Meiner lieben Mutter.
Das Gedicht entstand am 8.5.1884; an diesem Tag wurde Emilie Wedekind 44 Jahre alt. Vermutlich legte Wedekind das Gedicht seinem Brief vom 11.5.1884 an die Mutter bei.
Nicht zu der Menschheit Götzen kann ich beten,
Die mit der Mode jeden Tages ändern,
Heut hochverehrt in aller Herren Ländern
Und morgen elend in den Staub getreten.
Nicht will ich mich vor Hirngespinnsten beugen
Die mir die eig’ne Fantasie geboren.
Nicht wall’ ich mit dem Schwarm naiver Thoren,
Vor kaltem Marmorbild mein Haupt zu neigen.
Der Gott, der meine Seele längst durchglühte,
Der mich geliebt, bewacht und nie verlassen,
Er lebt und webt, mein Geist kann ihn erfassen;
An seiner Stärke nährt sich mein Gemüthe.
Drum schreit’ ich muthvoll vorwärts durch das Leben,
Wenn auch mein Loos mich in die Ferne triebe. –
Der heil’ge Geist: Dein Segen, Deine Liebe,
Sie werden stets beschützend mich umschweben.
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Dein Franklin.