Briefwechsel

Wedekind, Frank und Wolff, Theodor

13 Dokumente

Berlin, 5. Juni 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

[1. Briefentwurf:]


An die tit. Redaktion des Berliner Tageblattes


Sehr geehrter HerrTheodor Wolff war Redakteur am „Berliner Tageblatt“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1907, Teil II, Sp.1766] – innoffiziell Chefredakteur (in Vertretung von Arthur Levysohn, der krank war).

Sie gaben in No 279Der redaktionelle Beitrag in dieser Nummer [vgl. KSA 5/III, S. 50] zu Wedekinds Gastspielpremiere am Kleinen Theater lautet: „Frank Wedekind, der Liebhaber der ‚Ausnahmsweisen‘ hat von jeher so etwas wie Ehrgeiz verspürt, sich möglichst oft auch als darstellerischer Interpret seiner Dichtungen der Menge zu zeigen. Es soll hier nicht kritisch untersucht werden, inwieweit sich in diesem Falle Unternehmungsgeist und Ausführungsvermögen decken – wir wollen uns mit der Konstatierung der Tatsache begnügen, daß sich der Dichter des ‚Erdgeist‘ und von ‚Frühlingserwachen‘ in zwei seiner kleineren Stücke wieder als sein eigener Darsteller vor dem Berliner Theaterpublikum zu Worte kommen lassen will. Wie uns das Bureau des Kleinen Theaters mitteilt, wird Frank Wedekind auf dieser Bühne am Montag, den 10. d. Mts. mit seiner Gattin, Frau Tilly-Newes-Wedekind, zuerst wieder auftreten, und zwar in dem Dialog ‚Rabbi Esra‘ und in der Komödie ‚Der Kammersänger‘, in der er zum ersten Male in Berlin selbst die Titelrolle spielen wird.“ [Frank Wedekind als Schauspieler. In: Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 279, 5.6.1907, Morgen-Ausgabe, S. (3)] Ihres geehrten Blattes Ihrem Befremden über mein Unterfangen Ausdruck, in der TitelrolleWedekind spielte in der ungekürzten Inszenierung seines Einakters „Der Kammersänger“, der im Rahmen seines Gastspiels am Kleinen Theater in Berlin zusammen mit der Szene „Rabbi Esra“ am 10.6.1907 Premiere hatte, die Hauptrolle des Gerardo. meines Einakters „Der Kammersängeraufzutreten. Wollen Sie mir daher gestatten darauf hinzuweisen, daß in allen bisher in Berlin stattgefundenen Aufführungen dieses Stückes„Der Kammersänger“ hatte in Berlin nach der Uraufführung am 10.12.1899 im Rahmen der Eröffnungsmatinee der Sezessionsbühne am Neuen Theater eine weitere Premiere am 31.8.1901 im Residenztheater sowie am 30.9.1903 im Neuen Theater, eine Inszenierung, bei der Max Reinhardt eine zusammengestrichene Fassung präsentiert hatte, mit der Wedekind gar nicht einverstanden war [vgl. KSA 4, S. 393]. mindestens der dritte Theil der Titelrolle gestrichen war. Ich möchte nun mit Ihrer Erlaubnis nur den bescheidenen Versuch wagen, ob es nicht vielleicht möglich wäre, die Rolle ungestrichen zu spielen.

Mit der Bitte den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochschätzung entgegenzunehmen
ergebenst
Frank Wedekind


Berlin 5 Juni 1907.

Kurfürstenstraße 125.


[2. Druck imBerliner Tageblatt“:]


Sie geben in Nummer 279 Ihres geehrten Blattes Ihrem Befremden über mein Unterfangen Ausdruck, in der Titelrolle meines Einakters „Der Kammersänger“ aufzutreten. Wollen Sie mir daher gestatten, darauf hinzuweisen, daß in allen bisher in Berlin stattgefundenen Aufführungen dieses Stückes mindestens der dritte Teil der Titelrolle gestrichen war. Ich möchte nun nur den bescheidenen Versuch wagen, ob es nicht vielleicht möglich wäre, die Rolle ungestrichen zu spielen.

Einzelstellenkommentare

München, 23. Juli 1907 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

Sehr verehrter Herr WolffTheodor Wolff, Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1908, Teil II, Sp. 1865], Vetter des Verlegers Rudolf Mosse, zu dessen Zeitungsimperium das auflagenstarke „Berliner Tageblatt“ gehörte; seit 1887 in der Redaktion tätig, dort seit 1907 zuerst innoffiziell Chefredakteur (in Vertretung von Arthur Levysohn, der krank war), dann seit dem 12.4.1908 offiziell (an diesem Tag erstmals auf der Titelseite des „Berliner Tageblatt“ als Chefredakteur genannt). Wedekind dachte an die Zeitung, als er ihm schrieb, wie er am notierte 23.7.1907 notierte: „Brief für Langheinrich ans Berliner Tageblatt.“ [Tb],

Mein Freund, der Münchner Architekt Max Langheinrich hatte die aus einer Conkurrenzein am 12.3.1906 für den Museumsneubau (siehe unten) ausgeschriebener Architektur-Wettbewerb: „Das Deutsche Museum hat heute einen weiteren Schritt vorwärts getan. Heute erfolgte die endgültige Festlegung des Preisausschreibens betreffend die Errichtung eines Gebäudes für das Museum, das bekanntlich auf dem von der Stadt München überlassenen südlichen Teile der Kohleninsel seine Stätte finden soll. Der öffentliche Wettbewerb gilt für deutsche Architekten einschließlich der Deutsch-Oesterreicher und Deutsch-Schweizer. Drei Preise sind ausgesetzt: zu 15,000 M, 10,000 M und 5000 M. Das Deutsche Museum behält sich die Wahl des mit der Ausarbeitung des endgültigen Projektes sowie mit der Bauleitung zu betrauenden Architekten vor. [...] Die Entwürfe sind bis 20. September 1906 an das Deutsche Museum einzusenden. Das Preisrichterkollegium wird gebildet aus 22 Mitgliedern, von denen 10 dem Vorstand, dem Vorstandsrate und der Baukommission des Museums angehören. 2 von der Stadt München, gleichfalls 2 vom Reichskanzler und die übrigen von den Staatsregierungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Braunschweig, Hamburg und Elsaß-Lothringen ernannt sind.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 119, 12.3.1906, S. 4] Sieger war der Münchner Architekt Gabriel von Seidl, gewählt vom Verein Deutsches Museum (gegründet am 5.5.1903 in München); dessen Vorsitzender, der Baurat Oskar von Miller, „teilte mit, daß 130 Architekten aus Deutschland, Oesterreich und der Schweiz sich die Bedingungen für die Teilnahme an der Konkurrenz für den Museumsneubau kommen ließen, daß aber nur 31 Entwürfe (24 von München und sieben aus anderen Städten) einliefen. Der Vorstandsrat habe einstimmig beschlossen, daß bei Ausführung des Neubaues die Pläne Gabriel von Seidls zu Grunde gelegt werden sollen.“ [Vom deutschen Museum. Sitzung des Ausschusses vom Deutschen Museum in der Akademie der Wissenschaften. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 530, 13.11.1906, Morgenblatt, S. 2] hervorgegangenen Pläne zum Deutschen MuseumPläne für das 1903 gegründete und 1906 provisorisch eröffnete Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik in München und zwar für dessen „Neubau, Museumsinsel. (Im Entstehen.)“ [Adreßbuch für München 1914, Teil III, S. 141] Bis der Neubau fertig war, waren die Sammlungen in der Abteilung I des Deutschen Museums (Maximilianstraße 26) und in der Abteilung II (Zweibrückenstraße 12) untergebracht. Das Richtfest des Museumsneubaus, entworfen von Gabriel von Seidl (er starb am 27.4.1913), der 1906 die Ausschreibung für den Museumsneubau gewonnen hatte (siehe oben), fand 1911, die Grundsteinlegung 1912 statt; die Eröffnung war zunächst für 1915 geplant, wurde dann kriegsbedingt weiter verschoben und erst 1925 realisiert. in München in der Allgemeinen Zeitung einer KritikDer von Max Langheinrich in der Rubrik „Aus Stadt und Land“ der Münchner „Allgemeinen Zeitung“ (Redaktion: Bayerstraße 57) veröffentlichte Artikel, datiert auf München, den 22.7.1907, macht vor allem auf sicherheitstechnische Mängel aufmerksam, außerdem auf die voraussichtlich mangelhafte Beleuchtung des geplanten Bauwerks, auf schlechte Lüftungsmöglichkeiten und auf andere Mängel in der Bauplanung, die den repräsentativ angelegten Museumsbau wenig benutzerfreundlich gestalten würden [vgl. Max Langheinrich: Das Deutsche Museum in München. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 110, Nr. 286, 23.6.1907, S. 3-4]. Das Blatt brachte dazu eine Leserzuschrift: „In Ihrer geschätzten Zeitung Nr. 286 vom 23. Juni erschien ein Artikel über ‚Das Deutsche Museum in München‘ aus der Feder des Architekten Langheinrich, der in technischen Kreisen vielfach lebhaft besprochen wurde. In den sehr sachlich gehaltenen Ausführungen wurden an dem Museumsprojekt des Professors Gabriel v. Seidl mannigfache Ausstellungen in praktischer Hinsicht gemacht. Teilweise sind die Beanstandungen sehr schwerer Natur; so wird unter anderem der Vorwurf erhoben, daß die projektierte Bauanlage keine genügende Sicherheit gegen Feuersgefahr biete. Dieser einzige Punkt würde schon, falls er sich als begründet erweisen würde, genügen, in die weitesten Kreise Beunruhigung zu tragen. Die Vorstandschaft des ‚Deutschen Museums‘, die sich aus anerkannten Koryphäen der Wissenschaft und Technik zusammensetzt, würde bei dem großen Interesse, das dem für München so bedeutsamen Werke entgegengebracht wird, sich allgemeinen Dank vieler erwerben, wenn sie die in dem Langheinrichschen Artikel erhobenen Vorwürfe doch in der Öffentlichkeit entkräften wollte.“ [Das Deutsche Museum in München. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 110, Nr. 308, 6.7.1907, Vorabendblatt, S. 4]. unterworfen. Der Inhalt seiner Kritik wurde von der Baukommission bei der daraufhin vorgenommenen Abänderung der Pläne ausgenutzt, der Autor aber wurde der Öffentlichkeit gegenüber systematisch totgeschwiegen. Herr Langheinrich setzte diesen Thatbestand in einem sachlich gehaltenen Referat auseinander, das er wiederum in einer/m/ Münchner Blatte zu veröffentlichen wollte/gedachte/. Ich riet ihm aber, da das Deutsche Museum in München doch in erster Linie/ein in erster/ | eine/Linie/ Deutsches Unternehmung/en/ ist, sich an ein Blatt von allgemein deutscher BedeutungAnspielung auf offizielle Verlautbarungen zur Grundsteinlegung wie zum Beispiel: „Das Deutsche Museum hat den Zweck, als ein Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik die historische Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung, der Technik und der Industrie in ihrer Wechselwirkung darzustellen und ihre wichtigsten Stufen insbesondere durch hervorragende und typische Meisterwerke zu veranschaulichen. Es ist eine deutsche Nationalanstalt, bestimmt, dem gesamten deutschen Volke zu Ehr’ und Vorbild zu dienen.“ [Das Deutsche Museum. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 524, 9.11.1906, Morgenblatt, S. 2] zu wenden und empfahl ihm zu aller erst das „Berliner Tageblatt“ um gastliche Aufnahme zu bitten. Herr Langheinrich bat bittet mich darauf nun, für den Fall daß ich persönliche BeziehungenWedekind kannte den späteren Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ seit seiner Zeit in den 1890er Jahren in Paris, was Theodor Wolff unmittelbar nach Wedekinds Tod an versteckter Stelle – ein Nachruf ohne entsprechende Überschrift (unter der Verfassersigle „T.W.“ bildet er den Rahmen eines ansonsten zeitpolitischen Leitartikels) – publik machte [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 47, Nr. 128, 11.3.1918, Montags-Ausgabe, S. (1)]. Wedekind hat Theodor Wolff dem Tagebuch zufolge zuletzt am 12.4.1907 in Berlin gesehen („bei Steinert mit [...] Theodor Wolff“), dann wieder am 28.7.1908 („Mit [...] Theodor Wolff [...] bei Steinert“). zu einem der Herrn Redakteure des „Berliner Tageblattes“ hätte habe, ihm einige empfehlende Worte der Empfehlung mitzugeben. Indem ich diese Bitte erfülle hoffe ich meine „persönlichen Beziehungen“ damit nicht zu überschätzen auch wenn das Berliner Tageblatt aus irgendwelchem Grunde nicht in der Lage ist, den Artikel aufzunehmenEin Artikel von Max Langheinrich im „Berliner Tageblatt“ ist nicht ermittelt. Nachweisbar sind lediglich kleine redaktionelle Meldungen zum Bauprojekt des Deutschen Museums in München..

