Briefwechsel

von Erika (Mieze) Wedekind und Frank Wedekind

Frank Wedekind schrieb am 12. Oktober 1881 in Lenzburg folgende Widmung
an Erika (Mieze) Wedekind

Sei heiter im Herzen,
Wie’s jedem gefällt!
Dann scheint Dir voll Freuden
Die arge Welt.


Dann kannst Du nicht hassen
Den bösen Feind.
Du denkst: Er hat’s eben
So schlimm nicht gemeint.


Dann wird Dir erblühen
Ein ewiges Glück.
Dann denkst Du an mich wohl
Auch einmal zurück.


Dieses zur Beherzigung von Deinem Bruder Franklin.


[am linken Rand um 45 Grad gedreht:]

12.X.1881

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 16. Juli 1884 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

F


Lenzburg den 16. Juli. 84.


Lieber Bebi!

Endlich komme ich doch auch einmal dazu Dir zu schreiben nachdem ich schon ein ganzes VirteljahrSchreibversehen, statt: Vierteljahr. in dem LehrerinnenseminarErika Wedekind besuchte ihrem Brief zufolge das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar (1786 gegründet, 1873 zum kantonalen Lehrerinnenseminar erweitert) in Aarau seit April 1884. Sie ist für das Schuljahr 1884/85 in der I. Klasse verzeichnet: „Frida Wedekind, San Francisco (Kalifornien)“ [Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4], im Jahr darauf dann unter den Schülerinnen der II. Klasse (darunter auch Sophie Marti und Lina Renold): „Frieda Wedekind von San Francisco, Kalifornien“ [Dreizehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1885/86, S. 5], dann absolvierte sie noch die III. Klasse [vgl. Vierzehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1886/87, S. 6]. in ArauSchreibversehen, statt: Aarau. zugebracht habe. Es geht mir dort recht gut aber auch ohne Schwärmerrei für den Herrn RektorJakob Keller war von 1876 bis 1886 Rektor des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, zugleich dort Lehrer für Deutsch, Pädagogik und Religion [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. der mir gar nicht so als ein Wunderthier vorkommt, wie er mir geschildert wurde. Ich finde sogar daß er im Vergleich mit Herrn HeimgartnerWilhelm Heimgartner war Rektor der Bezirksschule in Lenzburg. gar nichts ist. Mein Zeugniß lautet recht gut nur in Deutsch (u zwar in den Aufsätzen, zu denen ich gar keine SimpatieSchreibversehen, statt: Sympathie. habe, nicht) Du hast in | deinem letzten Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.7.1884. Diesen Brief hat der Vater seiner Tochter zu lesen gegeben, wie er seinem Sohn auch mitteilte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884].Lina Renold“ berührt. Ja es ist wahr sie ist in unserer Klasse u zwar w lernt auch mit großem Eifer. In Deutsch ist sie recht gut, auch in Geschichte, Geographie u Naturkunde. In Französisch Englisch Rechnen etc. ist sie aber recht schwach u ich weiß nicht ob sie ime Institut fortkommen kann. Denn die Frl. JäkiWilhelmine Jäggi war Lehrerin für französische und englische Sprache und Literatur am Lehrerinnenseminar [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. ist ihr gar nicht hold.

Ich muß aber doch auf die Hauptveranlassung meines Briefes kommen u. das ist das JugendfestDas seit dem 16. Jahrhundert tradierte Jugendfest in Aarau „wird nach dem Ende des Schuljahres in der Stadt gefeiert. [...] Mit Kanonendonner der Kadetten wird der Festtag eröffnet. Der Festzug bewegt sich zuerst zur Stadtkirche, wo Gottesdienst gehalten wird, anschließend zum Festplatz. Auf der Schanzenmättli speisen zunächst die Honoratioren, auf der Schanze das Volk [...]. Abends beginnt das eigentliche Volksfest. Es wird getanzt bis nach Mitternacht“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 42]. Das aktuelle Jugendfest in Aarau fand am 11.7.1884 (Freitag) statt; sein detailliertes Programm (bei „günstiger“ und „ungünstiger Witterung“) war annonciert, darunter „Tanz auf der Schanze bis 10 Uhr Abends ausschließlich für Schüler und Schülerinnen. – Schluß für die Gemeindeschüler um 8 Uhr, für Bezirks- und Kantonsschüler Punkt 10 Uhr Abends. Später Tanz nur für Erwachsene.“ [Aargauer Nachrichten, Jg. 30, Nr. 161, 9.7.1884, Beilage, S. (2)]. Ich verlebte es recht lustig zwar der Anfang war nicht erbaulig/ch/. Ich mußte im Regen hinunter an den Bahnhof u war in steter Angst wegen meinen schönen Loken Locken. Auf dem Bahnhof war Minna u. half mir einsteigen dann gings fors/t/ u unter der Begleitung von Frl. Emma Bertschinger. In Arau angekommen gehe ich zu unserem PedelSchreibversehen, statt: Pedell. | lege Regenmantel u anderweitigen Ballast ab u begebe mich dann in höchster GallaSchreibversehen, statt: Gala. auf den Graben der als Sammelplatz diente. Es hatte natürlich schon bei meiner Ankunft aufgehört zu rech/g/nen. Von hier aus begann der Zug in die Kirche, indem uns die Musik „die alte Tantedas Lied „Die alte Tante“ (op. 37) von Moritz Peuschel, ein populärer Marsch mit humoristischem Text, der 1878 bei Eulenburg in Leipzig erschienen war.“ vorspielte. In der Kirche wurden 4 Lieder gesungen worunter das eine unter den herzzereissenden Tönen der StadtmusikBlasorchester in Aarau, ein Verein. u den Schweißtropfen des Herrn BurgmeierDer Musiker und stimmgewaltige Sänger Josef Burgmeier war Gesangslehrer am Lehrerinnenseminar [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. so ziemlich in die Brüche gieng. Dann hielt Professor FreiDr. Adolf Frey war Lehrer für deutsche Sprache und Literatur sowie für Griechisch am Progymnasium der Kantonsschule in Aarau [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. eine lakonische Rede u die Feier war zu Ende. Der Nachmittag war sehr langweilig. Um 5 Uhr aber begann der Tanz im SalbauSchreibversehen, statt: Saalbau. da da es wieder anfieng zu regnen. Die Kadetten waren noch nicht da nur 3 kollosalSchreibversehen, statt: kolossal. große Kantonsschüler. Der Längste unter ihnen macht den ers|ten Tanz mit Fanny Kuster einem Mädchen der 3. KlasseFanny Custer war für das Schuljahr 1884/85 in der III. Klasse verzeichnet [vgl. Dreizehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 5], für das Schuljahr 1883/84 in der II. Klasse, 1882/83 in der I. Klasse.. Diese schien so klein gegen ihren Kavalier daß ich dachte, wenn dem Menschen nur nie einfällt mit mir zu tanzen,. ‒ Aber siehe da, schon beim nächsten Tanz angaschierteSchreibversehen, statt: engagierte. er mich. Ich sah nach der Galerie hinauf wo Mamma (sie war nämlich um elf gekommen) sich halb krank lachte. Ich hatte nun aber noch keine Ahnung wie der junge Herr eigentlich hieß. Darauf stellte er sich zu meinem größten Erstaunen als Hermann Keller Stiefbruder des Oskar Schiebler vor. Du kannst Dir daß/s/ Paar denken! Er mußte sich zusammen klappen wie ein Taschenmesser wenn er etwas zu mir sagen wollte u. ich konnte ihn kaum halten. |

Endlich war der Tanz fertig u jetzt waren auch die Kadetten gekommen von denen zuerst Hans Walti mit mir tanzte. Um halb acht gieng Mamma fort als ich grade mit Heinrich Hünw/er/wadel tanzte. Dieser angagirte mich auch zum Zug auf die Schanz, denn da es mittlerweile sehr schönes Wetter geworden war, hatte man sich entschlossen aus dem engen Saal auf die Schanz hinaus zu ziehen. Heinrich führte mich nun hinaus u dort machten wir noch den ersten Tanz zusammen. Später wurde mir noch Hans FleinerHans Fleiner hat sein Maturitätsexamen nach Progymnasium und Gymnasium an der Kantonsschule in Aarau im Frühjahr 1884 absolviert u Rolf LindtRolf Lindt war Schüler der II. Klasse des Progymnasiums der Kantonsschule. vorgestellt mit denen ich auch tanzte. Auch mit Andern tanzte ich noch die ich jedoch nicht kannte. Der Abend gefiel mir auch recht denn es waren mehr Tänzer vorhanden als hier allemal. Ich konnte recht | viel tanzen u glaube daß deine Vorgängerschaft viel dazu beigetragen hat. Die Arauermädchen blieben oft sitzen u die Fremden wurden vorges/z/ogen besonders Hedwig Leuch welche dem Hauptmann Doser recht gut gefiel. Unser Herr Rektor hat sich den ganzen Tag nicht gezeigt, er hätte ja die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen wenn er gesehen hätte wie jeder alle Stiele einen Besen am Arm durch unter Musik durch die Stadt zogen. Am letzten Sonntag kam Lisa Jahn nach Hause. Sie sieht recht blaß aus u ist sehr v n nervös. Sie hat in München wo sie letzte Woche als Brautjungfer der Hochzeit ihres jüngsten Onkel’s beiwohnte, einen sehr lieben Vetter Franz gefunden in den sie so ziemlich verschossen | ist. Ihre MamaBertha Jahn, die vor kurzem einen Schlaganfall hatte [vgl. Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank Wedekind, 24.7.1884]. kann leider noch nicht recht sprechen u es ist immer wie wenn sie den Mund voll hätte wenn sie spricht. Hoffentlich wird das bald vergehen. Sophie Marti geht schon seit geraumer ZeitÜber Sophie Marti in der II. Klasse ist für das Schuljahr 1884/85 dagegen festgehalten: „Ausgetreten im II. Quartal.“ [Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 5] nicht mehr nach Arau weil sie die Bleichsucht im höchsten Grade hatte. Jetzt geht es ihr aber schon weder besser. Emma Kammerer ist jetzt bei uns zum Besuch um sich von einem sehr starken Lungenhusten zu erholen. Jetzt aber will ich schließen denn ich will noch zum Baden gehen mit Mati u. verbleibe indessen mit Gruß u. Kußt
deine Schwester
FriedeFrieda Marianne Erika Wedekind (Mieze) benutzte zunächst ihren ersten Vornamen als Rufnamen.


Wenn du Zeit hast so schreibe mir doch auch einmal.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 9. November 1884 in Lenzburg folgenden Brief
an Armin (Hami) Wedekind , Frank Wedekind

Lenzburg 9. Nov. 1884.


Liebster Hammi!

Am 4. erhielten wir deine l. Karte sie war zwar gar nicht inhaltsschwer freute aber doch alle recht. Mamma sagte aber gleich Du habest wahrscheinlich die Adresse schreiben wollen u habest sie richtig vergessen. Es ist jetzt doch recht still bei uns geworden u. wenn ich nicht immer alle Hände voll Aufgaben hätte so würde ich oft recht Sehnsucht nach meinem lieben Hamy bekommen. Letzten Sonntag waren Mammeli u ich im Concert. Herr u Frau HeimErnst Heim, Geiger, Musiklehrer, Harfenist sowie Dirigent in Davos (seit 1885, davor in Zürich), und seine Frau, die Geigerin Mathilde Heim (geb. Brehm) [vgl. Edgar Refardt: Historisch-biographisches Musikerlexikon der Schweiz. Leipzig, Zürich 1928, S. 490]. ga von Zürich gaben daßselbe u unter Gugels MitwirkenEugen Gugel, Cellist und Pianist aus München, war seinerzeit in Lenzburg Musiklehrer; er leitete von 1883 bis 1888 den Lenzburger Musikverein [vgl. KSA 1/II, S. 2165] und dürfte das Konzert am 2.11.1884 in Lenzburg organisiert haben.. Es war recht schön aber sehr wenig besucht. Am letzten Mittwoch traf ich in Aarau Frau Pr. RauchensteinErika Wedekind traf am 5.11.1884 in Aarau Sophie Rauchenstein (geb. Pfleger), die Gattin von Johann Friedrich Rauchenstein, Altphilologe und bis 1870 Lehrer an der Kantonsschule in Aarau.. Sie erkundigte sich nach Dir, trug mir viele Grüße auf für Dich u sagte, sie hoffe auch bald einen | Brief von Dir zu erhalten. Am Freitag als ich in den Wagen stieg sah ich Fr. GaudarErika Wedekind traf am 7.11.1884 in Aarau Magdalena Gaudard (geb. Dürst), die Mutter von Blanche Zweifel (geb. Gaudard), der in Lenzburg verheirateten Freundin von Minna von Greyerz und ehemaligen Schülerin des Lehrerinnenseminars in Aarau [vgl. Fünfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1877/78, S. 6]. welche grade von Genf kam u nach Hause wollte. Ich setzte mich nun zu ihr u. wir sprachen auch über allerlei miteinander. Auch sie läßt euch vielmal grüßen. Als ich dann nach Hause kam hatte Mati schauerliches Zahnweh u wir giengen deßhalb gestern Nachmittag zum Zahnarzt BrentanoMax Brentano war Zahnarzt in Aarau (Entfelderstraße 1075) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 15, 71; Adreß-Buch der Stadt Aarau 1888, S. 68, 92]. (Mati Mamma u. ich) wo Mati sich 2 Zähne ausreißen ließ. Einen kleinen u einen furchtbar Großen. Sie hat auch tapfer gekräht. Aß aber schon ¼ Stunde darauf mit bestem Appetit gebratene Kastanien. Sie hat für ihren Muth von Papa einen schönen BrumkieselSchreibversehen, statt: Brummkreisel (ein beim Drehen Töne erzeugendes Blechspielzeug). mit Musik gekriegt. In meinem Aufsatz hatte ich ziehmlich gut ‒ gut. Er sagte nicht viel sonst dazu. Nächste Woche fangen wir an „Die Jungfrau v. Orléans[“] zu lesen. Ich freue mich recht darauf. Uns allen geht es recht gut u wir hatten letzte Woche die Schneiderin. Jetzt will ich auch noch ein par Worte an Bebi schreiben, u verbleibe denn Deine Dich herzlich liebende
Mietze |


Lieber Bebi!

