Briefwechsel

Wedekind, Frank und Bauer, Julius

2 Dokumente

München, 28. Dezember 1909 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Illustrirtes Wiener Extrablatt, (Zeitung), Bauer, Julius

Tit. Redaktion des „Wiener Extrablattes
Wien.


Sehr geehrter HerrJulius Bauer in Wien (IX, Porzellangasse 13) war „Chef-Redakteur d. ‚Illustrierten Wiener Extrablatt‘“ [Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1910, Teil VII, S. 48] und unter der Redaktionsadresse zu erreichen (Wien IX, Berggasse 31) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1910, Teil VI, S. 931].!

Zu meinem großen Bedauern fand ich vor meiner AbreiseWedekind, der vom 15. bis 19.12.1909 ein Gastspiel am Wiener Lustspieltheater hatte (gespielt wurde „Musik“ sowie „Die Zensur“ und „Der Kammersänger“), reiste am 22.12.1909 abends von Wien zurück nach München [vgl. Tb]. von Wien nicht mehr Gelegenheit, Ihnen für das große weitherzige WohlwollenWedekinds Gastspiel vom 15. bis 19.12.1909 am Lustspieltheater in Wien ist im „Illustrirten Wiener Extrablatt“ wohlwollend besprochen worden; zunächst die Premiere von „Musik“ (15.12.1909) – „Ein echter Wedekind. [...] glitzernd von Geist, knisternd von witzigen Einfällen, durchtränkt von satanischer Laune, gespickt mit teuflischen Bosheiten. Eine blutige Satire auf Theater- und Musikschulen. [...] der weitaus größte Teil des Publikums rief den Dichter stürmisch vor die Rampe. Wedekind verkörperte selbst die Hauptrolle.“ [Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 38, Nr. 345, 16.12.1909, S. 10] – und dann die Premiere der Einakter „Die Zensur“ und „Der Kammersänger“ (17.12.1909), wobei das zuerst gespielte Stück besonders gewürdigt wurde: „‚Zensur‘, eine von Wedekinds neuesten Dichtungen und jedenfalls zum merkwürdigsten, zum tiefgründigsten gehörig, das aus seiner Feder geflossen ist. [...] Es ist ein Dialog von vielen letzten und allerletzten Dingen, eine Rechtfertigung und eine Anklage, ein Bekenntnis und eine Abrechnung. [...] Der Dichter [...] setzt sich mit Welt, Kunst, Liebe und Leben auseinander, mit dem lieben Gott und seinem irdischen geistlichen Zensor. Ein Gespräch mit dem Zensor – das ist’s! – doch lieblich poetisch, blumenhaft umrahmt von ein paar [...] Liebeszenen, in die es nur beiläufig grotesk hinein wetterleuchtet. Von der Freigabe der ‚Büchse der Pandora‘ für die Bühnen nimmt das Zwiegespräch seinen Ausgang. Doch die Perspektive erweitert und vertieft sich zusehends – bis ganz ins Unendliche und Erhabene hinein.“ [Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 38, Nr. 347, 18.12.1909, S. 10] Die Zeitung brachte dann noch ein Resümee des Gastspiels, in dem es heißt: „Die Wedekind-Abende im Lustspieltheater sind vorüber. [...] Es bot mehrfaches Interesse, den Dichter-Schauspieler während der Proben und im Verlaufe der Vorstellungen zu beobachten Während Wedekind bei der Vorbereitung seiner Werkte eine gewisse Behendigkeit entfaltete und wertvolle Winke den Mitwirkenden erteilte, hüllte er sich während der Aufführungen in tiefes, undurchdringliches Schweigen, ging nervös hinter den Kulissen auf und nieder und enthielt sich mit Delikatesse jeder Bemerkung.“ [Wedekind im Lustspieltheater. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 38, Nr. 353, 24.12.1909, S. 11] zu danken, das Sie meinem Gastspiel in Wien entgegenbrachten. Ich hoffe bei der nächsten Gelegenheit die Ehre zu haben, Sie persönlich kennen zu lernen.

In vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.


München, den 28. Dezember 1909.

Einzelstellenkommentare

München, 31. Dezember 1911 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Bauer, Julius

Sehr verehrter Herr Bauerder Schriftsteller und Journalist Julius Bauer in Wien (IX, Porzellangasse 13), „Chef-Redakteur d. ‚Illustrierten Wiener Extrablatt‘“ [Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1912, Teil VII, S. 51], der 1912 den „Lessing-Almanach“ des Concordia-Balls herausgab (siehe unten).!

