisch [...]‘ – ‚Du mein Alles.‘“ [KSA 4, S. 331].


Lieber, lieber Frank!

Ich kann nicht anders, muss Dir so schreiben, komme vor SehnsuchtWedekind, der mit Julia Rickelt (geb. Woelfle), seit dem 21.5.1891 verheiratet mit Gustav Rickelt [vgl. Wer ist’s? 1911, S. 1177], dem mit Wedekind befreundeten Schauspieler und Regisseur am Berliner Residenztheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 285], ein heimliches Liebesverhältnis hatte, ist am 17.8.1897 aufgrund des möglichen Skandals, der wegen dieser Affäre drohte, am 17.8.1897 von Berlin nach Dresden umgezogen [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 23.8.1897]. Kennengelernt hat er die junge Polin 1890 in München, Gustav Rickelt machte sie „mit Wedekind, Scharf, Rudinoff bekannt“ [Rickelt 1930, S. 167]. Die Liebesaffäre dürfte in Berlin begonnen haben, wo Julia Rickelt mit ihrem Mann wohnte (Lessingstraße 54) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 1084]. um. Wann kommst Du? Schreibe mir doch bitte p.A. Magdeburger Str.Bei der Deckadresse handelte es sich offenbar um die Redaktion der „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, deren Chefredakteur ein befreundeter Schriftsteller war: „Verleger und verantwortlicher Redakteur: Ludwig Scharf, Magdeburgerstr. 13.“ [Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Jg. 7, Nr. 34, 21.8.1897, S. 272] Die Magdeburger Straße 13 war zugleich der Sitz des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, dessen Vorsitzender wiederum Gustav Rickelt war [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil II, S. 155]. Julia Rickelt nennt in einem anderen Brief einen gewissen „S.“ [Julia Rickelt an Wedekind, 1.9.1897] als Kontaktperson ‒ Ludwig Scharf. Gustav Rickelt erzählte später von Ludwig Scharfs Antritt der Redakteursstelle; der Freund sei Ende 1896 nach Berlin gekommen, habe so schnell keine Wohnung gefunden, und so „hausten in meiner Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Lessingstraße: Ich, meine Frau und Tochter, Wedekind und Scharf mit Frau und zwei Kindern.“ [Rickelt 1930, S. 244] Es geht wirklich nicht, dass wir so gleichgiltig an uns denken sollen, wenigstens ich nicht. Wenn Du also kannst, so komme doch so bald als möglich, und/b/edingt vor dem 1ten. G. will auf drei Tage 1te 2te 3te in den | Harz mit mir. Du könntest eventuell dann kommen, ich wäre untröstlich, vielleicht lässt aber sich’s aber einrichten, dass Du mitkommst. Ich kämpfe vergebens, um mich zu beruhigen G. wird misstrauisch, vielleichSchreibversehen, statt: vielleicht. geht es besser, wenn ich Dich mal wiedersl/e/he. Bitte bitte schreibe mir wenigstens Du mein Alles. Mit voller Liebe immer
Die Deinige.

Einzelstellenkommentare

Dresden, 29. August 1897 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Rickelt, Julia

[Hinweis in Julia Rickelts Brief an Wedekind vom 1.9.1897 aus Berlin:]


Gestern [...] habe mir Deinen Brief geholt [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 1. September 1897 (Mittwoch)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin 1/9.97Wedekind hat den Brief vom 1.9.1897 in einem Entwurf zum 9. Auftritt des Einakters „Der Kammersänger“ als Quelle für einen Monolog Helene Marowas genutzt, auf dem er „Scene mit J.R.“ sowie „Aussprüche von J.R.“ notierte; einige davon sind dem vorliegenden Brief entnommen: „‚Die abenteuerlichsten Gedanken kommen mir[...]‘ – ‚[...] ich unterhalte mich im Geiste den ganzen Tag mit Dir.‘ – ‚Du mein Alles [...]‘ – ‚Ich empfinde bei einer Berührung mit G. gar nichts [...]‘“ [KSA 4, S. 331].


Mein lieber, einziger Frank!

