Briefwechsel

Wedekind, Frank und Die Zeit [(Zeitung)]

5 Dokumente

Breslau, 25. August 1908 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Die Zeit, (Zeitung), Hoffmann, Camill

Postkarte


Tit. Feuilleton-Redaktion
Die Zeit
Wien I.
Wipplingerstraße 38Redaktionsadresse der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ (Wien I, Wipplingerstraße 38) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1909, Teil V, S. 1480], auch im Impressum der Zeitung mitgeteilt.. |


Sehr geehrter Herr DoctorCamill Hoffmann (wohl nicht promoviert, hier als Vertreter der Feuilleton-Redaktion unspezifisch höflich angeredet), Schriftsteller, Übersetzer und Redakteur der Tageszeitung „Die Zeit“ in Wien [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1908, Teil II, Sp. 692], in dessen Nachlass die vorliegende Postkarte liegt, die redaktionell bearbeitet (siehe zur Materialität) Wedekinds Beitrag (siehe unten) zu einer Umfrage über den russischen Schriftsteller Lev Nikolaevič Tolstoj bildete, der am 9.9.1908 sein 80. Lebensjahr vollendete [vgl. Tolstoi zum 80. Geburtstag. Eine Rundfrage. In: Die Zeit, Jg. 7, Nr. 2138, 6.9.1908, Morgenblatt, S. 1-2; Nr. 2140, 8.9.1908, Morgenblatt, S. 1-2]; in der Vorbemerkung vor dem ersten Teil heißt es: „Wir haben uns an eine Reihe berühmter Schriftsteller, Gelehrter, Politiker und Künstler mit der Frage gewendet, ob sie der Lektüre Tolstoischer Werke fortwirkende Eindrücke [...] zuschreiben.“!

ich halteWedekinds Mitteilung war die Antwort auf eine Umfrage (siehe oben), in deren erstem Teil sie an vorletzter Stelle erschien, überschrieben „Frank Wedekind (Berlin)“: „Ich halte ‚Anna Karenina‘ für den bedeutendsten Roman, der seit Cervantes’ ‚Don Quichotte‘ geschrieben wurde und Leo Tolstoi seit Ibsens Tod für den größten lebenden Schriftsteller und für den einzigen achtbaren Menschen, der in Rußland nicht im Kerker sitzt.“ [Tolstoi zum 80. Geburtstag. Eine Rundfrage. In: Die Zeit, Jg. 7, Nr. 2138, 6.9.1908, Morgenblatt, S. 2]Anna Karenina“ für den bedeutendsten Roman, der seit Cervantes’ „Don Quixote“ geschrieben wurde und Leo Tolstoi seit Ibsens Todseit dem 23.5.1906, dem Todestag des norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsen. für den größten lebenden Schriftsteller und für den einzigen achtbaren Menschen, der in Rußland nicht im Gefängnis Kerker sitzt.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Wien, 21. Dezember 1909 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Die Zeit, (Zeitung), Werkmann, Karl

[1. Briefentwurf:]


Sehr geehrter HerrDer Journalist Karl Werkmann war seinerzeit Chefredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ – belegt in der Ausgabe, in der Wedekinds Beitrag zur Umfrage „Die Rolle des Zufalls im Leben“ erschien: „Verantwortlicher Redakteur: Karl Werkmann.“ [Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2612, 1.1.1910, Morgenblatt, S. 37]!

