Briefwechsel

Wedekind, Frank und Schnitzler, Arthur

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München, 24. Dezember 1909 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Schnitzler, Arthur

Sehr verehrter Herr DoctorDr. med. Arthur Schnitzler, Schriftsteller in Wien (XVIII, Spöttelgasse 7) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1910, Teil VII, S. 1096].!

Darf ich Sie aufrichtig und herzlich bitten, es mir nicht als Theilnahmslosigkeit auszulegen, daß wir nicht zu Ihnen kamen. Am Tage als wir zu spielen aufhörtenFrank und Tilly Wedekind waren vom 5. bis 22.12.1909 auf einer Gastspielreise in Wien gewesen (eines Vortrags wegen zu Beginn mit einem kurzen Abstecher nach Brünn vom 5. auf den 6.12.1909), um am Lustspieltheater in „Musik“, „Die Zensur“ und „Der Kammersänger“ zu spielen [vgl. Tb]. Die letzte Vorstellung von Wedekinds Wiener Gastspiel wurde am 19.12.1909 gegeben, bekam meine Frau die NachrichtWedekind notierte am 20.12.1909 in Wien, seine Frau habe einen Brief ihrer Familie aus Graz erhalten, die jüngere Tochter Pamela sei krank: „Tilly bekommt Brief von Graz daß das Mädchen krank ist“ [Tb]., daß unsere Kleine, die in Graz war, arg erkältet sei. | Meine Frau reiste Hals über KopfWedekind notierte am 20.12.1909 in Wien, seine Frau sei nach Erhalt der Nachricht über die in Graz erkrankte Tochter Pamela (siehe oben) dorthin abgereist: „Tilly fährt nach Graz“ [Tb]. ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen hin, um SieSchreibversehen, statt: sie. zu holen und als sie mit ihr nach Wien kamWedekind notierte am 21.12.1909, dass seine Frau mit der kranken Tochter abends um 21 Uhr aus Graz nach Wien zurückkam: „Abend neun Uhr kommt Tilly mit Annapamela“ [Tb]. fand ich es für dringend geboten, ohne Aufenthalt nach HauseWedekind notierte am 22.12.1909 „Abfahrt von Wien“ [Tb], am 23.12.1909: „Ankunft in München. Wir fahren zu Dritt in unsere Wohnung und schlafen. Annapamela ist sehr erkältet“ [Tb]. zurückzukehren. Am Dienstagder 21.12.1909; für diesen Tag notierte Wedekind: „Schlafe bis 12 Uhr. Nachmittags Besuche auf den Redaktionen“ [Tb]; abends kam dann seine Frau mit der kranken Tochter aus Graz zurück nach Wien. hoffte ich Sie wenigstens allein noch aufsuchen zu können, aber auch dazu fehlte mir buchstäblich die Zeit. So muß ich Ihnen meinen herzlichen Dank für die liebenswürdige AufmerksamkeitArthur Schnitzler, der Wedekinds Drama „Musik“ bereits gelesen hatte, besuchte während Wedekinds Wiener Gastspiel am 15.12.1909 vormittags die Generalprobe von „Musik“, wie er im Tagebuch festhielt (nicht so Wedekind): „Vm. Generalprobe ‚Musik‘ Lustspieltheater, das stark auf mich wirkte, im Gegensatz zum Lecture-Eindruck. Sprach Jarno [...]; nachher Wedekind und Frau, mit denen ich in der Tram eine Strecke fuhr. Sie brachten Grüße von Steinrücks“ [Tb Schnitzler]. Arthur Schnitzlers Schwägerin Elisabeth Steinrück (geb. Gussmann) und ihr Mann Albert Steinrück zählten zu Wedekinds Münchner Bekanntenkreis. Das Gespräch mit Wedekind in der Straßenbahn verarbeitete Arthur Schnitzler einige Tage nach Erhalt von Wedekinds vorliegendem Brief am 1.1.1910 in einem Traum: „Traum: nach einer sonderbaren Tramfahrt [...]. Wedekind spricht davon, man mißverstehe seine Sachen [...] und wendet sich an mich, der ja wissen müsse, wie das sei – meine letzten Erfahrungen mit dem ‚Ruf des Ligitsch‘ – Ich denke: ... er kennts ja nicht einmal – da er den Namen nicht kennt“ [Tb Schnitzler]. Arthur Schnitzlers Schauspiel „Der Ruf des Lebens“ hatte im Beisein des Autors am 11.12.1909 am Deutschen Volkstheater in Wien Premiere. Wedekind hat die Premiere nicht besucht, obwohl er an diesem Abend nicht spielte. Arthur Schnitzler dürfte Frank und Tilly Wedekind jedenfalls am 15.12.1909 zu sich eingeladen haben. Das Paar konnte der Einladung nicht folgen, wie im vorliegenden Brief erklärt. | die Sie für meine Arbeit übrig hatten, nun schriftlich aussprechen. Diese Gelegenheit kann ich aber nicht vorbeigehen lassen ohne Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen die reichsten, künstlerisch höchsten Genüsse verdanke, die uns die deutsche Sprache seit zwanzig Jahren bietet, und daß ich für viele Ihrer Werke die bedingungslose Verehrung fühle, die ich sonst nur für Vergangenes aufbringen kann. So viel ich weiß kennen wir uns seit bald zehn Jahrenseit 1899 oder 1900. Wedekind und Arthur Schnitzler kannten sich seit langem literarisch (die Elf Scharfrichter, deren Mitglied Wedekind war, sollen Arthur Schnitzlers Brief an Werner Richter vom 30.12.1920 zufolge ohne sein Wissen in Berlin Dialoge aus dem „Reigen“ aufgeführt haben [vgl. Arthur Schnitzler: Briefe 1913-1931. Hg. von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik, Heinrich Schnitzler. Frankfurt am Main 1984, S. 224]; Schnitzler hat am 24.6.1903 den „Erdgeist“ in Wien gesehen). Seit wann sie sich persönlich kannten, ist unklar. Möglicherweise haben sie sich erst am 15.12.1909 persönlich kennen gelernt (und nicht nur gesehen), was den vorliegenden Brief motivierte. und haben uns in diesen zehn Jahren | zwei mal gesehenArthur Schnitzler hat Wedekind zweimal in „Hidalla“ spielen gesehen. So notierte er am 24.11.1905 in Berlin seinen Besuch der Inszenierung im Kleinen Theater: „Kl. Th. Hidalla. Wedekind selbst spielte, sehr merkwürdig“ [Tb Schnitzler]; am 1.5.1907 notierte er seinen Besuch des Gastspiels des Berliner Kleinen Theaters am Wiener Bürgertheater gemeinsam mit Olga Schnitzler: „Bei Hidalla mit O. Wedekind (wie in Berlin) ‚schauspielerisch‘ interessant“ [Tb Schnitzler]. Welche zwei Begegnungen Wedekind im Blick hatte, ist unklar.. Sie werden es mir daher nicht verdenken, daß ich die GelegeheitSchreibversehen, statt: Gelegenheit. wahrnemeSchreibversehen, statt: wahrnehme., Ihnen mein Herz auszuschütten. An mir soll es auch gewiß nicht liegen, daß wir uns nicht öfter begegnen.

