M.
L.
Erwarte mich nicht mehr. Seit gestern ist meine Mutterdie Pfarrersgattin Emma Welti-Kettiger (geb. Kettiger) aus Aarburg in der Schweiz; wann genau sie ihren Sohn im Sommer 1885 in München besuchte, ist nicht ermittelt. hier und so fehlt mir
natürlich alle Zeit zum Besuchemachen.
Hoffentlich zürnst Du mir ob meines langen Wegbleibens nicht. Ich bin über und über beschäftigtHeinrich Welti war Opernreferent vor allem für die Münchner „Neuesten Nachrichten“ (schrieb aber auch für andere Zeitungen, etwa für die „Neue Zürcher Zeitung“); bald darauf meldete die Presse: „Wir werden um Veröffentlichung nachstehender Erklärung ersucht: Der Unterzeichnete ist wegen Inangriffnahme größerer schriftstellerischer Arbeiten mit dem 15. Sept. von der Stellung eines Opernreferenten der ‚N. N.‘ zurückgetreten. Dr. Heinrich Welti.“ [Opernreferat. In: Neueste Nachrichten, Jg. 38, Nr. 261, 18.9.1885, 1. Blatt, S. 3] und
zudem das letzte Malnicht ermittelt. Wedekind lag wegen einer Entzündung am Bein seit dem 5.8.1885 „im Studentensaal“ [Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885] des Städtischen Krankenhauses in München (Krankenhausstraße 2), dem Krankenhaus links der Isar [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 15.9.1885], behandelt von Prof. Dr. Johann Nepomuk von Nußbaum [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 77]. Heinrich Welti dürfte ihn bald darauf dort besucht haben. durch den Anblick und die Musik Deines todkranken
Gegenübersnicht identifiziert. Wedekind berichtete seiner Mutter von drei Mitpatienten [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.9.1885]. nervös | so aufgeregt worden, dass ich mich nur schwer entschliessen
kann, den Saal wieder zu betreten.
Falls Du mich aber irgendwie brauchst, werd’ ich
selbstverständlich doch erscheinen. Zu Deiner neuen Bekanntschaftder nicht identifizierte Mitpatient (siehe oben). gratulir’
ich.
DR. HEINRICH WELTI
Zu
allen Zeiten Dein getreuer aber nachlässiger Freund
Welti
Gute Besserung!