Wer will es unternehmen Ihre FrageIn der redaktionellen Einleitung zum ersten Teil der Umfrage heißt es: „Das sind also zwei Weltanschauungen: Zufall ‒ Notwendigkeit. Es war interessant, zu untersuchen, wie ihre Bekenner im modernen Leben verteilt sind. Das war der Zweck unserer diesmaligen Rundfrage. Die hervorragendsten Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsklassen und Berufen, durchaus repräsentative Vertreter der lebenden Generationen, haben sich an ihr beteiligt. Wir haben sie gebeten, auch interessante, merkwürdige Schicksalsfügungen eigener Erfahrung zu erzählen. Viele derjenigen, die dem Zufall eine große Rolle zuschreiben, haben dies getan. Die Zahl der eingelaufenen Antworten ist so groß, daß wir leider nicht alle auf einmal veröffentlichen können.“ [Die Rolle des Zufalls im Leben. Eine Rundfrage. In: Die Zeit, Jg. 8, Nr. 2606, 25.12.1909, Morgenblatt, S. 5-6, hier S. 5] Wedekinds Beitrag erschien im zweiten Teil [vgl. Die Rolle des Zufalls im Leben. Eine Rundfrage. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2612, 1.1.1910, Morgenblatt, S. 4-5, hier S. 5]. auch noch so oberflächlich in wenigen Sätzen zu beantworten. Der unerklärlichste Zufall war mir von jeher das Bestehen alles Bestehenden. Wo läßt sich dafür eine Spur innerer Schimmer von Notwendigkeit entdecken? Vielleicht in unserer Lebensfreude, die durch Sintfluten von Unglück und Jammer erkauft wird? | Sollte meine Beantwortung zu lang ausgefallen sein, dann würde ich Sie bitten nur diesen letzten Absatz zu veröffentlichen.
Mit ergebensten Grüßen
Ihr FW.


[2. Entwurf der Beilage:]


Zufall

Jeder Zufall, sei er glücklich oder unglücklich bietet den einen Vortheil daß er sich zur Reklame ausnützen läßt. Zu solchen diesen Zufällen gehört ja wohl auch Ihre Rundfrage. In schlimmeren Fällen ist dieser Vortheil aber doch oftumgestellt, zuerst: oft doch. nur ein sehr kümmerlicher Trost Ersatz. |

Mit der Bewältigung des Zufalls befaßt sich meiner Ansicht

Ob der Zufall eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt hat? – Ich will rechne das organische Entstehen gar natürlich nicht einmal zu den Zufällen rechnen. Vor allem aber rechne ich dazu die Verknüpfung meines Ichbewußtseins mit dem Lebewesen, das damals entstand. Ich fragte mich schon als Kind unaufhörlich, warum ich ich bin, warum ich nicht jemand anders bin, warum nicht jemand anders Frank Wedekind ich ist ist und oder warum ich mein Ichbewußtsein nicht trotz der stattgefundenen Geburt schlechthin einfach ausgeblieben bin/ist/. Denn so wahr | wie sich ein bestimmtes Ichbewußtsein noch niemals wiederholt hat sondern immer ein für allemal verschwindet, so gut sicher läßt sich doch auch der Zufall setzen denken daß es dieses Ichbewußtsein niemals entsteht.

Mit der geistigen Bewältigung des Zufalls befaßt sich meines/r/ Er Ansicht nach nicht nur die Religion sondern vor allem auch die Kunst, obwohl das sicherlich nicht ihre Hauptaufgabe ist nur einen kleinen Theil ihres Wesens ausmacht. Deshalb aber kann ein Zufall wol der Stoff, niemals aber ein Bestandtheil Vorzug eines Kunstwerks sein.


[3. Druck der Beilage in „Die Zeit“:]


Frank Wedekind (München).

Der unerklärliche Zufall war mir von jeher das Bestehen alles Bestehenden. Wo läßt sich dafür ein Schimmer von Notwendigkeit entdecken? Vielleicht in unserem alltäglichen Wohlbehagen, das durch Sintfluten von Unglück und Jammer erkauft wird?

