Briefwechsel

Wedekind, Frank und Loewenson, Erwin

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Berlin, 22. April 1910 (Freitag)
von Loewenson, Erwin und Der Neue Club, (Verein)
an Wedekind, Frank

Berlin 22. April 1910.


Hochverehrter Herr Wedekind!

Der ‚Neue Club‘Der ‚Neue Club‘] Der Neue Club bestand von März 1909 bis Frühjahr 1914 als Vereinigung junger Berliner Intellektueller und Literaten, vorwiegend noch Studenten, und wollte laut seiner Satzung „seinen Mitgliedern einen regelmässigen Gedankenaustausch ermöglichen und ihnen Gelegenheit bieten, mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit zu treten.“ [Sheppard 1980, S. 402]. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Jakob van Hoddis, Franz Grüner, Kurt Hiller, Kurt Levy, Erwin Loewenson, Erich Unger, John Wolfsohn und Edgar Zacharias [vgl. Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 356], später stießen u. a. Georg Heym und Ernst Blass hinzu. Treffpunkt des Neuen Clubs war das Nollendorfkasino am Nollendorfplatz. An die Öffentlichkeit trat der Club ab Juli 1909 durch Diskussionsabende und Vorträge an unterschiedlichen Veranstaltungsorten [vgl. Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 350; 354]. Am Schwarzen Brett der Berliner Universität hängte der Neuen Club einen „Aufruf“ aus mit einer Reihe von Zitaten von Nietzsche, Spinoza, Oscar Wilde, Goethe und Hugo von Hofmannsthal. Wedekind war dabei vertreten mit einer Replik aus seinem Einakter „Die Zensur“ [vgl. KSA 6, S. 221]: „Welche Kurzweil bereitet uns denn das Leben, wenn wir es nicht ernst nehmen?“ [Sheppard 1980, S. 182] (eine Vereinigung von Studenten der Philosophie und jungen Künstlern, die sich verschworen haben, den Blasphemieen„jede ehrenrührige Rede, insbes. Gotteslästerung“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 3. Leipzig, Wien 1903, S. 25]; gemeint sind hier wohl Angriffe auf Künstler und Literaten. dieser Zeit nicht länger untätig zug/z/usehen und ihren Ekel vor allem CommishaftenEin Commis war ein kaufmännischer Angestellter oder Büroangestellter. Ganz ähnlich formulierte Erwin Loewenson in einer auf Wedekind bezogenen Passage in seinem am 8.11.1909 in Neumanns Festsälen am Hackeschen Markt gehaltenen Vortrag „Die Décadence der Zeit und der ‚Aufruf‘ des ‚Neuen Clubs‘“: „Denken Sie in der Kunstbewertung an die Respektlosigkeit vor diesen heutigen Dingen! Mit welcher enthusiastischen Psychologielosigkeit und mit welcher commishaften Unsauberkeit wird heut einem Überwältiger begegnet, einem, der umstrahlt ist von dem Lachen der Welten: Frank Wedekind!“ [Sheppard 1980, S. 202] im Kunst- und Wissenschaftsbetrieb und ihre Bewunderung der Einzelgeister öffentlich kundzutun)

richtet in Ergebenheit eine Bitte an Sie.

Es ist der Beschluß gefaßtDie Mitglieder des Neuen Clubs hatten am 4.4.1910, angesichts der öffentlich gewordenen Auseinandersetzungen zwischen Wedekind und seinem Verleger Bruno Cassirer [vgl. Wedekind im Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 157, 29.3.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)], während eines Treffens „im Club-Montags-Stammtisch des Café des Westens beschlossen […] Ehrenhalber einen Demonstrations-Wedekind-Abend [zu] machen u zwar wahrscheinlich die Zeit (8–10 Mai sowas), wo er gerade in Berlin ist, (zur Aufführung zwei seiner Stücke von der Akademischen Bühne, wo er mitspielt).“ [Erwin Loewenson an Erich Unger, 5.4.1910. Zit. n. Sheppard 1980, S. 299] Den in der Presse angekündigten Gastauftritt in Berlin [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 133, 14.3.1910, Abend-Ausgabe, S. (2)] hatte Wedekind bereits öffentlich dementiert [vgl. Wedekind an B. Z. am Mittag, 18.3.1910]. worden, – wofern wir Ihre, überaus gütige, Genehmigung dazu erhalten: und eben dahin geht unsere Bitte; – daß Mitte Mai ein ‚Wedekind-Abend‘ stattfinde; in einem vornehmen Konzertsaal und in größerem Stil. Der mit dem einleitenden Vortrag BetrauteDas war Erwin Loewenson selbst. Seinem Freund Erich Unger schrieb er am 5.4.1910 im Zusammenhang mit dem geplanten Wedekind-Abend: „Vortrag werde ich halten über Wedekind und Tragik.“ [Sheppard 1980, S. 300] Aus dem Plan ging der Vortrag „Das Thema von Wedekinds Theodizee“ hervor, in dessen Zentrum der Einakter „Die Zensur“ stand, den Erwin Loewenson unter seinem Pseudonym Golo Gangi bei einem internen Abend des Neuen Clubs am 16.11.1910 hielt [vgl. den Abdruck des Programms sowie der Reinschrift von Loewensons Manuskript in Sheppard 1980, S. 411-423]. (aus unserer Mitte) meint, eine neue – undüstere – Definition der Tragik gefunden zu haben, und sieht in Ihnen, verehrter Herr Wedekind, den einzigen wirklichen Tragiker, der seit Hebbel über Europa gekommen ist. (Nach | dem Vortrag sollen erste Künstler der Bühne aus Ihren Werken vorlesenFür den Wedekind-Abend war als Programm geplant, „1 bis 2 Vorträge (wahrscheinlich aber nur einer) und einiges von ihm selbst, vorzulesen – etwa von Tilla Durieux, Gertrud Eysoldt, Albert Bassermann, Albert Heine, zur Auswahl. Tilla Durieux ist bereits leidenschaftlich dafür, umsonst natürlich [...] Die Namen brauchen wir [...], weil sie 1) das Publicum anlocken sollen u weil es 2) eine Ehrung sein soll (dies dem Publicum unter die Nase zu reiben).“ [Erwin Loewenson an Erich Unger, 5.4.1910, in: Sheppard 1980, S. 299]. Frau Tilla Durieux hat sich uns bereits hierfür in der liebenswürdigsten Weise zur Verfügung gestelltDie Schauspielerin Tilla Durieux las während des zweiten Neopathetischen Cabaret-Abends des Neuen Clubs am 6.7.1910 eine Szene aus Wedekinds Einakter „In allen Wassern gewaschen“ [vgl. Schneider/Burckhardt 1968, S. 403], der Mitte Juni 1910 erschien. [vgl. KSA 7/II, S. 690; 878-880]. Die Veranstaltung fand im „Papierhaus“ (Dessauer Straße 2) statt. Erwin Loewenson schrieb am 13.4.1910 an Erich Unger: „Die Tilla Durieux ist ebenfalls bereits fest; umsonst.“ [Sheppard 1980, S. 302]; doch möchten wir uns an weitere Künstler nicht eher wenden, bevor wir nicht Ihren freundlichen Rat hierüber gehört haben. Insbesondere jedoch bitten wir Sie für die Auswahl der Werke um Ihren Rat und Wunsch.