Ich freue mich sehr darauf, geehrter Herr Wolff, im kommenden Winter | vielleicht öfter Gelegenheit zu haben, in Ihrer Gesellschaft die gegenwärtigen und kommenden Fügungen, die uns das Leben interessant machen, erörtern zu hören

Mit ergebenstem Gruß
Ihr
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Dezember 1907 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor, Berliner Tageblatt, (Zeitung)

[1. Abgesandter Brief:]


Sehr geehrter Herrder Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ – de facto war das Theodor Wolff, nominell allerdings noch immer der erkrankte Arthur Levysohn (er stand seinerzeit als Chefredakteur auf dem Titelblatt); kaum als Adressat in Frage kommt der Redakteur, der im „Berliner Tageblatt“ zuständig war „für die Inserate: Robert Franke“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 625, 9.12.1907, Abend-Ausgabe, S. (4)].!

Darf ich Sie höflichst ersuchen, Ihren geehrten Lesern mittheilen zu wollen, daß der für heute, den 9.Ein Vortrag Wedekinds war für den 9.12.1907 um 20 Uhr im Blüthner-Saal in Berlin angekündigt als der erste Vortrag der „Vorträge der Wochenschrift ‚Morgen‘ [...] Frank Wedekind über Kunst und Moral.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 597, 24.11.1907, Sonntags-Ausgabe, 6. Beiblatt, S. (1)] Die Anzeige mit der Angabe des Vortragstitels „Kunst und Moral“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 610, 1.12.1907, Sonntags-Ausgabe, 7. Beiblatt, S. (2)] wurde mehrfach wiederholt: „Blüthnersaal, Montag, 9. Dezember, 8 Uhr: Erster Vortrag der Wochenschrift ‚Morgen‘ Frank Wedekind ‚Kunst und Moral‘.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 617, 5.12.1907, Morgen-Ausgabe, 4. Beiblatt, S. (4)] angekündigte Vortrag über „Kunst und Moral“ nicht stattfinden wirdWedekinds Lesung am 9.12.1907 fand gleichwohl statt – der Autor las sein neues Stück „Musik“ (Vorabdruck in Fortsetzungen vom 26.6.1907 bis 19.7.1907 in der Zeitschrift „Morgen“). Er notierte am 8.12.1907: „Ich richte Musik zur Vorlesung ein“ [Tb], am 9.12.1907: „Vorlesung von Musik“ [Tb]. Das „Berliner Tageblatt“ drückte seine Verwunderung darüber aus: „Frank Wedekind hat, was die ganze Oeffentlichkeit sehr überraschen muß, gestern abend 8 Uhr seine Vorlesung im Blüthner-Saal nun doch gehalten. Ein paar Stunden vorher hatte er sie mit einem starken Worte, das wir unterdrückten, abgemeldet. [...] Es ist bedauerlich, daß dieser durch seine Improvisation dem Publikum und sich selbst einen Schaden zugefügt hat.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 627, 10.12.1907, Abend-Ausgabe, S. (3)]. Ich habe den Veranstalter„Morgen. Wochenschrift für Kultur“ (begründet und herausgegeben von Werner Sombart, Richard Strauß, Georg Brandes, Richard Muther, unter Mitwirkung von Hugo von Hofmannsthal), Redaktion: Artur Landsberger (Berlin), mit dem Wedekind zuletzt am 4.12.1907 den Abend verbrachte: „Abends mit Landsberger bei Frederich und Weihenstephan.“ [Tb] Der „Morgen“ hat erstmals am 11.10.1907 auf Wedekinds Vortrag aufmerksam gemacht – „Für die Abonnenten des ‚Morgen‘ werden im Winter außer Frank Wedekind [...] u.a. unentgeltlich Vorträge halten [...]. Im ersten Winter wird sich die Vortragsserie voraussichtlich auf Berlin beschränken“ [An unsere Leser. In: Morgen, Jg. 1, Nr. 18, 11.10.1907, nicht paginiert der Nummer mit einem separaten Titelblatt vorgeheftet] – und am 15.11.1907 definitiv angekündigt: „Am 9. Dezember spricht Frank Wedekind im Blüther-Saal über ‚Kunst und Moral‘ [...]. Für die Abonnenten sind diese Vorträge kostenlos, doch müssen bis zum [...] 21. November bei der Geschäftsstelle des ‚Morgen‘, W. 50, Eislebenerstr. 14, unter Berufung auf den betr. Buchhändler oder Einsendung der Abonnementsquittung die zum Besuch der Vorträge berechtigenden Karten verlangt werden. Die bis zum 21. d. M. neu hinzutretenden Abonnenten wollen sich unter denselben Bedingungen um Ueberlassung einer Freikarte zu den Vorträgen bemühen.“ [Notiz. In: Morgen, Jg. 1, Nr. 23, 15.11.1907, S. 746] Der „Morgen“ hat in seinen Heften keine weiteren Anzeigen zu seinem Vortragsprogramm abgedruckt. Das „Berliner Tageblatt“ bemerkte in seiner redaktionellen Nachbemerkung zu dem offenen Brief Wedekinds: „Die Differenz zwischen Wedekind und den Veranstaltern des Vortrags, der Redaktion der Zeitschrift ‚Morgen‘ ist dadurch entstanden, daß nach wie vor eine Vorlesung über ‚Kunst und Moral‘ angekündigt wurde, während Wedekind sich inzwischen entschlossen hatte, sein neues Bühnenwerk ‚Musik‘ vorzulesen. Der Titel der Vorlesung wurde aufrechterhalten, weil ‒ so hieß es ‒ in dem Drama ‚Kunst und Moral aufeinanderplatzen.‘“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 625, 9.12.1907, Abend-Ausgabe, S. (3)] Es meinte dann dazu: „Die Redaktion des ‚Morgen‘ kann feststellen, daß sie die Aenderung der Ankündigung, um die Herr Wedekind ‚sie vierzehn Tage vergeblich gebeten‘ zu haben erklärt, auch in Plakaten vollzogen hatte. Der ominöse Satz von dem ‚Aufeinanderplatzen von Kunst mit Moral‘ war nach der Behauptung des ‚Morgen‘ mit Herrn Wedekind vereinbart.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 627, 10.12.1907, Abend-Ausgabe, S. (3)] seit vierzehn Tagen vergeblich gebeten die Ankündigungen zu ändernDas „Berliner Tageblatt“ änderte seine Ankündigung kurzfristig. Während es am 8.12.1907 in ein und derselben Ausgabe an einer Stelle im Referat des aktuellen „Wochenplan der Konzertdirektion Julius Sachs“ die alte Formulierung wiederholte: „Montag, 8 Uhr, Blüthner-Saal: Vortrag: Frank Wedekind ‚Kunst und Moral‘“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 623, 8.12.1907, Sonntags-Ausgabe, 2. Beiblatt, S. (2)], war sie bei den Veranstaltungsanzeigen durch eine neue ersetzt: „VORTRÄGE DER WOCHENSCHRIFT ‚MORGEN‘ MONTAG: 9. Dezember, abends 8 Uhr BLÜTHNER-SAAL FRANK WEDEKIND ‚EIGENE DICHTUNG‘“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 623, 8.12.1907, Sonntags-Ausgabe, 7. Beiblatt, S. (2)] Diese Anzeige mit der neuen Formulierung – „FRANK WEDEKIND ‚eigene Dichtung‘“ [Berliner Tageblatt, Jg. 36, Nr. 624, 9.12.1907, Montags-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (2)] – erschien auch am Tag darauf, an dessen Abend Wedekinds Lesung stattfand. und möchte mich ohne mein Verschulden nicht gern öffentlich als Betrüger hinstellen lassen.

In vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.


8/9/Wedekind, der hier das Tagesdatum 8.12.1907 in das Tagesdatum 9.12.1907 korrigierte, hat allerdings am 8.12.1907 abends notiert: „Schreibe eine Notiz an die Zeitungen.“ [Tb] Die Zeitungen – das waren das „Berliner Tageblatt“ und wahrscheinlich die Wochenschrift „Morgen“ (Redaktion: Artur Landsberger)..12.7.


[2. Druck im „Berliner Tageblatt“:]


Darf ich Sie höflichst ersuchen, Ihren geehrten Lesern mitteilen zu wollen, daß der für heute, den 9. angekündigte Vortrag über „Kunst und Moral“ nicht stattfinden wird. Ich habe den Veranstalter seit vierzehn Tagen vergeblich gebeten, die Ankündigungen zu ändern.

Einzelstellenkommentare

München, 2. November 1908 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor, Berliner Tageblatt, (Zeitung)

[1. Briefentwurf:]


An die tit. geehrte Redaktion des Berliner Tageblattes


Sehr geehrter HerrTheodor Wolff – auf dem Titelblatt vermerkt: „Chef-Redakteur: Theodor Wolff in Berlin.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (1)] Der Chefredakteur dürfte der Adressat gewesen sein – nicht Fritz Engel, Feuilletonredakteur des „Berliner Tageblatt“, auf dessen Besprechung der Berliner Premiere von „Musik“ Wedekind sich im vorliegenden Brief zwar bezieht, ohne ihn aber dezidiert als Rezensenten anzusprechen.

in seiner Besprechung vom 1 November 1908Fritz Engel besprach unter Verfassersigle [vgl. F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] die Premiere von Wedekinds „Musik“ am 31.10.1908 im Kleinen Theater in Berlin (Direktion: Victor Barnowsky) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1909, S. 289] unter der Regie von Victor Barnowsky [vgl. KSA 6, S. 802]. wirfSchreibversehen, statt: wirft. mir das Berliner Tageblatt mein Drama SittengemähldeGattungsbezeichnung im Untertitel der Erstausgabe von Wedekinds Stück: „Musik. Sittengemälde in vier Bildern“ (1907, vordatiert auf 1908).Musikvor die FüßeZitat aus Fritz Engels Besprechung, in der es über „Musik“ heißt: „Es ist ein schlechtes Stück […]. Nein, Herr Frank Wedekind! Wer in Ihnen einen der originalsten Köpfe unserer Zeit, einen Schrittmacher neuer Anschauungen, einen Gestalter kühner Probleme, mit einem Worte den Dichter von ‚Frühlingserwachen‘ sieht, gerade wer Sie größer sieht als die anderen, muß Ihnen dieses Stück und Stücke wie jenes ‚Oaha‘ vor die Füße werfen. Annahme verweigert.“ [F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] Wedekind hat die Formulierung in einer „BT“ überschriebenen Notiz aufgegriffen: „Vor die Füße werfen = eine lausbubenhafte Unverschämtheit.“ [Nb 56, Blatt 65r] Gleich darunter notierte er: „Die Fälschung und Vergiftung der Öffentlichen Meinung.“ [Nb 56, Blatt 65r] In einer anderen „BT“ überschriebenen Notiz [Nb 58, Blatt 65r] aus den „Varianten und Paralipomena“ zur Vorrede von „Oaha“ notierte Wedekind unter anderem das Stichwort: „Ein Stück vor die Füße werfen“ [KSA 5/III, S. 596]. und behauptet, dabei umgekehrt zu verfahren als wie es mit meiner Kindertragödie Frlgs Erw. verfahren ist. Das ist unrichtig. Mein Drama Frlgs Erw. wurde vom Berliner Tageblatt 15 Jahre lang totgeschwiegenWedekind wiederholte diesen Vorwurf [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 4.11.1908], als er im „Berliner Tageblatt“ im Kommentar zu seinem offenen Brief nicht nur las, sein Brief sei „in tiefem Groll“ verfasst ein Ausdruck von „Riesenkatzenjammer“ eines „durchgefallenen Autors“, sondern auch, dem „schönen ‚Frühlingserwachen‘“ sei „in unserem Blatte die wärmste Anerkennung gezollt worden“ [F.E.: Frank Wedekind zürnt. In: Berliner Tageblatt, Berlin, Jg. 37, Nr. 562, 3.11.1908, Abend-Ausgabe, S. (2-3)]. Anerkennung hat „Frühlings Erwachen“ im „Berliner Tageblatt“ erst ab 1906 seit der erfolgreichen Uraufführung gefunden, die Monty Jacobs rezensierte [vgl. Monty Jacobs: „Frühlings Erwachen.“ Zur Aufführung in den Kammerspielen. In: Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 596, 23.11.1906, Abend-Ausgabe, S. (1-2)], die Erstausgabe von 1891 oder spätere Ausgaben des Stücks wurden im „Berliner Tageblatt“ nicht rezensiert.. Eine literarische Arbeit 15 Jahrevon 1891 bis 1906; „Frühlings Erwachen“ (1891) wurde 1906 von Max Reinhard in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin mit großem Erfolg inszeniert und hatte seitdem breite Anerkennung auch bei der Kritik gefunden. lang totzuschweigen ist aber jedenfalls MindestensSchreibversehen, statt: mindestens. ebensowenig liebenswürdig als wie sie dem Verfasser zwei Jahre nach ihrem Erscheinen vor die Füße zu werfen. Nun könnte das B.T. einwenden, daß es sich mit dramatischen Arbeiten nicht eher beschäftigt als bis sie auf der Bühne erschienen sind. Das Das wäre aber wiederum unrichtig. Denn in der Besprechung über Musik schimpftFritz Engel hat „Oaha“ nur an einer Stelle erwähnt, als er schrieb, man müsse Wedekind „Stücke wie jenes ‚Oaha‘ vor die Füße werfen.“ [F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] das B.T. schon in den stärksten Ausdrücken über mein Stück Oaha das noch gar nicht gespielt wurde und in den nächsten Jahren voraussichtlich auch nicht gespielt werden wird. In seiner blinden Wuth | unterschlägt das B.T. seinen Lesern vollständig die AufnahmeDie Theaterkritik äußerte sich über das in Berlin inszenierte Stück „Musik“ überwiegend ablehnend [vgl. KSA 6, S. 803-806]. die mein Stück Musik beim Publikum gefunden hat. Diese Thatsachen zusammengenommen drängen mir die Frage auf ob sich ein Schriftsteller in Deutschland nicht vielleicht auch trotz des Berliner Tageblattes, in vollkommenem Gegensatze zum B. Tageblatt entwickeln kann, eine Frage, die mir wichtig genug scheint, um mit Ernst und Gründlichkeit erwogen zu werden. Gegen eine entstellte wahrheitswidrige oder gekürzte Wiedergabe dieser wenigen Zeilen bin ich bereit mich nachdrücklich zu verwahren.

Hochachtungsvoll ergebenst
FrW.


[2. Druck im „Berliner Tageblatt“:]


Sehr geehrter Herr!

In seiner Besprechung vom 1. November 1908 wirft mir das „Berliner Tageblatt“ mein Sittengemälde „Musik“ vor die Füße und behauptet, dabei umgekehrt zu verfahren, als wie es mit meiner Kindertragödie „Frühlingserwachen“ verfahren ist. Das ist unrichtig. Mein Drama „Frühlingserwachen“ wurde vom „Berliner Tageblatt“ fünfzehn Jahre lang totgeschwiegen. Eine literarische Arbeit fünfzehn Jahre lang totzuschweigen, ist aber jedenfalls mindestens ebensowenig liebenswürdig, als wie sie dem Verfasser zwei Jahre nach ihrem Erscheinen vor die Füße zu werfen. Nun könnte das „Berliner Tageblatt“ einwenden, daß es sich mit dramatischen Arbeiten nicht eher befaßt, als bis sie auf der Bühne erschienen sind. Das wäre aber wiederum unrichtig. Denn in der Besprechung über „Musik“ urteilt das „Berliner Tageblatt“ schon in den schärfsten Ausdrücken über mein Stück „Oaha“, das noch gar nicht gespielt wurde und in den nächsten Jahren voraussichtlich auch nicht gespielt werden wird.