Auch dir will ich noch einige Worte schreiben. Gestern waren wir bei Tante Jahn die ‚erotische Tante‘ (Bertha Jahn).welche Mamma deinen Briefvgl. Frank Wedekind an Bertha Jahn, 6.11.1884. vorlas während Lisa mir einer/n/ v. H. SpilkerAdolf Spilker war vor Aufnahme seines Studiums der Chemie im Wintersemester 1884/85 in Berlin „als Gehilfe in der Löwenapotheke der Familie Jahn in Lenzburg beschäftigt.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 41] vorlas. Denke Dir jetzt haben Mamma u. ich auch karirte Schlafröcke u freuen uns schon darauf, einmal mit dir zusammen darin aufmarschieren zu können. Ich will dir doch noch ein Stückchen v. unserem H. RektorJakob Keller war seit 1876 Rektor des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, zugleich dort Lehrer für Deutsch, Pädagogik und Religion [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. erzählen. Hedwig LeuchDie Schwestern Hedwig und Fanny Leuch waren Mitschülerinnen; während Fanny Leuch im Schuljahr 1884/85 wie Erika Wedekind die I. Klasse besuchte, war Hedwig Leuch bereits in der III. Klasse [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4f.]. wollte nähmlich diesen Winter einen Tanzkurs nehmen. Sie war dazu vom Kanonenhauptmann Doser eingeladen. Fragte H. Rektor u erhielt zur Antwort: „Wenn sie als Schülerin der 3. Klasse Tanzstunden nehmenw, so werde er ihr Zeugniß um eine ganze Note schlechter machen.“ Ist das nicht koloßal?

Fanny Leuch ist noch nicht hier denn sie hat sich den Fuß verstaucht u mußte deßhalb noch in Heiden bleiben. Vorgestern hat Tante Plümacherdie ‚philosophische Tante‘ (Olga Plümacher). Mamma geschrieben. Am letzten Mittwoch hatten wir KlöpelvereinErika Wedekind traf sich am 5.11.1884 in einer Gruppe zum Klöppeln (eine Handarbeitstechnik zum Anfertigen von Spitzen). u haben soeben noch den letzten Rest | der dahersbrennenden Punschtorte verzehrt. Doda u Mati haben sich neuerdings Sparbüchsen angeschafft u Doda hat vom Geburtstag her schon 8 Fr. drin. Er hat auch von der Claravermutlich Kindermädchen auf Schloss Lenzburg. Hauf’s Lichtenstein einen Serviettenring u ein Rosenbuquet bekommen. Wir haben für H. StacherGustav Stacher war Lehrer für Naturgeschichte, Mathematik, Physik, Chemie und gab auch Schreibunterricht am Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. Er wurde vom 3.11.1884 bis 15.12.1884 vertreten: „Herr Stacher beteiligte sich bei den Sitzungen des aargauischen Verfassungsrates als Stenograph und sah sich infolge davon genötigt, für die Dauer seiner diesfalligen Funktionen einen Stellvertreter zu berufen. In dieser Eigenschaft trat ein Herr Kandidat J. Wyniger. Nachdem Herr Wyniger vom 3. November bis zum 15. Dezember die Lehrstunden des Herrn Stacher erteilte, kehrte letzterer wieder ganz in den Dienst der Schule zurück.“ [Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 7] jetzt einen neuen Lehrer weil Ersterer eine Stelle als Stenograph im Verfassungsrath der seit Montag zusammen ist, angenommen hat. Dieser Neue ist das 3. rothhaarige Genie an unserer Schule. Er gefällt aber allgemein so daß die meisten wünschen er möge ganz dableiben. Bitte schreibe doch Du oder Hammi mir auch bald einmal, es würde mich sehr, sehr freuen u Mamma gewiß auch, denn ich glaube daß es I/i/hr doch ein wenig weh that als sie sah daß T. J. schon einen Brief hatte u wir noch keinen. Indessen wir wissen ja den Grund. Doch aber hoffe ich auf Einen

Nun muß ich aber schließen da ich noch viel auf m/M/orgen lernen muß u es grüßt Dich u den lieben Hammi noch tausendmal
eure
Mietze.


[Seite 1 oben links um 90 Grad gedreht:]

Mamma sagt mir noch ihr sollt ihr doch auch bald schreiben!


[Seite 1 am linken Rand um 90 Grad gedreht:]

Bebi habe Willy seine schwarze Hose mitgenommen, daß sei sehr unrecht u es/r/ solle sie wieder schicken denn Willy braucht sie.


[Seite 4 am linken Rand um 90 Grad gedreht:]

Viele herzliche Grüße von Mammeli, Doda u. Mati.

Apopogemeint ist: apropos (à propos). Wedekind kommentierte die möglicherweise komisch intendierte Schreibweise; die Schwester möge doch „in dem Worte a propos nicht wieder zwei Buchstaben auslassen“ [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.11.1884].. Mamma hat dann 22 Fr. für das Bier bezahlt.

Frank Wedekind schrieb am 18. Dezember 1884 in München folgenden Brief
an Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , Friedrich Wilhelm Wedekind , William Wedekind , Emilie (Mati) Wedekind , Donald (Doda) Wedekind , Erika (Mieze) Wedekind , William Wedekind , Emilie (Mati) Wedekind , Donald (Doda) Wedekind , Erika (Mieze) Wedekind , Emilie Wedekind

München, im December 1884.


Ihr Lieben,

ich wünsche e/E/uch allenDer Brief wendete sich an die Eltern und die zu Weihnachten auf Schloss Lenzburg versammelten Geschwister. eine recht fröhliche Weihnachtszeit und für die Zukunft alles Gute, das der Himmel beschehrenSchreibversehen, statt: bescheren. kann. Von den Herrlichkeiten Münchens wüßt’ ich Euch viel zu erzählen und wills auch thun in einem längeren Briefe so bald die FerienDie Weihnachtsferien der Ludwig-Maximilians-Universität dürften am Montag, den 22.12.1884 begonnen haben und dauerten bis zum 4.1.1885. begonnen haben. Beiliegend einstweilen einige Beispielewohl beigelegte Ansichtskarten oder Fotografien.. Doda möge seinen Schiller brav durchstudiren und zwar mit Maria Stuart anfangen und | Fiesko und die Räuber erst nach dem Wallenstein lesen.

Es ist dies das erste Mal, das ichSchreibversehen, statt: daß ich. Weihnachten in der Fremde zubringen und bin sehr darauf gespannt, wie mir das vorkommen wird. Hoffentlich denkt i/I/hr am Heiligen Abend an unsFrank und Armin Wedekind, die sich ein Zimmer in München (Türkenstraße 30, 1. Stock) teilten.; so wird uns der Verlust und das Heimweh leichter zu ertragen sein. Ich weiß noch nicht recht, ob wir hier in München auch einen Weihnachtsbaum bekommen, aber viel Rares wird wol schwerlich daran hängen und auch die Fröhlichkeit dabei wird nicht den heimischen Familien-Charakter tragen. Aber wenn mir dieses Jahr die Gunst versagt ist, Weihnachten in Euerm lieben Kreise zu feiern, | so weiß ich umso mehr das Glück zu schätzen, einen so herben Verlust schmerzlich empfinden zu können in der schönen Erinnerung an andere Jahre und in der Hoffnung Euch, meine Lieben froh und gesund einst wiederzufinden. –– Mit tausend herzlichen Grüßen an Euch alle zusammen und an den strahlenden Weihnachtsbaum verbleib’ ich in unvergänglicher Treue Euer Franklin.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 8. März 1885 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind , Armin (Hami) Wedekind

F


Lenzburg 8. März 1885.


Liebe Jungens!

Eine Päukegemeint ist: Pauke (wie in der Redensart: eine Standpauke halten). sollte ich Euch eigentlich halten daß ich/Ihr/ auf 4 Briefe kein Wort der Antwort habt, keinen Brief, keine Karte, absolut gar nichts, grade als ob wir gar nichts erwarten dürften u die Briefe alle in die leere Luft hinaus geschrieben hätten. Nein das ist doch zu arg! Zwar nachträglich haben wir erfahren daß Du Bebi Papa geschriebenvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 19.2.1885. hast. Aber ich muß Euch wirklich sagen daß Mamma schon ganz Angst hatte. Sie war dann auch einige Tage krank u fragte mich jeden Abend so traurig ob ihr noch nicht geschrieben hättet daß ich gar nicht mehr antworten konnte vor lauter Angst. Jetzt geht es Gottlob wieder besser, zudem daß sie jetzt von Papa erfahren daß Bebi schrieb aber seht es | thut uns wirklich weh, recht weh wenn wir sehen daß es euch so ganz einerlei ist, daß ihr uns so ganz zu vergessen scheint. Ja man sollte es wirklich meinen Ihr dächtet keinen Augenblick mehr an uns! Ich hoffe nun aber daß doch wenigstens dieser Brief etwas nützen wird. Nichtwahr! bitte, bitte! ‒‒‒

s/S/o nun aber zu Anderem. Ihr habt ja wohl schon von Mamma erfahren daß ich mich auf dem SchülerfestDas Schülerfest, die Abendunterhaltung der Kantonsschüler in Aarau, fand am 30.1.1885 statt; die Mutter hat Wedekind ebenfalls darüber berichtet [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1885].Das Schülerfest, die Abendunterhaltung der Kantonsschüler in Aarau, fand am 30.1.1885 statt; die Mutter hat Wedekind ebenfalls darüber berichtet [vgl. Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 31.1.1885]. sehr lustig machte. Denn ersten Tanz u. dann auch die noch manchen tanzte ich mit Herrn Fritz Fleiner. Und ich unterhielt mich sehr gut mit ihm. Auch Mamma fand er sei ein sehr netter Herr SchülerFritz Fleiner war Schüler an der Kantonsschule in Aarau.. Das zweite Schülerfest welches hätte abgehalten werden sollen ist jetzt zum SchlußfestEs fand am 8.4.1885 statt; das „Aargauer Schulblatt“ berichtete über Schülerfest und Schlussfest: „Wie im vorigen Jahre, so fand auch im verflossenen Winter eine öffentliche Abendunterhaltung der Schüler in Anwesenheit einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft statt. Eine vielseitig gewünschte Wiederholung wurde in Rücksicht auf die bevorstehende Maturitätsprüfung abgelehnt. Dafür war das Programm für die Schlussfeier am 8. April durch eine grössere Anzahl deklamatorischer, musikalischer und gymnastischer Produktionen bereichert.“ [Aargauer Schulblatt, Jg. 4, Nr. 8, 18.4.1885, S. 31] avancirt, auf das ich mich sehr freue. Eben wollte ich Euch noch von der Blatterngeschichte erzählen, aber da fällt mir ein daß e/I/hr sie wahrscheinlich aus Papas Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Friedrich Wilhelm Wedekind an Frank und Armin Wedekind, 22.2.1885. schon kennt. In der Schuh/l/e geht es ganz gut. Gestern machten wir bei StacherGustav Stacher war Lehrer für Naturgeschichte, Mathematik, Physik, Chemie und gab auch Schreibunterricht am Lehrerinnenseminar in Aarau [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. ein Experiment,. Er trieb nämlich aus altem Zink Wasserstoff aus u zündete es dann an. Nachher füllte er noch einen | Ballon damit u. ließ ihn steigen. Heute sind Papa u Mati im TheaterSpielstätte des seit 1831 existierenden Laienspieltheaters in Lenzburg ‒ eine durch eine „Theater-Aktiengesellschaft“ finanzierte „freie Vereinigung, an deren Spitze ein Direktor steht“ (das war Emil Saxer) ‒ war seit 1845 ein privat finanzierter Saal; Repertoire des Jahres 1885 war Charlotte Birch-Pfeiffers Schauspiel „Dorf und Stadt“ [Emil Saxer: Lenzburg. In: F. A. Stocker: Das Volkstheater in der Schweiz. 3. Aufl. Aarau 1893, S. 123-128]. Die Laienschauspieler und Laienschauspielerinnen des Theatervereins waren Lenzburger Bürger und Bürgerinnen. u Mamma Doda u ich waren am Donnerstag. Es wird nämlich „Das Lorle“ von Birchpfeifer gespielt.