Gestern war ich bei S.bei Ludwig Scharf, der die Deckadresse für die geheime Korrespondenz Wedekinds mit Julia Rickelt bot (siehe unten). habe mir Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Julia Rickelt, 29.8.1897. geholt, wie glücklich bin ich, dass d/D/u mich noch nicht vergessen hast. Immer und immer muss ich an Dich denken und die abendteuerlichstenSchreibversehen, statt: abenteuerlichsten. Gedanken kommen mir, wie ich wenigstens auf ein paar Stunden mit Dir zusammen sein könnte. Mit der HarzreiseGustav Rickelt hatte zunächst geplant, vom 1. bis 3.9.1897 mit seiner Frau in den Harz zu fahren [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 26.8.1897]. ist es nun nichts, ich habe zu wenig Opposition dagegen gemacht und so ver|lief die Sache von selbst, jetzt denkt G. mit M* nicht identifiziert. nach den WaldeckschenGustav Rickelts Verwandtschaft väterlicherseits stammte aus dem Waldecker Land; sein Großvater und ein Onkel waren dort Oberförster und er verbrachte schon als Kind und als junger Schauspieler dort die Ferien [vgl. Rickelt 1930, S. 5-9, 93-97]. zu fahren, wenn er im ersten StückDie Spielzeit unter der neuen Direktion Theodor Brandt, der die Leitung des Berliner Residenztheaters am 1.9.1897 angetreten hat, wurde mit der Premiere des Schwanks „Die Einberufung“ („Le Sursis“) von André Sylvane und Jean Gascogne am 9.9.1897 eröffnet; Gustav Rickelt spielte darin unter der Regie von Theodor Brandt die Rolle des Major Lagriffoul [vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 421, 9.9.1897, Morgen-Ausgabe, S. 8]. nichts zu thun haben wird, heute oder morgen wird er es erfahren. Sollte er wirklich fahren so bin ich wieder bis zum 11ten dieses Monats allein. Wenn ich nur Geld hätte, so wollte ich es schon einrichten, auf einen Tag zu Die/r/ zu kommennach Dresden.. Oh wie ich mich nach Dir sehne! Frank mein Frank! Ich weiss wirklich nicht wie ich das Leben ohne | Dich, du mein Alles, ertragen werde. Wenn ich nur wi/ü/sste wenn Du wieder hier bist! Ich empfinde bei einer Berührung mit G. gar nichts, so dass es mir unmöglich ist an Dich dabei zu denken, es ist mir so furchtbar gleichgültig, dass es beinah erschräckendSchreibversehen, statt: erschreckend. ist, ich fühle seine Liebkosungen nicht ein mal. Mein einziger Gedanke bist Du und glaube mir wäre nicht Li.Kosename oder Abkürzung für die Tochter Lucia, die Julia Rickelt in die Ehe mit Gustav Rickelt mitbrachte, wie dieser in seiner Schilderung der Heirat beschrieb: „Und im Mai fahre ich nach Polen, wir heiraten und kehren dann gemeinsam mit ihrem siebenjährigen Töchterchen aus erster Ehe nach München zurück.“ [Rickelt 1930, S. 169] nichts wäre im Stande mich von Dir zu trennen. Wie freue ich mich, dass Du ruhig arbeiten kannst, ist | doch Deine Arbeit das einzige Mittel, welches uns wieder zusammen bringen wird. Denn schwerlich kämest Du je nach Berlin zurück, wenn es Deine InterrestenSchreibversehen, statt: Interessen. nicht nötig hätten. Dass Du an mich denkst fühle ich, ich würde sonst nicht, mich mit solcher Gewalt mich nach Dir sehnen; meine ganze Seele ist bei Dir, ich unterhalte mich im Geiste den gaz/n/zen Tag mit Dir und wem nicht die Hoffnung Dich bald wieder zu haber/n/, so denke ich, dass ich mir das Leben nehmen würde,/./ Das ist banal, aber ‒ wahr, Frank mein lieber Frank. Schreibe mir bald. p.Ad. Magdeburger Str.Bei der Deckadresse, die Julia Rickelt bereits in ihrem ersten Brief nach Dresden benutzt hatte [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 26.8.1897], handelte es sich um die Redaktion der „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, deren Chefredakteur der mit ihr und Wedekind befreundete Schriftsteller Ludwig Scharf war: „Verleger und verantwortlicher Redakteur: Ludwig Scharf, Magdeburgerstr. 13.“ [Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Jg. 7, Nr. 34, 21.8.1897, S. 272]

Deine ganz die Deinige

Einzelstellenkommentare

Berlin, 23. September 1897 (Donnerstag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin 23/9 97


Mein lieber, süsser Frank!