Obgleich Sie nicht wissen können, Hochverehrter, wie sehr die Ausstrahlungen Ihres Geistes zu einem der Elemente unserer Lebensatmosphäre geworden sind, hoffen wir doch, Sie werden uns unsere Bitte nicht abschlagen. Gestatten Sie, daß wir noch die hinzufügen, uns – wenn irgend möglich – umgehend zu antworten, da wir an die Vorbereitungen nicht eher herangehen können, als bis wir im Besitze Ihrer Zustimmung sind.

Empfangen Sie unsern ehrfurchtsvollen Gruß

Im Namen des Neuen ClubIn Erwin Loewensons Nachlass überliefert ist ein Briefentwurf Kurt Hillers, des ersten „Präsidenten“ des Neuen Clubs, an Wedekind [vgl. Kurt Hiller an Wedekind, 21.4.1910], der sich im Namen des Neuen Clubs offenbar zunächst selbst an ihn wenden wollte, dies jedoch dann Erwin Loewenson überließ, dem er seinen durchgestrichenen Briefentwurf anscheinend übergab.,
sehr ergebenst:
Erwin Loewenson
(Berlin W. 57. Bülowstr. 6Erwin Loewenson studierte zunächst Jura, seit 1909 dann Philosophie in Berlin [vgl. Amtliches Verzeichnis des Personals der Studierenden der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Winterhalbjahr vom 19.10.1909 bis 15.3.1910. Berlin 1909, S. 171] und wohnte bei seinen Eltern; der Vater Alex Loewenson war unter dieser Adresse verzeichnet als „Dentist, Atelier für künstliche Zähne u. Plomben“ [Berliner Adreßbuch 1910, Teil I, S. 1703]. .)

Einzelstellenkommentare

München, 2. Mai 1910 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Loewenson, Erwin

München Prinzregentenstraße 50
2.5.10.


Sehr geehrter Herr Loewenson!

Die Verzögerung meiner Antwort auf Ihre für mich so ehrenvollen Zeilenvgl. Erwin Loewenson an Wedekind, 22.4.1910. kommt daher, daß ich in diesen Tagen von einem Tag zum anderen darauf wartete, daß mein Verleger Bruno Cassirer sich endlich entschließen würde, meine Werke, die er vor nun zwei Monaten öffentlich zum VerkaufWedekinds Verleger Bruno Cassirer hatte am 10.3.1910 folgende Annonce aufgegeben: „Ich beabsichtige, aus meinem Verlage sämtliche bei mir erschienenen Werke von / FRANK WEDEKIND / zu verkaufen. / Es handelt sich um die Dramen: / TOTENTANZ, 4te Aufl. / BÜCHSE DER PANDORA, 6te Aufl. / ZENSUR / SO IST DAS LEBEN, 2te Aufl. / OAHA, 2te Aufl. / FRÜHLINGS ERWACHEN, 24te Aufl. / DER KAMMERSÄNGER, 4te Aufl. / ERDGEIST, 7te Aufl. / MUSIK, 4te Aufl. / JUNGE WELT, 2te Aufl. / MARQUIS VON KEITH, 2te Aufl. / um den Gedichtband: VIER JAHRESZEITEN, 4te Aufl. / und die Erzählungen: FEUERWERK, 3te Aufl. / Ich bitte die Herren Kollegen, die sich für den Ankauf der Bücher Wedekinds mit allen Vorräten und Rechten für Neuauflagen interessieren, sich mit mir in Verbindung setzen zu wollen. / Hochachtungsvoll / BRUNO CASSIRER, VERLAG. BERLIN W., / Derfflingerstr. 16.“ [Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 77, Nr. 56, 10.3.1910, S. 3079] Wedekind hatte darauf mit Rundschreiben an verschiedene Verlagsbuchhändler reagiert, die er auch in der Presse lancierte [vgl. Wedekind an Verlagsbuchhändler, 18.3.1910 und 23.3.1910]. ausgeboten hat, auch wirklich zu verkaufenDie Rechte an Wedekinds Werken übernahm Georg Müller für seinen Verlag von Bruno Cassirer vertraglich am 5.7.1910 [vgl. KSA 5/III, S. 140]. Der Verlagswechsel war von Bruno Cassirer zuvor schon im Branchenblatt angezeigt worden [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 133, 13.6.1910, S. 7007].. |

Von Ihrem Plan bin ich entzückt und bitte Sie, den Mitgliedern Ihrer Vereinigung meinen aufrichtigen herzlichen Dank auszusprechen. Frau DurieuxDie Schauspielerin Tilla Durieux las während des zweiten Neopathetischen Cabaret-Abends des Neuen Clubs am 6.7.1910 eine Szene aus Wedekinds Einakter „In allen Wassern gewaschen“ [vgl. Schneider/Burckhardt 1968, S. 403], der Mitte Juni 1910 erschienen war. [vgl. KSA 7/II, S. 690; 878-880]. wäre mir die willkommneste Interpretin, die ich mir wünschen könnte. Vielleicht gelänge es Ihnen auch, einige KräfteErwin Loewenson kommentierte Wedekinds Wunsch in einem Brief an seinen Freund Erich Unger: „Rat mal welche andren Schauspieler er uns rät, an die wir uns wenden sollten? ‚Vielleicht gelingt es Ihnen auch, einige Kräfte des Kgl. Schauspielhauses zu gewinnen‘ ……! Echter Wedekind; organisch grotesk, ohne es zu wollen u zu wissen; aber seine Weltanschauung wendet man doch nicht auf den Ernst des Lebens an! – Na, er meint natürlich, dadurch ein bürgerliches Publicum heranzuziehen. Nur werden wir keinen umsonst kriegen.“ [Erwin Loewenson an Erich Unger, 5.5.1910; in: Sheppard 1980, S. 326] vom Kgl. Schauspielhaus zu gewinnen.

