Briefwechsel

Seidlitz, Anna von und Wedekind, Frank

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München, 28. September 1904 (Mittwoch)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUTDas von Anna von Seidlitz betriebene Münchener Leseinstitut (Theatinerstraße 45) firmierte seit 1904 in seinen Annoncen als „Leihbibliothek und Lesezimmer für moderne Literatur“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 452, 27.9.1904, General-Anzeiger, S. 3], mit Beginn des Jahres 1906 (unter den parallelen Adressen Theatinerstraße 15 und Leopoldstraße 23) wurde außerdem angeboten: „Grosser Zeitschriften-Lesezirkel mit freier Zustellung ins Haus. – Auswahl aus 50 Zeitschriften. – Abonnement ¼-jährlich von 4. M. an, vom Datum des Eintritts berechnet. – Prospekte gratis.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 1, 1.1.1906, General-Anzeiger, S. 2]
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, d. 28 Sept. 04


Sehr geehrter Herr!

In diesem Winter beabsichtige ich, eine Reihe „literarischer Abende“Die Presse meldete: „Das Münchener Leseinstitut, Theatinerstraße 45/1, Ecke Perusastraße, beabsichtigt in diesem Winter eine Reihe literarischer Abende zu veranstalten. Es sollen poetische, dramatische und Prosawerke unserer modernen Schriftsteller durch gute Rezitatoren zu Gehör gebracht werden, und zwar soll je ein Abend einem Autor gewidmet sein. In Aussicht genommen sind, um nur einige zu nennen: Ludwig Thoma, Helene Böhlau, Detlev v. Liliencron, Hugo v. Hofmannsthal, Friedrich Nietzsche u. s. w. Der Eintritt ist jedermann gestattet. Karten zum Preise von 1 M., für Studierende Ermäßigung, sind im Vorverkauf in den Musikalienhandlungen von Albert Schmid Nachf., Theatinerstr. 33. und R. Seiling, Dienerstraße 16, sowie im Münchener Leseinstitut zu haben, wo auch jederzeit näherer Aufschluß erteilt wird. Der erste literarische Abend findet am Dienstag, 27. September, abends 8 Uhr, in den Räumen der Bibliothek statt und ist Ludwig Thoma gewidmet. Rezitator: Herr Paul Erlbeck.“ [Allgemeine Zeitung, Jg. 107, Nr. 437, 25.9.1904, Münchener Stadt-Anzeiger, S. 10] zu veranstalten, an welchen Werke unserer modernen Schriftsteller zum Vortrag gelangen sollen.

Gerne würde ich auch einen „Wedekind-AbendWedekind war am 18.10.1904 Gast des Münchener Leseinstituts: „Vortrag Frühlings Erwachen Eingenommen M. 100“ [Tb], die zweite Veranstaltung der Lesereihe. Es folgten Lesungen von Kurt Martens (25.10.1904) und Eduard von Keyserling (15.11.1904) sowie Rezitationen aus Werken von Arthur Schnitzler (22.11.1904; Rezitator: Kurt Wahlsdorf) und Friedrich Nietzsche (8.11.1904 und 29.11.1904; Rezitator: Hermann von Bequignolles) sowie eine Lesung von Ludwig Scharf (13.6.1905). Anders als die übrigen Veranstaltungen der Reihe fand Wedekinds Lesung nicht im Bibliotheksraum des Leseinstituts in der Theatinerstraße 45 statt, sondern „im Spiegelsaal des Bayerischen Hofes“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 486, 17.10.1904, General-Anzeiger, S. 3]. veranstalten, und bitte Sie, wenn Sie irgend | Zeit und Lust dazu finden können, mich zu einer BesprechungWedekind suchte Anna von Seidlitz bereits am 29.9.1904 auf und vereinbarte für eine Lesung von „Frühlings Erwachen“ sein Honorar und den Termin 18.10.1904: „Ich schließe auf Dienstag 18.X mit Frl. v. Seidlitz ab.“ [Tb] darüber aufsuchen zu wollen, da sich mündlich Alles viel besser regeln ließe.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Anna von Seidlitz


Bitte mir eventuell eine Zeit zu bestimmen, wann ich Sie erwarten darf.

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München, 12. Oktober 1904 (Mittwoch)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUT
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, 12 Oct. 04


Sehr geehrter Herr!

Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mich morgen, Donnerstagder 13.10.1900., behufs einer BesprechungWedekind sollte im Rahmen einer von Anna von Seidlitz organisierten Vortragsreihe des Münchener Leseinstituts am 18.10.1904 aus „Frühlings Erwachen“ lesen [vgl. Anna von Seidlitz an Wedekind, 28.9.1904] und traf sich wahrscheinlich diesbezüglich mit ihr zu einer Vorbesprechung; er notierte am 13.10.1900: „Frühlings Erw. zum Vortrag eingerichtet.“ [Tb] aufsuchen wollten. Ich bin den ganzen Tag, bis 5 Uhr, zu Hause.

Mit verbindlichem Dank im voraus

Anna von Seidlitz

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München, 17. Oktober 1904 (Montag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

Anna von Seidlitz


Telef. 3573Telefonnummer und Adresse (Theatertinerstraße 45, 1. Stock) entsprechen den Angaben im gedruckten Briefkopf des Münchener Leseinstituts, das Anna von Seidlitz betrieb [vgl. Anna von Seidlitz an Wedekind, 28.9.1904 und 12.10.1904]..


