Lieber verehrter Herr Harden! Es drängt mich, Ihnen
herzlichste Grüße zu senden ohne Sie in Ihrer schweren Arbeit zu stören. Bin
ich doch ohnehin jede Woche drei bis vier Tage im Geiste bei Ihnen zu Gast. Mit
großer Freude empfand ich in München die starke gesteigerte Wirkung Ihrer/s/
Aufsatzes über GreyMaximilian Harden stellte in einem „Zukunft“-Artikel die deutschlandfreundliche Haltung des britischen Außenministers Edward Grey in der Vorkriegszeit heraus und ging dann auf den widerstrebenden Kriegseintritt Englands gegen Deutschland ein: „Nie hat ein Staatsmann mit so dunkel umwölkter Stirn wie Sir Edward in Krieg gerufen. […] Früh schon die Erkenntniß, daß dieser Krieg den wüstesten Graus bereite, den Satanas ersinnen konnte. Grey hat (wir wissens von Fernen und Nahen) an jedem Tag und in jeder Nacht unter der Vorstellung dieses Gräuels gelitten; darf sich also der Menschheit zuzählen.“ [Krieg um Frieden. In: Die Zukunft, Jg. 24, Nr. 34, 27.5.1916, S. 193-222, hier S. 214f.] und höre nun hier zu meiner
Bestürzung von neuen GewaltmaßregelnWedekind, am 31.5.1916 in Berlin eingetroffen, unterhielt sich am „Abend im Klub“ [Tb], in der Deutschen Gesellschaft 1914, mit Sozialdemokraten und dürfte von ihnen erfahren haben, dass der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes sich im Reichstag über Maximilian Hardens Artikel „Der wahre Wilson“ [vgl. Die Zukunft, Jg. 24, Nr. 31, 6.5.1916, S. 111-133] geäußert hat. Gottlieb von Jagow meinte in der Reichstagssitzung vom 25.5.1016, der Artikel sei „ein Verstoß gegen die Verfügung der Zensur. Da er aber zu einem Zeitpunkt erschienen war, wo er nicht mehr [...] störend einwirken konnte, (Heiterkeit) so lag vom Standpunkte meines Ressorts kein Grund vor, gegen diesen Artikel noch Maßnahmen zu beantragen.“ [Verhandlungen des Deutschen Reichstags. Stenographische Berichte. Bd. 307. Berlin 1916, S. 1264; online: Reichstagsprotokolle 1914/18. URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/index.html] Beim gemeinsamen „Mittagessen im Klub“ [Tb] am 1.6.1916 mit Walther Rathenau könnte Wedekind ebenfalls über Maximilian Harden gesprochen haben, der im Visier der Zensur stand. gegen Sie und Ihren heroischen Kampf. Darf
ich hoffen Sie nicht zu stören, wenn ich Sonntagam 4.6.1916. Nachmittag zu Ihnen | komme?
Erhalte ich keinen Bescheid dann wage ich den Versuch auf gut Glück. Ihren
verehrten Damen bitte mich ergebenst zu empfehlen
Mit herzlichen Grüßen
Ihr dankbar ergebener
Frank Wedekind.
Elite Hotel
Postkarte
S.
H. Herrn
Maximilian Harden
Berlin Grunewald
Wernerstrasse 16/18.