Bitte, bitte schreibe mir doch, wie es Dir geht, ich warte schon vergeblich so lange auf eine Antwortauf ihren letzten Brief [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 1.9.1897]. von Dir. Du kannst es Dir ja denken, wie unglücklich ich bin. Von S. habe ich erfahren, dass WeinheppelSchreibversehen, statt: Weinhöppel (gemeint ist Wedekinds Freund Hans Richard Weinhöppel). in Berlin ist, er reisstSchreibversehen, statt: reist. die Tage nach München zurück, er will über Dresden fahren um Dich zu besuchen, wie beneide ich ihn drum! Schreibe mir doch so bald als möglich | wann Du nach Berlin zurückkommst ich halte ja das Leben gar nicht mehr aus. Du bist mir ja das Liebste auf dieser Welt. Mit tausend Küssen verbleibe ich immer die Deinige.


G. möchte auch so gernGustav Rickelt, Regisseur am Residenztheater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 285], hat Wedekinds Tragödie „Der Erdgeist“ nicht inszeniert; er erinnerte sich: „Meine Versuche, Wedekinds ‚Erdgeist‘ zur Aufführung zu bringen, scheiterten an der nicht auszurottenden Aversion Hartlebens gegen Wedekind.“ [Rickelt 1930, S. 248] Gustav Rickelts Erinnerungen zufolge war das Zerwürfnis zwischen Wedekind und Otto Erich Hartleben, der am 6.2.1897 (einem Samstag) „Krach mit Wedekind“ [Tb Hartleben] notierte, durch die Ablehnung einer „Erdgeist“-Aufführung durch die Dramatische Gesellschaft begründet: „Eines Tages, ich glaube [...] an einem Sonnabend [...] aßen Wedekind, Rudinoff und ich abends in der Stadt, da sagte Wedekind plötzlich zu uns: ‚Kommt mit, ich muß Hartleben [...] sprechen [...]‘. Hartleben, Neumann-Hofer und Sudermann hatten damals gerade die Dramatische Gesellschaft gegründet, die nach Art der [...] ‚Freien Bühne‘ junge Autoren zur Aufführung bringen wollte. Sie waren die Vorsitzenden dieser neuen Vereinigung, Hartleben der eigentlich führende. Wedekind verhandelte schon seit einiger Zeit wegen der Aufführung seines ‚Erdgeist‘. Mit dem Beginn der neuen Spielzeit sollten die Aufführungen einsetzen. Hartleben hatte sich aber immer noch geweigert, den ‚Erdgeist‘ anzunehmen. Nun wollte Wedekind ihn aufs neue bearbeiten. [...] Wedekind kam bald mit Hartleben in ein intimeres Gespräch, Thema: Erdgeist. Aber Hartleben [...] lehnte die Annahme des Stückes ab. Da sagte Wedekind: ‚Und ihr wollt junge Autoren aufführen und Talente fördern! Schöne Kerle seid ihr!‘ Hartleben in seiner Bezechtheit boshaft: ‚Weiß ich denn, ob Sie ein wirkliches Talent sind!‘ Da sagte Wedekind nichts weiter als: ‚Pfui Deibel!‘ und drehte ihm voller Wut den Rücken. Otto Erich wurde dann versöhnlicher, aber Wedekind strafte ihn mit Verachtung. [...] eine Aufführung des ‚Erdgeist‘ durch die Dramatische Gesellschaft hat nicht stattgefunden.“ [Rickelt 1930, S. 241f.] Deinen „Erdgeist“ schreibe ihnSchreibversehen, statt: ihm. doch, er wir es schon durchsetzen dass es aufgeführt wird, der DirectorDirektor des Berliner Residenztheaters, wo Gustav Rickelt neuerdings als Schauspieler und Regisseur engagiert war, war seit dem 1.9.1897 Theodor Brandt [vgl. Neuer Theater-Almanach 1898, S. 531]. frug auch schon danach. Es wäre ja das Beste, Du kommst selbst nach hier eventuell änderst Du es etwas. ‒

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. Oktober 1897 (Samstag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin 9/10 97.