München

Theatinerstrasse 45/I. |


Ersuche um gefällige Mitteilung, wie viele Freibilletsfür den von Wedekind am 18.10.1904 notierten „Vortrag Frühlings Erwachen“ [Tb], veranstaltet vom Münchener Leseinstitut, wie angekündigt war: „Das Münchner Lese-Institut (Theatinerstr. 45/1) veranstaltet am Dienstag, Abends 8 Uhr seinen zweiten literarischen Abend, an dem Frank Wedekind sein Drama: ‚Frühlings-Erwachen‘ selbst zu Gehör bringen wird.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 488, 18.10.1904, General-Anzeiger, S. 10] Eintrittskarten für die Lesung (Beginn: 20 Uhr) kosteten 3, 2 und 1 Mark (sowie 75 Pfennig), wie angezeigt war: „Münchner Leseinstitut / Theatinerstr. 45/1, Tel. 3578 / Leihbibliothek und Lesezimmer für moderne Litteratur / Dienstag, den 18. Oktober, Abends 8 Uhr / II. Literarischer Abend im Spiegelsaal des Bayerischen Hofes: Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Vortragender: Der Verfasser. [...] Billets zu 3, 2 u. l M (75 ₰). Abonnenten des Leseinstitutes Ermäßigung nur im Vorverkauf.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 486, 17.10.1904, General-Anzeiger, S. 3] Sie haben möchten!

Hochachtungsvoll

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München, 19. Oktober 1904 (Mittwoch)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUT
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, 19 Oct. 04.


Lieber Herr Wedekind!

Es thut mir leid, Ihnen für heute Abend absagen zu müssen, so gern ich mit Ihnen wieder einen Abend verbracht hätte. Ich bin jedoch ein Arbeitstier, muß des Morgens frisch auf meinem Platz sein und darf mir | zwei mal hintereinanderAm Abend zuvor hatte Wedekind mit einer Lesung aus „Frühlings Erwachen“ auf Einladung von Anna von Seidlitz den II. Literarischen Abend des Münchener Leseinstituts im Spiegelsaal des Bayerischen Hofes bestritten. Die Veranstaltung begann um 20 Uhr [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 486, 17.10.1904, General-Anzeiger, S. 3]. nicht erlauben, meinen Schlaf zu kürzen.

Wenn Sie bis Sonntag noch Lust haben, sich mit mir zu unterhalten, so besuchen Sie mich bitte dann zu einer Tasse Thee am Nachmittag. Ich bin am Sonntag fast immer zu Hause und meistens allein; ich sage Ihnen letzteres gleich, damit Sie sich nicht zu viel Unterhaltung bei mir | versprechen.

Mit freundlichem Gruß
Anna von Seidlitz

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München, 27. Oktober 1904 (Donnerstag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUT
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, 27 X 04


Mein lieber Wedekind!

Komm doch morgenam 28.10.1904. Wedekind verbrachte den Tag mit „Irma“ und den „Abend bei Gerhäuser“ [Tb]. schon zu Mittag zu mir und speis mit mir, damit wir noch einen recht gemütlichen Tag haben!

Willst Du? D. h. vorausgesetzt daß Deine Arbeiten Dir das erlauben. Sonst komme Abends zum Essen, | wie es Dir besser paßt, Du kannst mir vielleicht telephoniren? Jedenfalls mache Dir meinetwegen keinerlei Skrupel, wenn Du keine Zeit hast sagst Du einfach ab, ohne daß ich mich im geringsten darüber wundere; wenn Du aber kommen kannst, so machst Du ganz glücklich
Deine
Anna


Den 3ten Versnicht ermittelt; anscheinend schrieb Anna von Seidlitz ein Gedicht für Wedekind. habe ich auch schon, bin nur neugierig ob er Dir so gefällt.

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München, 1. November 1904 (Dienstag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

München, 1 Nov. 04.


Mein süßer, angebeteter Frank!

Wenn Dir diese Anrede übertrieben erscheinen sollte, so entschuldige mich bitte damit, daß ich immer noch im Rausch bin, den Deine Liebe, Dein Sekt und Deine Persönlichkeit in mir hervorgerufen. Lach mich nicht aus, wenn ich Dir sage, daß ich Dich liebe, und gönne mir diesen | süßen Wahnsinn, den man so selten im Leben empfindet. Mein ganzes Dasein möchte ich in Deine Hände legen, und wenn Du mir nur erlaubst, für Dich Thee zu kochenDen Tag vor seiner Abreise nach Dresden und Breslau verbrachte Wedekind mit Anna von Seidlitz: „Anna kommt und bereitet Frühstück. Langheinrich kommt. Wir bleiben den ganzen Tag beisammen. Dinieren in der Odeonsbar, gehen durch den englischen Garten zu mir, Anna kocht Thee. Wir supieren im Parkhotel. 10. Uhr 10 Abfahrt nach Dresden.“ [Tb, 29.10.1904] und Deinen Koffer zu packen, so dünkt mich das eine wonnige Beschäftigung. Solange Du Freude an mir findest, werde ich mich für die glücklichste Frau der Welt halten, und später werde ich mir sagen: |„ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist!“Zitat aus Johann Wolfgang Goethes Gedicht „An den Mond“ (1789): „Ich besaß es doch einmal, / Was so köstlich ist!“ [Johann Wolfgang Goethe: Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 1. Weimar 1887, S. 100] – und werde zufrieden sein. Glaube mir bitte, daß ich mich noch nie einem Manne so hingegeben habe, wie ich es Dir gegenüber mit diesem Briefe thue; ich kann Dir nicht die Erstlinge„die von vielen alten Völkern der Gottheit aus Dankbarkeit für ihre Gaben dargebrachten ersten und besten Erzeugnisse der Bodenkultur“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 6. Leipzig 1906, S. 78]; hier im übertragenen Sinne für Jungfernschaft und erste große Liebe. meines Körpers bringen, die Erstlinge meiner Seele gehören Dir, Dir ganz allein.

