Lieber theurer Freund Frank.
Bitten Sie doch per Rohrpost dasSchreibversehen, statt: daß. der Herr Gerhäuser, der edle SängerWedekinds Freund Emil Gerhäuser war Opernsänger, ein Tenor, der aber aktuell auch ein Opernlibretto verfasst hat, wie die Presse gerade über ihn berichtet hatte: „An der Dresdener Hofoper wird [...] für die nächste Spielzeit die musikalische Tragödie ‚Moloch‘ von Max Schillings vorbereitet. Die Dichtung hierzu, frei nach Hebbels ‚Moloch‘-Fragment verfaßt, stammt von Emil Gerhäuser, dem Operntenoristen. der vornehmlich aus seiner Wirksamkeit an der Münchener Hofoper und bei den Bayreuther Festspielen bekannt ist. Gerhäuser behandelt in seiner Dichtung nach dem Plane Hebbels das Entstehen von Religion und Kultur. Während aber bei Hebbel der Moloch eine Symbolisierung der Religion überhaupt bedeutet, ist er in Gerhäusers Libretto als Symbolisierung der starren Dogmatik gefaßt, der die innere Religiosität entgegengesetzt wird.“ [Der Tenorist als Operndichter. In: Berliner Tageblatt, Jg. 35, Nr. 300, 16.6.1906, Morgen-Ausgabe, S. (3)] mit uns Abends beisammenFrank Wedekind notierte am 18.6.1906 ein Beisammensein von ihm, Tilly Wedekind, Adele Sandrock und Emil Gerhäuser im Berliner Weinlokal A. Steinert (ab 20 Uhr, um 24 Uhr kommen dazu Karl Kraus und Irma Karczewska, die in der Wiener Premiere der „Büchse der Pandora“ am 29.5.1905 die Rolle des Bob gespielt hatte): „Tilli und ich holen Adele Sandrock ab und gehen mit ihr zu Steinert in Charlottenburg, wo Gerhäuser auf uns wartet. Um Mitternacht kommen noch Kraus und Irma Karschewska.“ [Tb] ist. Also auf Wiederseh’n Montagder 18.6.1906 (siehe oben). 8 Uhr. tausend herzinnige Grüße für Tilly u. für Sie von Ihrer treuenAdele Sandrock
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Der 17.6.1906 ist als Ankerdatum gesetzt – abgeleitet vom Briefinhalt in Verbindung mit Wedekinds Tagebuch, demzufolge er am 18.6.1906 (der im Brief genannte „Montag“) den Abend in Gesellschaft von Emil Gerhäuser und Adele Sandrock verbrachte und anzunehmen ist, dass ihre briefliche Bitte zu diesem Treffen vom Vortag datiert. Schreibort dürfte ihr neuer Wohnort Charlottenburg (Leibnizstraße 60) [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 2042] gewesen sein.
Charlottenburg17. Juni 1906 (Sonntag) Ermittelt (sicher)
CharlottenburgDatum unbekannt
BerlinDatum unbekannt
Münchner Stadtbibliothek / Monacensia
Maria-Theresia-Straße 23 81675 München Deutschland +49 (0)89 419472 13
Wir danken der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe des Korrespondenzstücks.
Adele Sandrock an Frank Wedekind, 17.6.1906. Frank Wedekinds Korrespondenz digital. https://briefedition.wedekind.fernuni-hagen.de (23.01.2026).
Ariane Martin