Lieber Herr Wedekind.
Ich war gesternCarl Hauptmann besuchte am 15.3.1917 in Berlin im Theater in der Königgrätzer Straße eine Vorstellung des „Erdgeist“ (Beginn: 19.30 Uhr), in der „Wedekind als Darsteller“ [Berger 2001, 244] in der Rolle des Dr. Schön zu sehen war. Wedekind hatte bei dieser erfolgreichen „Erdgeist“-Inszenierung (Premiere: 4.11.1916) für einige Vorstellungen eine Gastspielrolle übernommen: „Die Direktoren Meinhard und Bernauer haben Frank Wedekind eingeladen, in den nächsten Vorstellungen seiner Tragödie ,Erdgeist‘ die Rolle des ‚Dr. Schön‘ selbst darzustellen. Der Dichter hat diese Einladung angenommen und tritt zum ersten Male am Freitag sowie in den weiteren Ausführungen von ‚Erdgeist‘ neben Maria Orska und der übrigen bekannten Besetzung aus.“ [Wedekind im Theater i. d. Königgrätzer Straße. In: Berliner Tageblatt, Jg. 46, Nr. 120, 7.3.1917, Morgen-Ausgabe, S. (2)] Carl Hauptmann sah die vierte dieser Vorstellungen. Wedekind notierte am 15.3.1917 entsprechend: „Erdgeist 4. Carl Hauptmann und Frau im Theater“ [Tb], hielt dann aber nach der Vorstellung ein Beisammensein fest, das dem Inhalt der vorliegenden Visitenkarte zufolge allenfalls kurz ausgefallen sein kann: „Habsburger Hof mit Carl Hauptmann und Frau. Sehr animiert“ [Tb]. bei Ihnen in Gesellschaft meiner
FrauMaria Hauptmann (geb. Rohne). Carl Hauptmann hat nach der Scheidung am 19.6.1908 in Berlin von seiner ersten Ehefrau Martha Hauptmann (geb. Thienemann) durch standesamtliche Trauung in Potsdam am 17.10.1908 in zweiter Ehe die Malerin Maria Rohne geheiratet [vgl. Berger 2001, S. 176, 180], die er 1906 in der Künstlerkolonie Worpswede kennengelernt hatte. u Schwester die um 9.45um 21.45 Uhr. Carl Hauptmanns Schwester Johanna Charlotte (Lotte) Hauptmann war demnach nicht im Theater (siehe oben). angekommen mich gleich begleitet hatten, und genoss
wieder denselben wunderbaren Sphinxeindruck | für den ich
Ihnen nicht genug dankbar sein kann. Wenn wir
nicht blieben, um mit Ihnen zusammen zu sein, wars nur, weil meine Frau noch
nervös sehr runter war. Sie leidet an penetranten Nervenschmerzen. Herzlichen
Gruss Ihres Carl Hauptmann
CARL HAUPTMANN
MITTEL-SCHREIBERHAUOrtsteil von Schreiberhau, wo Carl Hauptmann nach wie vor lebte [vgl. Kürschners Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1917, Teil II, Sp. 633]. Die mit Textaufdruck versehene Visitenkarte Carl Hauptmanns kam hier in Berlin zum Einsatz.
I. RIESENGEBIRGE