Was das Material betrifft, so gestatte ich mir Ihnen im folgenden einfach mein Vortragsrepertoir der letzten zehn Jahre aufzuzählen: |

Gedichte aus Vier Jahreszeiten.
Rabbi Esra
Brand von Egliswyl }Die geschweifte Klammer umfasst in der Handschrift auch die vorige Zeile: Rabbi Esra.aus Feuerwerk
Elendenkirchweih und MarktplatzZweiter Aufzug, Siebtes Bild und Dritter Aufzug, Achtes Bild von „So ist das Leben“ [vgl. KSA IV, S. 268-290]. aus „So ist das Leben
Prolog von Erdgeist.
5. Akt Marquis von Keith.
Zweite Scene aus Zensur.
Dritter Akt Hidalla.

Ich würde auch aufrichtig gesagt eine große Förderung darin erblicken, wenn „Totentanz“ und „Büchse der Pandora“ in Ihrem Vortrag b erwähnt würden. Rezitationen aus diesen beiden Stücken würden mir | aus rein praktischen ganz äußerlichen Gründen, deren Erörterung zu weit führen würde, nicht angezeigtDie beiden genannten Stücke waren von Wedekinds Werken am stärksten von Zensurverboten betroffen [vgl. KSA 3/II, S. 1205f.; KSA 6, S. 653f.]. erscheinen.

Leider, leider, leider stehen meine Verlagsangelegenheiten aber augenblicklich nicht so, daß ein Erfolg Ihres VortragsabendsDer geplante Wedekind-Abend des Neuen Clubs kam nicht zustande. Neben der genannten Lesung von Tilla Durieux am 6.7.1910 (siehe oben) war für den 4. Abend des Neopathetischen Cabarets am 9.12.1910 eine Lesung von Wedekinds „Rabbi Esra“ durch Paul Marx vom Lessing-Theater angekündigt worden, die jedoch entfiel [vgl. Schneider/ Burckhardt 1968, S. 405 und 597; Sheppard 1980, S. 439; 454 Anm. 82]. Am 9.11.1910 präsentierte Jakob van Hoddis eine „Glosse zu Wedekind’s Theodizee“ [vgl. Schneider/Burckhardt 1968, S. 404], am 16.11.1910 referierte Erwin Loewenson (unter seinem Pseudonym Golo Gangi) auf einem internen Abend des Neuen Clubs über „Das Thema von Wedekinds Theodizee“ [vgl. Sheppard 1908, S. 411]. Für den 9. und zugleich letzten Abend des Neopathetischen Cabaret am 3.4.1912 war schließlich Erich Unger mit einer Lesung aus „‘Mit allen Wassern gewaschen‘ von Wedekind“ [Schneider/Burckhardt 1968, S. 411] angekündigt., und um den ist es Ihnen doch wohl zu thun, für mich die denkbar größte SchädigungMit dem Verlagsstreit mit Bruno Cassirer setzte sich Wedekind unter dem Stichwort „Contra Cassirer“ auseinander und stellte ein unveröffentlicht gebliebenes Pamphlet zusammen [vgl. KSA 5/III, S. 126-141; Vinçon 2014, S. 227-230]. wäre. Mein Verleger würde sofort mit seinen PreisforderungenDie Verhandlungen über den Verkaufspreis der Verlagsrechte von Wedekinds Werken waren aktuell noch nicht abgeschlossen [vgl. Maximilian Harden an Wedekind, 30.4.1910; Wedekind an Georg Müller, 2.5.1910]. in die Höhe gehen | oder auf seinen gegenwärtigen Forderungen um so hartnäckiger beharren und der Verkauf meiner Bücher würde sich noch länger hinauszeihen.

Deshalb muß ich traurigerweise die Bitte an Sie richten, mit dem Vortragsabend warten zu wollen, bis die Verhandlungen einen Abschluß gefunden haben. Das kann jetzt von einem Tag auf den anderen geschehen. Sollte die Lösung des Konfliktes zustande | kommen, dann würde ichn Ihnen sofort telegraphieren.

Mit hochachtungsvollem Gruß
Ihr
Frank Wedekind.


[Kuvert:]


Herrn Erwin Loewenson
Berlin W. 57.
Bülowstrasse 6

Einzelstellenkommentare

Berlin, 25. Juni 1910 (Samstag)
von Loewenson, Erwin
an Wedekind, Frank

Hochverehrter Herr Wedekind

Für Ihren freundlichen Briefvgl. Wedekind an Erwin Loewenson, 2.5.1910., vor allem für die prinzipielle Genehmigung unseres Planesder Ausrichtung eines Wedekind-Abends mit Lesungen und Vorträgen [vgl. Erwin Loewenson an Wedekind, 22.4.1910]., nehmen Sie unsern herzlichen Dank!