Mein Süßer, Geliebter, Du wirst mir unmöglich in der gleichen Stimmung antworten können, aber ant|worte mir nur überhaupt! Teile mir mit ob Du es gut hast, wie Du wohnstWedekind war am 31.10.1904 frühmorgens in Breslau angekommen und hatte sich ein Zimmer in Riegner’s Hotel (Königstraße 4), genommen: „Komme um 6 Uhr in Breslau an. Durchschlendre bis 9 Uhr die Stadt, nehme Wohnung in Riegners Hotel.“ [Tb], ob Du Nichts vergessen hast, und wenn ja, was ich Dir nachschicken darf. Ich kenne ja nun alle Deine Sachen und stehe in einem intimen Freundschaftsverhältnis zu jedem Deiner Strümpfe. Sehr gespannt bin ich was Du heute AbendDer 1.11.1904 war der erste Tag von Wedekinds Gastspiel als Bänkelsänger in Liebichs Etablissement (Direktion: Hugo Wandelt), einem bekannten Varieté-Theater in Breslau (Gartenstraße 53/55). Wedekind notierte im Tagebuch: „Durchgefallen.“ Das ursprünglich für einen Monat geplante Gastspiel endete vorzeitig am 6.11.1904, an dem Wedekind nochmals notierte: „Durchgefallen.“ Die Presse schrieb: „Aus Breslau wird gemeldet: Frank Wedekind hat mit seinem Versuch, sich dem Varieté zuzuwenden, Fiasko gemacht. Sein Auftreten in Liebichs Etablissement begegnete so entschiedener Opposition, daß er seinen Vertrag nach sechs Tagen lösen mußte und Breslau bereits verlassen hat.“ [Neue Freie Presse, Nr. 14444, 9.11.1904, Abendblatt, S. 1] für Eindruck machst. Ich weiß noch nicht, ob ich heute Abend in DaglandBjørnstjerne Bjørnsons Schauspiel „Dagland“ hatte am 1.11.1904 im Münchner Schauspielhaus Premiere, Beginn 19.30 Uhr [vgl. Allgemeine Zeitung, Jg. 107, Nr. 500, 2.11.1904, S. 8]. Wedekind las das neu erschienene Stück [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 242, 17.10.1904, S. 8903] am 14.10.1904: „Dagland von Björnson gelesen.“ [Tb] gehe, wenn auch so werde ich mehr in Breslau sein. – Ich zähle die Tage bis Du wiederkommstWedekind kehrte am 12.11.1904 zurück nach München [vgl. Tb]. und küsse Dich tausendmal! Wahrscheinlich werde ich Dir sehr bald wieder schreiben! In treuer Liebe Deine
Anna

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München, 21. November 1904 (Montag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUT
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, 21 Nov. 04.


Lieber Frank!

Ich habe gestern ein Rezept verloren, wahrscheinlich ist es auf der Kommode in Deinem Schlafzimmer liegen geblieben. Wenn Du es finden kannst, so schick es bitte mit dem Boten.

Wenn Du zufällig morgen AbendAm 22.11.1904 fand die sechste Veranstaltung in der von Anna von Seidlitz organisierten Reihe des Münchener Leseinstituts statt: „VI. Literarischer Abend. Am Dienstag, 22. November, Abends 8 Uhr findet im ‚Münchner Leseinstitut‘ (Theatinerstraße 45/1, Eingang Perusastraße) durch Herrn Kurt Wahlsdorf, Mitglied des Deutschen Theaters Berlin, eine Vorlesung von Szenen aus Schnitzlers ‚Schleier der Beatrice‘ statt.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 57, Nr. 544, 21.11.1904, General-Anzeiger, S. 9] doch Zeit und Lust findest zu kommen, so | sage ich Dir, wie Du es machen mußt, um den blöden Gaffern zu entgehen. Du kommst ganz einfach ins Künstlerzimmer und hörst Dir die Sache von dort aus an. Von bekannten Schriftstellern triffst Du höchstens MartensDer mit Wedekind befreundete Schriftsteller Kurt Martens hatte in Anna von Seidlitz’ Reihe „Literarischer Abende“ im Münchener Leseinstitut am 25.10.1904 aus seinen Novellen vorgelesen. Wedekind hatte die Veranstaltung besucht [vgl. Tb.]., vielleicht Schnitzler selbst. Der WahlsdorfÜber den Vortragsstil des Berliner Schauspielers Kurt Wahlsdorf schrieb die Presse: „der Vortrag Walsdorf war nicht geeignet, das Interesse daran [an Schnitzlers Stück] zu fördern. Der Vortragende schien sich nicht bewußt zu sein, daß er nicht auf der Bühne und im großen Raume eines Theaters, sondern in nächster Nähe des Publikums und in einem verhältnismäßig kleinen Zimmer sprach. So forcierte er seine Stimme derart, daß sie schreiend wurde und brachte sich selbst damit um die ganze Wirkung. Das zahlreich anwesende, meist aus Damen bestehende Publikum dankte zum Schlusse durch freundlichen Beifall.“ [Allgemeine Zeitung, Jg. 107, Nr. 537, 24.11.1904, Münchener Stadt-Anzeiger, S. 9]. Ein Besuch der Lesung durch Wedekind ist nicht belegt. brennt darauf, von Dir gehört zu werden, da er sich in den Kopf gesetzt, Deine Rollen zu spielen, und auf Deine Protektion hofft.

Es liebt Dich
Deine Anna

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München, 4. Dezember 1904 (Sonntag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

Lieber Frank!

