München 29.4.14.
Sehr verehrter Herr Hans von HülsenHans von Hülsen, ein junger Schriftsteller und Journalist, der für verschiedene Tageszeitungen schrieb, wohnte in Charlottenburg (Bleibtreustraße 3) [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1914, Teil II, Sp. 778].,
für die große Freude, die Ihr glänzender EssayHans von Hülsen hat wenige Tage zuvor eine Würdigung zum 50. Geburtstag Wedekinds veröffentlicht, die Leben, Werk und Wirkung des Schriftstellers Revue passieren lässt, ihn hymnisch charakterisiert („Dieser ewig-jugendliche Flackerkopf; dieser rastlos produzierende Dichter; dieser Proteus der Maske und des Gedankens; dieser unverbesserlich-zwanzigjährige Zyniker“) und feststellt: „Wedekind ist wohl derjenige Dichter unserer Gegenwart, der am meisten geschmäht und bekämpft worden ist und noch heute wird. […] wir erleben bei Wedekind das in jeder Generation sich wiederholende, heitere Schauspiel: die alten Herren schütteln die Köpfe, während die Jugend (auch die mit grauen Haaren) ihm begeistert zufällt. […] Nun wird er bald fünfzig Jahre alt – nochmals: man merkt es ihm nicht an – und die deutschen Theater, die endlich erkannt haben, was für eine starke dramatische Potenz er ist, schicken sich an, seine Stücke zu spielen, um den Tag zu feiern.“ [Hans v. Hülsen: Der fünfzigjährige Frank Wedekind. In: Breslauer Zeitung, Jg. 95, Nr. 286, 25.4.1914, Morgen-Ausgabe, S. (1)] mir bereitete
empfangen Sie aufrichtigen Dank. Ich ließ mir nicht träumen einen so lieben
Kameraden in Ihnen zu besitzen. Wenn Sie meine Arbeiten zu hoch einschätzen so
werden Sie das selber zu büßen haben. Sicherlich behandeln Sie Ihr Objekt in
der allerfreundschaftlichsten Weise. Herzlichen Dank dafür. Mit schönsten
Grüßen auf baldiges WiedersehnWedekind hatte Hans von Hülsen zuletzt am 7.3.1913 in München gesehen (zusammen mit Kurt Martens und Karl Henckell in der Torggelstube): „T.St. Martens Henckel Hans von Hülsen.“ [Tb]
Ihr ergebener
Frank Wedekind