Die Verlegergreuel sind ja müssen hierzulande mehr gemeiner als ja gemeingefährlicher sein als man weiß;, nichts ist tiefer beklagenswert, als daß wenn selbst gebenedeitegesegnete, gepriesene. Lebensm/M/ittel des Geistes der Verwaltung gleichsam viehischer Instincte unterstellt sinddurch Unterpunktung aufgehobene Streichung.; hier in großem Stil Abhilfe zu schaffen ist gehört eigentlich die zu der (sehr gewagten) Lebensaufgabe unseres ClubsDer Neue Club bestand von März 1909 bis Frühjahr 1914 als Vereinigung junger Berliner Intellektueller und Literaten, vorwiegend noch Studenten, und wollte laut seiner Satzung „seinen Mitgliedern einen regelmässigen Gedankenaustausch ermöglichen und ihnen Gelegenheit bieten, mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit zu treten.“ [Sheppard 1980, S. 402]. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Jakob van Hoddis, Franz Grüner, Kurt Hiller, Kurt Levy, Erwin Loewenson, Erich Unger, John Wolfsohn und Edgar Zacharias [vgl. Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 356], später stießen u. a. Georg Heym und Ernst Blass hinzu. Treffpunkt des Neuen Clubs war das Nollendorfkasino am Nollendorfplatz. An die Öffentlichkeit trat der Club ab Juli 1909 durch Diskussionsabende und Vorträge an unterschiedlichen Veranstaltungsorten [vgl. Wülfing/Bruns/Parr 1998, S. 350; 354]., nämlichNach verschiedenen Einzelkorrekturen hat Erwin Loewenson den Briefabschnitt von „nämlich“ bis „Begabte“ mit drei diagonalen Strichen komplett gestrichen. indem allmählich Institutionen zu schaffen. herzustellen, kraft welcher Genies jeder Gattung die Begabten großen Ausnahmen auf jedem B Gebiet die Sache der großen Ausnahmen auf jedem Gebiet eine pflichtmäßige Ehrensache (u. Pflicht) aller Begabten

und zwar (– verzeihen Sie, daß ich davon Einiges zu Ihnen sage? –) scheint uns die einzige Möglichkeit erste Bedingung nämlich einer aristokratischen Regelung aristokratischer Angelegenheiten scheint in scheint ein in einer Einigung scheint uns in einer der Einigung der einer Der Zahl Ausnahmemenschen einer großen leidlichen Zahl Kultivierter zu liegen, an deren Spitze freilich eine geringe Zahl großer Ausnahme-Menschen selbst stehen müßte; von einer solchen [imposanten] Einigung darf man erwarten, daß es ihr gelingen wird, eine neu neue kleine Begeisterung u. Eitelkeit aufzurühren auch bei den Materiell-Potenten aufzurühren, mit | deren Hilfe welcher man allmählich im Laufe der Jahre eine Anzahl Reihe von aristokratischen Institutionen ins Leben rufen könnte die insgesamt den Zweck haben, jeden die Großen von den Kleinen in jeder Beziehung unabhängig zu machen. [Man bräuchte beispielsweise: eine Theater Bühne, die nicht auf den Beifall eines großen Publikums angewiesen ist; eine Zeitschrift, die compromißlos für die heiligen Extravaganzen in Kunst, Wissenschaft, Philosophie usw. einsteht und einen eigenen Verlag; und höchst parteiische Attacken gegen die p. p.hier im Sinne von: diversen, verschiedenen. Canaillen(frz.) Schurken, hier wohl abwertend für: Pack. ausführt [auchdie nach der folgenden Zeile in Kastenklammern notierte Passage, hat Erwin Loewenson durch einen Einweisungstrich an diese Stelle platziert. Politik treibt, mit Ausschluß der ‚realdemokratischen‘, d. i. antigenialen]; di/ein/e ‚Neben-UniversisätSchreibversehen, statt: Universität.‘ mit Verzicht auf behördliche staatliche Würden Titel; (mit im Anschluß ++te fortlaufende Congressen/e/) eine andre Art ‚Parlament‘, in dem Fragen des Kultur-Anstands, des Totschweigens, und der guten Gesinnung der Politik phrasenlos u. blutig öffentlich durch Unterpunktung aufgehobene Streichung.diskutiert werden r – (die „öffentlichen Meinungennimmt nehmen heutzutage nur noch gewiß von öffentlich Au Gesprochenem Notiz, schon aus Neugierde); eine Art aristokratisches ‚Consulat‘ für die als Cen Mittelpunkt für alle Interesse der Er Ausnahmen, als offizielles Organ bei Verhandlungen mit der Regierung etc., als pflichtmäßiger Rats- u. Hilfeerteiler vor allem an junge oder bedürftige an alle als bedeutende Talente Erkennbare (oder so ähnlich)..usw.]

Die klingt gewiß in dieser solcher allgemeinen, extremen u. unausgeführten Form, (die nur das Resultat nicht | den Weg u. noch nicht einmal die Organisationsmethode angibt), gewiß sehr lächerlich, optimistisch und, utopistisch und noch etwas; aber was wären das für Einwände –. Wir wissen auch, daß es nichts schwerer ist, als ein halbes Dutzend Geniale zu einem soziologischen Zweck zusammenzuführen, daß die deren Einsamkeitspose und dasdurch Unterpunktung aufgehobene Streichung. überlegenes Lächeln mancher eines Gottbegnadeten kaum überwindliche Feinde fast kaum so unüberwindbarer ist als wie das vernagelte Herz der eines Geldbegnadeten die Vernageltheit mancher Geldbegnadeten; wir wissen noch manche viele anderen Schwierigkeiten, z. B. daß man selbst ein begabte aufn empfängliches Publikum (soweit dieser Begriff nicht gegen den Satz vom WiderspruchGrundsatz der Logik, nach der zwei sich widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen können. verstößt) nur mit Hinterlist für sich gewinnen kann – und die aber trotzdem keine Compromisse mit ihm sein darf – schließen darfusw.

Verzeihen Sie bitte, verehrter Meister, diesen | entsetzlichen Umweg über den Grundgedanken des Neuen Clubs, aber ich wählte ihn, um Ihnen anzudeuten, daß das Bißchen was wir jetzt vorhaben, so unwichtig es an sich sein mag, doch eine kleine Notwendigkeit in einer weitgespannten Logik, eine taktische Ouvertüre, ein hinterlistigesverkapptes frühes entferntes Mittel zum Zweck darstellt.