Ich bin schrecklich unglücklich über gesternder Datierungshypothese zufolge Samstag, der 3.12.1904, an dem Wedekind im Tagebuch notierte: „Abends mit Reßner Anna v. S. Langheinrich e.ct. im Hoftheaterrestaurant.“ , und ich kann Dich immer nur bitten, mein Betragen als eine momentane Geistesgestörtheit zu betrachten. Es geht mir wie Ragnadie weibliche Hauptfigur in Bjørnstjerne Bjørnsons Schauspiel „Dagland“, das 1904 (vordatiert auf 1905) im Albert Langen Verlag auf Deutsch erschienen war und am Münchner Schauspielhaus am 1.11.1904 seine Uraufführung hatte. Wedekind hatte das Stück am 14.10.1904 gelesen [vgl. Tb]. Das Zitat stammt aus der 4. Szene des 1. Aktes, wo Ragna zu ihrer Mutter sagt: „Dich liebe ich am meisten von allen auf Erden. Und so oft ich dir nahe komme, tu ich dir weh.“ [Bjørnstjerne Bjørnson: Dagland. München 1905, S. 33] im Dagland: „Dich lieb ich am meisten von allen auf Erden, und so oft ich Dir nahe komme, tu ich Dir weh.“ |

Also ist es wohl am besten, ich komm Dir nicht mehr nahe. Ich kann Dich ja auch von weitem unglücklich lieben, im Gegenteil, noch viel besser, denn würdest Du jemals die Geduld mit mir verlieren – wie es klugen Menschen dummen gegenüber ja leicht geschehen kann – und würdest Du durch mich veranlaßt, brutal zu | werden, so wäre die ganze schöne Liebe beim Teufel. Dem möchte ich mich um Gottes willen nicht aussetzen, denn sie ist mir der größte und ein bis jetzt ganz unbekannter Genuß. Bitte sei nicht böse, ich kann wirklich nichts dafür, daß es so ist. Ich kann Dir nicht einmal den Gefallen thun, Dir untreu zu werden, ich weiß Du würdest Dich darüber freuen, aber ich bring es nicht zustande. Ich kann Dir nur das Eine | versprechen: Dich nicht mehr in irgend einer Weise zu belästigen. – Sollte es ein kleiner FrankAnna von Seidlitz hatte Wedekind am 19.11.1904 davon unterrichtet, dass sie von ihm schwanger war: „Anna theilt mir mit daß sie guter Hoffnung ist.“ [Tb] werden, so teile ich es Dir s. Zt.seinerzeit (österr.): zu gegebener Zeit. mit, vielleicht interessirt es Dich doch etwas. – Ich hoffe jedoch, daß dieser Kelch an mir vorübergehen wirdvon etwas bevorstehend Schlechtem verschont bleiben; in Anspielung auf Jesu Gebet im Garten Gethsemane (Markus 14,36: „Abba, mein Vater, es ist dir alles möglich; überhebe mich dieses Kelchs“ bzw. Matthäus 26,39: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir“)., und was ich dazu thun kann, soll geschehen,

Ich bitte Dich so sehr ich kann, sprich mich nie mehr an, auch auf die Gefahr hin, unhöflich zu erscheinen. Ich kann das Katz- und Mausspielen nicht mehr ertragen. Und bitte sei mir wegen gestern nicht böse, die ewigen grundlosen Neckereien haben mich ganz wahnsinnig gemacht.

Mit freundlichem Gruß Deine aufrichtige Freundin A.

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München, 11. Januar 1905 (Mittwoch)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

Lieber Frank!

Ich möchte Dich gerne wegen allerlei Sachen um Rat fragen, könntest Du nicht einmal zu mir kommen? Ich wohne ja so zentralAnna von Seidlitz wohnte in der Theatinerstraße 45 [vgl. Adreßbuch von München 1905, Teil I, S. 499], direkt am Marienplatz., Daß Du gewiß täglich bei mir vorbeigehst. Es wäre mir sehr angenehm, wenn Du heute Abend um 8 kämst (Du kannst dann noch rechtzeitig auf den Bal paré(frz.) geschmückter Ball; besonders festliche Veranstaltung. Das Deutsche Theater in der Schwanthalerstraße veranstaltete zum Jahresbeginn jeweils mittwochs einen Bal paré. 1905 fand die erste Veranstaltung am 11.1.1905 statt, die letzte am Montag, den 6.3.1905. Auf welches Datum sich Anna von Seidlitz hier bezieht, ließ sich nicht ermitteln. Zur ersten Veranstaltung wurde inseriert: „Deutsches Theater. Schwanthaler Passage. Vornehmstes Etablissement der Residenz. Mittwoch, den 11. Januar 1905: I. Bal-paré Konzert- u. Ballmusik vom verstärkten Orchester des Deutschen Theaters unter Leitung des Kapellmeisters Herrn Curt Kunze. Herrenkarte M. 4.– Damenkarte M. 3.– […] Der Zutritt für Herrn ist nur in Frack, für Damen nur in Domino gestattet.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 17, 12.1.1905, Vorabendblatt, S. 6] gelangen), sonst bestimme bitte einen anderen | Abend, wann es Dich am wenigsten stört. Vielleicht morgen? Oder Freitag? Am Samstag kann ich nicht.

Mit herzlichem Gruß
Deine
Anna

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München, 14. Februar 1905 (Dienstag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MÜNCHENER LESEINSTITUT
THEATINERSTRASSE 45/I
TELEFON 3573.


MÜNCHEN, 14 II 05


Mein lieber Frank!