Frau Oschwald spielte natürlich gut obwohl man ihr eben ansah, daß sie eben spielen mußte u sich nicht geben konnte wie sie es gewöhnt ist.

Ferdinand Rohr war ziemlich fad u. wußte nicht wohin mit seinen Händen.

Otto Bertschinger spielte gut sah aber nicht besonders gut aus.

Albertine Dürst spielte auch gut u paßte namentlich in der Figur u Aussehen gut.

Emil Saxer spielte auch gut während
Ernestine Hünerwadel ganz schlecht spielte denn sie sprach abscheulich u. blieb an 2 Hauptpunkten stecken. Ihr Aussehen war zwar sehr gut u die Toilette ließ nichts zu wünschen übrig.

Unsere schriftliche Prüfung haben wir in vierzehn TagenDie schriftlichen Prüfungen im Rahmen der Schlussprüfung fanden für die von Erika Wedekind besuchte I. Klasse am 23.3.1885 in den Fächern Deutsch (8 bis 9 Uhr), Mathematik (9 bis 10 Uhr), Französisch (11 bis 12 Uhr), Italienisch (14 bis 15 Uhr) und Englisch (15 bis 16 Uhr) statt [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 18]. u die Mündliche am 8. u 9. AprilDie mündlichen Prüfungen im Rahmen der Schlussprüfung fanden für die von Erika Wedekind besuchte I. Klasse am 9.4.1885 in den Fächern Deutsch (9 bis 10 Uhr), Französisch (10 bis 11 Uhr), Geschichte (11 bis 11.30 Uhr), Englisch (11.30 bis 12 Uhr) und Naturkunde (14 bis 15 Uhr) sowie am 10.4.1885 in den Fächern Mathematik (8 bis 9 Uhr), Geographie (10 bis 10.30 Uhr), Italienisch (10.30 bis 11 Uhr) und Kirchengeschichte (11 bis 12 Uhr) statt [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 18].. Es macht mir schon ein bischen Angst aber ich denke es wird schon vorbei gehen ohne zu große Schwierigkeiten. Nun muß ich doch noch fragen wann Du | Hammi eigentlich heim kommst u. ob Du Bebi auch mit kommst? Hammi schreibe doch auch einmal Professor Rauchensteins,. Ich sah sie letzthin u sie fragten mich ob ihr brav schreibt. Oh es wäre doch fein wenn ihr zu Ostern kämet. Dann könnte auch einer von Euch mit mir an’s Schlußfest, denn wißt Ihr es hat immer seine Schwierigkeiten wenn ich Abends so wohin will, besonders in Aarau. Es gab schon am Schülerabend so eine Geschichte denn Mamma wollte nicht daß ich beim Heimgehen auf einen Kantonschüler angewiesen sei. Ach ich habe euch wirklich recht entbehrt diesen Winter denn auf die schönen vielen Eisfeste durfte ich allemal auch nicht. Nun will ich aber schließen Mamma u. die Kleinen lassen e/E/uch herzlich grüßen obwohl sie nicht wissen daß ich schreibe, aber sie thun es jeden Tag ein par Mal. Und auch ich schicke e/E/uch tausend Grüße u Küße u verbleibe in Liebe
Eure treue Schwester
Mietze


Also schreibet!!!!!!! zuerst Mamma u dann vielleicht auch mir.


[Seite 1 oben links um 90 Grad gedreht:]

Ich schicke Euch da 2 Efeublätter die ich heute getragen habe, traget sie auch ein wenig

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 27. August 1885 in Lenzburg
an Frank Wedekind

27. August. 1885.


Mein lieber lieber Bebi!

Wie geht es Dir denn u was treibst Du in deiner KrankenzeitWedekind hatte sich am 3.8.1885 beim Baden eine Rotlauf-Infektion am Bein mit Fieber zugezogen, so dass er seit dem 5.8.1885 im Spital behandelt wurde [vgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 12.8.1885].. Es hat Mamma u. uns allen recht Angst um dich gemacht u es ist uns nicht wohl bis Du zu Hause bei uns biss/t/ u. wir Dich wieder recht gesund pflegen können. Ich hoffe auch daß es nicht mehr so lange anstehen wirst bis du die heimatliche Schwelle wieder überschreitest, bis Du dich wieder in Deiner gemüthlichen Bude eingenistet hast, u bis das alte gute Clavier unter deiner Alten TanteZitat aus Moritz Peuschels Lied „Die alte Tante“ (op. 37; Leipzig 1878), „einem populären Polkamarsch [...], der [...] in Tanzlokalen gesungen wurde“ – dessen erste Strophe beginnt: „Ich hatt’ ’ne alte Tante, gar eine böse Frau“ [KSA 1/II, S. 1286]. Das Motiv dieser ‚alten Tante‘ könnte Wedekind zu seinem späteren Lied „Der Tantenmörder“ (1897) angeregt haben. Ob mit dem Zitat bereits auf „Der Tantenmörder“ angespielt war, „läßt sich nicht mehr nachweisen“, ist aber „nicht auszuschließen.“ [KSA 1/III, S. 658f.] Es ist aber nicht wahrscheinlich. Den Polkamarsch jedenfalls kannte Wedekind, wie eine Bemerkung Bertha Jahns an ihn vom Sommer 1887 belegt [vgl. KSA 1/II, S. 1286; KSA 1/III, S. 659]; ihn dürfte er am Klavier gespielt haben. ächzt. Ich kann Dir wirklich nicht sagen wie ich mich auf deine Heimkehr freue. Heute erhielt Papa deinen l. Briefvgl. Frank Wedekind an Friedrich Wilhelm Wedekind, 26.8.1885., ich habe ihn nicht gelesen, nur mit Schrecken gehört, daß Du noch im Spital seist während wir dich von Tag zu Tag u v. Stunde zu Stunde erwarteten. Hammi wird morgen nach Spitz verreisen u den ältern MüzenbergArmin Wedekind vertrat seinen früheren Studienfreund Ernst Mützenberg, ältester Sohn eines Gerichtspräsidenten, der seinen Militärdienst ableisten musste und seit Frühjahr 1885 im Kanton Bern als Arzt zugelassen war: „Herr Dr. Ernst Mützenberg von und zu Spiez erhält auf den Vorweis eines eidgenössischen Diploms die Bewilligung zur Ausübung des ärztlichen Berufs.“ [Der Bund, Jg. 36, Nr. 105, 17.4.1885, S. (5)] Er war auf Nervenkrankheiten spezialisiert in Spiez tätig und betrieb eine Nervenheilanstalt, wie einer Annonce zu entnehmen ist: „Villa Marienberg in Spiez am Thunersee. Nervöse und gemüthskranke Damen finden in reizendster Gegend des Berner Oberlandes ein freundliches Familienheim bei Dr. med. Ernst Mützenberg-Escher, gew. Assistenzarzt in den Heilanstalten von Waldau und Préfargier.“ [Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, Jg. 15, Nr. 21, 1.11.1885, Beilage, S. 162] während dessen Dienstzeit als Arzt vertreten. Gestern ist Frau FleckVerwandte oder Bekannte der Mutter aus New York, bei der mindestens bis 1889 Tilly Kammerer offenbar wohnte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 138f.]. mit TillieDie Cousine Tilly Kammerer aus New York, eine Tochter von Emilie Wedekinds Bruder Libertus Kammerer [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 80], hat der ältere Bruder ausführlich beschrieben [vgl. Armin Wedekind an Frank Wedekind, 17.8.1885]. abgereist u Mamma u Doda begleiteten sie bis nach Basel. Am Abend kam Doda u Mamma wieder nach Hause u letztere zwar mit einem schauerlichen Kopfweh, welches dann aber Gottlob nach einer guten | Tasse Thee im Bett wieder vergieng. Wir hofften immer Du werdest Tillie auch noch sehen, sie ist ein reizendes Mädel u hat auch Papa sehr gut gefallen. Wir haben in nächster Zeit im Sinn mit der Schule einen Ausflug auf den Gotthard„Von den beiden Ausflügen der Schule hatte [...] als Ziel [...] der zweite, am 3. und 4. September unternommene, das obere Reußthal und den St. Gotthard“ [vgl. Dreizehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1885/86, S. 13]. zu machen woran der RektorJakob Keller war von 1876 bis 1886 Rektor des Töchterinstituts und Lehrerinnenseminars in Aarau, zugleich dort Lehrer für Deutsch, Pädagogik und Religion [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 78]. Gott sei Dank wegen wichtigen Schulbesuchen nicht Theil nehmen wird. Wir warten nur das schöne Wetter ab was aber leider nie so recht erscheinen will. Diese Woche war Frau Pfarrer FischerLina Fischer (zuvor: Brunner-Keller) war seit 1882 mit Xaver Fischer (auch: Fischer-Keller) verheiratet, seit 1877 erster christkatholischer Pfarrer in Aarau, wo das Ehepaar wohnte (Adelbändli 175) [vgl. Adreß-Buch der Stadt Aarau 1884, S. 20]. mit Gemahl von Aarau hier u dankte Mamma im Namen ihres Gemahl’s für ihren Kampf mit dem Rektornicht ermittelt.. Mamma freute sich natürlich sehr darüber. Heute hatte Hammi Besuch von Willi Fröhlich u noch einem den ich nicht kannte. Lisa Jahn u Fanny Oschwald sind schon am 15. nach Hause gekommen ich sehe sie aber leider nicht viel. Wir haben jetzt auch in Sophie Marti eine neue fahrende SchülerinSophie Marti pendelte wie Erika Wedekind mit dem Zug zwischen Lenzburg und Aarau, um dort das Lehrerinnenseminar zu besuchen. Über diese Art von Schulweg heißt es (bei 48 Schülerinnen insgesamt): „4 benutzen die Eisenbahn, um von Haus aus Tag für Tag in den Unterricht zu kommen“ [Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 5], im Jahr darauf (bei 38 Schülerinnen insgesamt): „5 benutzen von Haus aus den Unterricht vermittelst der Eisenbahn.“ [Dreizehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1885/86, S. 6]. Sie ist wieder ganz gesund, u wieder in’s Institut u zwar in meine KlasseSophie Marti war zunächst in der II. Klasse und Erika Wedekind in der I. Klasse, trat aber im II. Quartal 1884 aus [vgl. Zwölfter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1884/85, S. 4f.] und ist dann im Jahr darauf wie Erika Wedekind nochmals in der II. Klasse verzeichnet [vgl. Dreizehnter Jahresbericht über das Töchterinstitut und Lehrerinnenseminar Aarau. Schuljahr 1885/86, S. 5]. eingetreten. Nun aber leb wohl mein lieber Bebi herzliche Grüße von Papa, Mamma, Hammi u den Kleinen. Möge es Dir bald wieder recht gut gehen, daß Du uns nicht all zu lange mit deiner sehr ersehnten Heimkehr warten lassen mußt. Nun sei noch tausendmal gegrüßt u geküßt
v. deiner dich liebenden Mieze.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 23. Juli 1886 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

E


Lenzburg 23 Juli 1886.


Innigstgeliebter Bruder!

