Hochgeehrter Herr Justizratsehr wahrscheinlich der Münchner Anwalt und Justizrat Dr. Friedrich Rosenthal (Schackstr. 4), mit dem Wedekind seit 1896 bekannt war. Er hatte gemeinsam mit seinem Cousin Wilhelm Rosenthal eine Kanzlei in der Promenadestraße 3 [vgl. Adreßbuch für München 1904, Teil I, S. 555]..
Augenscheinlich habe ich eine große Tölpelhaftig
Tölpelei damit begangen, daß ich Ihnen das Buchnicht ermittelt. nicht verschlossen schickte.
Mir schaudert bei dem Gedanken, daß Frau Justizrat einen Blick hineingeworfen
haben könnte. Und doch ist das ja eigentlich ganz selbstverständlich. Ich hätte
mir das vorher sagen können. Aber dazu ist man eben Junggeselle um solche
Tölpeleien zu begehen, da Einem nicht in jedem Moment die Thatsache vorschwebt,
daß der M normale Mensch verheiratet ist. Wollen Sie mir übrigens bitte
glauben, daß ich selber auch nur die ersten zehn Seiten von dem Buche gelesen
habe. Dann legte ich es bis auf weiteres bei Seite | weil es mir zu langweilig uninteressant wäre schien. Darf ich Sie nun ersuchen, wenn meine Tölpelhaftigkeit unerfreul
schlimme Folgen gehabt hat, mich, so gut es geht, entschuldigen zu wollen.
Ich reise morgenWedekind verließ München am 14.7.1903 wie Max Halbe am 13.7.1903 in seinem Tagebuch notierte: „Wedekind reist morgen ab.“ [Tb Halbe] auf 14 vierzehn TageWedekind blieb bis Mitte September in der Schweiz. in die Schweiz,
um mich von drei JahrenNach seiner Haftentlassung aus der Festung Königstein am 3.2.1900 war Wedekind nach München übergesiedelt. allabendlichen Schlemmens etwas zu erholen recreieren. Frau Justizrat und Ihnen
wünsche ich herzlich, daß Ihnen die bevorstehende Erholungszeit auf das
allerbeste bekommen möge. Mit den Gefühlen des Dankes und der größten
Hochschätzung zeichnet IhrStreichung durch Unterpunktung wieder aufgehoben.Ihr allerergebenster
Frank Wedekind