Mein lieber, süsser Schatz!

Gestern war ich bei Scharfsam 8.10.1897 bei Ludwig Scharf und seiner Frau Luise Scharf (geb. Zeller) in Berlin (Ansbacherstraße 54, Hinterhaus, 2. Stock) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 1151]., er hat von WeinheppelSchreibversehen, statt: Weinhöppel (gemeint ist Wedekinds Freund Hans Richard Weinhöppel). erfahren, dass Frau St. von einem prächtigen Jungen entbunden worden ist, schon ungefähr vor 5 WochenFriedrich Strindberg, der uneheliche Sohn Frida Strindbergs und Frank Wedekinds, wurde am 21.8.1897 in München geboren.. Er soll Dir sehr änlichSchreibversehen, statt: ähnlich. sein. Ich bin sehr gut nach hier angekommenzurück nach Berlin. Julia Rickelt und Wedekind haben sich getroffen, wahrscheinlich in Dresden., freue mich nur, dass Du bald nachkommen wirst. | Einen Brief wie wir ihn verabredet haben, schreibe ich nicht, lassen wir die Sache ruhendie heimliche Liebesbeziehung. hier ist alles in Ordnung. Wenn Du mir sonst aber etwas mittheilen woltestSchreibversehen, statt: wolltest. so schreibe Postrestantposte restante (frz.) = postlagernd. Postamt 23. S.W.Das Postamt 23 im Berliner Postbezirk Südwest, zugleich öffentliche Fernsprechstelle, lag in der Lessingstraße 6 [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil III, S. 329], in der Nähe also der Wohnung von Julia Rickelt (Lessingstraße 54) [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil I, S. 1084]. 1,864. und damit ich weiss, dass ein Brief da ist so schreibe an G.an Gustav Rickelt, den mit Wedekind befreundeten Ehemann von Julia Rickelt. einen Brief und lass dann/den/ Sp i Punkt in Deinen Namender Punkt auf dem „i“ in „Wedekind“; ein derart verschlüsseltes Briefkuvert an Gustav Rickelt ist nicht überliefert. weck/g/. Mit S.Julia Rickelt hatte sich offenbar mit Ludwig Scharf, bis dahin ihr Vertrauter, der die Deckadresse für ihre heimliche Korrespondenz mit Wedekind zur Verfügung gestellt hatte [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 26.8.1897 und 1.9.1897], überworfen. willSchreibversehen, statt: will ich. nichts mehr zu thun haben, werde Dir schon | mündlich erzählen, was vorgefallen. G. freut sich, dass Du bald wiederkommst.

Viele herzige Küsse
sendet Dir Dein
Lieb.

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Berlin, 23. Oktober 1897 (Samstag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin 23/10.97.


Mein süsser Schatz!

Warum habe ich gar keine Nachricht von Dir? Mit welcher Sehnsucht habe ich den 22ten erwartet. Du versprachstWedekind dürfte Julia Rickelt bei dem Treffen mit ihr in Dresden [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 9.10.1897] versprochen haben, am 22.10.1897 wieder nach Berlin zu kommen. ja zu kommen. Wann kommst Du? Ich sehne mich so furchtbar nach Dir. Du mein Lieb, mein ganzes Glück! Hier bei uns giebt es nichts n/N/eues, ich komme gar nicht mehr aus dem Hause, es ist mir ja alles so gleichgültig, meine Gedanken sind ja doch bei Dir. Hast Du meinen Briefvgl. Julia Rickelt an Wedekind, 9.10.1897. erhalten? Bitte | schreibe mir doch, ich bin so unglücklich, wenn ich lange von Dir nichts weiss. Ich möchte Dir noch so vieles schreiben, aber Du wirst ja wohl bald hier sein, so erzähle ich es Dir. Warum schreibst Du überhaupt nicht an G. dränge ihn doch ein klein wenig, dass er Deine SacheWedekind wollte seine Stücke auf die Bühne bringen; der Regisseur Gustav Rickelt hatte Interesse am „Erdgeist“ [vgl. Julia Rickelt an Frank Wedekind, 23.9.1897]. fördert, ich kann ihn nicht darannSchreibversehen, statt: daran. errinnert/n/ und da Du nicht schreibst, so dennktSchreibversehen, statt: denkt. er, Dir liegt nichts daranin. Schreibe mir also vor allen Dingen Postlagernd: Postamt 23. S.W.das Postamt 23 im Berliner Postbezirk Südwest in der Lessingstraße 6 [vgl. Adreßbuch für Berlin 1898, Teil III, S. 329]. Julia Rickelt hatte Wedekind bereits darum gebeten, ihr dorthin postlagernd zu schreiben [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 9.10.1897]. 1864.Berlin N.W. In Gedanken küsst Dir Dein Mund Augen und umarmt Dich Dein
Lieb