In seiner blinden Wut unterschlägt das „Berliner Tageblatt“ seinen Lesern überdies vollständig die Aufnahme, die mein Stück „Musik“ beim Publikum gefunden hat. Diese Tatsachen zusammen genommen drängen mir die Frage auf, ob sich ein Schriftsteller in Deutschland nicht vielleicht auch trotz des „Berliner Tageblattes“ in vollkommenem Gegensatz zum „Berliner Tageblatt“, entwickeln kann, eine Frage, die mir wichtig genug scheint, um mit Ernst und Gründlichkeit erwogen zu werden. Gegen entstellte oder gekürzte Wiedergabe dieser wenigen Zeilen bin ich bereit, mich ausdrücklich zu verwahren.

Hochachtungsvoll
ergebenst
Frank Wedekind.

Einzelstellenkommentare

München, 4. November 1908 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

EueSchreibversehen, statt: Euer. HochwohlgeborenTheodor Wolff, Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“, der wahrscheinliche Adressat, bewusst ehrerbietig angesprochen.! ersuchedavor nicht eindeutig zu interpretierendes Umstellungszeichen; „ersuche“ sollte wohl vor „Euer Hochwohlgeboren“ stehen. ich ergebenst um A/g/efälligen Abdruck beiliegender Erklärung.

Hochachtungsvoll
FrW. |


Ich behaupte und sage daß ein großes außergewöhnliches Maß von Schamlosigkeit dazu gehört wenn sich das Berliner Tageblatt zur HerabwürdigungWedekind bezieht sich auf den Verriss seines Sittendramas „Musik“ durch Fritz Engel [vgl. F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)], gegen den er sich brieflich empört hatte [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 2.11.1908]. In den „Varianten und Paralipomena“ zur Vorrede von „Oaha“ aus einem Notizbuch [Nb 58, Blatt 65r] notierte Wedekind unter anderem das Stichwort „Riesenkatzenjammer“ [KSA 5/III, S. 596], das aus Fritz Engels Nachbemerkung zu seinem Brief [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 2.11.1908] stammt – „Riesenkatzenjammer“ [F.E.: Frank Wedekind zürnt. In: Berliner Tageblatt, Berlin, Jg. 37, Nr. 562, 3.11.1908, Abend-Ausgabe, S. (3)] – und schrieb dazu: „Ich frage das B.T. nun wie es [gestrichen: zur Verbreitung] sich zur Herumträgerin solch gehässiger Unwahrheiten erniedrigen kann“ [KSA 5/III, S. 596]. meiner andern Arbeiten auf seine Anerkennung meiner KindertragödieFritz Engel hat, als er den Verfasser von „Musik“ abkanzelte, nebenbei wohlwollend „den Dichter von ‚Frühlingserwachen‘“ [F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)] erwähnt, ebenso im Kommentar zu Wedekinds offenem Brief [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 2.11.1908] nebenbei bemerkt, dem „schönen ‚Frühlingserwachen‘“ sei „in unserem Blatte die wärmste Anerkennung gezollt worden“ [F.E.: Frank Wedekind zürnt. In: Berliner Tageblatt, Berlin, Jg. 37, Nr. 562, 3.11.1908, Abend-Ausgabe, S. (2-3)]. „Frühli Frlgs Erw beruft, deren Vorhandensein dasselbe Berliner Tageblatt fünfzehn Jahre hindurch mit unerschütterlicher Beharrlichkeit tod geschwiegenSchreibversehen, statt: totgeschwiegen. hat.

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Ich sage und behaupte und bin erkläre mich bereit diese Behauptung vor dem Richter zu vertreten, daß ein außergewöhnliches Maß von Schamlosigkeit dazu gehört, wenn sich das „Berliner Tageblatt“, um mir eine andre noch nicht aufgeführte ArbeitenAnspielung auf „Oaha“ [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 2.11.1908], das noch nicht uraufgeführt worden war.vor die Füße zu werfenZitat aus Fritz Engels Besprechung von „Musik“; er müsse Wedekind „dieses Stück und Stücke wie jenes ‚Oaha‘ vor die Füße werfen.“ [F.E.: Wedekinds „Musik“. Erste Aufführung im „Kleinen Theater“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)]“ auf seine Anerkennung | meiner Kindertragödie „Frlgs Erw.“ beruft stützt, deren Vorhandensein dasselbe Berliner Tageblatt fünfzehn Jahre hindurch mit unerschütterlicher Beharrlichkeit totgeschwiegen hat.

deren Vorhandensein von demselben „Berliner Tageblattfünfzehn Jahre hindurch mit unerschütterlicher Beharrlichkeit totgeschwiegen wurdeDas „Berliner Tageblatt“ reagierte auf den Vorwurf, es habe „Frühlings Erwachen“ bis zum Erfolg der Uraufführung von 1906 totgeschwiegen, mit einem Beitrag von Fritz Engel, der dazu einen Brief an die Redaktion von Paul Block präsentiert. Es heißt darin: „Wedekind [....] erhebt auch jetzt noch die Anklage, die im übrigen gar keine wäre, daß wir uns fünfzehn Jahre lang um sein ‚Frühlings Erwachen‘ nicht gekümmert hätten. Wir können demgegenüber ihm nur unsererseits den Vorwurf machen, daß er nicht weiß, was in der Öffentlichkeit, über die er sich gelegentlich in so dreister Weise erregt, über ihn und seine Werke geschrieben wird. Wir wollen ihm also zu Hilfe kommen und ihm mitteilen, was unser jetzt in Paris wirkender Mitarbeiter, Herr Paul Block uns schreibt: / Sehr geehrte Redaktion! / Herr Frank Wedekind irrt, wenn er sagt, das ‚Berliner Tageblatt‘ habe sein ‚Frühlings Erwachen‘ totgeschwiegen. Lange vor der Eröffnung der Kammerspiele, in der Rezension über Wedekinds ‚Erdgeist‘ wurde auf ‚Frühlings Erwachen‘ hingewiesen. Es soll nicht behauptet werden, daß diese Erwähnung den späteren Direktor des Deutschen Theaters auf das Werk aufmerksam machte. Aber die Tatsache besteht, daß gerade im ‚Berliner Tageblatt‘ lange vor der Darstellung von ‚Frühlings Erwachen‘ der Dichter und sein Werk anerkannt wurden. Da die Rezension zufällig von mir ist, blieb mir der Fall in Erinnerung.“ [fe: Herr Wedekind irrt. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 571, 8.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (3)] Paul Block hatte seinerzeit zum Schluss seiner Besprechung der Berliner „Erdgeist“-Premiere am Kleinen Theater geschrieben: „Dennoch ist mir der junge Wedekind, der ‚Frühlingserwachen‘ schrieb, lieber.“ [P.B.: Erdgeist. Tragödie von Frank Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 31, Nr. 641, 18.12.1902, Morgen-Ausgabe, S. (2)].

Einzelstellenkommentare

München, 1. August 1909 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

An die RedaktionChefredakteur des „Berliner Tageblatt“ war Theodor Wolff, zur fraglichen Zeit (vom 1.7.1909 bis Mitte August 1909) verantwortlich für das Feuilleton Hans Fischer (Pseudonym: Kurt Aram). des
Berliner Tageblatt


Sehr geehrterrecte: geehrter (die Streichung des „r“ bezog sich auf die dann gestrichene „Redaktion“). Herrzunächst gestrichen, durch Unterpunktung wiederhergestellt. – Wedekind schwankte, ob er den Redakteur oder Chefredakteur (siehe oben) oder aber die Redaktion ansprechen sollte, wobei für ihn die Zeitung wesentlich war (in diesem Fall das „Berliner Tageblatt“, die auflagenstärkste überregionale Tageszeitung), wie er zwei Seiten vor dem vorliegenden Briefentwurf im Aphorismus „Kritik“ notierte [Nb 58, Blatt 34r]: „Bei der Tageskritik kommt es niemals darauf an, wer sie schreibt; es kommt lediglich darauf an, wer sie druckt. Die große Masse des Publicums, auf die die Kritik ihre Wirkung ausübt, fragt niemals nach dem Kritiker, sondern immer nur nach der Zeitung.“ [KSA 5/II, S. 325] Redaktion