Wir machen eröffneten diesen Sommer hauptsächlich für Studenten und die jüngere „Literaten“generation, ein sogen.Neopathetisches Cabaret für Abenteurer des GeistesVeranstaltungsreihe des Neuen Clubs, die am 1.6.1910 eröffnet worden war [vgl. Sheppard 1980, S. 371].“, vorläufig monatlich einmal unter Ausschluß der Öffentlichkeit, nur für Geladene, (doch kann jeder, der das Plakat in der Universität bzw. einer Buchhandlung liest, Antrag auf Einladung stellen); ich muß Ihnen dies aus Gründen, die Ihnen sofort Sie sofort klar sein werden sehen werden, so ausführlich darstellen mitteilen). DasUm das Wort „Neopathetisch“ im Zusammenhang mit dem Untertitel besagt, daß wir uns nicht damit begnügen, zö/o/tige Liedlein singen zu lassen zu erläutern, brauche ich Ihnen nach allem bisher Gesagten nur ungefähr durch eine Reihe actuell aufgegriffener zusammengeraffter Namen den Geschmack zu | umschreiben auf den wir das Pu unser gem ein Publikum eingestellt hätte einstellen wollen: außer Ihnen also: Altenberg, Nietzsche, Max Brod, Hofmannsthal, George, Meyrinck, Rilke, Weininger, Kerr, Heinr. Mann, Sigm. Freud: wer nämlich diese in sich vereinen kann, der müßte eigentlich, mit dem müßte sich eigentlich etwas anfangen lassen.… Vor allem jedoch (Übrigens lassen wir vor allem die jüngste Generation mit Dichtungen, und Essais zu Wort, rauchenden Philosophemen und Musik auftreten).

Nun die obligate Bitte, verehrter Herr Wedekind. Würde es Ihrer Angelegenheit schaden, wenn wir schon jetzt Ende Juni, – also vor u. außer dem geplanten Abend) – ca. Oktober in diesem vor solchem kleinen geladenen Kreis – (ca. wahrscheinlich 60 Personen) einige kleine Dichtungen von Ihnen vortragen lassen würden, also vielleicht ein paar Gedichte und eine Novelle; Frau DurieuxDie Schauspielerin Tilla Durieux las während des zweiten Neopathetischen Cabaret-Abends des Neuen Clubs am 6.7.1910 eine Szene aus Wedekinds Einakter „In allen Wassern gewaschen“ [vgl. Sheppard 1980, S. 395], der Mitte Juni 1910 erschienen war. [vgl. KSA 7/II, S. 878-880]. Die Veranstaltung fand im Papierhaus (Dessauer Straße 2) statt [vgl. Sheppard 1980, S. 449]. hat unsdurch Unterpunktung aufgehobene Streichung. wiederum liebenswürdigerweise versprochendurch Unterpunktung aufgehobene Streichung., uns auch diesen Gefallen zu tun. |

Da die Motivation des Herrn Bruno CassiererSchreibversehen, statt: Cassirer. natürlich sehr compliziert seindurch Unterpunktung aufgehobene Streichung. kann, so bitte ich Sie, uns Ihre gütige Erlaubnis erstnur dann zu erteilen, wenn Ihnen auch die geringste Möglichkeit einer Schädigung ausgeschlossen erscheint.

Indem ich nur Ihrer geschätzten Antwort entgegensehe, gest und Sie für die Länge des/iese/s Briefes um Verzeihung bitte, erlaube ich mir, Ihnen den ehrfurchtsvollen Gruß u. Dank der Mitglieder meiner Vereinigung zu über auszusprechen.

Mit hochachtungsvollem Gruß
Ihr sehr ergebener
Erwin

Einzelstellenkommentare

München, 27. Juni 1910 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Loewenson, Erwin

[Hinweis in Erwin Loewensons Brief an Wedekind vom 9.7.1910 aus Berlin:]


Haben Sie nochmals unsern herzlichen Dank dafür, die Ehre daß, die Sie uns damit erwiesen, daß wir Ihr jüngstes Werk in u (wenigstens teilweise) zum ersten Mal lesen lassen durften! […] Ich habe Ihre die Empfehlung an Frau Durieux ausgerichtet Frau Durieux die sich sehr sichtlich darüber gefreut hat.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 9. Juli 1910 (Samstag)
von Loewenson, Erwin
an Wedekind, Frank

Sehr geehrter Herr Wedekind

Unser Abend war ein

Ich beeile mich Ihnen mitzuteilen, daß unser Cabaret-Abend ein schöner Erfolg war, der Clou, wie sich von selbst versteht


Unser Cabaret-AbendDer zweite Vortragsabend des Neopathetischen Cabarets fand am 6.7.1910 um 20.30 Uhr im Papierhaus (Dessauer Str. 2) in Berlin statt. Auf dem Programm standen: Heinrich Eduard Jacob: Sommernacht; Georg Heym: Gedichte; Golo Gangi (d. i. Erwin Loewenson): „Von Rausch und Kunst“ (Vorlesung aus Nietzsche); Tilla Durieux: Vorlesung aus Frank Wedekinds Tragödie „In allen Wassern gewaschen“; Kurt Hiller: Gedichte von Max Brod und Kurt Hiller; Jakob van Hoddis: Gedichte und Armin Wassermann: „Geronimo de Aguilar“ (Novelle von Jakob Wassermann) [vgl. Programmzettel in: Schneider/Burckhardt 1968, S. 403]. war ein außerordentlicher Erfolg, u. der „Clou“Die gestrichene Formulierung so auch in verschiedenen Zeitungen: „Den Clou des Abends […] bildete eine von Frau Tilla Durieux meisterhaft vorgelesene Szene aus Frank Wedekinds neuester Tragödie ‚In allen Wasser gewaschen‘.“ [Berliner Lokal-Anzeiger, Jg. 48, Nr. 340, 8.7.1910]. „Der Clou des Abends jedoch war die Vorlesung von Frank Wedekinds ungedrucktem Einakter ‚In allen Wassern gewaschen‘ durch Reinhardts Heroine Frau Tilla Durieux“ [Bohemia, 9.7.1910; zit. nach Sheppard 1980, S. 398]. Höhepunkt, wie sich von selbst versteht: die HauptszeneTilla Durieux las den Presseberichten zufolge den 7. Auftritt des von Wedekind als „Tragödie in einem Aufzuge“ überschriebenen Einakters „In allen Wassern gewaschen“ – später der dritte Akt von „Schloss Wetterstein“ – den Dialog zwischen Effie und Tschamper. „Der spleenige Amerikaner, der vorgibt, sich vergiften zu wollen, und das Weib in den Tod treibt, das ihm angeblich nur den Tod versüßen sollte“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)]. Das Stück war Mitte Juni 1910 erschienen [vgl. KSA 7/II, S. 690]. Ihrer Tragödie, von Frau Durieux mit fast adaequater Grandiosität gelesen vorgetragen. und höllenhafter starken Freudigkeit höllenstrake Höllenfreudigkeit gelesen. Haben Sie nochmals unsern herzlichen Dank dafür, die Ehredurch Unterpunktung wiederhergestellte Streichung. daß, die Sie uns damit erwiesen, daß wir Ihr jüngstes Werk in u (wenigstens teilweise) zum ersten Mal lesen lassen durften!