Montagder 25.10.1897. werde ich nach einer Antwort nachfragen, also schreibe sofort.

Einzelstellenkommentare

Dresden, 24. Oktober 1897 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Rickelt, Julia

[Hinweis in Julia Rickelts Brief an Wedekind vom 26.10.1897 aus Berlin:]


Deinen Brief, habe ich mir, heute morgen geholt [...]

Einzelstellenkommentare

Berlin, 26. Oktober 1897 (Dienstag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin, 26/10.97.


Mein lieber, lieber Schatz!

Deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Julia Rickelt, 24.10.1897., habe ich mir, heute morgen geholt, habe ihn nun jetzt zum dritten Mal gelesen und will ihn auch sofort beantworten. Beruhige Dich vor allen Dingen, Unklugheiten hast Du von mir keine zu erwarten, dazu bin ich doch wohl ein bischen zu gesund. Ich kenne Dich ein bischen besser, wie Du denkst und weiss sehr gut was ich Dir bin. Mein Glück von Dir abhängig machen und Dir irgend welche Verantwortlichkeiten auferlegen, bin ich doch ein bischen zu bessonenSchreibversehen, statt: besonnen. und ic habe Dich auch viel zu lieb um Dir das anzuthun. Dass ich Dich ein bischen mehr | als nur sinnlich liebe, kannst Du, wie auch ich nicht dafür und es brauch Dich auch vorleufigSchreibversehen, statt: vorläufig. auch nichts angehen, lass das meine Sache sein, ich werde schon damit fertig werden. Dass ich Dich gerne in Berlin haben möchte, wirst Du mir wohl nicht sehr übel nehmen, ich denke da wohl weniger an unsere Liebe, wie an Deine Zukunft. Das Einschicken Deines BuchesWedekind hat sein Lustspiel „Die junge Welt“ (1897) an das Dresdner Hoftheater geschickt [vgl. Wedekind an Nikolaus von Seebach, 24.10.1897], dann auch an den Gatten seiner Geliebten [vgl. Gustav Rickelt an Wedekind, 28.10.1897], in der Hoffnung, der befreundete Regisseur am Berliner Residenztheater interessiere sich für eine Aufführung. genügt gewiss nicht, errinnereSchreibversehen, statt: erinnere. Dich nur an das SchicksalWedekind verhandelte mit der Literarischen Gesellschaft in Leipzig gerade über eine Aufführung seiner Tanzpantomime „Die Kaiserin von Neufundland“ (1897) [vgl. Kurt Martens an Wedekind, 9.10.1897]. Deiner PantomineSchreibversehen, statt: Pantomime.. Du musst selbst kommen und selbstredend als anständiger Mensch (den Ausdruck brauchst Du selbst) und dazu gebrauchst Du Geld. Das brauch ich Dir wohl nicht erst zu schreiben dass wenn ich es hätte, ich es Dir sofort zur | Verfügung stellen würde, da dass nun nicht der Fall ist, dass ich welches habe, so musst Du es von wo anders verschaffen und das von Deiner Mutter. Was willst Du thun, wieder warten und warten. Das Einzige auf was Du warten kannst ist Dresden, denn dort hast Du durch Deine Schwesterdurch Erika Wedekind, Hofopernsängerin in Dresden., noch SchanssenSchreibversehen, statt: Chancen., aber hier ‒ Du kennst ja die Verhältnisse und dazu die Feinde die Du hier hast. Also mein Lieb, lass uns beraten wie an Deine Mutter heranzutreten ist. Da Du ihr doch von mir gesprochenFrank Wedekind, der seine Mutter vorab brieflich über seine heimliche Liebesbeziehung mit einer verheirateten Frau informierte (ohne den Namen zu nennen), hat mit ihr wohl auch darüber gesprochen – Emilie Wedekind war seit dem am 20.9.1897 in Dresden [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 8.9.1897]. hast, so wollte ich ihr gerade herrausSchreibversehen, statt: