Briefwechsel

Wedekind, Frank und Lessingtheater [(Theater)]

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Berlin, 29. Dezember 1904 (Donnerstag)
von Brahm, Otto und Lessingtheater, (Theater)
an Wedekind, Frank

Lessing-Theater
DirectionOtto Brahm war neuerdings, seit Beginn der Spielzeit am 1.9.1904, Direktor des Lessingtheaters in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 287].
Dr. Otto Brahm.


Berlin NW. 40, den 29. Debr. 1904.


Herrn
Frank Wedekind
München
Franz Josefstr 42


Sehr geehrter Herr!

Die Erstaufführung„Hidalla“ sollte am Berliner Lessingtheater uraufgeführt werden, wie die Presse im Frühjahr berichtet hatte: „Frank Wedekind hat sein neuestes Werk ‚Hidalla‘ Dr. Brahm zur Aufführung übergeben, der es als eine der ersten Novitäten der Spielzeit im Lessing-Theater bringen wird.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 33, Nr. 213, 27.4.1904, Abend-Ausgabe, S. (2)] Otto Brahm selbst hatte sich in einem Interview zu seinen Plänen als zukünftiger neuer Direktor des Lessingtheaters geäußert und erwähnt, er „besitze [...] schon Werke“, die gespielt werden sollen, darunter eines von „Wedekind (‚Hidalla, oder Die Macht der Schönheit‘)“ [Otto Brahms Zukunftspläne. In: Berliner Tageblatt, Jg. 33, Nr. 259, 24.5.1904, Abend-Ausgabe, S. (2)]. Seitdem war nichts mehr dazu publik geworden und Wedekind, der seinerzeit auf Otto Brahms Zusage, „Hidalla“ zu inszenieren [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 11.4.1904], wohl zustimmend reagiert hatte [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 17.4.1904], dürfte nun nachgefragt haben [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 26.12.1904]. von Hidalla haben wir für Anfang Februar in Aussicht genommen. Mit der Besetzung des Stückes sind wir noch nicht vollständig im Reinen. Einstweilen kann ich Ihnen mitteilen, daß Herr Reicher den Launhartdie Rolle des Rudolf Launhard in „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 41], für die zunächst Emanuel Reicher, Schauspieler am Lessingtheater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 288], vorgesehen war, dann aber eine andere Rolle mit ihm besetzt werden sollte [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905]., Herr Patry den Gellinghausendie Rolle des Heinrich Gellinghausen in „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 41], für die zunächst Albert Patry, Schauspieler und Regisseur am Lessingtheater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 288], vorgesehen war, dann aber eine andere Rolle mit ihm besetzt werden sollte [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905]. und Frau Triesch die Fannydie weibliche Hauptrolle der Fanny Kettler in „Hidalla“ [vgl. KSA 6, S. 41], die von Irene Triesch, Schauspielerin am Lessingtheater in Berlin [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 288], gespielt werden sollte. spielen wird.

Hochachtungsvoll
Direction
des
Lessing-Theaters

OBrahm


Verbindlichsten Gruss!

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. Januar 1905 (Montag)
von Brahm, Otto und Lessingtheater, (Theater)
an Wedekind, Frank

Lessing-Theater
Direction
Dr. Otto Brahm.


Berlin NW. 40, den 9.I. 1905.


Herrn
Frank Wedekind
München
Franz Josefstr 42.


Sehr geehrter Herr Wedekind!