Seit 8 TagenAm 6.2.1905 notierte Wedekind im Tagebuch: „Nachts in der Torggelstube mit Anna Langheinrich Dreßler Lotte Eichler, Scharf.“ sehe ich Dich nicht mehr, und bin vor Sehnsucht krank. Ich wage es nicht, in Deine Wohnung zu kommen, aus Angst Dich zu stören, und Nachts kann ich doch auch nicht allein ausziehen, um Dich in Deinem StammlokalWedekinds Münchner Stammlokale, die er häufiger mit Anna von Seidlitz aufsuchte (siehe unten), waren zu dieser Zeit das Weinlokal Zur Torggelstube (Platzl 8) und das Café de l’Opera (Maximilianstraße 40). zu suchen. Den guten EichlerDer Zeichner und Maler Max Eichler, der auch Wedekind porträtierte [vgl. Tb, 1.6.1904 und 17.9.1904], war zu dieser Zeit dem Tagebuch zufolge regelmäßig an Wedekinds abendlichen Kneipenrunden beteiligt – so am 17.1.1905 („Mit Anna von Seidlitz, Blei und Eichler im Café de l’Opéra“), am 26.1.1905 („Dann mit Eichler, Anna v. Seidlitz und Dreßler in der Torggelstube“), am 1.2.1905 („Dann mit Dreßler Eichler Langheinrich und Anna Torggelstube“), am 3.2.1905 („Mit Gerhäuser Anna v. Seidlitz und Eichler bis 5 Uhr im Café de l´Opéra“), am 6.2.1905 („Nachts in der Torggelstube mit Anna Langheinrich Dreßler Lotte Eichler, Scharf“)., der mir als Schleppdampfer so gute Dienste leistete, habe ich ad acta(lat.) zu den Akten; für etwas ablegen, abschließen. legen müssen, und Stricksder Kabarettist und Sänger Hans Strick, Mitglied der Elf Scharfrichter, und dessen Frau, die Komponistin Fay Böndel. mag | ich mich auch nicht beständig anschließen. Erbarme Dich doch meiner armen Seele im Fegefeuer und sag mir wie und wo ich Dich sehn kann. Du bist doch mein Mann, der Einzige, Unvergleichliche, Deine Verachtung bringt mich um. Du weißt doch, daß ich Alles vermeiden will, was Dic/r/h mißfallen könnte, sollte ich Dich früher beleidigt haben, so verzeihe es mir, nur sei gütig gegen mich, komm wieder einmal zu mir, oder schreib mir wo ich Dich treffen kann. Darf ich | Dich zu Sonntag Mittag (2 Uhr) einladen? Sternersder britisch-amerikanische Lithograph und Maler Albert Sterner und seine Frau Marie Sterner (St. Paulsplatz 3) [vgl. Adreßbuch von München 1906, Teil I, S. 549]. Werke von Albert Sterner waren 1905 auf der 9. Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast zu sehen [vgl. Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 388, 22.8.1905, Vorabendblatt, S. 1]. Außerdem bot er in seinem Münchner Atelier an: „Mal- und Zeichen-Unterricht, Illustration etc. unter Korrektur von Albert Sterner, instructs a limited class in painting, drawing, illustration. Aufnahme / apply Mozartstraße 3/4, Nachmittags 4-5 Uhr.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 501, 26.10.1905, General-Anzeiger, S. 4], meine amerikanischen Freunde, kommen, wahrscheinlich auch meine Verwandtennicht ermittelt.. Ich bitte Dich, süßer Frank, verachte mich nicht, weil ich bei Dir geschlafen habe. Stoße mich nicht von Dir zurück, nicht jetzt, wo es mir so schlecht geht. Wenn ich Dir als Geliebte nicht genüge, so bleibe wenigstens mein Freund. Ich glaube, wenn du mir nur zuweilen die Hand reichen könntest, so würde ich Alles ruhig ertragen können. Es mehren sich die Anzeichen, daß meine Befürchtungen im NovemberAm 19.11.1904 notierte Wedekind im Tagebuch: „Anna theilt mir mit daß sie guter Hoffnung ist.“ Und am Tag darauf: „Anna bestätigt mir die Thatsache daß sie guter Hoffnung sei.“ [Tb, 20.11.1904] nicht unbegründet waren. Wie soll ich diese Zeit überstehen ohne Dich, ich bin vollständig direktionslosrichtungslos.. Zuweilen kommt es mir vor wie ein unerhörtes Glück, für das ich Dir danken möchte, und dann wieder packt mich eine Verzweiflung, eine kalte Angst: was soll werden? Dann kommen mir alle erhabenen Ideen über uneheliche Kinder und PhilistermoralSpießermoral. wie leere Worte vor, die ganze Bohèmeunbürgerliches Künstlermilieu. in die ich mich gestürzt habe, wie ein gräßlicher Traum – aus dem man erwacht mit einem großen Kater und einem kleinen Kind. Ja ich muß schließen, sei nicht böse, daß ich Dich mit meinen Angelegenheiten belästige, ich weiß wohl, für Dich kommt | in erster Linie Deine Kunst, und dann nach langem Zwischenraum erst Deine | menschlichen Beziehungen. Laß mich unter diesen einen bescheidenen Platz einnehmen, so bin ich glücklich. Anna

Einzelstellenkommentare

Irschenhausen, 16. April 1905 (Sonntag)
von Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

Sonntag, 16 Apr. 05.


Mein lieber süßer Frank!

