Salzburg 1.XI.13.
Liebster Herr Wedekind!
Herzlichsten Dank für die/en/ lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück Wedekind an Friedrich Strindberg, 27.10.1913., der mich
zur geeignetsten Zeit antraf, um mich etwas zu heben. Bitte zu entschuldigen
wenn mein Dank etwas spät eintrifft, ich erwartete mit steigendem Interesse den
leider bis jetzt nicht eingetroffenen „Simson“Der Erstdruck „Simson oder Scham und Eifersucht. Dramatisches Gedicht in drei Akten von Frank Wedekind“ [KSA 7/II, S. 1274] im Verlag von Georg Müller lag vordatiert auf 1914 bereits im Spätsommer als Neuerscheinung vor [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 80, Nr. 215, 16.9.1913, S. 9278]..
Wenn ich etwas vieleichtSchreibversehen, statt: vielleicht. kleinliches
schreibe, so tuheStreichung des überzähligen Buchstabens mit Bleistift. ichs, da es doch tiefen Eindruck auf mich machte.
Wegen einer kleinen, unritterlichen Rauferei – und dies ist leider manchmal
nötig um sich unter |
den Kameraden Achtung zu verschaffen – ging es einem unschult/d/igen
Pult zu Leibe, das vor Schmerz zusammenbrach. Diesen Tat trug mir den
Zorn des Gebieters ein, der meine NachhausefahrtDas Verbot wurde offenbar wieder aufgehoben, wie die von Friedrich Strindberg am 3.11.1913 in Mondsee aufgegebene Postkarte belegt [vgl. Friedrich Strindberg an Frank Wedekind, 3.11.1913]. ins nahe Mondsee verbot. Zu
letzterem wurde er auch durch Aufdeckung eines nächtlichen Schmauses veranlag/ß/t,
bei dem ich aber gar nicht beteiligt
war.
Nun liegt mir an meiner Reise nach Mondsee riesig viel
daran. Das Wiedersehen mit der SchwesterFriedrich Strindbergs Großtante Melanie Samek war die Zwillingsschwester von Marie Uhl und lebte im oberösterreichischen Klam. Er kannte sie aus seinen Kindertagen, die er im benachbarten Dornach und Saxen verbrachte. meiner Großmama freute mich und dann,
obwohl ich kaum sehr pietätsvoll veranlagt bin, nämlich von fremden Leichen,
die Überreste meines GroßvatersFriedrich Strindbergs Großvater Friedrich Uhl war am 20.1.1906 in Mondsee gestorben. Strindberg bezieht sich hier vermutlich auf den in katholischen Regionen üblichen Brauch, an Allerseelen (2.11.) die Gräber der Verstorbenen zu besuchen. wollte ich noch gerne sehen. Und wie ich leider
oft von Extrem ins Extreme falle so lag ich – viel lag mir nie an Religion –
jetzt da es sich um Erfüllung eines Wunsches handelte, im Bett und rang unter
den quälendsten Empfindungen (im Bett), vergaß all dessen, das mich sonst | nicht nur lebenslustig, sondern lebens,/-/ ich möchte
sagen, zukunftsgierig machte und rang
nach einstigem, vielleicht still irgendwo vergessennem Glück, oder zu bezeugen, daß ich ein Mensch bin; und nach meiner
Überzeugung ist nur der Mensch, der Phantasie und Kunst gepaart mit Lebensmut im Hirn vereinigt hat! Ob ichs hab weiß ich
selber nicht; obwohl noch jung, verzweifle ich so oft an mir: ob ich das werden
kann, was ich anstrebe. Meine sonst so liebe Großmama ist, ich kann es sagen,
ohne undankbar gegen sie zu erscheinnen, leider etwas überreligiös und
das ist bei alten Frauen häufig. Auch hat sie, über was ich zwar nicht
sprechen, noch weniger schreiben sollte einen ganz sonderbaren
Ansicht über manche Dinge. So kam es, daß ich eigentlich
bis jetzt außer kurzen Zeiten und die waren voll pochendem Herzen, nie eine
Seele hatte der ich vertrauen konnte. So bildete ich meine | Ansichten ziehmlich
frei heran. Da ich niemand hatte, dem ich mich ausspechenSchreibversehen, statt: aussprechen. konnteStreichung der ö-Punkte als Sofortkorrektur durch Friedrich Strindberg., hatte ich
auch keinen Geist, denn die übrigen waren mir f/v/iel zu viel vom
Alltagsrauch beschmutzt als daß mit ihnen zu disputieren wäre. Und ich nahm das
Beste ihrer Phantasie, wenn sie solche hatten und speicherte sie bei mir aus/f/Überschreibung mit Bleistift ausgeführt.. Und wenn dann genügend
aufgespeichert war, um 20 Kameraden verrückt zu
machen dann brach es hervor und da mir jenerSchreibversehen, statt: jenes. Vertrauen fehlte, so suchte ich es
mir in den höheren Sphären und wurde still religiös. Spotten war nie mein Fach,
auch suchte ich mir nie Ausreden zu Zweifeln, denn mir kamen sie
alle nur vor wie neue Beweise alter Abgeschmacktheit. Und das eckelhafteste ist
die sachliche Beweisführung! Wollen sie beweisen, was damals gewesen oder nicht!