[Einweisungszeichen für die auf Seite 4 und am Fuß der Seite notierte Passage:]

Die vorangegangene VorlesungÜber Erwin Loewensons Lesung „Von Rausch und Kunst“ aus Nietzches Aphorismen (zum Programm siehe unten) schrieb die Presse: „Herr Golo Gangi erklärt, er würde platzen, wenn er uns nicht gewisse Stellen aus Nietzsche vorlesen dürfte. Wir wollen nicht, daß er so grausam sterbe. Er liest aus Nietzsche vor. Schlecht übrigens, aber er ist wirklich begeistert. Die Lichter im Saal sind verlöscht, nur die Pultlampe zeigt das scharfe Profil eines jungen Kopfes, in dem es ehrlich wogt. Ver sacrum. So etwas ist wirklich schön.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (2)] aus Nietzsches ‚Willen zur Macht‘ und der ‚Götzen-Dämmerung‘ hatte den Zweck, die/as/ Publikum auf das höllenhaft Starke und ungeheuer Lebensfähige, auf das Siegreiche Siegvolle Ihrer Visionen einzustellen: die Wirkung war denn auch um so totaler: keine nicht depressiv, – keine Ibsenschen BeklemmungenZur Gegenüberstellung von Ibsen und Wedekind vgl. ausführlich Erwin Loewensons Brief an Erich Unger vom 15.4.1910: „Grade das, worüber Ibsen empört ist, das macht Wedekind Freude. Das was Ibsen das Leben unmöglich macht, das macht es Wedekind überhaupt erst möglich. Das, weswegen der Ibsen sich das Leben nimmt, darum allein lohnt es Wedekind, gerade, geboren zu sein. (Nietzsche nennt das den ‚Pessimismus der Stärke‘).“ [Sheppard 1980, S. 304f.] (Gespenster!) – sondern sie b eine tragisches machtvolles Aufflac Auflebenatmen der ganzen Vitalität, eine tragischet/e/ tiefe machtvolle Freudigkeit. (Eine Wirkung, die der Verstehende zur/vor/ allen Ihren enormen Stücken erlebt; am intensivsten vor der Büchse der Pan|dora LuluDie siebte Auflage von Wedekinds „Erdgeist“ war 1910 bei Bruno Cassirer unter dem Titel „Lulu. Dramatische Dichtung in zwei Teilen. Erster Teil. Erdgeist“ erschienen. Zuvor hatte Cassirer die beiden Tragödien „Der Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ bereits als „Lulu I“ und „Lulu II“ beworben [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 76, Nr. 16, 21.1.1909, S. 881]. Der zweite Teil der Doppeltragödie erschien als zweite Auflage von „Die Büchse der Pandora“ im gleichen Jahr erst nach dem Verlagswechsel zu Georg Müller – nun jedoch ohne Nennung der gemeinsamen Hauptfigur im Titel. Namentlich dieses Stück hielt Erwin Loewenson „für das dramatisch Grandioseste Deutschlands“ [Erwin Loewenson an Erich Unger, 13.4.1910; in: Sheppard 1980, S. 302]. „Die Büchse der Pandora ist schwerer zu verstehen als Faust zweiter Teil und Also sprach Zarathustra, […] neben den 5 Büchern Moses das tiefste Stück Literatur bisher. […] Es ist das tiefste Stück Philosophie bisher.“ [Erwin Loewenson an Grete Tichauer, 22.5.1911; in: Sheppard 1980, S. 513] u. dem Marquis von Keith, vor Frühlings Erwachen und Hidalla, |