Ich habe heute wieder so schreckliche Sehnsucht nach Dir, daß ich in einem fort an Dich denke und nun wenigstens schreiben muß. Du machst natürlich Dein allermoquantestesmoquant (frz.) = spöttisch, spottlustig. Gesicht und denkst: „wie kann man so verliebt sein, wenn man schon so altAnna von Seidlitz war zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt. ist! Und was soll ich damit? Ja wärst du ein junges Mädchen von 18 Jahren – !“ so sagst Du, aber ich hör es zum Glück nicht, und wenn auch – ich tröste | mich mit der Sonne, die ist schon so uralt und strahlt doch noch ungehindert ihre Liebe auf uns herunter, und man freut sich wenn sie scheint, die alte Gevatterin, auch wenn man nicht nach ihren Strahlen verlangt hat. Ich will mir ein Beispiel daran nehmen und Dir meine Liebe mitteilen, auch wenn Du nicht danach fragst; vielleicht wärmt sie Dich doch etwas wenn Du gerade einmal e/so/twas wie Frost verspürst.

Eins macht mir nur großen Kummer, nämlich daß ich immer wieder durch irgend ein unbedachtes | Wort Dich verletze; Du zahlst es mir dann mit Zinsen heim und ich fühle mich tief beleidigt. Wenn ich dann ruhig nachdenke sehe ich ja meistens ein, daß ich selbst die Veranlassung dazu war. Dennoch glaube mir, daß Du von allen Menschen auf der Welt mir der liebste bist, ja Du bist überhaupt der Einzige! So war es von anfang an, und so wird es auch bleiben.

Ich bin augenblicklich in Irschenhausen, ganz allein in meinem HäuschenAnna von Seidlitz besaß in Irschenhausen, 20 Kilometer südlich von München, ein Bauernhaus, das sie zu dieser Zeit auch regelmäßig zur Vermietung anbot: „Bauernhaus in Irschenhausen bei Ebenhausen – Isartal – möbliert zu vermieten. 6 Zimmer, 2 Ateliers, event. geteilt. Lage dicht beim Walde, Aussicht in das Gebirge. Auskunft dortselbst b. Schmied oder Theatinerstraße 45/1, Leseinstitut. Tel. 3573.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 58, Nr. 179, 15.4.1905, General-Anzeiger, S. 2]. Es ist himmlisch ruhig. Ich schreibe beim Schein einer primitiven Kerze, draußen ist | es aber noch halbhell und ich sehe die Nebel aus dem Isarthal steigen, sie rücken langsam näher. – Warum darf ich nie bei Dir sein? Selbst wenn ich in Deiner Wohnung, in Deinem Bette bin, liegen die Worte zwischen uns wie Schwerter. Nur einmal war Alles weggeräumt, in einer Nacht, vor 14 TagenAm 3.4.1905 notierte Wedekind in hebräischer Schrift im Tagebuch: „Anna v. Seidlitz“; am 8.4.1900: „Anna schläft bei mir.“ Vermutlich ist das erste Datum gemeint. etwa, an die werde ich mein Leben lang denken. Da war ich zum ersten mal nicht einsam. Jetzt bin ich wieder ganz einsam, und so will ich auch sein, wenn ich ohne Dich leben muß. – Lieber Schatz, dies ist ein blödsinniger Brief, ich sitze und weine mein Taschentuch voll und bin melancholisch über Etwas das sich | nicht ändern läßt, also warum ich das Alles Dir mitteilen muß, der Du den Kopf voll ganz anderer Sachen hast, das ist mir selbst unverständlich. – Oder nein, jetzt fällt mir ein warum ich Dir schrieb, ich wollte Dir sagen daß ich Dich liebe, süßer Frank, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe, daß ich die Tage zähle bis ich Dich wieder sehnWedekind war am 13.4.1905 zu einem „Hidalla“-Gastspiel nach Stuttgart abgereist: „Packe meine Koffer. Anna zieht ab. Treffe Ressner. Er begleitet mich auf den Bahnhof. Fahre nach Stuttgart.“ [Tb] Das nächste Treffen mit Anna von Seidlitz ist am Tag seiner Rückkehr am 19.4.1905: „4.40 nach München zurück. […] Wittelsbacher Garten mit Langheinrich. Torgelstube mit Anna, Dreßler und Langheinrich.“ [Tb] darf. Das weißt Du zwar schon, aber hier hast Dus wieder schwarz auf weiß. Ich küß Deinen lieben Kopf in Gedanken tausend mal, aber weil Du dabei ganz garstig bleibst, kriegst Du einen Klaps: Scheusal! – Ich bete Dich an, mein Lieb! Deine
Anna

Einzelstellenkommentare

München, 11. September 1905 (Montag)
von Langheinrich, Max und Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank

MAX LANGHEINRICH

ANNA LANGHEINRICH
GEB. V. SEIDLITZ

VERMÄHLTE.


MÜNCHEN, SEPTEMBER 1905.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 16. April 1906 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Seidlitz, Anna von, Langheinrich, Max

[Hinweis in Anna und Max Langheinrichs Brief an Wedekind vom 17.4.1906 aus München:]


Wenn wir Ihre Karte richtig verstanden haben, so waren oder sind Sie im Begriff sich zu verheirathen […]

Einzelstellenkommentare

München, 17. April 1906 (Dienstag)
von Seidlitz, Anna von und Langheinrich, Max
an Wedekind, Frank

München, 17 April 06.


Lieber Wedekind!