heraus. schreiben. Ihr Deine ganze Lage inSchreibversehen, statt: im. Sommer schildern und auch, dass ich, so wie auch G., die doch etwas davon V/v/erstehen, fest an Dein Talent glau|ben und dass wenn Du erst über die ersten Schwierigkeiten hinaus bist, Du eine grosse Zukunft wastSchreibversehen, vermutlich statt: haben wirst., dass Du, um über die Schwierigkeiten zu kommen, ihrer Hif/l/fe benötigst und damit sie Dir hilft. Ich werde ihr auch schreiben, wie sie Dir helfen kann. Besser wäre es ja, wenn ich sie sprechen könnte, nach Dresdenzu Frank Wedekind; seine Mutter Emilie Wedekind wohnte ab dem 20.9.1897 (siehe oben) für einen längeren Besuch in Dresden in der Wohnung ihrer Tochter Erika Wedekind (Struvestraße 34) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1898, Teil I, S. 618]. zu kommen ist mir unmöglich, vielleicht gelingt es Dir, sie unter irgend einem Vorwand nach Berlin zu bringen,/./ d/D/enke darüber nach, es ist ja Deine Zukunft und da sollen uns alle Mittel heilig sein. Lass alle kleinlichen Bedenken, wenn es uns nur gelingt, das wie, ist n/N/ebensache. Deine „Junge Welt“ so weit ich sie gelesen habe, | hat mir sehr gefallen, ich bin fest überzeugt, dass sie Erfolg haben wird. Lieb, nun energisch darauf lossSchreibversehen, statt: los., was ich Dir helfen kann, steht Dir ganz zur Verfügung. Mein Gott! hätte ich nur ein paar tausend Mark, wie freudig wollte ich sie Dir geben Ich habe heute in SimplicisimusSchreibversehen, statt: Simplicissimus. Dein politisches LiedIm aktuellen Heft der illustrierten Wochenschrift „Simplicissimus“ war unter dem Pseudonym Hieronymus Jobs Wedekinds Gedicht „Ein politisch Lied“ [KSA 1/1, S. 462-466] ‒ unter demselben Titel publizierte Wedekind seine seit Juli 1897 im „Simplicissimus“ veröffentlichten politischen Gedichte [vgl. KSA 1/II, S. 2235] ‒ abgedruckt; es erzählt vom Abschied von einer Redaktion (auf die Redaktion des „Simplicissimus“ und Konflikte mit dem Albert Langen Verlag anspielend), enthält aber die redaktionelle Anmerkung: „Hieronymus Jobs hat sich wieder eingefunden. Wir danken ihm.“ [Simplicissimus, Jg. 2, Nr. 31, S. 246] Gustav Rickelt hat sich ebenfalls über das Gedicht geäußert und mitgeteilt, er habe es am 27.10.1897 mit nach Hause gebracht und seiner Frau vorgelesen [vgl. Gustav Rickelt an Wedekind, 28.10.1897]; sie las es dem vorliegenden Brief zufolge schon einen Tag davor. gelesen, weinen wo/hä/tte ich mögen, dass d/D/u so etwas schreiben musst, um 50 Mark zu verdienen. Es ist wirklich eine Schande für a/A/lle die Dich kennen und noch mehr für Diejenigen, die Dir helfen könne/t/en so etwas nicht zu brauchen. Lieb so handle doch, rä/e/ge Dich doch, es | ist ja rein zum Verzweifeln, wie Du alles dem Zufall überlässt. Antworte mir nun sofort auf meinen Brief. Donnerstagder 28.10.1897. werde ich mir die Antwort holen, lass mich nicht umsonst gehen. Von Liebe t will ich gar nichts hören; was Du vor hast, was Du für Deine Zukunft thust, das schreibe mir. Ich will, Du musst, etwas erreichen, das Zeug dazu hast Du um ein berühmter Mann zu werden, nur mehr Selbstbewusstsein und That. Adresse: S.W. 1864.
Postamt 23das Postamt in der Lessingstraße 6 in Berlin, das Julia Rickelt bereits in früheren Briefen an Wedekind angab, dorthin möge er ihr postlagernd schreiben [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 9.10.1897 und 23.10.1897].. Berlin N.W.