Eigentlich wollte ich Dir nicht schreiben aber ich denke wenn alle schreiben so kann ich allein es doch nicht gut versäumen. Also viel Glück zu deinem GeburtstagFrank Wedekind feierte am 24.7.1886 seinen 22. Geburtstag., u gute Beendigung deines Werkes! Ich hoffe es werde ganz München in Erstaunen setzen, u mit Jubel aufgenommen werden. Daß es schief gegen könnte ist ja wohl nicht vorauszusetzen, denn dazu bist du doch schon viel zu hoch gestiegen auf Deiner Glücksleiter. Ich hoffe du mögest recht bald aus deiner Musengesellschaft zurückkehren in unser stilles Heim, denn wir haben dich sehr nöthig um uns alle ein wenig aufzufrischen. Dann würdest Du dich vielleicht auch herab|lassen uns deine jüngsten WerkeGemeint ist der „Prolog zum Winkelriedcommers in München 3. Juli 1886“ [KSA 1/I, S. 238-242], ein zum 500jährigen Jubiläum der Schlacht bei Sempach geschriebenes Gedicht, das Wedekind am 3.7.1886 auf einer Festveranstaltung von Schweizern in München vorgetragen hat [vgl. KSA 1/II, S. 1977f.]. zu zeigen, von denen wir allerdings schon in einigen ZeitungenIn München wurde über Wedekinds Vortrag im Rahmen der Festveranstaltung am 3.7.1886 berichtet: „Die hier wohnenden Schweizer feierten am 3. Juli den 500 jährigen Gedenktag der Schlacht bei Sempach im Saale des Cafe Viktoria, der zu dem Zwecke mit den entsprechenden Emblemen, Fahnen und Wappen geziert worden. Herr cand. jur. F. Wedekind sprach einen von patriotischer Begeisterung durchglühten Prolog, dem die Nationalhymne sich anschloß. [...] Bis zum Morgengrauen blieben die Festgenossen, nachdem der Ernst einer heitern Fröhlichkeit Platz gemacht.“ [Sempachfeier der Schweizer in München. In: Neueste Nachrichten und Münchener Anzeiger, Jg. 38, Nr. 190, 19.7.1886, S. 3] Die „Neue Zürcher Zeitung“ brachte am 8.7.1886 einen Bericht über die Veranstaltung, in dem es heißt: „Cand. jur. Wedekind erntete mit seinem in feurigem Vortrag gesprochenen selbstgedichteten Prolog einen rauschenden Beifall und damit die verdiente Anerkennung seines eminenten dichterischen Talentes.“ [KSA 1/II, S. 1982] gelesen haben, die uns aber jedenfalls noch köstlicher erscheinen würden, könnten wir sie mit eigenen Augen u Ohren genießen. An ihrer Vollkommenheit habe ich nie gezweifelt, die ist ja in besagten Zeitungen vollständig festgestellt.

Nun aber muß ich Dich noch auf ein’s aufmerksam machen. Du stehst im Begriff als junger Poet von Gottesgnaden in die Öffentlichkeit zu treten, Du beginnst mit einem LustspielWedekind hat die erste Fassung seines Lustspiels „Der Schnellmaler oder Kunst und Mammon. Große tragikomische Originalcharakterposse in drei Aufzügen“ (1889) am 23.4.1886 abgeschlossen und eine Aufführung in München angestrebt [vgl. KSA 2, S. 545]., was ja sehr klug gehandelt ist. Dieses Verfahren erinnert mich einigermaßen an das Vorgehen des jungen LessingGotthold Ephraim Lessing – der im 18. Jahrhundert bahnbrechende Dramatiker ist hier als historische Parallele zu Wedekind entworfen – begann seine schriftstellerische Laufbahn während seines Studiums in Leipzig mit Komödien, mit seinen Lustspielen „Damon, oder die wahre Freundschaft“ und „Der junge Gelehrte“ (beide 1747 geschrieben)., | nur mit dem Unterschied, daß sich bei jenem, aus seiner Studentenzeit reizende Briefe an seine SchwesterGotthold Ephraim Lessings Briefe an seine um zwei Jahre ältere Schwester Dorothea Salome Lessing; der erste erhaltene Brief an sie datiert vom 30.12.1743 (der Briefschreiber war da noch keine 16 Jahre alt). Erika Wedekind denkt an die während Lessings Studienzeit von ihm geschriebenen Briefe, die im späten 19. Jahrhundert in Werkausgaben gedruckt vorlagen. vord vorfinden die mit ihrer liebevollen Zartheit, u ihrer brüderlichen Herablassung uns sehr für den jungen Menschen einnehmen. Es würde sich nun gewiß, wenn später einmal deine Werke herausgegeben werden, gar nicht schlecht ausnehmen, wenn man darin auch einige Briefe an Deine Schwester entdecken könnte. Es ist dies nur eine gutgemeinte Bemerkung von mir, wenn Du glaubst sie sei unnöthig, Du werdest auch ohne Dies als glänzender Musensohn dastehen so wird mich dies natürenlich um so mehr freuen. ‒

Wir haben jetzt Ferien in denen es eigentlich entsetzlich langweilig ist, indessen hoffe ich mit Sehn|sucht auf Deine baldige Heimkehr,.

Nun lebenwohl lieber Baby
sei tausendmal gegrüßt
von Deiner Schwester
Mieze.


Ich schicke Dir hier noch mein BildDem Brief liegt die Fotografie nicht mehr bei. u hoffe, daß es dir einige Freude bereitet. Es ist zwar ziemlich geschmeichelt, zu dunkel gehalten.

Frank Wedekind schrieb am 9. Dezember 1886 in Kemptthal folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

Julius Maggi & Co.
Kemptthal, Schweiz.


Telephon.
Telegramm-Adresse:
Maggi, Kempthal.


den 9. December 1886.


Liebe Schwester,

Es thut mir herzlich Leid, daß ich dich gesternErika Wedekind dürfte ihren Bruder am 8.12.1886 angerufen haben, um ihn telefonisch zu fragen, ob er noch an diesem Tag vor 20 Uhr nach Zürich kommen könne. so angeschnauzt habe aber Herr M war im ContoirSchreibversehen, statt: Comptoir (frz.) = Handelsniederlassung. Wedekind ‒ nach dem heftigen Streit mit dem Vater ohne finanzielle Unterstützung von ihm – hat gleich nach dem telegrafischen Bescheid Julius Maggis vom 16.11.1886 eine Stelle als Vorsteher des Reklame- und Pressebüros der Firma Maggi & Co. in Kemptthal bei Zürich angetreten. gerade mit einem wichtigen Problem beschäftigt und es mir demnach nicht gut möglich, ein längeres vertrautes Gespräch zu führen. Ich hätte dich gerne gesehen, aber es war mir nicht möglich vor Abends 8 Uhr nach Zürich zu kommen. Meine herzlichen Grüße an Mama. Ich hätte schon lange geschrieben aber ich habe sehr viel zu thun. Ich lasse Mama danken für die verschiedenen Sendungen an Wäsche und Lebensmitteln; mein erstes Salair hab ich bereits bezogen und fühle mich demnach fürs erste geborgen. Ob ich um Weihnachten nach Hause komme weiß ich nicht. Im JanuarWedekind reiste im Auftrag von Julius Maggi am 26.1.1887 von Zürich ab nach Leipzig zur I. Internationalen Ausstellung für Kochkunst und Volksernährung. reis ich vielleicht für wenige Tage nach Leipzig, doch ist noch nichts bestimmt. Ob Ich kann dir nicht viel erzählen denn das Leben zwischen Zürich und Kemptthal ist ziemlich einförmig. Daß ich recht angenehm wohne mußt du ja gesehen haben. Denn die Lisettevermutlich Wedekinds Zimmermädchen in Zürich. sagte mir du seist dagewesen und lassest mich grüßen. Ich danke dir. | Ich habe mir vor einigen Tagen meinen Bart abnehmen lassen. Du würdest staunen, wenn ich jetzt vor dir erschiene, schön wie ApolloApollo, Sohn des Zeus, in der antiken Mythologie Gott der Künste und Wissenschaften, gilt in der Kulturgeschichte als schön. und zart und jugendlich wie GanymedGanymed, der von Zeus begehrte Sohn eines trojanischen Königs, gilt in der Kulturgeschichte als „von besonderer Schönheit“ [KSA 1/II, S. 1623]. Wedekind hat ein Gedicht „Ganymed“ [KSA 1/I, S. 178f.] geschrieben.. Außer Hammi seinen Bekannten hab ich noch viele Leute in Zürich gesehen, die früher mit mir auf der Schule waren. Aber die wenigsten erkennen mich wieder. Ich muß mich in München sehr verändert haben. Du wirst nun wohl unmäßig aufs ExamenErika Wedekind besuchte inzwischen die letzte Klasse im Aarauer Lehrerinnenseminar und im Frühjahr 1887 standen die Examensprüfungen an. zu büffeln, das wächst jetzt an und wächst bis im Frühling und wenn dann auf einmal alles vorüber ist wirst du dich sehr erleichtert fühlen. Ich lasse Mama auch für ihren lieben Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 22.11.1886. und die Büchse voll Kaffee herzlich danken. Ich habe mich wieder eingerichtet wie in München indem ich auf meiner Bude zu Nacht speise und dann in vorgerückterer Stunde noch ein bescheidenes Glas Bier trinke. Mama ist gewiß böse auf mich daß ich ihr so lange nicht geschrieben, aber ich habe noch niemandem geschrieben, auch Welti noch nicht. Wenn Du Frau Oschwald siehst so melde ihr meine ergebensten Grüße und es habe mir recht leid gethan nicht mehr Abschied von ihr haben nehmen zu können auch Frl Fannla laß’ ich mich empfehlen. An Tante Jahn meine besten Grüße. Sie wird nun auch wol dahinter | gekommen sein, was ich für ein Mitarbeiter bin. Lisa soll ja die Königin am CäcilienfesteDas diesjährige Cäcilienfest in Lenzburg dürfte am 21.11.1886 stattgefunden haben [vgl. Austermühl 1989, S. 413]. gewesen sein. Ich hätte sie gerne gesehen in der vollen Entfaltung ihrer bezaubernden Herrlichkeit. Wie geht es übrigens der Sophie Marti, der idealistischen Optimistin? Raucht sie noch immer so kümmeltürkisch? Und du selbst? Du tappst im Dunkeln umher und machst pessimistische Verse. Aber die Poesie des Pessimismus ist die Lebensfreude, die lauterste ungetrübteste Lebensfreude. Wer den Tag über am Karren zieht, der geht des Abends in die Komödie, nicht ins Trauerspiel.

Jetzt will ich schließen. Also grüße Alle zusammen recht herzlich von mir, vor allem Mama und sei selber gegrüßt und geküßt von deinem treuen Bruder Franklin

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 8. Mai 1887 in Lausanne
an Frank Wedekind

Lausanne 8. Mai 87.


Mein lieber Beby!

Es hat mich sehr gefreut als Mamma mir schrieb du habest mit einem Feuilleton so großes Aufsehen gemacht. Ich gratuliere dir auch aus Herzens Agrund u wünsche diesem Feuilleton„Der Witz und seine Sippe. Betrachtungen von Franklin Wedekind“ [vgl. KSA 5/II, S. 82-93] war Wedekinds erstes Feuilleton in der „Neuen Zürcher Zeitung“ [vgl. KSA 5/III, S. 204-208] und ist dort als dreiteiliger Fortsetzungsabdruck vom 4. bis 6.5.1887 in der Rubrik „Feuilleton“ erschienen. eine große Nachfolgerschaft, denn daß du jetzt immer mehr und besseres liefern wirst ist doch selbstverständlich du thätest mir einen großen Gefallen, wenn du mir ein Exemplar schicktest oder wenn | Du selbst zu faul bist, sage es C. H.Carl Henckell (mit Schreibvariante des Vornamens). Er wohnte wie Wedekind in Zürich. Erika Wedekind und Karl Henckell verlobten sich am 29.5.1887, die Verlobung wurde aber „bald darauf wieder gelöst“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 123]. er ist vielleicht schon so gut. Ich würde mich sehr freuen. Wenn du Hammi siehst so sage ich lasse ihn grüßen und ob er meinen Brief erhalten habe. An EinSchreibversehen, statt: Eine. Antwort von ihm wäre mir recht willkommen wenn ihn nicht sein StudiumArmin Wedekind (Hammi), der ältere Bruder, studierte seinerzeit an der Universität Zürich Medizin und war im Sommersemester 1887 im Begriff, sein medizinisches Examen abzulegen. dw zu sehr in Anspruch N/n/immt. Auch von dir möchte ich wohl einmal ein Brieflein wünschen, du würdest mir eine große Freude machen auch mit den wenigsten Zeilen.

Nun aber lebwohl u nimm viel herzliche Grüße von
deiner dich liebenden Schwester
Fr.Frieda Marianne Erika Wedekind (Mieze) benutzt hier ihren ersten Vornamen als Rufnamen.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 26. Juni 1887 in Lausanne folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lausanne 26. Juni 1887.


Mein lieber Bebi!