Ob der Zufall eine Rolle in meinem Leben gespielt hat? – Ich rechne das organische Entstehen natürlich nicht zu den Zufällen. Vor allem aber rechne ich dazu die Verknüpfung meines Ichbewußtseins mit dem Lebewesen, das entstand. Ich fragte mich schon als Kind unaufhörlich, warum ich ich bin, warum ich nicht jemand anders bin, warum nicht jemand anders ich ist, oder warum mein Ichbewußtsein nicht einfach ausgeblieben ist. Denn so wahr wie sich ein bestimmtes Ichbewußtsein noch niemals wiederholt hat, sondern immer ein für allemal verschwindet, so sicher läßt sich doch auch der Zufall setzen, daß dieses Ichbewußtsein niemals entstand.

Die Kunst hat es mit der Religion gemein, daß sie sich mit der geistigen Bewältigung des Zufalls befaßt, obwohl das sicherlich nur den kleinsten Teil ihres Wesens ausmacht. Deshalb kann ein Zufall wohl der Stoff eines Kunstwerkes sein, wird aber niemals zu seinen Vorzügen gehören.

Jeder Zufall, sei er glücklich oder unglücklich, bietet den einen Vorteil, daß er sich zur Reklame ausnützen läßt. Zu diesen Zufällen darf ich wohl auch Ihre Rundfrage rechnen. Bei schlimmeren Zufällen ist dieser Vorteil aber doch wohl nur ein sehr kümmerlicher Ersatz.

Einzelstellenkommentare

Wien, 2. März 1910 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Die Zeit, (Zeitung)

[1. Typoskript:]


Sehr geehrte RedaktionChefredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ (herausgegeben von Isidor Singer und Heinrich Kanner) war seinerzeit Karl Werkmann (so in der hier relevanten Ausgabe angegeben)..

Gestatten Sie mir Ihnen mitzuteilen, daß ich das Problem weiblichen Uebermenschentumszeitgenössisch populäres Schlagwort nach Friedrich Nietzsches „Übermensch“-Begriff., das ich in meinem Drama „Erdgeist“ in Angriff genommen, mit teilweiser Benutzung dieses Stückes in einem fünfaktigen DramaDas der Neuen Wiener Bühne am 2.3.1910 von Wedekind persönlich eingereichte Typoskript „Lulu. Tragödie in fünf Aufzügen von Frank Wedekind“ ist erhalten und hat der Wiener Zensurbehörde vorgelegen, wie das Umschlagblatt dokumentiert [vgl. KSA 3/II, S. 866].Lulu“ zum Abschluss geführt und psychologisch zu vertiefen gesucht habe. Die „Neue Wiener Bühne“, der ich diese Arbeit bei meinem gegenwärtigen Aufenthalt in WienWedekind hielt sich vom 27.2.1910 bis 3.3.1910 im Zuge einer Vortragsreise in Wien auf [vgl. Tb]. einreichte, hat sie zur AufführungDie Wiener Zensurbehörde verbot am 13.7.1910 [vgl. KSA 3/II, S. 866] eine Aufführung von „Lulu“ [vgl. KSA 3/II, S. 1278f.]. für die kommende Spielzeit angenommen
in vorzüglicher Hochachtung
Frank Wedekind.


Wien, am 2. März 1910Wedekind notierte am 2.3.1910 in Wien: „Besuch in der Neuen W. Bühne.“ [Tb] Die Neue Wiener Bühne unter der künstlerischen Leitung von Adolf Steinert und Gustav Charlé [vgl. Neuer Theater-Almanach 1910, S. 672] hat das „Lulu“-Typoskript bei diesem Besuch entgegengenommen. Die Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ berichtete dann: „Frank Wedekind hat die ‚Büchse der Pandora‘, die Fortsetzung des ‚Erdgeist‘, zur Vermeidung von Zensurschwierigkeiten umgearbeitet. In dieser Umarbeitung wird das Stück unter dem Titel ‚Lulu‘ an der Neuen Wiener Bühne in Szene gehen.“ [Wedekinds „Büchse der Pandora“ an der Neuen Wiener Bühne. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2807, 19.7.1910, Morgenblatt, S. 3].