Die Besprechung des AbendsUnter dem Kürzel „–al.“ mit dem Titel „Neopathetiker“ in: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (2-3). im „Berliner Tageblatt“ (die ich mir mit dem Programm des Abends beizulegen gestatte) wird Ihnen nur | natürlich ein schiefes Bild geben; aber trotz der obligaten Altersironie, sowie mancher Verleumdung (zb/B/, daß wir eine Claque angestelltIn der Besprechung hieß es: „Keiner im Auditorium wurde warm. Aber einer war vom Klub dazu angestellt, immerzu zu klatschen.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)] hätten, daß wir ernstlich glaubten, mit solchen Abenden Geld verdienen„Jede Woche kommen die Leute zusammen […] Ein bißchen jugendfrisch sind sie doch. Sie wollen nämlich ernstlich mit diesen Abenden viel Geld verdienen und dann davon eine Zeitschrift gründen, einen Verlag, ein neues Theater natürlich auch.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (2)] zu können u. a) u. trotz gewisser i schädlichen Indiskretionen hat ist uns diese Besprechung, wie einige anderen. – weniger wohlwollender –, im Tag, LokalanzeigerIn der Berliner illustrierten Tageszeitung „Der Tag“ und im „Berliner Lokal-Anzeiger“ erschienen die gleichlautenden Besprechungen [vgl. KSA 7/II, S. 879] jeweils am 8.7.1910 [abgedruckt in: Schneider/Burckhardt 1968, S. 415f.]. Über Wedekinds Tragödie „In allen Wassern gewaschen“ hieß es: „Das Stück setzt die Richtung fort, die Wedekind mit der ‚Musik‘ eingeschlagen hat, scheinbar wenig geeignet, unserer literarischen Jugend zur Nachahmung zu dienen. Es gibt hoffentlich gesündere und lebenskräftigere Kost, für die man sich mit der Kraft des jugendlichen Idealismus einsetzen kann, als derartige ‚Neopathien‘.“ [Berliner Lokal-Anzeiger, Jg. 48, Nr. 340, 8.7.1910 und Der Tag, Nr. 340/157, 8.7.1910, Morgenausgabe, S. (2)], u. in der Vossischen ZeitungDort hieß es: „Äußerlich wohlgepflegte Kinder aus Berlin W., die mit ihren 19 bis 20 Jahren das Weib ‚studiert‘ haben und in ihm ihren ‚Rausch‘ suchen. Andere Ideen und anderer Idealismus scheinen nicht vorhanden zu sein. Frau Tilla Durieux vom Deutschen Theater ließ sich herbei, den Jünglingen eine quälende Frank Wedekindsche Cochonnerie vorzulesen. Es ist trotz aller sexuellen Aufklärung noch immer undenkbar, daß, umgekehrt, ein reifer männlicher Künstler dergleichen Dinge in einem Kreise junger Mädchen zum besten gäbe.“ [Vossische Zeitung Nr. 314, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (10)]., sicherlich von großem Nutzen. Aber die – wenn auch äußerlich respektvolle – Artvon hier bis „Art“ zunächst gestrichen und dann durch Unterpunktung wiederhergestellt., wie das Wort wie mit in der auf die Ihre Tragödie eingegangenÜber Tilla Durieux‘ Lesung hieß es: „Nach der Pause liest sie vor. So, wie nur sie lesen kann. Wedekinds Tragödie ‚In allen Wassern gewaschen“ ist einfach die Geschichte eines auf psychologischem Wege bewirkten Lustmordes. Das deutsche Wort fehlt, um auszudrücken, mit welch verstehender Reinheit die Durieux diese starken Dinge zu sagen weiß.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 339, 7.7.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)] wird, wäredurch Unterpunktung wiederhergestellte Streichung. empörend, wenn esdurch Unterpunktung wiederhergestellte Streichung. eben nicht gewöhnlich noch widerwärtiger wa so selbstverständlich wäre; das Wort „einfach“ ist einfach nicht mit Backpfeifen zu bezahlen.

bei dem Stand der öffentlichen Gehirne

Ich habe Ihre die EmpfehlungHinweis auf ein nicht überliefertes Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Erwin Loewenson, 27.6.1910. an Frau Durieux ausgerichtet Frau Durieux die sich sehr sichtlich darüber gefreut hat. |

[Die vorgelesenen Stellen aus Nietzsche, – die direkt eine Einleitung EinführungDie genannten Aphorismen behandeln – dem Titel der Lesung entsprechend –die Themen Rausch und Sexualität, Kunstproduktion und Psychologie des Künstlers, Vitalität und Tragik. in Ihre Werke sein könnten –, sind stehen übrigensWille zur Macht(TaschenausgabeVon Ende 1905 bis Ende 1906 erschienen die ersten zehn Bände der „Taschen-Ausgabe“ von Friedrich Nietzsche im C. G. Naumann Verlag in Leipzig. Die genannten Textstellen finden sich in Band 10 [vgl. Nietzsche’s Werke. Taschen-Ausgabe. Bd. X: Der Wille zur Macht. 1884/88. (Fortsetzung). Götzen-Dämmerung 1888. Der Antichrist 1888. Dionysos-Dithyramben 1888. Leipzig 1906].) Aphorisn/m/en. 800/802. 812 (stell streckenweise Anfang) (die ersten 12 Zeilen) 809 (6 Zeilen), 86/5/2 (die ersten 2 Abschnitte) „Götzen-Dämmerung“: („Streifzüge eines Unzeitgemäßen“) No. 8. 9. 24. (Was ich den Alten verdanke) 5. (bis auf den letzten Satz) „Wille zur Macht“ 853. II.

Im übrigen Doch gibt es noch andre StellenAußer den hier genannten Stellen hat Erwin Loewenson für seine Lesung „Rausch und Kunst“ weitere Stellen auf einem im Nachlass überlieferten Zettel notiert [vgl. Sheppard 1980, S. 396, 449f.], von denen jedoch ungewiss ist, welche er davon vorgetragen hat. noch, in denen Ihr Wesen noch deutlicher vorgeahnt wird, in denen Sie beinahe herbeigerufen werden.] |

In dem ich Sie bitte, uns Ihr Wohlwollen auf das wir sehr stolz sind, dem Neuen Club zu bewahren

Grüße ich Sie ergebenst
mit großer Hochachtung:
Ihr ergebenster

Einzelstellenkommentare

Berlin, 30. September 1910 (Freitag)
von Loewenson, Erwin
an Wedekind, Frank

Hochverehrter Herr Wedekind!