Ich denke Du wirst es mir nicht übel nehmen wenn ich dir auch einmal schreibe, ich hätte es schon lange gethan aber da ich bis jetzt noch niemals eine Antwort auf irgend einen meiner Briefe von Dir erhielt wollte ich mich erst noch ein wenig besinnen. Im übrigen wirst du auch von Mamma etwa gehört haben wie es mir gehtErika Wedekind war nach ihrem bestandenen Lehrerinnenexamen in Aarau seit Frühjahr 1887 in dem von Louise Duplan (geb. Gaudard) nach dem Tod ihres Mannes (einem Pfarrer) 1870 gegründeten und seitdem von ihr geleiteten Mädchenpensionat in der Villa „Le Verger“ in Lausanne [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 30]. und was wir treiben. Wir haben auch bisweilen, ein recht interessantes Leben. So bekam ich letzthin die/en/ liebenswürdigen BesuchWedekind kannte Emile Daniel Gros, der 1884 während seiner Zeit in Lausanne sein Vermieter war. von monsieur Groß. Er kam grade vor dem Nachtessen an u erweckte natürlich die Neugierder der ganzen Pension. Hanny u Fanny HünerwadelUnternehmerfamilie aus Lenzburg. promenirten vor den Salonfenstern u mademoiselle gukte zum Schlüßelloch herein. Madame | hätte auch gern was gehört u ärgerte sich über unsere leise Unterhaltung obschon sie gewöhnlich sagt man könne sich es vor Lärm nicht aushalten in einem Zimmer, wo zwei oder drei Deutsche beieinander seien Wir, natürlich amüsirten uns sehr dabei u ich lud H. G. ein doch etwa Sonntags Nachmittag herzukommen, was er mir denn auch mit dem größten Vergnügen versprach. Am Sonntag bekam ich dann eine reizende Bonbonière(frz.), auch: Bonbonniere; ansprechend aufgemachte Schachtel mit Süßigkeiten. von ihm als Entschädigung für das kalte Nachtessen. Wir v/f/iell/e/n natürlich aller darüber her und unsere StetinerinSchreibversehen, statt: Stettinerin; vermutlich die Pensionsschülerin Josephine Brunnckow, die Erika Wedekind im Herbst und Winter 1888/89 in Stettin (Grabowerstraße 34, 2. Stock) besuchte [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 139; 319]. predendirteSchreibversehen, statt: prätendierte (prätendieren = einen Anspruch erheben). immer sich mit einem „Frachtwagen“ein mit Gütern beladener Wagen; hier vermutlich verballhornend zitiert. Gesagt wurde von der jungen Frau aus Stettin möglicherweise mit dialektalem Anklang etwas anderes, etwa: Fruchtwagen = „ein mit frucht beladener wagen“ [DWB, Bd. 4, Sp. 280] im Sinne von: Behälter mit süßen Früchten. bedienen zu wollen. Auch Madame geruhte sich zu servieren u ein reizendes Erdbeerbonbon machte ihre Stimmung gegen Herrn Groß ganz süß u wohlwollend. Diese Woche hatten wir das Vergnügen eines Abend einer MethodistensitzungIn Lausanne war 1840 die erste methodistische Gemeinde der Schweiz gegründet worden, jene vom Missionsgedanken geprägte evangelische Freikirche der Methodisten. beizuwohnen in welcher über die „Mission“! gepredigt wurde. Besonders gut gefiel mir | ein Pastor den man nur so hätte nehmen können u in den Tempel zu Jerusalem als Pharisäereigentlich eine Gruppe des Judentums in der Antike; im christlichen Neuen Testament Synonym für Heuchler. stellen, er hätte sich brillant ausgenommen. Im übrigen wä/a/r dar/s/ Ganze eine große Bettelei u das schönste von allem das Schlußgebet in welches alle 10 oder 12 Missionäre u Pfarrherrn hineinschwatzten mit einer weinerlichen Stimme zum Davonlaufen.

Soeben haben wir mein Photographiealbum betrachtet. Ihr erregt wirklich großes Aufsehen u uns mademoiselle Groß unsere mehr oder weniger überschnappte Gouvernante weiß noch nicht recht ob sie dich oder Hammi vorziehen soll.

In vierzehn Tagen zieht Hanny Jahn nach Hause u ich möchte am liebsten mitreisen Ich denke ihr werdet dann auch auf das Jugendfest nach Hause kommen u euch recht fidel machen. Dann lernst auch Fräulein Gugel kennen lernen die ein ganz drolliges Geschöpf sein soll, vielleicht nicht deine Passion weil du | eher die ein wenig raffinirten jungen Damen vorziehst u das soll sie durchaus nicht sein. Und nun noch eines wie geht es Hammi in seinem Examen, ich hoffe er hat diesmal ein wenig mehr Glück als das letzte u bin sehr gespannt wie es steht! Und nun lebwohl mein lieber Bebi, wenn du mich v d.h. etwa Moneten(umgangssprachlich) Geld. oder sowas nöthig hast so kannst du mir nur schreiben ich werde Dir gleich schicken im übrigen finde ich trägs/t/ eine sogenannte „Pechperiode“Wedekind hat sich in seinem letzten Brief an die Mutter als „Pechvogel“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 10.6.1887] bezeichnet. im Leben eines Schriftsteller nur zu dessen Ruhm bei u macht denselben ganz besonders bei den Damen beliebt u sympathisch! Das kann ich dir auf Erfahrung sagen u nun nun nimm noch einen herzlichen Gruß u Kuß von deiner
dich liebenden Schwester
Frieda


Viele herzliche Grüße an den lieben Hammi.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 23. Juli 1889 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Frieda


Lenzburg 23. Juli 1889.


Mein lieber Bebi!

Zwar wird dieser BriefWedekind notierte am 25.7.1889 im Tagebuch: „Brief von Mieze. Frl. Mink ist zu Haus als Pensionärin. Desgleichen mehrere Engländerinnen. Willi will nächste Woche Hochzeit halten. Er hatte eigentlich vor mich als Pfarrer kommen zu lassen. Nun will er aber doch die hergebrachten Pfade wandeln.“ wahrscheinlich seinen Zweck verfehlen, insofern jedenfalls, als er zu deinem GeburtstageWedekind feierte am 24.7.1889 seinen 25. Geburtstag. zu spät kommt, doch lasse ich mich dadurch nicht entmuthigen. Ich würde dir gern früher geschrieben haben, kam aber vor lauter ArbeitNach dem Tod von Friedrich Wilhelm Wedekind am 11.10.1888 betrieb seine Witwe „auf Schloss Lenzburg eine Pension für Feriengäste, um zusätzlich Einkünfte für sich und die Familie zu erzielen, solange das Schloss noch nicht verkauft war.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 136] Emilie Wedekind hatte bei der Gemeinde Lenzburg die Bewilligung einer Sommerwirtschaft auf Schloss Lenzburg beantragt, die am 28.12.1888 genehmigt wurde [vgl. ebd.], und beherbergte nun Pensionsgäste, was viel weitere Arbeit bedeutete, bei der sie von ihrer Tochter unterstützt wurde. wirklich nicht dazu. Also vor allem, nimm unser aller allerherzlichste Glückwünsche, vor allem den einen Wunsch, daß sich deine Hoffnungen und Erwartungen von deinem MünchnerlebenWedekind hatte Berlin verlassen müssen und war seit dem 5.7.1889 wieder in München. und besonders von deinem Schaffen in vollen Maße erfüllen möchten und daß du recht bald eine Lebensstellung finden mögest, die so recht deinen Ansprüchen, sowohl wie deinen Kräften entspräche. Doch genug davon, hoffentlich feierst du einen recht fröhlichen Geburtstag und denkst dabei auch ein bißchen an uns, die wir so gerne bei dir sein möchten. Was treibst jetzt eigent|lich den ganzen Tag. Stehst du auch erst um 12 Uhr auf und gehst um 5 zu Bett? Wir haben jetzt eine Pensionärin die sich in ähnlicher Weise geriert, nämlich Frl. MinkPensionsgast auf Schloss Lenzburg, nicht näher identifiziert; ihr Name in anderen Korrespondenzstücken auch: Minck, nachweisen ließ sich eine Konzertsängerin dieses Namens [vgl. Hannoverscher Courier, Jg. 42, Nr. 19743, 22.10.1895, Abend-Ausgabe, S. 2]. eine auch dir sehr wohlbekannte Dame. Sie meinte letzthin du hättest auch einen eigenen Geschmack, den hätte sie kennen gelernt, bei deiner Schwärmerei für die „schmierige“ Dora SauerDie Sängerin und Schauspielerin Dora Sauer aus Freiberg gehörte zu Wedekinds „Idealen“ [Wedekind an Minna von Greyerz, 26.7.1889]. Sie war der Presse zufolge am Hoftheater in Kassel engagiert: „Die zur Sängerin am Kgl. Konservatorium in Dresden ausgebildete, [...] bekannte takentvolle Schülerin des Herrn Prof. Scharfe, Frl. Dora Sauer, welche sich bei den letzte Prüfungs-Aufführungen vorzüglich bewährte, ist vom 1. Oktober d. J. an auf 9 Jahre für das Kgl. Hoftheater in Kassel verpflichtet worden. Sie soll dort als Opernsoubrette und Schauspielerin thätig sein.“ [Freiberger Anzeiger und Tageblatt, Nr. 201, 31.8.1887, S. 4] Im Neuen Theater-Almanach ist sie erstmals 1909 für ein Berliner Ensemble verzeichnet [vgl. Neuer Theater-Almanach 1909, S. 307].! Du scheinest dich ja noch immer sehr lebhaft für jene zu interessieren, da du keine Ruhe gehabt habest, bis du ihren jetzigen Aufenthaltsort erfahren hättest. Die Mink ist übrigens eine ziemlich unbehagliche, höchst anspruchsvolle und launische Person die durchaus keinen Reiz hat, als ihre scharfe, böse Zunge auf die sie sich allerdings sehr fi viel einbildet und s die sie an jeglichem ihr unter die Augen tretenden armen Erdenwurm weidlich wetzt. Sie ist seit 8 Tagen bei uns und will d vielleicht den ganzen Winter hier bleiben. Außerdem haben wir die Mutter von Frau Apotheker von GreyerzLuise Maria Welti, aus Bern stammend, in Lenzburg lebend, Tochter von Anna Locher aus Zürich, findet sich als „Fr. Apotheker von Greyerz v. Bern, in Lenzburg“ [Familienbuch der Bürger der Stadt Zürich auf Herbst 1889, S. 567] bezeichnet. und Frau Welti von Zürich mit 2 Lausannerenkelkindernzwei Enkelkinder von Anna Locher, die beiden Kinder von Luise Maria Weltis Stiefbruder in Lausanne [vgl. Familienbuch der Bürger der Stadt Zürich auf Herbst 1889, S. 567]. und eine Amerikanerin mit Sohn und Tochter bei uns. Bei Tisch wird meistens Französisch gesprochen, da die Amerikaner | gar kein Deutsch sprechen. An dieser Familie würdest übrigens Du speziell gewiß sehr große Freude haben. Sie spielen nämlich alle die Mandoline und Gitarre und geben dann reizende Trios mit 2 Mandolinen und 1 Gitarre echt italienischer Musik, denn sie haben es letztes Jahr in Florenz gelernt, zum besten, so daß wir immer alle ganz entzückt sind. Letzten FreitagDas diesjährige Jugendfest in Lenzburg fand am 19.7.1889 statt., gerade am Jugendfest, kam auch noch Onkel TheodorTheodor Wedekind, Landgerichtsrat in Göttingen und „Familiensyndikus“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 72], war Friedrich Wilhelm Wedekinds Bruder. und blieb bis gestern früh. Er war sehr nett, viel fröhlicher, als wir erwartet, erzählte immerfort AnnektötchenVerballhornung oder Schreibversehen, statt: Anekdötchen (kleine Anekdoten). und unterhielt sich besonders gern mit unseren Damen. Am Jugendfest mußte ich in der Kirche singen und zwar die Arie Mein fröhliches HerzeGemeint sein dürfte die Sopran-Arie (2. Satz; Text 1728 von Christiana Mariana von Ziegler) aus Johann Sebastian Bachs Pfingstkantate „Also hat Gott die Welt geliebt“ (1725): „Mein gläubiges Herze, / Frohlocke, sing, scherze, / Dein Jesus ist da! / Weg Jammer, weg Klagen, / Ich will euch nur sagen: / Mein Jesus ist nah.“ etc. Es gieng ganz gut. Abends giengen Willy und Anna zum Ball, ich jedoch blieb zu Hause. In nächsten Tagen feiern wir nun ihre HochzeitWilliam Wedekind und Anna Kammerer heirateten am 25.7.1889 in Zürich. und da hätte Willy dich furchtbar gern dazu kommen lassen und zwar anstatt eines Pastoren, er meinte nämlich, du könnest ihn grade so gut trauen und die Festrede halten, wie unser Pfarrer. Jetzt hat er sich aber doch entschlossen, es ähnlich zu machen wie Hammi. Es kommt | natürlich niemand, als wir Familienglieder und ich weiß bis jetzt wirklich noch nicht recht wie wir aus unserer Pension für den Tag loskommen. Apropos, thu mir oder vielmehr uns den Gefallen und laß dich doch so bald wie möglich photographieren, wir haben gar kein Bild mehr von dir und sollten an Mati welche schicken und Willy welche mit nach AfrikaWilliam Wedekind und seine Frau Anna wanderten noch 1889 nach Südafrika aus, wo er sich zunächst als Farmer niederließ; er „machte dann Karriere als Eisenbahnbeamter und vertrat als Schweizer Konsul die Interessen seinen Ursprungslandes.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19] geben. Wenn du irgend kannst, so thu es doch bitte! Letzhin war auch Herr GroßEmile Daniel Gros aus Lausanne, der 1884 während Wedekinds Zeit in Lausanne sein Vermieter war. wieder mal hier, er läßt dich schön grüßen und schickte mir heute ein kleines, reizendes Nadelkissen in Form vom Eifelthurm aus Paris. Doch jetzt liebster Bebi muß ich schließen, ich würde mich sehr freuen wenn du auch einmal ein par Zeilen für mich und nicht nur immer für Minna übrig hättest. Nimm noch einmal viel Grüße von allen und eine TuppiKüsschen.
von deiner
Mietze


Mamma würde dir selbst geschrieben haben aber sie hat wirklich keine Zeit!