Während meines mehrwöchigen Gastspielsder erste Wedekind-Zyklus am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) vom 1. bis 30.7.1909., das vor kurzem am Münchner Schauspielhausumgestellt, zuvor: Gastspiels am Münchner Schauspielhaus. stattfand, erwiesen Sie mir die große Wohlthatirrtümlich unvollständige Streichung aufgrund von Zeilenumbruch nach Silbentrennung („Wohl-that“). Auszeichnung mich in ihrem Blattirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). im BT meiner Wirksamkeitumgestellt, zuvor: meiner Wirksamkeit in ihrem Blatt. Thätigkeit in keiner Weise ErwähnungWedekind hat übersehen, dass der Münchner Korrespondent des „Berliner Tageblatt“ den Wedekind-Zyklus (siehe oben) in seiner Kurzrezension der Uraufführung des Einakters „Die Zensur“ am 27.7.1909 im Münchner Schauspielhaus erwähnte: „Während seines vierwöchigen Gastspiels hat Frank Wedekind als Autor, Regisseur und Darsteller (der Schauspieler Wedekind ist reifer und reicher geworden) anscheinend das Münchner Publikum zu der neuen Technik des Hinhörens erzogen. Diese Sommergemeinde horchte mit gespannten Nerven und bereitete in tiefer Ergriffenheit der Uraufführung des Einakters einen unbestrittenen Erfolg“ [„Die Zensur“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 38, Nr. 380, 29.7.1909, Abend-Ausgabe, S. (3)]. zu thun. Ich kann mir die Genugthuung nicht versagen Ihnen für diese Wohltat Auszeichnung öffentlich meinen aufrichtigen tiefempfundenen Dank auszusprechen. Gleichzeitig gebe ich mich der innigen Hoffnung hin daß Sie sich auch für alle Zukunft die Mühe ersparen möchtenirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). werden, meine Bücher, Theateraufführungen oder Vorträge in ihrem Blattirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). im BT zu besprechen. Ich würdeirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). werde es als ein uneingeschränktes Glück betrachtenirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). empfinden wenn mein Name zu meinen Lebzeiten (und), wenn möglich auch darüber hinaus (mein Name) in Ihrem Blatteirrtümlich nicht gestrichen (oder als alternative Formulierung stehengelassen). im BT nicht mehr gedruckt zu lesen sein würde wäre ist

Ich wäre Ihnen zu größtem Dank verpflichtet

Hochachtungsvoll ergeben
FrW |


Verhalten nachschlagen

öffentlich

Gleichzeitig richte ich die Bitte an Sie, auch in Zukunft meine Bücher, Theateraufführungen und Vorträge im Berliner Tageblatt nicht mehr besprechen zu wollen.

Gleichzeitig gebe ich mich der traurigen Hoffnung hin, daß das B.T. seinem Verhalten mir gegenüber mir auch für alle Zukunft treu bleiben wird.

Ich möchte es als ein uneingeschränktes Glück empfinden wenn mein Name zu meinen Lebzeiten, wenn möglich auch darüber hinaus im B.T. nicht mehr gedruckt zu lesen wäre.

Einzelstellenkommentare

München, 14. Januar 1910 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor, Berliner Tageblatt, (Zeitung)

An die RedaktionChefredakteur des „Berliner Tageblatt“ war Theodor Wolff, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton war Hans Fischer (Kurt Aram). Wedekind notierte am 14.1.1910: „Ich konzipiere einen Brief an das BT Umfrage betreffend.“ [Tb] Der am 16.1.1910 abgesandte Brief (ihm liegt ein anderer Entwurf zugrunde) hat einen von diesem Konzept deutlich abweichenden Wortlaut [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 16.1.1910]. des Berliner Tageblattes
Berlin


Sehr geehrter Herr

Wollen Sie mir freundlichst gestatten, Ihnen eine Bitte vorzutragen:

Seit Jahren bemühe ich mich, diejenigen meiner dramatischen Arbeiten, die von Seiten der Schauspieler gar keine oder nur die allergeringsteoberflächlichste Beachtung finden

Seit dem Jahre 1898seit der Uraufführung des „Erdgeist“ durch Carl Heines Ibsen-Theater am 25.2.1898 im Kristallpalast in Leipzig, in der Wedekind die Rolle des Dr. Schön spielte [vgl. KSA 3/II, S. 1215-1218]. trete ich in denjenigen meiner dramatischen Arbeiten, die von Seiten der Schauspieler gar keine oder nur die alleroberflächlichste Beachtung fanden, als Darsteller auf, um dadurch das Publikum von der/ie/ Darstellungsmöglichkeit und Bühnenwirksamkeit dieser Arbeiten zu überzeugen zu beerweisen und den Vorwurf der Unbeholfenheit und Geschmacklosigkeit zu entkräften, der immer | und immer wieder gegen meine schriftstellerische Produktion erhoben wird. Obschon ich mich hierbei nun in einer augenfälligen Zwangslage befinde und einzig und allein unter dem Antrieb meiner literarischen Bestrebungen Ziele handle muß ich mir seit Jahren bei jedem auch dem erfolgreichsten öffentlichen Auftreten und regelmäßig immer wieder den Vorwurf des eitler selbstgefälliger Aufdringlichkeit und des blutigsten unmöglichsten Dilettantismus machen lassen. Ich sage mir nun daß der einzige der über diese Fragen ein richtig begründetes Urtheil hat wol der Schauspieler selbst ist./,/ da er allein außer der Qualität des Gebotenen auch die Schwierigkeit der Aufgabe kennt. Aus diesem Grunde wäre ich Ihnen zu großem und aufrichtigem Dank verpflichtet, wenn Sie an diejenigen deutschen Schauspieler, die Ihrem/r/ geschätzten Urtheil Ansicht nach am höchsten in ihrem Beruf stehen, die FrageDie dann folgende Frage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ hat Wedekind so formuliert in den abgesandten Brief aufgenommen [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 16.1.1910] und in dieser Formulierung als Vorschlag für eine Umfrage unter Schauspielern dann auch dem „Berliner Lokal-Anzeiger“ unterbreitet [vgl. Wedekind an Alfred Holzbock, 21.1.1910]. Weder im „Berliner Tageblatt“ noch im „Berliner Lokal-Anzeiger“ ist eine solche Umfrage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ bisher nachgewiesen. richten wollten: |

Was halten Sie von

Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?

Wenn Sie meinem künstlerischen, in erster Linie letzten Grunde durchaus stets nur literarischen schriftstellerischen Bestrebungen diese wie ich mir wohl bewußt bin außerordentliche Förderung zutheil werden lassen wollten, dann würde möchte ich es durchauszuerst gestrichen, durch Unterpunktung wiederhergestellt. aus in Ihrem Gutdünken Fürgutfinden anheimstellen, ob Sie das aus die Stellung der Frage eventuel durch Mittheilung dieser (an Sie gerichteten) Zeilen zu motivieren. Aus der unzähligen Menge von Beweisen für das oben Gesagte lege ich hier nur ein einziges durchaus charakteristisches BeispielWedekind legte dem dann abgesandten Brief einen nicht ermittelten Zeitungsausschnitt bei, eine ihn als Schauspieler beurteilende „Besprechung“ oder „Notiz“ [Wedekind an Berliner Tageblatt, 16.1.1910]. Da Wedekind in seinen Stücken als Schauspieler agierte, hat die Theaterkritik das entsprechend thematisiert und oft bekrittelt, was wiederum Wedekind dazu veranlasste, die Umfrage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ vorzuschlagen und damit publizistisch auf die Urteile der Theaterkritik zu reagieren. Im „Berliner Tageblatt“ hatte zuletzt dessen Wiener Korrespondent Stefan Großmann in einer Besprechung von Wedekinds Gastspiel am Lustspieltheater in Wien (15. bis 19.12.1909) Wedekind als Schauspieler kommentiert: „Wedekind interessierte in Wien, weil er auch Schauspieler ist. Eine Stadt, in der sich die künstlerischen Interessen nie um ein Werk, stets nur um einen Darsteller drehen, ist der richtige Boden für einen Dichter, der auch als Schriftsteller stets ein vermummter Herr ist. Um hier populär zu werden, müßte Wedekind freilich unabhängiger von seinem Text, ein bißchen mehr Stegreifdichter werden.“ [St. Gr.: Wiener Theater. (Von unserem Korrespondenten.) In: Berliner Tageblatt, Jg. 38, Nr. 657, 28.12.1909, Morgen-Ausgabe, S. (2)] bei.

Indem ich Sie bitte ersuche den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochschätzung entgegenzunehmen
ergebenst
FrW.

Einzelstellenkommentare

München, 16. Januar 1910 (Sonntag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor, Berliner Tageblatt, (Zeitung)

[1. Briefentwurf:]


Bei der Lektüre der hier beigelegten Besprechungim abgesandten Brief als „Notiz“ bezeichnet (siehe unten). drängte sich mir der Gedanke auf – würde eine Redaktion einer Zeitung nicht vielleicht einmal aber ausschließlich an SchauspielerWedekind entwarf im Notizbuch [Nb 18, Blatt 87v, 87r, 86v] etwa gleichzeitig mit dem vorliegenden Briefentwurf einen thematisch entsprechenden Brief vom 15.1.1910 an Schauspieler und zwar an Gustav Maran, Paul Wiecke, Arthur Bauer, Mathieu Lützenkirchen, Arthur Kraußneck, Josef Klein, Paul Wegener, Hermann Nissen, Max Marx, Oscar Sauer, Josef Kainz, Reinhold Gollbach (alle im Notizbuch [Nb 18, Blatt 81r, 81v] als Adressaten notiert)., nicht an Schriftsteller die Frage richten.

[Absatz mit Tinte komplett gestrichen:] Ich bemerke au erlaube mir ausdrücklich zu bemerken, daß das Berliner T. die erste ich Ihnen diesen Einfall zuerst mittheileWedekind hat seinen Einfall für eine Umfrage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ (siehe unten) einige Tage später auch dem „Berliner Lokal-Anzeiger“ mitgeteilt [vgl. Wedekind an Alfred Holzbock, 21.1.1910]. Weder im „Berliner Tageblatt“ noch im „Berliner Lokal-Anzeiger“ ist eine solche Umfrage bisher nachgewiesen. Ob er sie noch weiteren Zeitungen vorschlug, ist nicht bekannt..


[2. Abgesandter Brief:]


An die tit. Redaktion des
Berliner Tageblattes“.


Sehr geehrter HerrChefredakteur des „Berliner Tageblatt“ war Theodor Wolff, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton war Hans Fischer (Kurt Aram).!