Sie haben seinerzeitvgl. Wedekind an Erwin Loewenson, 2.5.1910. unseren Plan, einen ‚Wedekind-Abend‘ (Vortrag u. Vorlesung) zu veranstalten Ihr freundlichstes Interesse entgegengebracht. Nachdem nun die Verlags-Krise AngelegenheitenWedekinds konfliktreicher Wechsel vom Bruno Cassirer Verlag zum Georg Müller Verlag [vgl. KSA 5/III, S. 126-141; Vinçon 2014, S. 227-230], der im Juni 1910 vollzogen war. Aufgrund dieses Verlagswechsels hatte Wedekind im Frühjahr um einen Aufschub für den geplanten Wedekind-Abend des Neuen Clubs gebeten [vgl. Wedekind an Erwin Loewenson, 2.5.1910]., hoffentlich zu Ihrer vollen Zufriedenheit, auf erledigt istdurch Unterpunktung aufgehobene Streichung. sind, gilt es ein dürfen wir wohl daran gehen, einen möglichst günstigen Zeitpunkt für diese Veranstaltung, die uns besonders am Herzen liegt, einen Zeitpunkt und zwar einen möglichst günstigen zu suchen. Die besteDer Satz (bis „Berlin sind.“) wurde von Erwin Loewenson nach Einzelkorrekturen durch mehrere senkrechte Striche schließlich komplett gestrichen. verlockendste Situation hierfür wäre doch w/s/icherlich die Zeit, in der Sie zwecks Aufführung der „Zensur persönlich in Berlin sind. Durch Ihren alsbaldigen Aufenthalt in BerlinWedekind hielt sich vom 30.9.1910 – „Fahrt nach Berlin.“ [Tb] – bis zum Abend des 20.10.1910 – „Dann Fahrt nach München.“ [Tb] – zusammen mit seiner Frau Tilly in Berlin auf. Anlass waren die Proben und das Gastspiel von „Zensur“ und „Der Liebestrank“ am Kleinen Theater (Direktion: Viktor Barnowsky), das am 6.10.1910 Premiere hatte. Vereinbart hatte Wedekind die Auftritte Ende August: „Gastspielvertrag von Barnowsky.“ [Tb 27.8.1910] Erwin Loewenson wird davon aus der Presse erfahren haben, die einen Monat später berichtete: „Frank Wedekind wird nach längerer Zeit im Kleinen Theater wieder als Dichter und Schauspieler zu Worte kommen. Er wird in der nächsten Premiere des Kleinen Theaters in seiner einaktigen Theodizee ‚Die Zensur‘ gemeinsam mit seiner Gattin auftreten. Vorher geht sein dreiaktiger Schwank ‚Der Liebestrank‘ erstmalig in Szene.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 492, 28.9.1910, Morgen-Ausgabe, S. (3)], verehrter Herr Wedekind, ist wäre nunist die verlockendste Situation nun von selber gegeben. |

Um jedoch diesen erfreulichen Lauf der Dinge

Doch Hier wäre es geradezu unverzeihlich von uns, wenn wir nicht wenigstens den Versuch machten würden aus dieser seltenen Constellation der Dinge nicht alle Möglichkeiten zu componieren, die der – von Ihnen gutgeheißenen u. einer Definition nicht bedürfenden – Absicht unserer Veranstaltung förderlich wären. Und so machen wir Ihnen denn den ebenso frechen wie gutmütigen gemütlichen Vorschlag, der Sachlage den Abend dadurch auf ein glänzendes unwiderstehlich- illustresNiveau zu heben, daß Sie, verehrter Herr Wedekind, persönlich einen Teil der Vorlesung übernehmen. Da Sie glücklicherweise nicht das Vorurteil ‚Verhaltenheits‘-H/V/orurteil | haben, ein Dichter dürfe aus seiner Dunkelkammer nicht herauskommen, so schließen wir daraus auch, daß es Ihren soziologischen Intentionen auch nicht wiederstreben wird, im Rahmen einer Vereinigung an die Öffentlichkeit zu treten, die der obligatorischen Altersschwäche noch fern steht und deren künstlerisches Renommé noch nicht verkitscht ist bis zum Kitsch gesteigert ist.

(Daß wir den materiellen Überschuß einen finanziellen Gewinn nicht selbst im Auge haben zu behalten gedenken, brauchte eigentlich nicht erwähnt zu werden; doch liegt auch kein Grund vor, es zu verschweigen.)

Öffentlich Öffentlichkeit

Erfolg Gewinn |

Es kann d/k/ein Einwand für Sie sein, persönliche zu lesen daß am Abend vorher von Ihnen gesprochen wird über Sie ein VortragErwin Loewenson hatte einen Vortrag mit dem Titel „Über Wedekinds Theodicee ‚Die Zensur‘“ ausgearbeitet, den er schließlich auf einem internen Abend des Neuen Clubs am 16.11.1910 referierte [vgl. Sheppard 1980, S. 411-423], da der geplante Wedekind-Abend nicht zustande kam. gehalten wird, da der Vortrag keine phrasenhafte Anbetung stattfinden wird sondern hauptsächlich die Eigentümlichkeit Ihrer Stellung zum Leben, die Notwendigkeit Ihres tragischen Sehens und deren Bedeutung für unsere Zeit betrachtet gezeigt u. wird werden soll. (also mehr ein philosophisches als ein „literarisches“ Thema).

Jedenfalls erlaube nehme ich mir die Freiheit, Ihnen die ergebene Einladung der/s/ Mit Neuen Clubs, auf die aktio auszusprechen) an jenem Abend aktiv teilzunehmen;/./ zu auszusprechen.

Bitte schreiben Sie auf jeden Fall, möglichst bald, wann u. (u. wo) wie lange Sie in Berlin zu sein vorhaben gedenken; da die technischen Vorbereitungen naturgemäß 8-14 Tage für sich in Anspruch nehmen.

Wir hatten bisher hauptsächlich an die Vorlesung der Zensur Theodizee gedacht, (schon wegen des Themas im Zusammenhang mit dem Vortrag); nun geht das nicht; haben Sie nicht etwas Unbekanntes, oder gar etwas Ungedrucktes n?

Mit der nochmaligen Bitte um möglichst umgehende Antwort erlaube ich mir, Ihnen da unsern verehrungsvollen Gruß unser Ve auszusprechen.

Ihr sehr ergebener El.


[auf der Rückseite von Blatt 2:]

Wir sehenDie ersten zwei Zeilen (von „Wir sehen“ bis „liegt“) sind nach Detailkorrekturen durch zwei diagonale Striche komplett gestrichen. nicht ein, werden wir Ihnen

Daß wir uns auch a/e/in finanzieller Erl/f/olg erfreulich wäre, liegt dem brauchen wir nicht zu verschwiegen; aber ebensowenig daß dieser

Vorteil vom Überschuß

x)Das Einweisungszeichen hat im übrigen Briefentwurf keine Entsprechung. Seien Sie überzeugt, daß wir die Ehre, dieDie durch Unterpunktung zunächst aufgehobene Streichung wird durch eine zweite Streichung mit diagonalen Strichen (von: „die“ bis „Zustimmung“) wieder wirksam.Die durch Unterpunktung zunächst aufgehobene Streichung wird durch eine zweite Streichung mit diagonalen Strichen (von: „die“ bis „Zustimmung“) wieder wirksam. Ihrer uns durch eine Zustimmung die uns widerfährt, wenn Sie zustimmen, nicht unterschätzen werden.

Einzelstellenkommentare