Frank Wedekind schrieb am 3. August 1889 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 3.8.1889 in München:]


Briefe an Mieze und Mati.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 22. September 1889 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lenzburg 22. Sept. 1889.


Mein lieber Bebi!

Du wirst dich wohl ein bischen gewundert haben über unser langes Stillschweigen, aber wir hatten immer alle Hände voll zu thun, so daß kaum eines von uns dazu kam einen Brief zu schreiben. Jetzt, Gottlob ist das Ärgste vorbei, wir haben nur noch Frl MinkDie Wedekind bekannte Dame war seit rund zwei Monaten Pensionsgast auf Schloss Lenzburg [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1889]. bei uns, die sehr nett ist und und/s/ sogar hie und da selbst an die Hand geht und hilft. Mamma war eigentlich ein bischen ungehalten über dich, weßhalb sie dir auch bis jetzt um so eher nicht geschrieben hat. Hammi und Emma waren nämlich 14 Tage zu Hause, wobei Emma den armen Jungen gegen unsere Pensionäre„Wedekinds Mutter betrieb nach dem Tod ihres Mannes auf Schloss Lenzburg eine Pension für Feriengäste, um zusätzlich Einkünfte für sich und die Familie zu erzielen, solange das Schloss noch nicht verkauft war.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 136], speziell gegen Frl Mink, die eben mit Mamma auf sehr gutem Fuße stand, aufhetzte, so daß Hammi einmal herausplatzte und die/er/ Scandal los gieng. Während der höchsten Spannung | nun kam dein Brief an Hamminicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Armin Wedekind, 19.8.1889. mit deinen sarkastischen Bemerkungen über den Schanzenabbruch„Im Jahr 1889 waren diverse Restaurierungsarbeiten, [...] auch an der Schanze, dem Befestigungswerk auf Schloss Lenzburg, notwendig geworden. Im Zuge dieser Arbeiten beschloss die Gemeinde Lenzburg, den Schlossfelsen wegen eines möglichen Absturzes untersuchen zu lassen“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 149], wobei diese am 26.2.1890 abgeschlossenen Untersuchungen ergaben, ein Abbruch der Schanze sei nötig, was wiederum zum Streit zwischen Emilie Wedekind und der Stadt Lenzburg führte [vgl. ebd.]. Wedekind hat von dem schon vorher zur Debatte stehenden Plan, die Schanze auf Schloss Lenzburg abzureißen, durch einen am 15.8.1889 erhaltenen Brief seiner jüngeren Schwester erfahren [vgl. Emilie (Mati) Wedekind an Frank Wedekind, 11.8.1889]., die dann Hammi mit größtem Wohlbehagen auftischte und dabei sich dir vollkommen anschloß, wenngleich er sonst gerade immer bei dir den Grund zu aller Disharmonie zwischen uns und Emma sucht. Emma ist nämlich zu schlau, sie benutzt jetzt die Zeit da sie in anderen Umständen ist, Hammi gegen uns zu hetzen soviel wiel möglich, allen alten Kram vor ihrer VerlobungszeitSie begann im Frühjahr 1888 [vgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 7.5.1888] und endete mit der Heirat von Armin Wedekind und Emma Frey am 21.3.1889. her hervorzuholen und uns zum Vorwurf zu machen, natürlich mit dem sicheren Bewußtsein, daß man aus Rücksicht gegen sie, ihr jede Aufregung ersparen muß und Hammi demnach alles allein aushalten muß. Er hat mir letzthin, als ich in Zürich war dermaßen zugesetzt, daß ich ihm meine volle klare Meinung über Emma sagte, nämlich daß ich sie als eine rafinirte, kluge, berechnete Schlange ha ansehe, mit der zu conkurieren weder Mamma noch mir selbst möglich sei. Zwischen Mamma und ihnen ist die Sache dahin gediehen, | daß Mamma nicht mehr nach Zürich geht und daß uns sehr wahrscheinlich Emma diesen Winter auch nicht mehr besuchen wird. Bei alle dem dauert mich Hammi unendlich, denn er ist jetzt auf dem Punkt der Erkenntniß angekommen, und doch gerade jetzt in der Aussicht, in einigen Monaten Vater zu werdenDas erste Kind von Armin Wedekind und seiner Frau Emma wurde am 9.1.1890 geboren (ein Sohn)., dermaßen von seiner Frau moralisch geknebelt, daß er sich nicht rühren kann. Er hat mich bei unserer letzten Unterredung ganz unendlich gedauert denn dabei erkannte ich erst recht seinen Seelenkampf und seine innere Unbefriedigung. Wir werden jetzt einen sehr stillen Winter vor uns haben und wenn ich dich in Mammas Sinn um etwas bitten dürfte, so wäre es, daß du einmal nach Hause kämest. Sie selbst hat mir zwar verboten dir davon zu schreiben, aber sie würde sich doch furchtbar darüber freuen, denn sie hat jetzt doch gar Niemand, als mich und ich selbst habe das Gefühl, daß ich ihr bisweilen ein bischen langweilig, das heißt eben nicht mehr neu bin, dafür würde ihr ein näherer Verkehr mit dir, dem geistigen Oberhaupt un|serer Familie sehr gut thun. Zu Weihnachten kommt dann auch die dicke Emilie, die uns allen wieder sehr viel Spaß machen wird. Von Doda haben wir schon lange keine Nachrichten mehr, der beste Beweis, daß es ihm gut geht. Willy und Anna schrieben uns zuletzt von Madeira aus, jetzt werden sie wohl schon an Ort und StelleWilliam Wedekind und seine Frau Anna waren nach Südafrika ausgewandert, wo er sich zunächst als Farmer niederließ; er „machte dann Karriere als Eisenbahnbeamter und vertrat als Schweizer Konsul die Interessen seinen Ursprungslandes.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 19] sein. Es ist merkwürdig den Contrast zu beobachten zwischen unseren beiden Ehelpaaren, ich glaube sogar Hammi selbst hat ihn am allermeisten gefühlt, denn er war an der HochzeitWilliam Wedekind und seine Cousine Anna Kammerer hatten am 25.7.1889 in Zürich geheiratet, bevor sie sich bald darauf auf ihre Reise nach Südafrika begaben. dermaßen in Anna verliebt, daß Emma immer steifer und unbehalglicher wurde. Anna sah übrigens auch entzückend aus, sie erinnerte uns alle, an eine HaihnnixeEine Nixe (Wasserjungfrau) in einem Hain (Wäldchen) war im Fin de Siècle ikonographisch ein beliebtes Motiv.! Was nun aus deinen versprochenen Photographien geworden ist, möchte ich wohl wissen, wenn sie nicht vorhanden ist, so tröste uns doch recht bald einmal mit dem Original!!

Mit 1000 Grüßen deine
Mieze.

Frank Wedekind schrieb am 5. Oktober 1889 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Postkarte an Emile Wedekind vom 12.10.1889 aus München:]


Hat denn Mieze meinen Brief

Letzte Woche nicht bekommen [...]


[2. Hinweis in Erika Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 16.10.1889 aus Lenzburg:]


Ich [...] habe Deinen Brief gelesen [...]


[3. Hinweis in Minna von Greyerz Brief an Wedekind vom 13.11.1889 aus Lenzburg:]


Schon längst mal sagte mir Mietze, ich möchte Dir doch schreiben, denn Du habest diesen Wunsch in ihrem Briefe ausgesprochen [...] Mietze teilte mir mit, Du ließest mir sagen [...]

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 16. Oktober 1889 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lenzburg 16. Oktober 1889.


Mein lieber Bebi!

Deinn Klagegesangvgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 12.10.1889. Die Bitte um Socken auf der Postkarte ist in Verse gefasst. hat uns ergriffen und die Socken werden jetzt wohl schon in deinen Händen oder besser gesagt an deinen PlätteisenBügeleisen; hier wohl scherzhaft: Füße. ruhen. Mamma hat einen Brief für dich angefangen wann derselbe jedoch seinen Abschluß finden wird, das wissen die Götter. Ich selbst habe deinen Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Erika Wedekind, 5.10.1889. gelesen, mit getheiltem Vergnügen, denn die Passage wegen Minna hättest du ihr füglich selber schreiben können, da ich ja doch keinen Hochschein davon habe(schweiz.) keine Ahnung davon habe, worum es sich handelt. Uebrigens will ich dir nur sagen, daß Minna und ich wieder in ziemlicher Fehde begriffen sind. Sie ist natürlich nie offen und wahr, das kennt man ja an ihr und mit der größten Liebenswürdigkeit sucht sie einem die Würmer aus der Nase zu ziehen. Na sie behauptet ja immer | sie und nur sie allein könne dich verstehen und wisse mit dir zu verkehren. Mamma und ich wären eben doch nicht im Stande, das zu thun. Ich hatte allerdings bis jetzt eine höhere Meinung von dir und deinem Geist und Genie, als daß eine kleinliche Intrigantin wie es Minna ist, allein im Stande wäre, dich zu erfassen. Nun meinetwegen könnt ihr soviel „schöngeistige“ Geheimnisse haben wie ihr wollt, aber dann brauchst du deine Schwester, die dir sonst doch nichts bit/e/ten kann auch nicht mit unklaren, mystischen Aufträgen an deine Auserkorenen zu belästigen. Ich habe keine Lust irgend etwas von l eurem intimen, unbeschminkten Verkehr zu wissen und wäre sehr glücklich wenn auch Minna ihren zuckersüßen cokett-lächelnden und wahre, heiße lüsterne Küße gebenden Mund über mich und meine Verhältnisse zu halten vermöchte. Wir haben, wie du ja wohl weißt Frl MinkDie Wedekind bekannte Dame war seit vielen Wochen Pensionsgast auf Schloss Lenzburg [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.7.1889 und 22.9.1889]. | bei uns. Nun hat Minna entsetzlich Angst du könntest nach Hause kommen um allenfalls an diesem allerdings geistreichen gehaltvollen und großdenkenden Wesen Gefallen finden, daher ergeht sie sich in letzter Zeit uns und ihr gegenüber in solch kleinlichen, stellenweise sogar ordinären Eifersüchteleien und Intrigien, daß einem bisweilen die Galle überläuft. Dieses zur a Aufklärung, deine Minna wird natürlich nicht ermangeln dir über uns in wohlgesetzten, fein gedrechselten Worten ein bischen zu schimpfen und ein wenig Gift zu streuen. Gustav ist sehr verliebt in Minna und sie coketiert mit ihm ganz gewaltig aber immer so schlau, daß er es nicht wagt sich ihr auszusprechen und sie wird es auch nie dahin kommen lassen, denn sie hofft im Grunde ihres Herzens immer auf ihren edlen Bebi, der d nach allen Stürmen der verlockenden gleißenden Welt, des sybaritischen Lebensein genusssüchtig schwelgerisches Leben., | doch endlich den Weg zurückfinden wird, zu dem einzigen Wesen, was sich an Geist an seelischer Größe an Talent und Schönheit ihm an die Seite stellen kann. Nun ja wenn ihre Hoffnungen noch recht lange genährt und sie infolge dessen noch aufgeblasener, intriganter und selbstbewußter wird, so wünsche ich euch beiden nichts mehr als eine Vereinigung, denn das ist das einzige Mittel um sie Minna wenigstens zu einem vernünftigen, Mens wahren Menschen zu gestalten!

Indem ich dir viel tausend Grüße und eineSchreibversehen, statt: einen. Kuß auf Gnade oder Ungnade zu schicken wage, verbleibe ich deine kleine sehr, sehr unbedeutende ihre Nichtigkeit durchaus fühlende Schwester
Mieze.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 20. September 1890 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lenzburg 20. Sept 1890.


Lieber Bebi!