Hast Du einen anderen Ausweg um | Dir zu helfen so thue es, ich will keine Rolle spielen, ich will nur helfen damit Du ans Ziel kommst. Dass ich für Dich alles von Herzen gern thue, das weisst Du und somit Aufwiedersehen.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 29. Oktober 1897 (Freitag)
von Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Berlin, 29/10 97.


Mein lieber, lieber Schatz!

Ich will doch nicht hoffen, dass Du so schnell an Dir verzweifelnHinweis auf einen nicht überlieferten Brief; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Gustav Rickelt, 27.10.1897. Julia Rickelts Gatte hat den Empfang dieses Briefs, den er seiner Frau vorgelesen hat, bestätigt [vgl. Gustav Rickelt an Wedekind, 28.10.1897]. wirst, verliere nur den Muth nicht auch wenn dieses Stückdie Komödie „Die junge Welt“ (1897), die Wedekind nach Berlin geschickt hat [vgl. Gustav Rickelt an Wedekind, 28.10.1897]. Wedekind hatte sich bisher erfolglos um eine Aufführung seines Stücks bemüht, zuletzt am Dresdner Hoftheater [vgl. Wedekind an Nikolaus von Seebach, 24.10.1897], das es ablehnte. kein Glück hat. Dass es dort nicht gefallen hat, das beweisst ja noch nicht viel. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie gern ich bei Dir wäre, ich habe ja wohl kein Recht, mich in Deine Angelegenheiten so zu drängen, aber ich kann ja nicht dafür, dass ich Tag und Nacht nur an Dich denke. | Mache dir sonst keine Gedanken darüber, es ist mein Schicksal, was ich sehr gern trage und gern gebe ich mein ganzes Glück um Dir damit zu dienen. Es ist gewiss sehr arrogant von mir, da ich Dir doch nicht helfen kann, Dir dennoch etwas sein zu wollen. und wenn ich nur wüsste, dass Jemand da ist der für Dich was thun wollte ich würde mich bescheiden zurückziehen. Lieb, Frank, es ist mir heute so schwer, das alles zu schreiben was ich eigentlich wollte, die Nacht schlief ich nicht und schon um 7 Uhr kam W.D.nicht identifiziert (eine männliche Person). von seiner Reise | zurück und zu uns. Es ist jetzt ein Uhr Mittag, er ist mit G. in die Stadt gegangen, ich habe mich herrausSchreibversehen, statt: heraus. schwindeln müssen um nicht mitgehen zu brauchen. Du erwartest ja keinen Brief von mir, aber ich muss Dir schreiben und sei es nur, um Dir mitzutheilen, dass es noch Jemand giebt, der Dich über Alles liebt, dass Du immer noch ein Heim hast, wo Du Jederzeit hochwillkommen bist. Du wirst wohl aus a/A/lledem nicht recht g/k/lug und wirst mich wohl auslachen, ich weiss aber nicht warum, ich muss das thun. Nun lebe wohl, ich | muss enden. Lucia kommt gleich aus der SchuhleSchreibversehen, statt: Schule. und dann muss ich in die Stadt, die Beiden erwarten mich, ach Gott, wie ist mir das Alles so gleichgültig. Wenn ich so zu Dir kommen könnte! Wenn Du mir schreibst, so schreibe zuerst an G. ohne I.p/P/uncktSchreibversehen, statt: Punkt. Julia Rickelt hatte Wedekind diese Verschlüsselung vorgeschlagen; er möge ihrem Mann schreiben und dabei in seinem Namen den i-Punkt weglassen (das i in Wedekind) ‒ als Signal für sie, dass ein Brief von ihm für sie postlagernd vorliege [vgl. Julia Rickelt an Wedekind, 9.10.1897].. Tausend Küsse, meine Gedanken sind immer bei Dir.


Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Oktober 1900 (Montag)
von Rickelt, Gustav, Rudinoff, Willy und Rickelt, Julia
an Wedekind, Frank

Deutsche Reichspost

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
in Schwabing c/München
Wohnung (Straße und Hausnummer) Franz Josephstrasse |


Neues Affenhaus.

