WiesensteinGerhart Hauptmann wohnte seit dem 10.8.1901 bis zu seinem Tod in der repräsentativen Villa Wiesenstein, die er sich in dem niederschlesischen Ort Agnetendorf im Riesengebirge hatte erbauen lassen.
Agnetendorf i.R.
7. Okt. 1906.
Sehr geehrter Herr WedekindDer Brief antwortet auf einen Brief Wedekinds, in dem dieser um ein Gutachten für „Frühlings Erwachen“ bittet [vgl. Wedekind an Gerhart Hauptmann, 5.10.1906].!
Ich muß mir den Eindruck von „Frühlingserwachen“
erst erneuernGerhart Hauptmanns Lektüre von „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“ (Erstausgabe 1891 bei Jean Groß in Zürich, zweite Auflage 1894 bei Caesar Schmidt in Zürich, dritte Auflage 1903 bei Albert Langen in München) lag länger zurück. und will dann natürlicherweise sehr gern meine Meinung sagenIn Gerhart Hauptmanns Gutachten zur Genehmigung der Berliner Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ am 20.11.1906 heißt es: „Das Drama ‚Frühlings Erwachen‘ von Frank Wedekind ist eine ernste, streng künstlerische Arbeit, die, öffentlich aufgeführt, meines Erachtens, nur eine läuternde Wirkung ausüben kann.“ [KSA 2, S. 935, fürchte
aber, daß es auf das Polizeipräsidium wenig Eindruck machenIm Anschreiben an das Königliche Polizeipräsidium in Berlin vom 16.10.1906 um die Aufführungsgenehmigung von „Frühlings Erwachen“ hob Max Reinhardt hervor: „Wir können uns bei unserer Wertschätzung dieses Stückes auf eine Reihe von Meinungsäußerungen hervorragender Autoritäten stützen.“ Er nannte dann „Dichter wie Gerhart Hauptmann“ [KSA 2, S. 928]. „Frühlings Erwachen“ ist am 24.10.1906 von der Zensur freigegeben worden [vgl. Tb]. wird. Hoffen wir
das Gegenteil!
In Erwiederung Ihrer Grüße herzlich dankend
Ihr
Gerhart Hauptmann