Ich habe mich entschlossen für diesen Winter an ein Conservatorium zu gehen um noch ein wenig zu studierenErika Wedekind nahm ein Gesangsstudium dann nicht in München, sondern in Dresden auf.. Zu diesem Zweck möchte ich gern nach München kommen und ersuche dich deßhalb mir wenn möglich nächster Tage einen Prospect und die Statuten zuzusenden besonders weil ich wissen muß wann das Wintersemester anfängt und wann die Aufnahmsprüfungen sind. Hoffentlich ist dir | dieser mein Plan nicht unangenehm, ich selbst freue mich sehr Dich dort zu treffen und ist der/a/s viel der Grund weßhalb ich München ausgewählt habe, weil ich denke du könntest mir im Anfang wohl ein bischen an die Hand gehen.

Indem ich auf eine recht baldige günstige Antwort warte
grüßt dich herzlichst
deine Mieze

Frank Wedekind schrieb am 23. September 1890 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 23.9.1890 in München (Nachtrag):]


23. Sept. BriefWedekinds nicht überlieferter Brief war eine von der Schwester erbetene Antwort [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 20.9.1890]. [...] an Mieze.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 6. Dezember 1890 in Lenzburg folgende Postkarte
an Frank Wedekind

‒ Carte postale. ‒
Union postale universelle. ‒ Weltpostverein. ‒ Unione postale universale.
SUISSE. SCHWEIZ. SVIZZERA.


Nur für die Adresse.
Côté réservé à l’adresse.
Lato riservato all’ indirizzo.


Herrn Franklin Wedekind
Akademiestrasse 21 III.Laut Meldebogen war Wedekind seit dem 11.5.1890 im gleichen Haus in die Parterrewohnung umgezogen [vgl. EWK/PMB].
München. |


Lenzburg 6. Dez 1890.


L. B.

Auf meiner Reise an das Dresdener ConservatoriumErika Wedekind nahm Ende 1890 am Königlichen Konservatorium für Musik in Dresden ein Gesangsstudium auf. komme ich Sonntag den 7. Dez. Abends 7 Uhr 45. in München an, und gedenke, falls Du einverstanden bist, einige Tage dort zu bleiben. Ich möchte dich nun ersuchen mir ein Zimmer gleichviel wo. zu besorgen und mich an der Bahn abzuholen!

Mit vielherzlichen Grüßen
deine Mietze.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 12. Dezember 1890 in Dresden folgende Postkarte
an Frank Wedekind

Königreich Bayern.
POSTKARTE.


An Herrn Franklin Wedekind
Akademiestrasse 21.
in München. |


Dresden 12. Dez. 1890.

Pension MehringDie Pension in der Struvestraße 16 (2. und 3. Stock) in Dresden wurde von der Pastorenwitwe Louise (Amalie Louise Dorothee Wilhelmine) Mehring (geb. König) und ihren bei ihr wohnenden Töchtern, den Sprachlehrerinnen Maria Magdalena (Wilhelmine Berta Maria Magdalena) und Emma (Martha Maria Ernestine Antonie Emma) Mehring, betrieben [vgl. Wohnungs- und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1890, Teil I, S. 380, 1150]. Struvestr. 16.


L. B.

Vor allen Dingen laß mich dir noch vielmals danken für die schönen Tage in MünchenErika Wedekind war am 7.12.1890 auf der Durchreise von Lenzburg nach Dresden bei ihrem Bruder in München für einige Tage eingetroffen [vgl. Erika Wedekind an Frank Wedekind, 6.12.1890]., im Anfang war ich zwar ein bischen traurig aber ich hoffe daß du mir das nicht nachtragen wirst. Wie ich hieher kam hoffte ich Nachrichten v Mamma vorzufinden, jedoch vergebens, und habe ich bis heute noch keinen Brief bekommen, was mich nicht wenig beunruhigt. Die Reise gieng recht gut und verhältnißmäßig rasch von Statten. Hier gefällt es mir recht gut, und ich kenne mich schon recht ordentlich aus. Heute spazierte ich bis zum Conservatorium was sehr unschön gelegenDas Königliche Konservatorium für Musik in Dresden, wo Erika Wedekind ein Gesangsstudium aufnahm, lag in der Landhaustraße 6 (2. Stock) [vgl. Wohnungs- und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1890, Teil II, S. 104]. und ein drekiger alter Bau ist. Gestern AbendErika Wedekind besuchte am 11.12.1890 im Königlichen Hoftheater in Dresden die 237. Vorstellung von Richard Wagners „Tannhäuser und Der Sängerkrieg auf Wartburg“ in „der neuen Bearbeitung“ [Dresdner Nachrichten, Jg. 35, Nr. 345, 11.12.1890, S. (6)] – Therese Malten, Kammersängerin an der Dresdner Hofoper [vgl. Neuer Theater-Almanach für das Jahr 1890, S. 66], spielte die Rolle der Elisabeth. war ich im Tannhäuser, leider ein bischen zu hoch gerathen 4. Rang 6 Reihe dennoch fand ich es ganz himmlisch wie diese Malten sie singt wie eine Göttin und spielt ganz hinreißend. Die übrige Besetzung war auch sehr gut und die Ausstattung feenhaft schön! Bitte schreibe mir doch bald mal und schicke mir das Billet an die HerzogWedekind sollte offenbar für seine Schwester eine Empfehlung schreiben an Emilie Herzog, Sängerin am Königlichen Opernhaus in Berlin und Gattin von Wedekinds Freund Heinrich Welti.. Mit 1000 Grüßen deine
Mieze.


[Seite 2 oben um 180 Grad gedreht:]

Hast du Mamma geschriebenvgl. Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 29.12.1890.?

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 14. April 1891 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind , Frank Wedekind , Frank Wedekind , Frank Wedekind , Frank Wedekind , Frank Wedekind

[Hinweis und Referat in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 18.4.1891 aus München:]


[...] beiliegend die Vollmacht die ich vor drei Tagen von Mieze zugeschickt erhielt. [...] Mieze schreibt mir in Begleit des Documentes nur wenige Worte. […] Die Nachricht, daß sie am eidgenössigen Sängerfest mitwirken wird hat mich sehr gefreut.

Frank Wedekind schrieb am 7. November 1892 in Paris folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 7.1.1893 aus Paris:]


Ich bitte Mieze noch herzlich dafür zu danken, daß sie vor zwei Monaten so bereitwillig und rasch auf meine BitteHinweis auf das nicht überlieferte, hier erschlossene Korrespondenzstück. eingegangen.


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 24.1.1893 aus Paris:]


[...] seinerzeit meiner an Mieze gerichteten | Bitte [...]


[3. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Armin Wedekind vom 25.2.1893 aus Paris:]


[…] daß ich […] Anfang Winters […] Mieze darum gebeten […]

Frank Wedekind schrieb am 14. November 1892 in Paris folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind , Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 7.1.1893 aus Paris:]


Ich bitte Mieze [...] dafür zu danken, daß sie vor zwei Monaten so [...] rasch auf meine Bitte eingegangen. Ich wollte ihr damals sofort dafür danken, habe auch damit angefangen. Der Brief ist aber leider unvollendet liegen geblieben.

Frank Wedekind schrieb am 22. Dezember 1893 in Paris folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Donald Wedekind vom 4.1.1894 aus Paris:]


Ich habe Mieze zwei Bücher [...] zu Weihnachten geschickt.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 10. Juli 1894 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Donald Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 8.8.1894 aus Veyrier:]


Mieze […] läßt […] sich sehr entschuldigen, daß sie Hami Mitteilung von der Geldsendung machte aber sie war gezwungen es zu tun | indem sie sonst das Geld dir nicht sofort hätte zukommen lassen.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 30. Juli 1895 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 2.8.1895 aus Zürich:]


Das ist das, was Mieze in ihrem Brief an mich einen moralischen Sumpf nennt.

Frank Wedekind schrieb am 10. Dezember 1895 in Zürich folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 22.12.1895 aus Zürich:]


Ich habe Mieze zwei Briefeder hier erschlossene Brief und ein weiteres nicht überliefertes Korrespondenzstück [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 15.12.1895]. geschrieben […]

Frank Wedekind schrieb am 15. Dezember 1895 in Zürich folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 22.12.1895 aus Zürich:]


Ich habe Mieze zwei Briefeder hier erschlossene Brief und ein weiteres nicht überliefertes Korrespondenzstück [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 10.12.1895]. geschrieben […]

Frank Wedekind schrieb am 5. Januar 1898 in Leipzig folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

Liebe Mieze,

ich wäre dir sehr dankbar, wenn Du mir für den laufenden Monat noch eine Unterstützung zutheil werden ließest. Vergangnen Monat hast Du mir hu 100 Mk geschickt. Dazu habe ich mir aber 250 Mk verdient, 200 Mk für GedichteWedekind schrieb seit 1896 kontinuierlich für Albert Langens „Simplicissimus“ Gedichte [vgl. KSA 1/II, S. 2234f.]. und 50 für meinen VortragDer Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft in Leipzig hatte Wedekind 50 Mark Honorar angeboten [vgl. Kurt Martens an Wedekind, 9.10.1897]. Wedekinds Lesung am 26.11.1897 in Leipzig auf Einladung der Literarischen Gesellschaft [vgl. Vinçon 2014, S. 123f.] war als deren erste Veranstaltung der neuen Saison annonciert: „Litterarische Gesellschaft in Leipzig. Freitag den 26. November pünktlich 8 Uhr I. Gesellschafts-Abend im oberen Saale des Hotels de Pologne. I. Teil. Vortrag des Kunsthistorikers Georg Fuchs [...]. II. Dichtungen von Frank Wedekind, vorgetragen vom Dichter.“ [Leipziger Volkszeitung, Jg. 4, Nr. 237, 25.11.1897, S. (4)] Wedekind las Szenen aus „Frühlings Erwachen“, Gedichte, eine Szene aus dem „Kammersänger“ (da noch unter dem Titel „Das Gastspiel“) sowie seine Erzählung „Rabbi Esra“ [vgl. Wedekind an Kurt Martens, 4.11.1898].Der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft in Leipzig hatte Wedekind 50 Mark Honorar angeboten [vgl. Kurt Martens an Wedekind, 9.10.1897]. Wedekinds Lesung am 26.11.1897 in Leipzig auf Einladung der Literarischen Gesellschaft [vgl. Vinçon 2014, S. 123f.] war als deren erste Veranstaltung der neuen Saison annonciert: „Litterarische Gesellschaft in Leipzig. Freitag den 26. November pünktlich 8 Uhr I. Gesellschafts-Abend im oberen Saale des Hotels de Pologne. I. Teil. Vortrag des Kunsthistorikers Georg Fuchs [...]. II. Dichtungen von Frank Wedekind, vorgetragen vom Dichter.“ [Leipziger Volkszeitung, Jg. 4, Nr. 237, 25.11.1897, S. (4)] Wedekind las Szenen aus „Frühlings Erwachen“, Gedichte, eine Szene aus dem „Kammersänger“ (da noch unter dem Titel „Das Gastspiel“) sowie seine Erzählung „Rabbi Esra“ [vgl. Wedekind an Kurt Martens, 4.11.1898].. Ich lege dir hier d/m/einen ContractWedekinds Vertrag mit Carl Heine über die Aufführung des „Erdgeist“ sowie über seine Aufgaben als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler bei Carl Heines Ensemble ist nicht überliefert. bei, aus dem du ersiehst | daß ich für die nächsten zw/dr/ei Monate 150 Mk fixum habe. Von dem Augenblick an, wo wir reisenWedekind ging im Frühjahr 1898 mit Carl Heines Ensemble, dem Ibsen-Theater, auf Tournee., wird meine Gage eine höhere sein. Wenn du meine Bitte unbillig findest, dann werde ich dir das nicht schief nehmen. Immerhin wirst du selber einsehen daß ich auf dem besten Wege bin aus meiner Bedrängung herauszukommen und eine meiner Begabung entsprechende Stellung zu erringen. Ich habe heute Morgen allein eine fünfstündige | Probe geleitet von Barthel Turaser von dem du vielleicht gehört hast daß es in Wien und BerlinPhilipp Langmanns naturalistisches Drama „Bartel Turaser“ in österreichischem Dialekt wurde am 11.12.1897 am Deutschen Volkstheater in Wien und gleichzeitig am Lessingtheater in Berlin uraufgeführt. mit außerordentlichem Erfolg erst kürzlich aufgeführt worden. Übermorgen ist die VorstellungDie von der Literarischen Gesellschaft am 7.1.1898 im Kristallpalast unter der Regie von Carl Heine veranstaltete Leipziger Premiere von Philipp Langmanns Drama „Bartel Turaser“ fand „vor überfülltem Hause“ statt: „Das Publikum, das den Theatersaal des Krystallpalastes bis auf das letzte Plätzchen gefüllt hatte, spendete stürmischen Beifall und ließ zum Schluß, als sich der Vorhang wieder und wieder hob, nicht mit Klatschen nach, bis Dr. Heine selbst vor der Rampe erschien.“ [E. St.: Litterarische Gesellschaft. In: Leipziger Volkszeitung, Jg. 5, Nr. 5, 8.1.1898, S. (5f.)], natürlich öffentlich, im Kristallpalast, vor 2000 Menschen. Das Haus ist bereits ausverkauft. Das ist keine Redensart. Der starke Erfolg in Berlin ist daran schuld. Aber bis übermorgen muß ich auch noch ein Gedicht für LangenEs dürfte sich um das Gedicht „Reaction“ [KSA 1/I, S. 478f.] gehandelt haben, das am 11.1.1898 im „Simplicissimus“ erschien und kurz zuvor entstanden ist [vgl. KSA 1/II, S. 1996f.]. machen wie du aus beiliegendem Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Albert Langen an Wedekind, 1.1.1898. ersiehst, für das ich aber vor Montagder 10.1.1898. kein Geld erhalte. Vorschuß | von Dr. Heine zu nehmen wage ich jetzt noch nicht. Du siehst, ich arbeite, was ich kann und wäre dir sehr dankbar, wenn du mir noch einmal Mk 50 schickenWedekind hatte seiner Mutter angekündigt, dass er seine Schwester „Mieze um 50 Mk bitten“ [Frank Wedekind an Emilie Wedekind, 2.12.1897] werde. wolltest von denen ich zum theil meine Wirthinvermutlich Marie Anna Seiffert, „Privata“ [Leipziger Adreß-Buch für 1898, Teil I, S. 850], die in der Haydnstraße 1, Parterre wohnte. Der Besitzer des Hauses war ein Architekt, der nicht in Frage kommt. bezahlen werde. Übrigens ist das mit Dr. Heine nicht richtig. Ich habe mir eben 30 Mk von ihm geholt aber ich muß doch was zu leben haben und weiß nur nicht wovon ich meine Wirthin bezahlen soll.