Lieber Wedekind! Damit Sie sehen, woim neuen Affenhaus des Zoologischen Gartens in Berlin, wie die Bildseite der Bildpostkarte ausweist. wir an Sie schreiben, folgt dieses KärtchenEs handelt sich um die zweite versandte Bildpostkarte ‒ voran geht eine Bildpostkarte gleichen Datums [vgl. Willy Rudinoff, Gustav Rickelt, Julia Rickelt, Lucia Rickelt an Wedekind, 8.10.1900].. Es lebe DarwinCharles Darwin, berühmt durch seine Evolutionstheorie, nach der der Mensch vom Affen abstamme – der Name des Naturforschers stellt eine Beziehung her zur Bildseite der Bildpostkarte., Blumenburg & KadelthalVerballhornung der Namen des in der Lustspielproduktion routinierten Autorenduos Oscar Blumenthal, Eigentümer des von ihm begründeten Lessingtheaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 242], und Gustav Kadelburg, Schauspieler und Dramatiker in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 186], die beim Publikum beliebt waren durch ihr erfolgreiches Lustspiel „Im weißen Rößl“ (uraufgeführt am 31.12.1898 im Berliner Lessingtheater); die ebenso erfolgreiche Fortsetzung, das Lustspiel „Als ich wiederkam...“ (uraufgeführt am 1.10.1898 im Lessingtheater), rezensierte am 3.10.1899 Heinrich Hart und nannte die Autoren ironisch „Blumenburg und Kadelthal“ [Heinrich Hart: Gesammelte Werke. Bd. 4: Aufsätze. Reisebilder. Vom Theater. Berlin 1907, S. 225]. Die verballhornten Namen des Erfolgsduos finden sich später in einer szenischen Glosse über sie in der satirischen Rubrik „Kasperletheater“ der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift „Die Schaubühne“, wo sie als „Blumenburg und Kadelthal“ [Die Schaubühne, Jg. 4, Nr. 44, 29.10.1908, S. 415f.] persifliert sind.! Rickelt.

Bitte, den letzteren zu trennenGustav Rickelt, der als Regisseur am Berliner Residenztheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1901, S. 245] bevorzugt Schwänke zu inszenieren hatte, wollte sich nicht in einer Reihe mit Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg (siehe oben) sehen..

Offizielle Postkarte herausgegeben von der Direction des ZOOLOGISCHEN GARTENS BERLIN.


W. Rudinoff.


Herzliche Grüsse
Julia Rickelt

Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Oktober 1900 (Montag)
von Rudinoff, Willy, Rickelt, Gustav, Rickelt, Julia und Rickelt, Lucia
an Wedekind, Frank

Deutsche Reichspost

Postkarte


An Herrn Frank Wedekind
Schriftsteller
in München-Schwabing
Wohnung (Straße und Hausnummer) Franz Josephstrasse |


[Bildbeschriftungen:]

Cyranoempfindsam liebende Titelfigur mit großer Nase und poetischem Talent aus dem romantischen Versdrama „Cyrano de Bergerac“ (1897) von Edmond Rostand.

Oberammergauzusammen mit dem Heiligenschein, der auf dem Foto aufgemalt ist und eine Christusfiguration herstellt, Anspielung auf die in der bayrischen Stadt stattfindenden Passionsspiele, für die sie berühmt ist.

Reb SchmulDas jiddische Wort „Reb“ bezeichnete einen frommen Juden, „Schmul“ (nach dem biblischen Propheten Samuel) war eine oft scherzhafte Bezeichnung für einen Juden.

RUDINOFF

Mimische Studien aus: „Herr und Frau Nachtigallhumoristische Zirkusnummer (ein Paar umwirbt sich mit Vogelgezwitscher); von Clowns präsentiert „eine lustige Szene ‚Herr und Frau Nachtigall‘, wobei sie den Gesang der Nachtigall täuschend imitieren.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 388, 20.8.1910, Morgenblatt, S. 4]

Wir senden Ihnen herzlichste Grüsse

Sëif ben Samuel Rudinoff

Gustav Rickelt.

Julia Rickelt.

Lucia Steinbeck-Rickelt

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