Leider muß ich Ihnen die Mitteilung machen daß m/w/ir durch verschiedene kleine Störungen außer Stand gesetzt sind, den für die Erstaufführungdie zunächst für Anfang Februar 1905 in Aussicht genommene Uraufführung von „Hidalla“ am Berliner Lessingtheater [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 29.12.1904]. von Hidalla ausgemachten Termin bis 1. Februar genau einzuhalten; es handelt sich jedoch nur um eine ganz kurze Zeit, wegen der Sie gewiß keine Schwierigkeiten machen werden, nämlich um etwa eine Woche nach dem 1. Februar. Ich möchte Sie | daher bitten, sich freundlichst damit einverstanden zu erklären, daß die Frist für die Erstaufführung um so viel verlängert wird und diese Entscheidung auch Ihrem VerlegerJulian Marchlewski, in dessen Verlag Dr. J. Marchlewski & Co. in München (Franz Josephstraße 36) [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1905, Teil I, S. 321] die Erstausgabe von „Hidalla oder Sein und Haben“ (1904) erschienen ist, der Inhaber der Bühnenvertriebsrechte, mit dem Otto Brahm im Frühjahr einen Vertrag über die Aufführung von „Hidalla“ abgeschlossen hat [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 11.4.1904]. Herrn Dr. Marchlewski mitzuteilen.

In unserer vorläufigen Benachrichtigungvgl. Otto Brahm an Wedekind, 29.12.1904. über die Besetzung des Stückes ist ein kleines bedauerliches Versehen untergelaufen, Herr Patry spielt nicht den Gellinghausen, sondern den Launhart und Herr Reicher den HetmannWedekind war mit der Besetzung der Hauptrolle Karl Hetmann in „Hidalla“ mit Emanuel Reicher nicht einverstanden [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 11.1.1905]..

Hochachtungsvoll

Direction
des
Lessing-Theaters

Otto Brahm


Besten Gruss, ich hoffe sehr, Sie zur Aufführung hier zu sehen


Einzelstellenkommentare

München, 11. Januar 1905 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Lessingtheater, (Theater), Brahm, Otto

Sie scheinen in Ihren geehrten Zeilenvgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905. von der Voraussetzung aus zu gehen daß der Autor der Vermittler zwischen der Direction und dem TheateragentenWedekind erklärt im vorliegenden Briefentwurf, Julian Marchlewski, der Verleger von „Hidalla“ (1904), der für dieses Stück auch den Bühnenvertrieb hatte [vgl. Wedekind an Julian Marchlewski, 21.9.1905], sei zugleich sein Agent. Otto Brahm hatte Wedekind aufgefordert, seinen Verleger über die Entscheidung zu informieren, die geplante Uraufführung von „Hidalla“ am Lessingtheater verschiebe sich [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905]; sie kam dann nicht zustande. ist während meiner Auffassung nach der Theateragent der Vermittler zwischen der Direction und dem Autor ist.

Hochachtungsvoll


Tit. Direction des Lessingtheaters Berlin


Sehr geehrter Herr Doctor!

Auf Ihre geehrten Zeilen vom 9.Ivgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905. habe ich Ihnen folgendes zu erwidern. Nach dem Urtheil aller der Herren deren Urtheil mir maßgebend ist und die sowohl das Personal des Lessingtheaters wie meine „Hidalla“ | kennen ist der denkbar beste Darsteller für die Rolle des Hetmann Albert Bassermann. Diese Ansicht, die ich durchaus theile war mir auch seinerzeit auch maßgebend als ich Ihnen mein Stück zur Aufführung überließ. Im Fall Sie keine rein künstlerischen Gründe dagegen einzuwenden haben bitte ich Sie also daher die Rolle des Hetmann von Herrn BassermannAlbert Bassermann war wie sein Kollege Emanuel Reicher, mit dem Otto Brahm die Hauptrolle des Karl Hetmann in der geplanten Uraufführung von „Hidalla“ besetzt hatte [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905], Schauspieler am Berliner Lessingtheater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1905, S. 288]. spielen zu lassen.