Wollen Sie bitte Ihrer verehrten Frau Gemahlin meiner Frau und meine ergebensten Empfehlungen aussprechen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


Heiliger Abend 1909Wedekind verbrachte den 24.12.1909 in München [vgl. Tb]..

Einzelstellenkommentare

München, 19. Juni 1910 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schnitzler, Arthur

An Arthur Schnitzler mit herzlichem Dank für „Comtesse Mizzi

München, im Juni 1910
Frank Wedekind.


[Hinweis zum Zitat in J. A. Stargardt: Katalog 574 (1965), Nr. 658:]


Widmungsexemplar seiner Tragödie In allen Wassern gewaschen [...], Georg Müller 1910. [...]

Auf dem Vortitel die eigenhändige Widmung: [...]

Einzelstellenkommentare

München, 19. Juni 1910 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Schnitzler, Arthur

Sehr verehrter Herr Doctor!Der vorliegende Brief war ein Begleitbrief zu einem Exemplar des Einakters „In allen Wassern gewaschen“ (mit einer handschriftlichen Widmung [vgl. Wedekind an Arthur Schnitzler, 19.6.1910] versehen), wie aus Arthur Schnitzlers Tagebucheintrag vom 20.6.1910 hervorgeht: „Las von Wedekind seine neueste ‚Tragödie‘ ‚In allen Wassern gewaschen‘, die er mir, mit enthusiastisch übertriebnem Dank für Comt. Mizzi (München Schauspielhaus) gesandt; unerträglich, wie aus pathologischen Zuständen“ [Tb Schnitzler].

