Lenzburg d. 23. Sept. 1890.
Mein geliebter Bebi!
Ich kann nicht mehr anders als Dir mittheilen was
ich in den letzten Tagen empfunden habe. Du weißt daß ich mich sehr gefreut
habe bis Doda nach Hause kamDonald Wedekind war in den Schulferien vom 13.8.1890 bis 17.9.1890 bei seinem Bruder Frank Wedekind in München gewesen [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 147] und ist dann zu seiner Mutter nach Lenzburg zurückgekehrt.; aber leider habe ich sehen müssen daß mit ihm
Krieg und Unfriede eingezogen ist. Er ist manchmal so gegen Mama daß er sich
schämen sollte als Sohn seiner Mutter auf diese Weise entgegenzutreten. Da nun
Mama sieht daß ich ihn dennoch lieb habe so denkt sie natürlich mit mir werde
es einmal auch | so weit kommen. Darüber ist sie natürlich ganz untröstlich.
Nun habe ich den Plan im Frühling nicht nach Hause zu kommen ganz umgestürzt.
Ich werde so thun wie Mama es haben will und werde ihr dadurch ihr Leben ein
wenig leichter machen, denn daß es ihr bei all ihren Sorgen schwehr wird
ist gar keine Frage. Jetzt denke dir wenn ich sie jetzt auch noch verlassen
wollte. Ich glaube sie würde verzweifeln. Dazu wird Mieze ja doch bald heiratenErika Wedekind und Walther Oschwald haben erst am 15.10.1898 geheiratet.
und dann hätte Mama ja keinen Menschen zu Hause der ihr beistehen würde.
Hoffentlich begreifst Du mich und wirst nicht schlecht | von mir denken wenn
ich deinen gutgemeinten Ratschlägen nicht Folge leisten kann. Daß mich Doda
verwerfen wird weiß ich schon, es thut mir auch schrecklich weh seine Liebe zu
mir verlieren zu müssen aber ich kann weiß Gott nicht anders handeln als wie
ich es für recht halte. Hoffentlich giebst Du ihm gute Worte daß er doch auch
noch ein wenig für mich übrig hat und hoffentlich wirst Du selbst mich auch
fernerhin auch noch so weiter achten wie Du es bis her gethan hast. Schreibe
Mama oder Mieze nichts von ihrem Verhältniß mith Walter Oschwald denn
ich selbst | sollte ja noch nichts davon wissen. Gelt Du schreibst mir recht
bald D was Du zu meinen Gedanken sagst. Aber wenn es Dir nicht gefällt
so verdamme mich nicht zu arg denn es würde mich furchtbar unglücklich machen wenn ich denken müßte
daß mich mein Bruder verachtet. Ja denke nur, Mama glaubt sogar wir drei
wollten sie zu Grunde richten. Aber gelt Du schreibst Mama gar nichts von dem
was ich Dir hier schreibe. In der Hoffnung baldige Antwort von Dir zu
erhalten verbleibe ich deine treue und dich liebende Schwester
Mati.
[Seite 4 am
linken Rand um 90 Grad gedreht:]
Nach der Weinlese werde ich in die französische
Schweiz abreisen.