Wenn wir Ihre Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Max und Anna Langheinrich, 16.4.1906. richtig verstanden haben, so waren oder sind Sie im Begriff sich zu verheirathen, und obgleich wir den ZeitungsnotizenDie Presse notierte: „Frank Wedekind hat, wie das Wiener ‚Fremdenblatt‘ zu melden weiß, seinen Freunden angezeigt, daß er am 12. April die Schauspielerin Fräulein Tilly Newes, die im Vorjahre am Wiener Jubiläumstheater wirkte, zum Traualtar (?) führen werde. – Ob die Freunde Wedekinds in dieser Sache besser unterrichtet sind als seinerzeit mit der ‚epochemachenden‘ Ankündigung des ‚Männerstolz vor Schweinebraten‘ als einer neuen Schöpfung des Schriftstellers, mag vorerst dahingestellt bleiben!“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 59, Nr. 165, 7.4.1906, Morgenblatt, S. 3] Tilly Newes und Frank Wedekind heirateten am 1.5.1906 in Berlin. nicht vollständig trauen, die den 12 April als den Tag Ihrer Hochzeit angeben, so hoffen wir doch, daß man | Ihnen jetzt seinen Glückwunsch darbringen kann; ich gratuliere Ihnen also herzlichst zu Ihrer Verheirathung. Für Sie wird die Ehe jedenfalls ein großes Glück sein, hoffentlich auch für Ihre Frau! – – – –. Was sagt denn Ihre Braut dazu – ich meine die WienerinBerthe Marie Denk, mit der Wedekind von Frühjahr 1905 bis Anfang 1906 eine Liebesbeziehung unterhielt, schrieb ihm bereits zu Beginn dieser Beziehung: „Aber natürlich sind wir Braut u. Bräutigam, wie kannst Du daran zweifeln?“ [Berthe Marie Denk an Wedekind, 8.5.1905] Am Tag zuvor hatte Wedekind seiner Mutter geschrieben: „Ich glaube sogar beinah, daß ich mich verlobt habe; ich weiß es aber noch nicht ganz bestimmt und bitte daher, mir vorderhand noch nicht zu gratulieren.“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1905] – wenn sie plötzlich einen verheiratheten Bräutigam hat?

Langheinrich meint, ich solle nicht so viele Gemeinplätze schreiben, und kann daher fortfahren. |

Aus den letzten Worten meiner Ehetrautin„ein älterer ausdruck für eheliebste“ [DWB, Bd. 3, Sp 51]. Anna von Seidlitz und Max Langheinrich hatten am 11.9.1905 geheiratet. kannst Du ersehen, daß Einwände nicht viel helfen, denn ganz vollständig hat sie die Hosen noch nicht erobert. Jedenfalls aber benütze ich den Raum, der mir geboten wird, um Dir, mein verehrter Frank, auf das herzlichste zu gratulieren. Ihr aber, die es verstanden hat, den Gaumen des verwöhntesten Gourmets auf so lange Frist lüstern zu machen, Ihr, dieser Auserwählten unter den Weibernironische Anspielung auf Maria im Neuen Testament in Anlehnung an Mariä Heimsuchung in Lukas 1,42: „Du bist gebenedeit unter den Weibern“., lege ich meine aufrichtigste Bewunderung zu Füßen.

Dein erstaunter
Max Langheinrich.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 15. Dezember 1906 (Samstag)
von Wedekind, Frank
an Langheinrich, Max, Seidlitz, Anna von

[Hinweis in Max und Anna Langheinrichs Brief an Wedekind vom 16.12.1906 aus München:]


Ich entnehme Deiner liebenswürdigen Karte | Karte daß Mutter und Kind wohlauf sind […]

Danken Sie Herrn Wedekind herzlich für seine Karte […]

Einzelstellenkommentare

München, 16. Dezember 1906 (Sonntag)
von Langheinrich, Max und Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Tilly, Wedekind, Frank

München, 16.XII 06.


Lieber Frank!

Ich gratuliere dir herzlich zu Deinem schönen Erfolgedie Geburt von Wedekinds Tochter Anna Pamela am 12.12.1906. und lege Deiner Anna Pamela und Ihrer liebreizenden Mutter meine aufrichtigste Bewunderung zu Füssen. Was wir Beide, Anna und ich, thun konnten, um Deinem BeispieleWie Anna Langheinrich in dem rückseitigen Brief an Tilly Wedekind mitteilte, war sie schwanger (siehe unten). zu folgen, ist gethan.

Wir harren der Dinge, die da kommen sollen. Anna hat sich sehr gefreut, daß Du Ihren Namen in die Literaturgeschichte eingeführt hast.

Ich entnehme Deiner liebenswürdigen Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Max und Anna Langheinrich, 15.12.1906. Die Karte zeigte die Geburt der Tochter Anna Pamela an. | KarteWortverdoppelung beim Seitenwechsel. daß Mutter und Kind wohlauf sind, was uns beide von Herzen freute. Mit der Hoffnung Dich hier bald bei der AufführungWilhelm Rosenthal, der 1. Vorsitzende des Ende 1903 in Nachfolge des Akademisch-Dramatischen Vereins gegründeten Neuen Vereins e.V., plante in München einen Wedekind-Abend mit „Frühlings Erwachen“ und „Totentanz“ [vgl. Wilhelm Rosenthal an Wedekind, 14.12.1906], der nicht zustande kam. Die Zensurbehörde hatte bereits am 11.6.1906 eine vom Münchner Schauspielhaus geplante öffentliche Aufführung des Stücks verboten, dem Neuen Verein untersagte sie dies erneut am 22.12.1909 [vgl. KSA 6, S. 668]. des Totentanzes etc. zu sehen, begrüßt Dich auf das herzlichste Dein
Langheinrich


Meine liebe Frau Tilly!

