Briefwechsel

Deutsch, Lili und Wedekind, Frank

1 Korrespondenzstück

Berlin, 28. November 1906 (Mittwoch)
von Deutsch, Lili
an Wedekind, Frank

L. D.


Lieber Herr Wedekind, Ich war gestern im „FrühlingserwachenAm 20.11.1906 war „Frühlings Erwachen“ am Deutschen Theater in Berlin in einer Inszenierung von Max Reinhardt uraufgeführt worden [vgl. KSA 2, S. 919f.]. und möchte Ihnen doch sagen, dass mich seit lange nichts so ergriffen hat wie dieses ernste, rührende Stück. Die Wahrheit und Poesie mit der Sie diese Kinderseelen zeigen, ist ganz merkwürdig schön und eine Scene so voll Phantastik wie die auf dem Kirchhof„Frühlings Erwachen“, 3. Akt, 5. Szene [vgl. KSA 2, S. 369-376]. kann wohl unter den Lebenden keiner schreiben.

Auch die Dirne„Frühlings Erwachen“, 2. Akt, 6. Szene [vgl. KSA 2, S. 349-353]. und die Lehrer„Frühlings Erwachen“, 3. Akt, 1. Szene [vgl. KSA 2, S. 354-358]. | sind prachtvoll, ich habe laut gelacht. Ich bin heute noch ganz unter dem Eindruck Ihres Werkes und dankbar für das, was Sie Kopf und Herz geben.

Leider habe ich Sie seit sehr langer Zeit nicht gesehn; ich habe ganz einsam gelebt, da ich vor einigen Monaten meine Mutter verlorenEmma Kahn, geb. Eberstadt, war am 25.6.1906 gestorben. habe und erst jetzt wieder anfange mich an | die Menschen zu gewöhnen. Wir würden uns aber sehr freuen Sie bald einmal mit Ihrer Frau bei uns zu sehnWedekinds Bekanntschaft mit Lili und Felix Deutsch ist ab 1905 belegt [vgl. Tb 23.10.1905]. Den auf den vorliegenden Brief folgenden Besuch notierte Wedekind am 22.12.1906: „Nachher bei Lili Deutsch mit D’Albert Reinhart e.ct.“ [Tb] ohne grosse Gesellschaft. Mit bestem/n/ Empfehlungen an Ihre Frau bin ich herzlichst grüssend Ihre
Lili Deutsch


Mittwoch, 28 Nov.

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