Daß Herr Reicher die Rolle des Hetman spielt halte ich nicht für richtig, weil meiner Ansicht nach folgende Gefahr dabei besteht auf die ich Sie von vorn herein aufmerksam machen Herr Reicher könnte seiner | künstlerischen EigenartEmanuel Reicher gilt „als einer der bedeutendsten Vertreter des naturalistischen Darstellungsstils“ [KSA 2, S. 750]. entsprechend (die Rolle nicht leidenschaftlich genug auffassen,) das Tempo zu langsam nehmen und sich nicht genau an den Text halten. Sollte aber auf den Proben eine ungenaue Wiedergabe des Textes zu beobachten sein, so müßte mich das notwendig zu einem öffentlichen ProtestDazu ist es nicht gekommen, da „Hidalla“ am Lessingtheater unter Otto Brahm nicht uraufgeführt wurde. gegen die Aufführung veranlassen, da ich nicht willens bin, der Öffentlichkeit gegenüber für Worte einzutreten/stehn/ die ich nicht geschrieben habe.

Was den Termin der Aufführung anbetrifft, so liegt es mir völlig fern, Sie in dieser Richtung irgendwie | drängen zu wollen. Dagegen habe ich d/D/ie geschäftlichen Abschlüsse über Aufführungstermin, Tantiemen e. ct. sind indessen aber die Sache meinem/s/ Verlegers und Agenten übertr dem ich 10 % dafür bezahle, daß ich über diese Dinge nicht selbst zu verhandeln brauche. |

Wo es sich um große gemeinschaftliche Ziele handelt ist ein gegenseitiges Mißtrauen viel werthvoller als ein gegenseitiges Vertrauen. Deshalb ist es in einem solchen Falle mein erstes, durch einen unvorhergesehenen Akt jede Behaglichkeit zu ersticken und eine Basis des gegenseitigen Mißtrauens zu schaffen, auf der sich auf allen Seitenvor dem Überschreiben ausradierter Text./allseitig/ eine größere Kraftentfaltung entwickeln muß, die dem gemeinsamen Streben zu gute kommt.

בוLigatur aus den hebräischen Buchstaben Waw (= F) und Beth (= W) für die Namenssigle von Frank Wedekind.


Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. Januar 1905 (Montag)
von Brahm, Otto und Lessingtheater, (Theater)
an Wedekind, Frank

Lessing-Theater
Direction
Dr. Otto Brahm.


Berlin NW. 40, den 16. Januar 1905.


Herrn
Frank Wedekind
München
Franz Josefstr 42 II.


Sehr geehrter Herr!

Auf Ihr gefälliges Schreiben vom 11. d. M.vgl. Wedekind an Otto Brahm, 11.1.1905. erwidern wirWedekind seinerseits hat auf diesen Brief wohl nochmals mit Widerspruch reagiert [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 18.1.1905]; daraufhin stand eine Uraufführung von „Hidalla“ am Berliner Lessingtheater nicht mehr zur Debatte. Das Stück würde am Münchner Schauspielhaus uraufgeführt, wie die Presse ankündigte: „Frank Wedekinds Drama ‚Hidalla‘, das als nächste Neuheit des Lessingtheaters in Berlin in Scene gehen sollte, ist von Wedekind wegen Meinungsverschiedenheiten mit Director Brahm zurückgezogen worden. Das Drama gelangt nun am 18. Februar im Münchener Schauspielhause zur Uraufführung.“ [Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 55, 2.2.1905, Morgen-Ausgabe, S. 8] ergebenst, daß wir Ihren Wunsch, betreffend die Besetzung des HetmannWedekind hatte Albert Bassermann für die Hauptrolle des Karl Hetmann in der geplanten Uraufführung von „Hidalla“ am Berliner Lessingtheater vorgeschlagen [vgl. Wedekind an Otto Brahm, 11.1.1905], nachdem Otto Brahm ihm mitgeteilt hatte, er habe die Rolle mit Emanuel Reicher besetzt [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 9.1.1905]. hätten in Erwägung ziehen können, wenn Sie uns während der langen Frist, die seit der Annahme des Stückesim Frühjahr des vorangegangenen Jahres [vgl. Otto Brahm an Wedekind, 11.4.1904]. vergangen ist, davon Mitteilung gemacht hätten, jetzt ist es leider zu spät, da die Rollen bereits seit einiger Zeit ausgeteilt sind.

Hochachtungsvoll

Direction
des
Lessing-Theaters

OBrahm

Einzelstellenkommentare