Bei der Lektüre der hier beigelegten Notiznicht überliefert. Es dürfte sich um einen Zeitungsausschnitt mit einer Wedekind als Schauspieler beurteilenden Kurzbesprechung gehandelt haben (nicht ermittelt). Da Wedekind in seinen Stücken als Schauspieler agierte, hat die Theaterkritik das entsprechend thematisiert und oft bekrittelt, was wiederum Wedekind dazu veranlasste, die Umfrage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ vorzuschlagen und damit publizistisch auf die Urteile der Theaterkritik zu reagieren. Im „Berliner Tageblatt“ hatte zuletzt dessen Wiener Korrespondent Stefan Großmann in einer Besprechung von Wedekinds Gastspiel am Lustspieltheater in Wien (15. bis 19.12.1909) Wedekind als Schauspieler kommentiert: „Wedekind interessierte in Wien, weil er auch Schauspieler ist. Eine Stadt, in der sich die künstlerischen Interessen nie um ein Werk, stets nur um einen Darsteller drehen, ist der richtige Boden für einen Dichter, der auch als Schriftsteller stets ein vermummter Herr ist. Um hier populär zu werden, müßte Wedekind freilich unabhängiger von seinem Text, ein bißchen mehr Stegreifdichter werden.“ [St. Gr.: Wiener Theater. (Von unserem Korrespondenten.) In: Berliner Tageblatt, Jg. 38, Nr. 657, 28.12.1909, Morgen-Ausgabe, S. (2)] drängte sich mir der Gedanke auf: Würde die Redaktion einer Zeitung nicht vielleicht einmal, aber ausschließlich an Schauspieler, die FrageDie dann folgende Frage „Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?“ hat Wedekind bereits im ersten Briefentwurf so formuliert [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 14.1.1910] und sie einige Tage später als Umfrage auch dem „Berliner Lokal-Anzeiger“ vorgeschlagen (siehe oben). richten: Wie denken Sie über Frank Wedekind als Schauspieler?

Die Frage an Theaterleiter zu | richten, schiene mir im Interesse einer sachlichen Erhebung nicht richtig, da die eine oder andere Aussage vielleicht unwillkürlich zu meinen Gunsten gefärbt sein könnte.

Sollten Sie sich zur Stellung der Frage nicht entschließen können, dann dürfte ich Sie wol höflichst ersuchen, mir die Notiz in beigelegtem Kuvert zurückschicken zu wollen.

Mit der Bitte den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochschätzung entgegen zu nehmen
ergebenst
Frank Wedekind.


München 16.1.10Wedekind notierte am 16.1.1910: „Brief an Berliner Tageblatt. Wie denken Sie über FW als Schauspieler“ [Tb]..

Einzelstellenkommentare

München, 14. Juni 1911 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

An die tit. Redaktion des „Berliner Tageblattes
Berlin.


Sehr geehrter HerrChefredakteur des „Berliner Tageblatt“ war Theodor Wolff (auf der Titelseite der Zeitung angegeben), den Wedekind hier angesprochen haben dürfte. Der für das Feuilleton verantwortliche Redakteur war für den Zeitraum, in dem die Ausgaben des „Berliner Tageblatt“ vom 8. und 13.6.1911 erschienen sind, auf die Wedekind sich im vorliegenden Brief beruft, Victor Auburtin (er vertrat vom 6.6.1911 bis 6.7.1911 den eigentlichen Feuilletonredakteur Artur Fürst), für die Ausgabe vom 7.10.1910, auf die sich Wedekind ebenfalls bezieht, Hans Fischer (Kurt Aram).!

Ihre überaus wohlwollende und freundliche Notiz, die Sie dem Aufruf meiner Freunde Den in Berlin zuerst vom „Berliner Tageblatt“ veröffentlichten Aufruf [vgl. Eine Aktion für Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 287, 8.6.1911, Abend-Ausgabe, S. (3)] hat Wedekind selbst verfasst [vgl. KSA 5/II, S. 410f.], einer Notiz zufolge am 10.6.1911: „Schreibe Aufruf.“ [Tb] Er richtet sich gegen die Zensur. Der Georg Müller Verlag unternahm es, die Unterzeichnungen und den Versand an die Presse zu organisieren [vgl. KSA 5/III, S. 316f.]. Das „Berliner Tageblatt“ nannte als Unterzeichner Hermann Bahr, Friedrich Basil, Michael Georg Conrad, Lovis Corinth, Oskar Fried, Ludwig Ganghofer, Carl Hagemann, Max Halbe, Karl Henckell, Georg Hirth, Leopold Jeßner, Alfred Kerr, Max Liebermann, Heinrich Mann, Thomas Mann, Adolf Paul, Hans Pfitzner, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Max Slevogt, Richard Strauss und Felix Weingartner. In den „Münchner Neuesten Nachrichten“ sind darüber hinaus noch Artur Kutscher, Gustav Meyrink, Wilhelm Rosenthal und Georg Stollberg genannt. Unterschrieben hat auch Herbert Eulenberg.folgen liessen, schließt mit den Worten:Das folgende Zitat stammt aus der Notiz (ohne Verfasserangabe), in der es heißt es: „Zu dem Aufruf für Frank Wedekind, den wir vor einigen Tagen veröffentlicht haben, werden wir gebeten, […] mitzuteilen, daß es sich um eine rein ideelle Sache handele und keineswegs um irgendeine materielle Unterstützung des Dichters. […] ‚Vielmehr‘ ‒ so heißt es in der uns zugehenden Mitteilung, ‚handelt es sich nur darum, einmal die Namen derjenigen zu erfahren, die sich dem Schaffen Wedekinds befreundet fühlen […].‘ Wir geben diese Information wieder und möchten hinzufügen, daß uns ein Kampf für die polizeiliche Freigabe der jetzt verbotenen Wedekindschen Werke, oder wenigstens der meisten von ihnen, ziemlich aussichtslos erscheint. Vielleicht aber können die Freunde des Dichters ihm selbst und seiner Sache dienen, indem sie geschlossenen literarischen Vereinen ihre Unterstützung bei der Wiedergabe seiner Werke leihen. Denn darin stimmen wir ganz mit dem neulich veröffentlichten Aufruf überein, daß ein Dichter wie Wedekind nicht dauernd totgeschwiegen werden darf.“ [Berliner Tageblatt, Jg. 40, Nr. 296, 13.6.1911, Abend-Ausgabe, S. (3)] „... daß ein Dichter wie W. nicht dauernd totgeschwiegen werden darf.“ Erlauben Sie mir, Ihnen für diese WortenSchreibversehen, statt: Worte. sowie dafür, daß das „Berliner Tageblatt“ meines Wissens unter allen Berliner Blättern das einzige war, das den Aufruf unverkürzt und ohne | einschränkende Bemerkung abdruckte, meinen aufrichtigen herzlichen Dank auszusprechen.

Ihrer Ansicht von dem „Nicht totschweigen dürfen“ gaben Sie ja auch schon in Ihrer eingehenden, ausführlichen Würdigung meines EinaktersDie recht kritische Besprechung der Premiere von „Die Zensur“ (zusammen mit „Der Liebestrank“) am 6.10.1910 im Kleinen Theater in Berlin (Regie: Victor Barnowsky), ein Gastspiel Wedekinds, stammt von Paul Schlenther [vgl. P.S.: Kleines Theater. Zum ersten Male: „Die Zensur.“ Theodizee in einem Akt. Hierauf: „Der Liebestrank.“ Schwank in drei Akten. Beides von Frank Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 509, 7.10.1910, Morgen-Ausgabe, S. (2)]. Die recht kritische Besprechung der Premiere von „Die Zensur“ (zusammen mit „Der Liebestrank“) am 6.10.1910 im Kleinen Theater in Berlin (Regie: Victor Barnowsky), ein Gastspiel Wedekinds, stammt von Paul Schlenther [vgl. P.S.: Kleines Theater. Zum ersten Male: „Die Zensur.“ Theodizee in einem Akt. Hierauf: „Der Liebestrank.“ Schwank in drei Akten. Beides von Frank Wedekind. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 509, 7.10.1910, Morgen-Ausgabe, S. (2)].Die Zensur“, der im Herbst im Kleinen Theater zur Aufführung gelangte, den lebhaftesten Ausdruck. Es war eine Auszeichnung, die Sie meinem Einakter „Die Zensur“ vor sämmtlichen diesen Winter in Berlin | zur Aufführung gelangten Dramen zuteil werden ließen, daß sie ihn in Ihrem geschätzten Blatt einer so eingehenden und ausführlichen Besprechung würdigten. Also nochmals herzlichen Dank.

Darf ich Sie ersuchen, die Versicherung allervorzüglichster Hochschätzung entgegenzunehmen von
Ihrem ergebenen
Frank Wedekind.


München 14.6.11.


Die Zeilen erwarten weder eine private noch eine öffentliche Beantwortung.

