In München hat sich soeben ein Goethe-BundIn München wurde im Zuge der Proteste gegen die Lex Heinze (siehe unten), nach einer Versammlung im Bürgerbräukeller am 7.3.1900 [vgl. Allgemeine Zeitung, Jg. 103, Nr. 66, 8.3.1900, 2. Morgenblatt, S. (5)] tags darauf „ein Komitee ‚Goethe-Bund. Schutzliga für deutsche Kunst und Kultur‘ organisiert. Wedekind war Mitglied des Gründungskomitees, das zu einer ersten Sitzung am 9.III.1900 zusammentrat [...] Am 15.III. konstituierte sich schließlich der Münchner Goethe-Bund unter dem Namen ‚Goethebund zum Schutze freier Kunst und Wissenschaft‘“ [KSA 5/III, S. 416f.]. Er war damit der erste einer „Gruppe von Vereinigungen, die im März 1900 ins Leben gerufen wurde, als die künstlerischen und literarischen Kreise Deutschlands durch den im Reichstage vorgelegten neuen Entwurf der lex Heinze (s. d.) die Freiheit des künstlerischen Schaffens bedroht sahen. Die Anregung dazu ging von München aus, wo ein G. begründet wurde, der alle zum Beitritt aufforderte, denen das Wohl der deutschen Kunst und Wissenschaft am Herzen liegt. Auf München folgte unmittelbar Berlin [...] Da auch in andern deutschen Städten (Dresden, Stuttgart, Darmstadt, Mainz, Hamburg etc.) Vereinigungen zu gleichem Zweck und mit gleichem Namen gegründet worden sind, bildete sich ein allgemeiner deutscher G., dessen verschiedene Glieder jedoch nicht von einer Zentralstelle abhängig sind“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 8. Leipzig, Wien 1904, S. 168].
zum Schutze freier Kunst und Wissenschaft konstituirt, der dauernd und
energisch alle die unerhörten Unterdrückungsversuche gegen den freien Geist
bekämpfen wird, wie sie mit oder ohne „lex
Heinze„nach einem 1891 verurteilten Berliner Zuhälter ‚Lex Heinze‘ benannte Gesetzesnovelle“ zur „Verschärfung des sogenannten Unzuchtsparagraphen 184 des Strafgesetzbuchs“, die 1900 „mit knapper Not am vehementen Protest der liberalen Öffentlichkeit, die sich in mehreren Städten zu ‚Goethebünden‘ zusammengeschlossen hatte“ [Sprengel 2004, S. 135] (siehe oben), scheiterte. Sie war „aus Anlaß der Berliner Gerichtsverhandlung gegen den Zuhälter Heinze und dessen der Prostitution ergebenen Ehefrau“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 12. Leipzig, Wien 1905, S. 494] 1892 auf den Weg gebracht worden und wurde nun neu verhandelt. Neben Maßnahmen gegen Zuhälterei und Kuppelei umfasste das Gesetzesvorhaben auch solche gegen Kunst, Literatur und Theater. „Ende Februar 1900 erhob sich eine lebhafte öffentliche Bewegung gegen die sogen. Kunst- und Theaterparagraphen, auf die sich die Regierung und Reichstagskommission geeinigt hatten. Der eine Paragraph verbietet, Schriften und Darstellungen, die, ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzten, zu geschäftlichen Zwecken in Ärgernis erregender Weise öffentlich [...] auszustellen oder anzuschlagen. Der andre Paragraph wendet sich gegen öffentliche Aufführungen, die durch gröbliche Verletzung des Scham- und Sittlichkeitsgefühls Ärgernis zu erregen geeignet ist. Die Agitation, an deren Spitze sich der Goethe-Bund [...] stellte, hatte Erfolg“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 12. Leipzig, Wien 1905, S. 494] und die Paragrafen wurden aus dem am 25.6.1900 verabschiedeten Gesetz gestrichen.“ Tag für Tag gewagt werden. Der Bund soll sich auf
volksthümlicher Grundlage über ganz Deutschland ausdehnen und die Vertreter
deutscher Kunst und Wissenschaft sowie alle Freunde einer freien
Kulturentwicklung ohne Rücksicht auf Partei und Richtung umfassen. Der
Goethe-Bund vereinigt seinen Protest mit dem Ihrendem Protest des Berliner Komitees gegen das „lex Heinze“, das offenbar Adressat des Telegramms war. Eine geplante Protestveranstaltung am 9.3.1900 in der Berliner Philharmonie konnte wegen des „gewaltigen, unerhörten Andranges der Bürgerschaft“ [Berliner Tageblatt, Jg. 29, Nr. 126, 10.3.1900, Morgen-Ausgabe, S. (1)] nicht stattfinden, einzelne Mitglieder des Komitees traten schließlich in einem Sitzungszimmer unter dem Vorsitz von Ernst Wichert zusammen und verabschiedeten eine Erklärung [vgl. ebd.]. In diesem Kontext wurde offenbar auch das von Wedekind mitunterzeichnete und vom „Berliner Tageblatt“ abgedruckte Telegramm des Münchner Goethe-Bundes verlesen und rief „Freudige Bewegung“ [ebd.] hervor.. Hoch freie Kunst und
Wissenschaft!
Paul Heyse, Ehrenpräsident des Goethe-Bundes, Eduard
Bach. Max Bernstein. Michael Georg Conrad. Max Dauthendey. Doescher. Anton
Dreßler. Max Eichler. Otto Falckenberg. Eduard Fuchs, Reinhold Geheeb. Leo
Greiner. Max Halbe. Karl Henckell. Georg Hirth. Korfiz Holm. v. Kaulbach.
Berthold Kellermann. Franz v. Lenbach. Hermann v. Lingg. Professor Lipps.
Alfred Oppenheim. Fritz v. Ostini. Bruno Paul. Prestele. Reznicek-SachsSchreibversehen, statt: Reznicek. Sachs.. Georg
Schaumberg. Julius Schaumberger. Wilhelm v. Scholz. Heinrich Schwarz. Bernhard
Stavenhagen. Edgar Steiger. Georg Stollberg. Franz Stuck. Ludwig Thoma. Eduard
Thony. Ludwig Thuille. Fritz v. Uhde. Leopold Weber. Frank Wedekind. Wilhelm Weygand.
Rudolf Wilke. Richard Weinhöppel.