NeulichArthur Schnitzlers Einakter „Komtesse Mizzi“ hatte zusammen mit „Die letzten Masken“ und „Literatur“ am 14.5.1910 mit Marie Glümer, Ottilie Gerhäuser, Friedrich Karl Peppler, Gustav Waldau und Arthur Duniecki in den Hauptrollen am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) Premiere. Wedekind notierte am Premierentag zwar „Besuch bei Stollberg“ [Tb 14.5.1910], er besuchte aber erst am 7.6.1910 eine Vorstellung: „Mit Tilly in Komtesse Mizzi“ [Tb]. Wedekind sah das Stück später nochmals zusammen mit „Der Kammersänger“ inszeniert am 4.4.1917 in Berlin: „im Kammersänger Contesse Mizzi“ [Tb]. hatte ich die große Freude Contesse Mizzi auf der Bühne zu sehen und bin noch voll vom Genuß der Schönheit dieses vornehmen scharfgeschliffenen Kunstwerks. Contesse MizziWedekind las „Komtesse Mizzi“ (Erstdruck am 19.4.1908 in der Osterbeilage der „Neuen Freien Presse“, die Buchausgabe im S. Fischer Verlag war im Sommer angekündigt [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 75, Nr. 256, 3.8.1908, S. 12345]) zusammen mit Arthur Schnitzlers Einakter „Der tapfere Cassian“ erst am 24.10.1910: „Bleibe Abends zu Hause lese tapfre Cassian und Comtesse Mizzi von Schnitzler.“ [Tb] erscheint mir als eine Meisterschöpfung, als der Urtypus der Komödie im besten Sinn des Wortes. | Als Kunstwerk scheint mir das Stück ebenso ein Unicum zu sein wie es mir vor 7 JahrenArthur Schnitzlers Novelle „Lieutenant Gustl“ lag schon länger vor (Erstdruck am 25.12.1900 in der Weihnachts-Beilage der „Neuen Freien Presse“, Buchausgabe 1901 im S. Fischer Verlag Berlin). Leutnant Gustl erschien. Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen, dem ich schon so viele verschiedenartige Genüsse verdanke, meiner hellen Freude Ausdruck zu geben. |

Seien Sie herzlichst gegrüßt. An unseren geselligen Abenden ist sehr viel von Ihnen die Rede.

Mit verbindlichsten Empfehlungen auch von meiner Frau
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München, 19. Juni 1910.

Einzelstellenkommentare

München, 5. Dezember 1911 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Schnitzler, Arthur

An Arthur Schnitzler mit herzlichem DankWedekind hat als Gegengabe zu Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“ (1911) dem Autor die Erstausgabe „Franziska. Modernes Mysterium in fünf Akten“ übersandt, die vordatiert auf 1912 im Georg Müller Verlag erschienen ist [vgl. KSA 7/II, S. 994]. Wedekind hatte im Beisein Schnitzlers am 12.11.1911 eine Vorstellung des Stücks im Münchner Residenztheater gesehen und war anschließend im Hotel Continental mit dem Autor und dessen Frau zusammen, wie er notierte: „Das Weite Land. Kontinental mit Schnitzlers.“ [Tb] Schnitzler hielt zu der kleinen Runde (außer Wedekind und Olga Schnitzler waren Albert Steinrück, Bernhard von Jacobi, Gustav Waldau und Mizzi Glümer dabei) im Anschluss an die Vorstellung am 12.11.1911 fest: „Im Continental mit Albert, Jacobi (guter Otto), Wedekind, Waldau [...] und Mizi Gl.“ [Tb Schnitzler] Bei dieser Gelegenheit könnte Schnitzler Wedekind ein Exemplar von „Das weite Land“ übergeben haben. Wedekind fand das Stück seiner Widmung zufolge prachtvoll, während Schnitzler von „Franziska“ weniger begeistert war, wie er nach Erhalt des ihm gewidmeten Exemplars am 6.12.1911 in Wien notierte: „Las Wedekinds Franziska. Schwach, von einer grotesk-dürftigen Phantastik; luftlos, hölzern, aber ohne den Reiz der Puppenkomödie – nur stellenweise ein hellerwerden, dann blitzt die kräftige Eigenart durch, die sonst nur als monomanisches Geschwätz auftritt“ [Tb Schnitzler]. für das prachtvolle Weite Land
Frank Wedekind


München im Dezember 1911.