Einzelstellenkommentare

München, 11. März 1912 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Berliner Tageblatt, (Zeitung), Wolff, Theodor

Ew. HochwohlgeborenChefredakteur des „Berliner Tageblatt“ war Theodor Wolff, verantwortlich für das Feuilleton war seinerzeit Paul Block, den Wedekind anderer Korrespondenz zufolge aber nicht so angesprochen haben dürfte.,

darf ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst ersuchen, beigelegte Zeilendas Manuskript des Essays „Torquemada“ [KSA 5/II, S. 449f.], verfasst am 10.3.1912: „Schreibe Abends Torquemada“ [Tb]. in Ihrem geschätzten Blatte unverkürzt zum Abdruck zu bringenWedekinds Essay „Torquemada“ wurde mit folgender Vorbemerkung gedruckt: „Frank Wedekind sendet uns diesen Aufsatz, in dem er noch einmal erbittert (und wohl auch verbittert!) gegen die Feindin Zensur protestiert. Wir teilen im Einzelnen nicht alle Ansichten des Dichters, halten auch manches, was er sagt, für allzu scharf formuliert. Dennoch bringen wir Wedekinds Protest; denn es erscheint uns als Pflicht, den Kampf dieses Mannes zu unterstützen, dessen Künstlerkraft auch seine Feinde nicht leugnen können. Die Redaktion.“ [Frank Wedekind: Torquemada. Zur Psychologie der Zensur. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 141, 17.3.1912, Morgen-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (1-2), hier S. (1)].

Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster
Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare

Berlin, 8. Juni 1912 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor, Berliner Tageblatt, (Zeitung)

An
Herrn Theodor Wolff, Chef-Redakteur des
Berliner Tageblatt.


Wer mich öffentlichSo gut wie gleichlautend bildet der erste Satz dieses Briefentwurfs auch den Auftakt eines anderen Briefentwurfs [vgl. Wedekind an Berliner Tageblatt, 8.6.1912], der überhaupt inhaltliche Überstimmungen mit dem vorliegenden Briefentwurf aufweist und unmittelbar zuvor entworfen worden sein dürfte. einen „Kerl“ nennt, sei es auch einen „guten KerlZitat; Fritz Engel, Theaterkritiker des „Berliner Tageblatt“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1912, Teil II, Sp. 376], hatte – im Rückgriff auf sein 1908 gefälltes Urteil über „Musik“ [vgl. F.E.: Wedekinds „Musik“. In: Berliner Tageblatt, Jg. 37, Nr. 558, 1.11.1908, Sonntags-Ausgabe, S. (2)], über das Wedekind sich seinerzeit maßlos geärgert hat (siehe seine Korrespondenz mit dem „Berliner Tageblatt“ Ende 1908 bis Anfang 1909) – in seiner Kritik an der aktuellen Inszenierung des Stücks seine damalige Einschätzung bestätigt und abschließend erklärt, Wedekind hätte nicht die Rolle des Josef Reißner spielen sollen, sondern eine andere: „Er müßte den Lindekuh geben, den schlechten und doch so guten Kerl, einen Überwedekind, in vielen Zügen ein Selbstporträt und darum die wertvollste Gestalt des Stückes.“ [F.E.: Wedekinds „Musik“. Gastspiel im Deutschen Theater. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 287, 8.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. (2)] „Musik“ hatte im Rahmen des Wedekind-Zyklus am Deutschen Theater in Berlin vom 1. bis 16.6.1912 am 7.6.1912 Premiere – „Musikgeneralprobe [...] Musikvorstellung“ [Tb] – und am 8.6.1912 eine zweite und letzte Vorstellung: „Musikvorstellung 2.“ [Tb]“, gleichviel, den nenne ich einen unverschämten Lümmel
Und so nenne ich Sie.

Ich habe in meinem Leben noch keinem Menschen auf die Schulter geklopft und sehe nicht ein warum ich mich öffentlich, schwarz auf weiß gedruckt auf die Schulter klopfen lassen soll. Aus diesem Grunde nenne ich Sie einen
unverschämten Lümmel.
und sehe Ihrer Klage entgegen.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 18. Juni 1912 (Dienstag)
von Cassirer, Paul, Reinhardt, Max, Gaul, August, Liebermann, Max, Wolff, Theodor, Dehmel, Richard, Hauptmann, Gerhart und Tuaillon, Louis
an Wedekind, Frank

ZU EHREN DES DICHTERS FRANK WEDEKIND WIRD DIENSTAG, DEN 18. JUNI 1912, ABENDS 9 UHR21 Uhr. IM HOTEL ESPLAMADE, BELLEVUESTRASSE, EIN BANKETT (HERRENDINERein Diner nur mit Herren. Ein Berichterstatter zeigte sich darüber verwundert: „Warum man für das [...] von Paul Cassirer, Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, Richard Dehmel, Theodor Wolff, Ludwig Tuaillon und anderen Kunsthonoratioren veranstaltete ‚Frank Wedekind-Bankett‘ [...] gerade das Motto: ‚Nur für Herren‘ wählte, vermag ich nicht einzusehen.“ [Walter Turszinsky: Wedekind-Bankett. In: Prager Tagblatt, Jg. 37, Nr. 170, 22.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. 1]) VERANSTALTET, AN DEM TEILZUNEHMENan dem großen Bankett zu Ehren Wedekinds – veranstaltete im Anschluss an den Wedekind-Zyklus vom 1. bis 15.6.1912 am Deutschen Theater zu Berlin – im Hotel Esplanade in Berlin am 18.6.1912, zu dem Wedekind notierte: „Festessen im Esplanade Hotel.“ [Tb] Die Veranstaltung war in der Presse angekündigt: „Zu Ehren des Dichters Frank Wedekind wird morgen (Dienstag) abend im Hotel Esplanade ein Bankett stattfinden. Die Einladungen tragen die Unterschriften: Paul Cassirer ‒ Richard Dehmel ‒ August Gaul ‒ Gerhart Hauptmann ‒ Max Liebermann ‒ Max Reinhardt ‒ Ludwig Tuaillon ‒ Theodor Wolff.“ [Ein Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 304, 17.6.1912, Abend-Ausgabe, S. (3)] Richard Dehmel, Gerhart Hauptmann und Max Liebermann waren zu dem Festbankett nicht erschienen, wie das „Berliner Tageblatt“ am nächsten Morgen berichtete (auch über die gehaltenen Reden, die erste von Alfred Kerr), das rund 70 Anwesende zählte (darunter eine Dame, Helene Stöcker) [vgl. Das Wedekind-Bankett. In: Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 307, 19.6.1912, Morgen-Ausgabe, S. (2-3)]. SIE GEBETEN WERDEN.


PAUL CASSIRER RICHARD DEHMEL
AUGUST GAUL   GERHART HAUPTMANN
MAX LIEBERMANN   MAX REINHARDT
LUDWIG TUAILLON   THEODOR WOLFF


COUVERT à M. 5,–   ANMELDUNGEN AN DAS HOTEL ESPLAMADE

Einzelstellenkommentare

München, 29. Juli 1913 (Dienstag)
von Wedekind, Frank
an Wolff, Theodor

Hochverehrter Herr WolffTheodor Wolff, Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1914, Teil II, Sp. 1990].!