Darf ich mir die Ehre nehmen, Ihnen inliegende Zeilendas Manuskript (nicht überliefert) von Wedekinds dem Münchner Polizeipräsidenten Julius von der Heydte gewidmetes Gedicht „Herr von der Heydte“ [KSA 1/I, S. 592-393], das im Erstdruck im „Lessing-Almanach. Concordia-Ball. 12. Februar 1912“ (1912 im Verlag der Brüder Rosenbaum in Wien) erschien [vgl. KSA 1/II, S. 1659] – im dritten Teil (siehe unten); es entstand am 30.12.1911, wie Wedekind notierte: „Von der Heydte-Gedicht“ [Tb]. für die DamenspendeDie Presse berichtete über den Zweck des Ball-Almanachs (siehe oben): „Ein sinniges und zugleich pietätvolles Angebinde überreicht die ‚Concordia‘ den Besucherinnen ihres Balles als Damenspende. Regent des Festes ist [...] Gotthold Ephraim Lessing dem die ‚Concordia‘ ein Denkmal im Herzen Wiens bereitet Das elegante Büchlein, das unter dem Titel ‚Lessing-Almanach‘ am Abende des Balles, am 12. Februar, erscheint will gleichsam ein literarischer und poetischer Vorbote des für die Geschichte des Vereines und dieser Stadt gleich bedeutsamen Ereignisses sein. Die Enveloppe – goldene Arabesken auf weißem Grunde – ist mit einer Reproduktion nach dem bekannten von Graff gemalten Bildnis Lessings geschmückt. Der Almanach, 83 Seiten stark, in japanischem Buchstoff gebunden, bietet eine Fülle von Meinungen, Aussprachen und literarischen Bemerkungen in gebundener und ungebundener Rede. Schriftsteller und Dichter, darunter Namen von allererstem Range und von unbestrittenem Ansehen in der deutschen Kulturwelt, haben Beiträge gestiftet, die Julius Bauer gesammelt und herausgegeben hat [...]. Der dritte Teil führt den von Lessing in der ‚Vossischen Zeitung‘ gebrauchten Titel: ‚Das Neueste aus dem Reiche des Witzes‘. Hier vereinigen sich hervorragende Dichter, Humoristen und Satiriker zu Ehren des Meisters der deutschen Satire. [...] Die geschmackvolle und elegante Ausstattung des Almanachs hat die graphische Kunstanstalt Brüder Rosenbaum besorgt.“ [Ein „Lessing-Almanach“ als Damenspende der „Concordia“. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 41, Nr. 40, 11.2.1912, S. 7] Ein Auswahl an Beiträgen des dritten Teils wurde im „Illustrirten Wiener Extrablatt“ nachgedruckt, darunter Wedekinds Gedicht „Herr von der Heydte“ [vgl. Die Damenspende des „Concordia“-Balles. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 41, Nr. 42, 13.2.1912, S. 6-8, hier S. 8]. des Concordiaballesder nächste Ball des 1859 in Wien gegründeten Journalisten- und Schriftstellervereins Concordia (ein Verein mit 1848er Traditionen, der den ersten seiner Bälle 1863 in den Sofien-Sälen veranstaltete hatte); er fand am 12.2.1912 statt, wie angekündigt war: „Die Arbeiten für den ‚Concordia‘-Ball, der am 12. Februar in den Sofiensälen abgehalten wird, nehmen einen flotten Fortgang. Das diesjährige Fest wird im Zeichen Lessings stehen.“ [„Concordia“-Ball. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Jg. 41, Nr. 19, 21.1.1912, S. 7] zu übersenden. Eine kleine Bitte werden Sie mir dabei aber erlauben, nämlich die, daß ohne mein Wissen an den Zeilen nichts geändert oder gestrichen wird. Damit wünsche ich der „Concordia“ | ein schönes Gelingen Ihres Festes und bitte Sie noch aus den letzten Stunden von 1911 die schönsten Glückwünsche zum Neujahr 1912 entgegenzunehmen von Ihrem
hochachtungsvoll ergebenen
Frank Wedekind.


München 31.12.11.

Einzelstellenkommentare