[Hinweis zum Zitat in J. A. Stargardt: Katalog 574 (1965), Nr. 659:]


Widmungsexemplar seines Dramas Franziska, München, Georg Müller 1912. [...]

Auf dem Vortitel die eigenhändige Widmung: [...]

Einzelstellenkommentare

Höllriegelskreuth, 22. Dezember 1911 (Freitag)
von Sternheim, Carl, Eulenberg, Herbert, Wedekind, Frank und Borngräber, Otto
an Schnitzler, Arthur

Bellemaison
Höllriegelskreuth bei München.


den 22. Dezember 1911.


Sehr geehrter Herr.

Im NamenCarl Sternheim dürfte zumindest von Franz Blei und Wedekind für die Abfassung des Schreibens und der Beilage autorisiert worden sein, am 12.12.1911 in München, an dem Wedekind notierte: „Mit Blei Sternheim im Café Protest besprochen.“ [Tb] Thea Sternheim notierte dazu am 14.12.1911: „Karl erzählt vom gestrigen Abend: er sei mit Wedekind zusammen gewesen. Es soll ein Protest gedruckt werden, in dem sich einige zwanzig der bekanntesten Dichter gegen die Eingriffe der Zensur wehren.“ [Tb Sternheim/CD] der Herren Frank Wedekind, Herbert Eulenberg, Otto Borngräber und im eigenen habe ich die Ehre, Ihnen folgendes mitzuteilen: Wir haben die Absicht, das große Publikum durch beifolgenden Aufruf, der in Zukunft jedem Buch der unten angegebenen Autoren beiliegen soll und auch den TageszeitungenEin Druck des Aufrufs in der Presse ist nicht nachweisbar; die Sache dürfte im Sande verlaufen sein. mitgeteilt wird, zum Beitritt zu einem allgemeinen Protest aufzufordern.

In Anbetracht dernSchreibversehen, statt: der. ungeheuren Wichtigkeit und Dringlichkeit der SaheSchreibversehen, statt: Sache. hoffen wir, Sie werden möglichst umgehend dem Unterzeichneten Ihre ZustimmungArthur Schnitzler hat nicht zugestimmt; er schrieb am 27.12.1911 an Carl Sternheim (und sprach in seinem Brief die drei weiteren Herren an): „Der Aufruf, den Sie im Namen von Wedekind, Eulenberg, Borngräber und in Ihrem eigenem mir zur Unterzeichnung zuzusenden so freundlich sind, widerspricht meinen Erfahrungen, meinen Ansichten und meinem Gefühl vom Verhältnis des Dichters zum Publikum so sehr, daß ich mich außerstande erklären muß, ihn zu unterschreiben, trotzdem ich mich in meinem Widerwillen gegen die Zensur und gegen deren wahrhaft aufreizende Übergriffe, insbesondere in der letzten Zeit, mit Ihnen allen, meine Herren, völlig eines Sinnes weiß.“ [Arthur Schnitzler: Briefe. 1875-1912. Hg. von Therese Nickl und Heinrich Schnitzler. Frankfurt am Main 1981, S. 687] mitteilen und die Erlaubnis erteilen, Ihren Namen unter den Aufruf setzen zu dürfen.

Ihr sehr ergebener
Carl Sternheim


Aufgefordert wurden folgende Autoren:

Hermann Bahr

Franz Blei

Otto Borngräber

Max Dauthendey

Richard Dehmel

Herbert EulenburgSchreibversehen, statt: Eulenberg.

Gerhart Hauptmann

Hugo von Hofmannsthal

Heinrich Mann

Thomas Mann

Wilhelm Schmidtbonn

Arthur Schnitzler

Carl Sternheim

Karl Vollmöller

Frank Wedekind


Sie sind gebeten, über Vorstehendendes vorläufig Verschwiegenheit zu wahren.