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2.Nummerierung des zweiten Doppelblattes durch Friedrich Strindberg.
Gut kann nur e/E/ines sein: Das Zweifeln wenn man die
Wahrheit vor Augen liegen hältSchreibversehen, statt: vor Augen hält (oder: vor Augen liegen hat)., denn so LessingWie zuvor schon [vgl. Friedrich Strindberg an Wedekind, 12.10.1913] bezieht sich Friedrich Strindberg hier auf eine Stelle in Lessings theologiekritischen Schriften: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke, und sagte: Vater, gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“ [Gotthold Ephraim Lessing: Eine Duplik. Braunschweig 1778, S. 11].: Und wenn du alle Wahrheit in
der R/r/echten, und das Streben nach Wahrheit mit dem Zusatze auf immer
zu irren, in der linken, ich griffe freudig
nach der Linken, denn die echte Wahrheit, Vater, ist ja doch nur für Dich allein.
Und wenn auch die Wunder Tatsachen sind, darf ich, ein
Mensch, sie nie sehen und soll ich mich zwingen doch zu
glauben?
Leider Gottes habe ich mich jetzt in ein Gebiet verirrt, in
das ich leicht hineingerate und nur schwer mehr heraus. So ist mir das Lernen
in der Schule nur die Quelle zu kleinen Privatstudien, denen
meistens kleine Abhandlungen entspringen. So jetzt: „Zarathustra
und Hellasnicht überliefertes Manuskript.“ ein Vergleich beider Religionen als Basis der Pantheismus. | Selten findet man in
der alten Literatur moderne Epen. Doch ein solches fand ich im A/a/ngelsächsischen
Beowulfepisches Heldengedicht in angelsächsischen Stabreimen aus dem 8. Jahrhundert. , (Übersetz. von HerzWilhelm Hertz übersetzte 1883 unter dem Titel „Beowulfs Tod“ das Ende des Beowulf-Epos in Stabreimen [vgl. Wilhelm Hertz: Gesammelte Dichtungen. Stuttgart 1900, S. 467-477].). Eine ausgezeichnete Darstellung der FieberglutBeowulf stirbt an den Folgen eines giftigen Drachenbisses (V. 2818 f.). des Königs in Stabreimen nahe dem Schluß
lockte mich zur näheren Betrachtung.
4/XI.
Nun war ich bei Großmama, die ungeheuren Gefallen an der „Zensur“ fand.
Heute bin ich wieder da, zerknirscht.
Hier fiel ein kleiner Vorfall vor,
der die Gefühle des Herrn Dir. unserer Anstalt tief verletzte „. Ein
Gebrauch von manchen nicht salonfähigen Wörtern
bei einem Spiel abends nach Tisch, dessen Anstifter ich war! Deswegen, wenn
sich meine Kollegen in „diverse Sachen“ verirren muß | ich doch nicht der
Verführer sein, für den mich unser Direktor haltet!
Wie lange meines Bleibens hier sein wird stellte er gestern
abend nach meiner Ankunft in Frage! Was dann von mit mir geschehen wird – ich weiß es nicht!!! Wohin mich dann
meine ratlose Großmama stecken wird – Gute Nacht – ! Ich wahr wohl nie
etwas andres, als ein Spielball für die sowohl äußeren, als inneren Gewalten.
Bin neugierig, wenn auch mir einmal das Glück lächelt – Bis jetzt noch nie. Was
dann mit mir geschehen wird, S/W/ohin sie mich wieder werfen – .
Viele Grüße
Ihr dankschuldiger Fritz.
P. S.
Bitte k/d/en „Simson“ bei diesen Verhältnissen nicht zu schicken! Viele Handküsse an die gnädige Frau Gemahlin,
Grüße an die lieben Töchter!