[2. Druck:]


Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir, Ihnen mitzuteilen, daß ich das Problem weiblichen Uebermenschentums, das ich in meinem Drama „Erdgeist“ in Angriff genommen, mit teilweiser Benützung dieses Stückes in einem fünfaktigen Drama „Lulu“ zum Abschluß geführt und psychologisch zu vertiefen gesucht habe. Die Neue Wiener Bühne, der ich diese Arbeit bei meinem gegenwärtigen Aufenthalt in Wien einreichte, hat sie zur Aufführung für die kommende Spielzeit angenommen. In vorzüglicher Hochachtung Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. Oktober 1910 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Die Zeit, (Zeitung), Hoffmann, Camill

Kartenbrief


An
Herrn Camillo HoffmannWedekind dürfte den Feuilletonredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ Camill Hofmann erst am 28.2.1910 in Wien persönlich kennengelernt haben, als er mit ihm und zwei weiteren Wiener Kritikern einen Abend verbrachte: „Mit Max Messer, Camillo Hoffmann und Bettauer bei Hartmann.“ [Tb]
in Wien
Wohnung (Straße und Hausnummern) tit RedaktionDie Zeit |


Sehr geehrter Herr Hoffmann!

Empfangen Sie meinen ergebensten Dank für Ihre liebenswürdige Aufforderungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Camill Hoffmann an Wedekind, 15.10.1910. Camill Hoffmann dürfte Wedekind um einen Beitrag für das Feuilleton der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ gebeten haben; möglicherweise schrieb Wedekind den nicht überlieferten Text, den er zurück in München (siehe unten) am 21.10.1910 notierte: „Schreibe ‚an die Kritik‘ fertig.“ [Tb] Ein Beitrag Wedekinds in „Die Zeit“ ist für den Rest des Jahres 1910 bis Anfang 1911 nicht nachweisbar., der ich mit Vergnügen Folge leisten werde, sobald ich wieder in meinen vier Wänden bin. Hier in BerlinWedekind war seit dem 1.10.1910 zu einem Gastspielaufenthalt in Berlin [vgl. Tb], was in Wien bekannt war, wie Presseberichte darüber zeigen [vgl. Wedekind-Abend. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2887, 8.10.1910, Morgenblatt, S. 3]; insofern dürfte Camill Hoffmann seine Anfrage (siehe oben) nach Berlin geschickt haben. ist es mir leider nicht | möglich etwas Zusammenhängendes zu schreiben. Ende dieser Woche bin ich hoffentlich wieder in MünchenWedekind war seit dem 1.10.1910 zu einem Gastspielaufenthalt in Berlin [vgl. Tb], was in Wien bekannt war, wie Presseberichte darüber zeigen [vgl. Wedekind-Abend. In: Die Zeit, Jg. 9, Nr. 2887, 8.10.1910, Morgenblatt, S. 3]; insofern dürfte Camill Hoffmann seine Anfrage (siehe oben) nach Berlin geschickt haben.. Dann werde ich mich sofort daranmachen.

Mit besten Grüßen Ihr ergebenster
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 21. Oktober 1911 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Die Zeit, (Zeitung)

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 21.10.1911 in München:]


Brief an die Zeitan die Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ – vermutlich im Zusammenhang mit Albert Steinrücks Wiener Gastspiel als Dr. Schön in „Erdgeist“ vom 25. bis 31.5.1911; sie kündigte an (so auch in anderen Zeitungen): „Auf der Residenzbühne gelangt morgen Mittwoch die Tragödie ‚Erdgeist‘ von Frank Wedekind zur ersten Aufführung. [...] Frank Wedekind hat sein Erscheinen zu dieser Premiere zugesagt.“ [Die Zeit, Jg. 10, Nr. 3263, 24.5.1911, Morgenblatt, S. 2] Wedekind ist nicht nach Wien gereist..

Einzelstellenkommentare