[Beilage:]


Aus der Mitte des Publikums kommt Anfrage auf Anfrage an uns: Es fühle sich durch die fortwährenden Polizeiverbote in seinem Empfinden, seinem Urteil auf’s höchste verwirrt und beunruhigt. Der Gatte wisse nicht mehr, was er seiner Frau, der Erzieher nicht, was er den Zöglingen von unseren Büchern anbieten dürfe.

Sei denn wirklich aus dem Geist unserer Schriften die Polizei zu ihrem Vorgehen gegen uns nicht befugt? Könnten wir Autoren auf unsere Ehre versichern, wir stellten in unseren Dichtungen dem sittlichen Gefühl einer großen Nation, deren geistiges Wohl uns anvertraut ist, keine Falle?

Nun denn im Bewußtsein unserer unendlichen Verantwortung auf Manneswort für jetzt und alle Zukunft: Mit Andacht und Demut hören wir auf die Empfindungen der Kinder unserer Zeit. Keine irdische Macht, aber die Stimme Gottes aus der Brust des Menschen diktiert uns die Forderungen der Vernunft, Schönheit und Sittlichkeit. Ihr Leser, nicht wir Schreibenden (die wir ja nur Euer geheimstes Sprachrohr in die Welt sind) prägt diese neuen Wahrheiten, die den Hütern der alten bequemen Formeln ein Entsetzen sind, und die sie im Keim zu vernichten trachten.

Ihr Leser selbst seid in Eurem Willen zu heutiger Wahrheit aufs heftigste angegriffen. Helft Euch, indem Ihr zum Kampf entschlossen, einem geharnischten Proteste beitretet. Helft endlich uns mit der Tat gegen Willkür und Vergewaltigung. wir gehen gemeinsam in neue Zeiten hinein!

Einzelstellenkommentare

Wien, 11. Juni 1913 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Schnitzler, Arthur

HOTEL TEGETTHOFFFrank und Tilly Wedekind logierten während ihres Gastspiels in Wien vom 4. bis 13.6.1913 in diesem Hotel, in dem sie auch bei Aufenthalten in Wien in anderen Jahren in der Regel wohnten., I. JOHANNESGASSE 23, WIEN
TELEGRAMM-ADRESSE: TEGETTHOFFHOTEL, WIEN. INTERNATIONALER HOTEL-TELEGRAPHEN-CODE.


Sehr verehrter Herr Doctor!

Zu unserem innigen Bedauern hörten wir heuteWedekind notierte am 11.6.1913 einen kurzen „Besuch bei Schnitzler“ [Tb] und dürfte insofern von diesem selbst gehört haben (oder es wurde ausgerichtet), dass dessen Sohn Heinrich Schnitzler erkrankt war. Arthur Schnitzler, früh morgens erst von einer Kurzreise in Wien zurück, hat den Besuch in seinem Tagebuch nicht festgehalten, auf den Wedekind sich im vorliegenden Brief noch am selben Tag bezog (wenn auch nicht ausdrücklich). von der ErkrankungArthur Schnitzler notierte am 10.6.1913 über das Befinden seines Sohnes: „Heini leichter Scharlach“ [Tb Schnitzler], am Tag darauf aber schon erleichtert: „Heini sehr lustig, kaum mehr Fieber. Athmen auf“ [Tb Schnitzler, 11.6.1913]. Ihres lieben Kindes. Wollen Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin meiner Frau und meine aufrichtigsten Wünsche zu möglichst baldiger Genesung des Kleinen entgegennehmen. Für das schöne GeschenkWedekind dürfte bei seinem Besuch bei Arthur Schnitzler (siehe oben) dessen zuletzt erschienenen Novellenband „Masken und Wunder“ (1912) überreicht bekommen haben. Die Lektüre einer der in diesem Band enthaltenen Novellen, „Der Tod des Junggesellen“, ist durch Wedekinds Notiz vom 1.8.1913 verbürgt: „Lese ‚Tod des Junggesellen‘ von Schnitzler.“ [Tb] Ihres Novellen|bandes sage ich Ihnen herzlichen Dank. Ich freue mich außerordentlich auf den großen Genuß, den er mir bereiten wird.