Es hat mich herzlich gefreut, daß Ihre kleine Tochter glücklich angekommen ist, und Ihnen und ihrem Papa große Freude zu machen scheint. Mein JungeAnton Langheinrich wurde am 11.3.1907 geboren. hat noch einen weiten Weg von etwa 2 Monaten vor sich, wird aber schon mit Ungeduld erwartet. Hoffentlich geht es Ihnen und der kleinen Anna | Pamela gut. Wie gerne würde ich Sie jetzt besuchen! Es geht aber leider nicht. Sehr interessirt mich, ob Sie selbst stillen können, und ob Ihnen das den erhofften Genuß gewährt? – Und wem von Ihnen Beiden das Kind ähnlich sieht? –

Haben Sie alle Sachen reichlich oder ist irgend etwas was ich Ihnen noch schicken könnte? Sie müssen mirs schreiben lassen, es würde mir ein großes Vergnügen sein. – Danken Sie Herrn Wedekind herzlich für seine Kartesiehe oben. und seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrer Anna Langheinrich

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München, 22. Mai 1907 (Mittwoch)
von Langheinrich, Max und Seidlitz, Anna von
an Wedekind, Frank, Wedekind, Tilly

Stimmung, Georg Fuchs, Zukunftsdrama, Guckkastenbühne, kein Pappdeckel…. eben Blech, viel Blech. Die Neuesten schwimmen in Entzücken.

In letzter Zeit habe ich viel über die Fabrikation von Stinkbomben nachgedacht. Weiter weiß ich eigentlich nichts von IsarathenIsar-Athen – Beiname Münchens (an der Isar gelegen) aufgrund des klassizistischen Städtebaukonzepts Ludwig I. von Bayern. zu berichten.

Riesig freuen würden wir uns alle wenn Du für einige Zeit hieherMax und Anna Langheinrich waren in München seit dem 6.4.1907 in der Theresienstraße 12 in der Maxvorstadt gemeldet [vgl. Stadtarchiv München, Polizeilicher Meldebogen DE-1992-PMB-L35 Max Langheinrich], im Adressbuch ist davon abweichend die Hausnummer 31 angegeben [vgl. Adreßbuch für München 1907, Teil I, S. 295]. kämst. Wir haben ein Haus mit einer Masse Zimmer, wo Du mit Frau und Kind wohl Platz fändest. Ich wünsche, daß Du Dich mit Frau und Kind gut erholst. Diesen Brief habe ich soeben meiner Gattin vorgelesen, die wohl noch einige Zeilen beifügen wird.

Mit vielen Empfehlungen an Frau Tilly & Anna Pamela Dein
getreuer Max Langheinrich


Liebe Frau Tilly!

Seit einem Monat wollte ich Ihnen täglich schreiben, um Ihnen für Ihren letzten BriefDer Brief Tilly Wedekinds an Anna Langheinrich ist nicht überliefert. zu danken, und Ihnen von uns Nachricht zu geben. Sie wissen ja noch garnichts n/N/äheres von unserem Frank AntonAnton Langheinrich, der gemeinsame Sohn von Anna Langheinrich (geb. von Seidlitz) und Max Langheinrich, ist am 11.3.1907 geboren., und der ist doch eine so wichtige Persönlichkeit, daß nicht nur bei uns das ganze Haus sich um ihn dreht, sondern auch die auswärtigen Freunde von ihm erfahren müssen. Also erstens im Allgemeinen: er ist süß. Sie wissen ja selbst, wie süß so ganz kleine Kinder sind. Zweitens im Besonderen: er hat rote Haare, sehr | lebhafte Augen und lacht meist ganz vergnügt in die Welt, wenn er nicht schläft. Meine Schwester, die selbst 5 Kinder hat, sagt, so etwas Braves habe sie noch nie gesehen. Wir fürchten schon, daß er mal Staatsanwalt wird. Obgleich er schon anfängt, ein Gesicht zu bekommen, haben wir doch noch keine Aehnlichkeiten an ihm entdecken können. Wie sieht Anna Pamela aus? Haben Sie nicht ein Bild von ihr? Sehr würden wir uns freuen, wenn Sie nach Ihrer Cannstätter CurEin Kuraufenthalt Tilly Wedekinds in Cannstatt ist nicht belegt. Frank Wedekind absolvierte vom 15. bis 18.7.1907 eine Kur in Frankfurt am Main [vgl. Tb]. für längere Zeit zu uns können, Sie könnten ganz ungeniert mit „Kind und Kegel“Redewendung: mit der ganzen Familie (eigentlich: mit ehelichem und unehelichem Kind). | in unserem Hause wohnen, die 2 Kleinen könnten mit ihren Wärterinnen in unserem Garten sitzen, und wenn Sie mit Wedekind ausgehn, wüßten Sie Ihre Kleine und Ihre AmmeTilly Wedekinds Amme hieß Agnes [vgl. Tilly Wedekind an Frank Wedekind, 12.7.1907] unter Aufsicht; da ich noch stille, bin ich sehr ans Haus gebunden, und würde gern ein zweites Püppchen in Pflege nehmen. Wedekind bekäme auch ein ganz ungestörtes Schreibzimmer, für etwaige unsterbliche Werke, die gerade in der Zeit zur Welt kommen wollten. Ich hoffe, Sie kommen, es wäre zu nett.

Wann bekommt man denn die „Musik“Wedekinds „Musik. Sittengemälde in vier Bildern“ erschien in vier Folgen vom 26.6.1907 bis 19.7.1907 in der Zeitschrift „Morgen“, die Erstausgabe 1908 im Verlag Albert Langen [vgl. KSA 6, S. 723f.]. zu lesen? Wir sind sehr gespannt! Herzliche Grüße, auch Ihrem Mann und der Tochter, von Ihrer Anna Langheinrich

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