Wollen Sie mir erlauben, Ihnen meinen herzlichen Dank für den schönen AufsatzDer Wedekind entzückende Leitartikel des aus dem Urlaub zurückgekehrten Chefredakteurs, der die reaktionäre Pressekritik an der Berichterstattung über das Turnfest in Leipzig (13. bis 15.7.1913) durch den Korrespondenten seiner Zeitung als überzogen zurückweist, lautet: „Wenn man. wie der Schreiber dieser Zeilen, nach vier Einsamkeitswochen ein verregnetes Bergdorf verlassen hat und wieder die Stätten der deutschen Kultur betritt macht es Vergnügen, gleich in guter Auslese einige der alten vertrauten Erscheinungen, die hier das Leben schmücken bei einander zu sehen. Eine Angelegenheit, die mancher vielleicht nicht beachtet hat, hat die schönsten dieser Erscheinungen wieder ans Licht gebracht, und darum dürfen wohl noch ein paar Worte über einen Vorfall gesagt werden, der einen ausgezeichneten Anlaß zur Betrachtung der verschiedensten dummen und niedrigen Instinkte gibt. Der Leipziger Korrespondent dieses Blattes hat sich in einer ‒ stellenweise enthusiastischen ‒ Schilderung des Leipziger Turnfestes ein paar Bemerkungen über die Baumwollhemden, die Kragenlosigkeit und andere äußere Merkmale der Turner und Turnerinnen erlaubt, und da die Turner mit gutem Recht darüber verstimmt sein konnten, wurden jene Bemerkungen auch hier in aller Form für unpassend erklärt. War der Bericht, als Ganzes angesehen, eine Herabsetzung oder gar eine Verspottung des Leipziger Festes und der Turnerei? Der Verfasser erzählte im Gegenteil, wie er bald die kleinen Aeußerlichkeiten vergessen habe und durch die prachtvollen Leistungen der Turner und die Schönheit des Bildes hingerissen, begeistert, überwältigt worden sei. Sehr farbig und mit nicht alltäglichem Gestaltungstalent schilderte er das ungeheure Stadion, dieses ‚von Menschen nach nie geschaute Schauspiel‘, das neben ihm ein großer Künstler in starrem Entzücken genoß: ‚Wohin sich immer die Augen lenkten, gewahrte man schnurgerade Linien, senkrechte und diagonale, die in der Ferne immer dünner wurden und verschwammen; ... und nicht ein einziger klappte mit einer Bewegung nach, nicht ein einziger verdarb die Richtung der Reihen, so daß man nie einen Einzelnen, sondern nur immer dies bewegte Ganze sah.‘ Aber die bewundernden Worte scheinen ganz unbeachtet geblieben zu sein, und nur die unerlaubten Glossen wurden hervorgezerrt. Und man kämpfte und kämpft um das Wollhemd. als wäre es das goldene Vließ, und erhitzt sich, als gelte es nicht den Kragen, sondern den Kopf. / Wie das kam? Jene Presse, der ein überall hindringendes Blatt, wie jeder gern begreifen wird, unbequem ist, und der ganze antisemitisch-nationalistische Janhagel druckten mit tiefempfundener Entrüstung und grandiosem Begleitgeheul das, was ihnen verwertbar schien, ab, und hatten für das andere, Rühmende und Begeisterte, leider keinen Platz. An der Spitze der Leipziger Presse marschieren mit flammendem Patriotenzorn jene alldeutschen ‚Leipziger Neuesten Nachrichten‘, deren leitender Liman, ein Journalist mit doppeltem Boden, in einem bekannten Sensationsprozesse knieschlotternd alles verleugnete, was er kurz vorher gesagt, im Feuilleton der ‚Deutschen Tageszeitung‘ führt ein bedauernswerter Mann, dessen Kräfte unter der Last des täglich herbeigeschleppten Unrates bald erlahmen müssen, den heiligen Krieg, die ‚Tägliche Rundschau‘ des Herrn Rippler und die ‚Kreuzzeitung‘ schleudern mächtige Speere, und die kleineren Käseblättchen von Erfurt bis nach Treptow an der Rega bellen wildwütig mit. In der ‚Kölnischen Zeitung‘, die im Rheinland unter komplizierten Bedingungen ihre Gemeinde zu vergrößern sucht, versichert ein Feuilletonist zu herabgesetzten Preisen, der Leipziger Verbrecher habe diejenigen Turner, die ‚noch nie in das Telephon gesprochen‘, gering geschätzt, und das ist eine absichtliche Entstellung der Tatsachen. denn der Berichterstatter hat gerade im Gegenteil dargelegt, daß die voigtländischen Landbewohner und ähnliche Turner, wenn sie auch nicht telephonieren und nicht ins Theater gehen, sich an diesen drei Festtagen stolz und groß fühlen durften ‒ ‚verbunden mit aller Welt als freie Weltbürger und Unterstützer der nationalen Wohlfahrt‘, wie es sehr schön und sehr patriotisch in dem Artikel hieß. Jeder, der die Motive kennt, hinter die Masken sieht und immer wieder durch das alles hindurchwatet, hat ja kaum noch ein Achselzucken dafür übrig und nimmt den Spektakel nicht ernst. Aber im Zunftinteresse wünscht man doch, daß ein gewisser Teil des Journalismus wenigstens das Lügen verlernen möchte, wenn er auch das Schreiben nicht lernt. / Der Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft hat sich über den Leipziger Bericht beschwert, und ohne zu markten, hat man hier, um auch die leiseste Kränkung ehrenwerter Männer fortzuwaschen, alles, was er begehren konnte, getan. Aber neben den profitsuchenden Blättern und Blättchen haben dann auch noch andere Leute sich eingemischt, Leipziger Gastwirte haben ‚mannhaft‘ in dem Bericht eine ‚Verächtlichmachung der Stadt und der gesamten Leipziger Bürgerschaft‘ gesehen ‒ was, da die Stadt und die Bürgerschaft überhaupt nicht erwähnt wurden, eine mannhafte Unwahrheit ist ‒ sogenannte Leipziger Freisinnige, denen man die Hosen recht fest zubinden sollte, haben ihr demütiges Sprüchlein aufgesagt und schließlich ist es in einem Leipziger Schwimmbade sogar zu einer Prügelei gekommen, wobei, wie die ‚Deutsche Tageszeitung‘ und die ‚Kreuz-Zeitung‘ versichern, der Verfasser des Berichtes Schläge erhalten hat. Ob das den Tatsachen entspricht, ist uns nicht bekannt, aber wenn zwanzig gegen einen standen, können sogar Männer vom Mute des Herrn Liman und seiner Mitredakteure mit dabei gewesen sein. Und nun vergleiche man dieses Geschrei über einen Bericht, in dem Aeußerlichkeiten gewiß ungerecht bespöttelt, aber der Geist und die Leistungen der Turner warm gefeiert worden und nicht, wie etwa im konservativen ‚Reichsboten‘, die moralischen Eigenschaften dieser Männer herabgesetzt worden sind, mit jener anderen ‚Campagne‘, die man vor einem Monat in diesen Landen sah. Damals bewarfen dieselben Blätter und Helden, die heute das gewiß respektable Wollhemd tüchtiger Turner mit ihren rächenden Kriegsrufen umgeben, einen deutschen Dichter mit allem auffindbaren Schmutz. Die bloße Erwähnung zeigt, wohin man unter der Pöbelherrschaft nationalistischer Schreier gelangen muß. / Von den hunderttausend Turnern haben gewiß kaum tausend den in vielen Punkten vortrefflichen Bericht gelesen, die allermeisten haben nur die hübsch hergerichteten ‚Auszüge‘ kennen gelernt, aber ihre Klage schien doch nicht unbegründet, und darum haben sie die Satisfaktion erhalten, die ihnen gebührt. Den Zaungästen, die sich nicht zufrieden geben wollen, deren Geschäftssinn etwas zu verdienen ober deren Neidseele sich zu laben hofft, alles ihnen Gebührende zu verabreichen, verbietet die Höflichkeit. Sollten sie der Meinung sein, mit den üblichen Mitteln ihrer geistigen Schatzkammer, und zum Beispiel mit den Lieblingsworten ‚undeutsch‘ und ‚antinational‘ irgendeinen Eindruck zu machen, so gingen sie vollkommen fehl, denn jeder anständige Mensch wird auf diejenigen, die aus politischen oder geschäftlichen Gründen ihm sein Vaterlandsgefühl absprechen, immer nur mit herzlicher Verachtung, wie auf die Träger einer recht lumpigen Gesinnung, hinuntersehen. Wenn sie sich schwitzend ereifern wollen, so ist ihnen das gern gegönnt. Es ist ihnen gestattet, uns jene turnerische Bewegung auszuführen, die man mit einem etwas derben technischen Ausdruck ‚den Buckel runterrutschen‘ nennt.“ [T.W.: Die Schlacht bei Leipzig. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 377, 28.7.1913, Montags-Ausgabe, S. (1)] auszusprechen: Die Schlacht bei Leipzig. Seit bald vierzehn Tagen liegt es mir schwer auf der Seele, daß ein so durchaus vornehmer, ruhiger, in jedem Sinn gebildeter junger Mann wie Dr. Kurt PinthusDr. phil. Kurt Pinthus (1910 in Leipzig promoviert), Korrespondent des „Berliner Tageblatt“ in Leipzig [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1914, Teil II, Sp. 1335f.]; seine hier zur Debatte stehenden Artikel (siehe unten) waren teils namentlich („Dr. Kurt Pinthus, Leipzig“), teils mit Verfassersigle („K.P.“) gezeichnet und mit entsprechendem Hinweis („Von unserem Korrespondenten“) versehen. | so furchtbar unter den Folgen einer nachlässig hingeworfenen Arbeitdrei literarisch anspruchsvolle Artikel, wobei der dritte [vgl. K.P.: Das Fest der 100000. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 354, 15.7.1913, Abend-Ausgabe, S. (4)] die rechte Presse besonders provoziert hatte, die beiden ersten kulturkritisch ambitioniert ebenfalls auf hohem Niveau geschrieben waren [vgl. K.P.: Das zwölfte deutsche Turnfest. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 351, 14.7.1913, Montags-Ausgabe, S. (3); Kurt Pinthus: Leipzig im Taumel. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 352, 14.7.1913, Abend-Ausgabe, S. (2)] zu leiden hat, daß er ohne etwas ehrenrühriges gethan zu haben mit einem Schlage den Ertrag sechsjähriger Arbeit verlieren soll. Es läßt sich wohl kaum leugnen, daß Dr. Pinthus durch diesen Streit der Öffentlichkeit als das Gegentheil von dem erscheinen muß, was er in Wirklichkeit ist. Sollte sein Ansehn in Leipzig vernichtet sein, so hätte das meines Erachtens die deutsche Literatur schwer | zu beklagen, da er seit Jahren in Leipzig in unerschrockenster Weise für alles eintrat, was sich literarisch hervortat. Deshalb war mir Ihr schöner Aufsatz eine Art von Erlösung, da daraus hervorgeht, daß das B.T. Dr. Pinthus für seinen Fehler nicht schwerer büßen lassenDie Redaktion hatte in Abwesenheit des Chefredakteurs folgende Mitteilung veröffentlicht: „Infolge eines technischen Versehens wurde in der Abendausgabe des 15. Juli eine Korrespondenz über das Leipziger Turnfest in einer Form veröffentlicht, in der die Korrekturen und Streichungen der Redaktion nicht berücksichtigt waren. Auf diese Weise wurden die Gefühle der Turnerschaft und aller derjenigen, die zu dem ausgezeichneten Gelingen des Festes beigetragen hatten, verletzt. Wir nehmen keinen Anstand, festzustellen, daß unsere Anschauungen über die Bedeutung dieses Festes sich keineswegs mit denen jener Korrespondenz decken und daß wir den berechtigten Ansprüchen der Turnerschaft auf rückhaltlose Anerkennung gern Rechnung getragen hätten.“ [Zum Leipziger Turnfest. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 360, 18.7.1913, Abend-Ausgabe, 1. Beiblatt, S. (1)] Die Redaktion veröffentlichte danach aber noch einen Beitrag, der sich inhaltlich wieder mit dem Kollegen in Leipzig solidarisierte [vgl. Das Leipziger Turnfest in konservativer Beleuchtung. In: Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 370, 24.7.1913, Morgen-Ausgabe, S. (2)]. will als es unumgänglich geboten ist. Haben sie also nochmals herzlichen Dank.

In größter Hochschätzung
Ihr ergebener
Frank Wedekind.


München 29. Juli 1913.

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