Nochmals die besten Wünsche und herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau Gemahlin von meiner Frau und mir.

Ihr ergebener
Frank Wedekind.


11.6.13.

Einzelstellenkommentare

Wien, 19. Juli 1913 (Samstag)
von Schnitzler, Arthur
an Wedekind, Frank

19/7 913


Dr. Arthur Schnitzler
Wien
XVIII. Sternwartestrasse 71


verehrter Herr Wedekind,

erst heute, da bei uns alles wieder in Ordnung ist und wir uns zur AbreiseArthur Schnitzler reiste am 23.7.1913 mit seiner Frau Olga Schnitzler und seinem Sohn Heinrich Schnitzler von Wien ab in den Sommerurlaub nach Brioni. Seinem Tagebuch zufolge war er dafür seit dem 20.7.1913 am Packen. rüsten, dank ich Ihnen für Ihre lieben theilnahmsvollen Zeilenvgl. Wedekind an Arthur Schnitzler, 11.6.1913., die Sie anläßlich der Erkrankung unsres Sohnes an uns gerich|tet haben. Glücklicherweise ist die Sache von Anfang an leicht verlaufen, und wir hatten mehr Unannehmlichkeiten als Sorge.

Sie, mein sehr verehrter lieber Herr Wedekind u Ihre lie/ve/rehrte Gattin bei guter GelegenheitWedekinds kurzer „Besuch bei Schnitzler“ [Tb] am 11.6.1913 war keine so gute Gelegenheit, da Arthur Schnitzler gerade erst von einer Reise zurück und sein Sohn krank war. wiederzusehenEin Wiedersehen gab es während Arthur Schnitzlers nächstem Aufenthalt in München (25.1.1914 bis 1.2.1914). Olga Schnitzler hatte dort am 26.1.1914 einen Gesangsauftritt, bei dem ihr Gatte „in der 1. Reihe“ [Tb Schnitzler] saß und den auch Frank und Tilly Wedekind besuchten: „Mit Tilly im Konzert Olga Schnitzler“ [Tb]. Ein Beisammensein kam dann am 30.1.1914 zustande. Nachdem Arthur und Olga Schnitzler tagsüber einen Besuch in der Prinzregentenstraße 50 unternommen hatten ‒ „Besuche mit O. Wedekind. Er noch zu Bett; unsichtbar. Tilly nett“ [Tb Schnitzler], sah man sich abends, wie Wedekind festhielt: „Vier Jahreszeiten Bar mit Schnitzler und Frau“ [Tb]; Arthur Schnitzler notierte „Wedekinds“ [Tb Schnitzler, 30.1.1914]. hoffen meine Frau u ich von Herzen. Wie schade dass wir diesmal Sie beideFrank und Tilly Wedekind waren vom 4. bis 13.6.1913 zu einem Gastspiel in Wien, wo sie die Hauptrollen in „Franziska“ spielten, das am 6.6.1913 am Deutschen Volkstheater Wiener Premiere hatte (weitere Vorstellungen am 9. und 12.6.1913). Arthur Schnitzler empfing am Premierenabend Besuch, unter seinen Gästen einige „von ‚Franziska‘ kommend“ [Tb Schnitzler, 6.6.1913], darunter Wedekinds Münchner Bekannte Elisabeth und Albert Steinrück sowie Lucy und Bernhard von Jacobi. Wedekind seinerseits hat Arthur Schnitzlers Schwager Albert Steinrück am 7.6.1913 in Wien bei dessen Gastspiel in „Franziska“ auf der Bühne gesehen. und „FranziskaArthur Schnitzler besaß ein vom Autor mit einer Widmung versehenes Exemplar der Erstausgabe von „Franziska“ [vgl. Wedekind an Arthur Schnitzler, 5.12.1911] und hatte das Stück am 6.12.1911 gelesen: „Las Wedekinds Franziska. Schwach, von einer grotesk-dürftigen Phantastik; luftlos, hölzern, aber ohne den Reiz der Puppenkomödie – nur stellenweise ein hellerwerden, dann blitzt die kräftige Eigenart durch, die sonst nur als monomanisches Geschwätz auftritt“ [Tb Schnitzler]. versäumt haben!

Viele Grüße von Ihrem
Arthur Schnitzler

Einzelstellenkommentare