Mit herzlichem Gruß dein dankbarer Bruder Frank


Haydnstrasse 1.pt.Wedekind wohnte in Leipzig in der Haydnstraße 1, Parterre links ‒ ebenfalls im Parterre wohnte (außer Marie Anna Seiffert und einem Kaufmann) der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft, der Referendar Kurt Martens [vgl. Leipziger Adreß-Buch für 1898, Teil II, S. 135].l. ‒ 5.1.98


[Seite 1 oben um 180 Grad gedreht:]

Augenblicklich finde ich den letzten Brief von Langen nicht. Ich bitte dich mir den Contrakt zurückzuschicken.


[Kuvert:]


Fräulein Erika Wedekind
kgl. Sächs. Hofopernsängerin
Dresden
34 Struvestrasse 34Nicht nur Erika Wedekind, als Königliche Hofopernsängerin ausgewiesen, sondern auch die Mutter Emilie Wedekind wohnte seinerzeit in der Struvestraße 34 (3. Stock) in Dresden [vgl. Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1898, Teil I, S. 618]..

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 29. Januar 1898 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 30.1.1898 aus Leipzig:]


[...] Mieze meinen herzlichen Dank für Übersendung der 30 Mk [...]

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 23. Juli 1900 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Walther Oschwald vom 1.8.1900 aus München:]


Sage Mieze meinen besten Dank für ihre Gratulation.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 23. August 1900 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emile Wedekind vom 24.8.1900 aus München:]


Du fragst mich zum Schluß [...]

Frank Wedekind schrieb am 24. August 1900 in München folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

Meine liebe Mieze,

mein hiesiger RechtsanwaltDer Münchner Rechtsanwalt Hugo Wolff hatte seine Kanzlei in der Pfandhausstraße 3 [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 645]., Dr Hugo Wolff giebt mir die Versicherung, daß Du, wenn Du die Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit haben würdest, Dir meinen Antheil an der ErbschaftEine Tante (Friedrich Wilhelm Wedekinds jüngste Schwester Auguste Bansen) „hinterließ ein reiches Erbe, das an ihre Nichten und Neffen fiel, pro Erbe und Erbin eine Summe von 5000 bis 6000 Mark“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199]. Es kam aber zu keiner raschen Auszahlung, da die Erbangelegenheit, in der Wedekind von seinem Schwager vertreten wurde (siehe seine Korrespondenz mit Walther Oschwald), kompliziert war und sich über viele Monate hinzog [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199f.]. urkundlich cedieren „einem etwas abtreten, ein Forderungsrecht überlassen“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 20. Leipzig, Wien 1909, S. 861].zu lassen, um mir dafür eine Summe zu meiner Installation vorzustrecken, mit dieser Gefälligkeit nicht das geringste pekuniäre Risico laufen würdest.

Ich bitte Dich nun, die Sachlage nicht so verstehen zu wollen, daß es mir | an Geld fehlt; meine monatlichen Einnahmen reichen zur Bestreitung meiner Bedürfnisse vollkommen aus. Aber da ich seit fünf Monaten nicht in einer menschlichen Wohnung sondern in einer Wüstenei lebe, gleiten mir die glänzendsten Geschäfte durch die Finger und da meine Nerven in der fürchterlichsten Weise angegriffen sind, gelingt es mir nicht, auch nur durch briefliche Beantwortung die günstigen Anerbietungen, die ich jetzt täglich erhalte, auszunützen. Es würde sich um eine Summe von 3000 M. handeln, wofür mein Erbschaftsantheil dann nicht an mich sondern an dich ausbezahlt würde. Diese Summe würde mir | erstens die Gründung einer Häuslichkeit ermöglichen und zweitens die Wiederaufnahme meiner dramatischen Studien. Es handelt sich dabei nur um einen CursusSchauspielunterricht bei Fritz Basil, den Wedekind dann bis 1905 bei dem Schauspieler und Regisseur des Münchner Hoftheaters auch aufnahm. von wenigen Stunden, durch den ich schon die Möglichkeit erhielte in dem kommenden Winter in verschiedenen Städten darunter eventuelSchreibversehen, statt: eventuell. auch Berlin in meinen eigenen Rollen aufzutreten. Diese und andere vortheilhafte Constellationen sehe ich mir, da ich in des Wortes entsetzlichster Bedeutung „nicht eingerichtet“ bin und deshalb de nicht die geringste Bewegungsfreiheit habe, jetzt in der Zeit wo die Engagements getroffen werden, mit jedem Tage ungenützt vorübergehen. Die Filiale der Dresdener Bank in Hannover hat Donald auf seinen Antheil 5000 M. | vorgeschossenvgl. Donald Wedekind an Frank Wedekind, 6.7.1900. aber wie sie sagt nur aus Lieben Gefälligkeit für seinen Bevollmächtigten, den alten HeiligerJustizrat Ernst Heiliger, Rechtsanwalt und Notar in Hannover [vgl. Adreßbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover 1900, Teil I, S. 752]. Der Rechtsanwalt Hans Heiliger, zur Unterscheidung als „II“ [ebd.] bezeichnet, war „sein Sozius“ und beide „vertraten die Erben in der Erbschaftsangelegenheit“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 201], die Wedekind stark belastete.. Donald bezahlt dafür 6 oder 7 %, die ich dir selbstverständlich ebenfalls biete.

Wenn Du mir eine zusagende Antwort schickst, dann würde dir mein Rechtsanwalt sofort die den Contract zugehen lassen, mit dem Ersuchen, ihn von Deinem Anwalt in Dresden darauf hin prüfen zu lassen, daß du bei der Abmachung keinerlei finanzielle Gefahr läufst.

Du fragst mich zum Schlußin einem nicht überlieferten Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.8.1900. warum ich mich nicht an jemand anders wende. Es kämen für mich Langen und Heymel, der Herausgeber der InselWedekinds „Marquis von Keith“ war unter dem Titel „Münchner Scenen. Nach dem Leben aufgezeichnet“ von April bis Juni 1900 in der Monatsschrift „Die Insel“ erschienen, die Alfred Walter Heymel zusammen mit Otto Julius Bierbaum und Rudolf Alexander Schröder herausgab. in Betracht. Aber Langen ist nicht hier und ich habe ihn, seit wir unseren StreitWedekinds Streitigkeiten mit seinem Verleger Albert Langen infolge der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“, die Ende 1898 begonnen haben. miteinander ausgege/fo/chten, noch | nicht wieder persönlich gesprochen. Obschon ich geschäftlich jetzt sehr gut mit ihm stehe und meine Einnahmen hauptsächlich von ihm beziehe, erschwert das doch ein derartiges Abkommen. Was Heymel betrifft, von dem ich große Summen verdient habe, so habe ich ihn gerade weil ich in meiner Wüstenei nicht representas/t/ionsfähigSchreibversehen, statt: repräsentationsfähig. bin und immer die demnächstige Erledigung der Erbschaft erhoffte, in letzter Zeit ganz vernachlässigt. So zerreißen mir in dieser Situation eben sämmtliche Fäden die ich angeknüpft habe und das bringt mich moralisch so gänzlich auf den Hund.

Grüße Mama und Walther herzlich. Deiner baldigen Antwort entgegensehend bin ich dein treuer dankbarer Bruder
Frank.


München, Franz Josephstraße 42.II.


[Kuvert:]


Frau Erica Wedekind
kgl. s/S/ächs. KammersängerinErika Wedekind ist als „Kgl. Hofopernsängerin, Großherzogl. Hess. Kammersängerin“ [Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1900, Teil I, S. 679] verzeichnet; sie wohnte inzwischen mit ihrem Gatten Walther Oschwald in der Julius Otto-Straße 9 (Parterre) in der Dresdner Vorstadt Strehlen, ihre Mutter Emilie Wedekind weiterhin in der Struvestraße 34 (3. Stock) in der Seevorstadt.
Dresden-Strehlen.
Julius Otto Strasse 9.

Frank Wedekind schrieb am 28. August 1900 in München folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

Meine liebe MiezeWedekind hatte wenige Tage zuvor einen fast gleichlautenden Brief an seine Schwester geschrieben [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 24.8.1900], den er nicht selbst in den Briefkasten gesteckt hatte und ihn daher nochmals schrieb; er wollte sicher gehen, dass der eigentlich an den Schwager gerichtete Brief diesen auch erreichte [vgl. Wedekind an Walther Oschwald, 30.8.1900].,

mein RechtsanwaltDer Münchner Rechtsanwalt Hugo Wolff hatte seine Kanzlei in der Pfandhausstraße 3 [vgl. Adreßbuch von München für das Jahr 1900, Teil I, S. 645]., Dr. Hugo Wolff in München, giebt mir die Versicherung, daß Du, wenn Du die Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit haben wolltest, Dir meinen Antheil an der ErbschaftEine Tante (Friedrich Wilhelm Wedekinds jüngste Schwester Auguste Bansen) „hinterließ ein reiches Erbe, das an ihre Nichten und Neffen fiel, pro Erbe und Erbin eine Summe von 5000 bis 6000 Mark“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199]. Es kam aber zu keiner raschen Auszahlung, da die Erbangelegenheit, in der Wedekind von seinem Schwager vertreten wurde (siehe seine Korrespondenz mit Walther Oschwald), kompliziert war und sich über viele Monate hinzog [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 199f.]. cedieren„einem etwas abtreten, ein Forderungsrecht überlassen“ [Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl. Bd. 20. Leipzig, Wien 1909, S. 861]. zu lassen, d insofern daß derselbe bei der Auszahlung nicht an mich sondern an Dich ausbezahlt würde, und wenn Du mir dafür | eine Summe zu meiner Installation vorstrecken würdest ‒ daß Du dabei keinerlei finanzielle Gefahr laufen würdest. Ich bitte Dich, die Anfrage nicht so verstehen zu wollen als ob ich Geld brauchte. Meine Einkünfte reichen für meine täglichen Bedürfnisse vollkommen aus und irgendwelche dringenden Schulden habe ich auch nicht. Es würde sich für mich vielmehr darum handeln, endlich, endlich, endlich etwas Bewegungsfreiheit zu erhalten. In der Wüsterei, ohne Bedienung, ohne den geringsten | einfachsten ConfortSchreibversehen, statt: Comfort (Komfort)., in der ich seit fünf Monaten lebe, wird mir die Arbeit täglich schwerer, so daß ich mir die besten Geschäfte aus der Hand gleiten sehe. Dabei ist eben jetzt die Zeit wo Engagements abgeschlossen werden. Wenn ich die Möglichkeit erhalte, noch einige wenige Stunden dramatischen UnterrichtSchauspielunterricht bei Fritz Basil, den Wedekind dann bis 1905 bei dem Schauspieler und Regisseur des Münchner Hoftheaters auch aufnahm. zu nehmen, dann werde ich sicher im kommenden Winter schon an verschiedenen Orten in meinen Rollen auftreten können. Mein Ziel, eine maßgebende Stellung als Regisseur an einem | größeren Theater zu erhalten würde mir dadurch ganz bedeutend näher gerückt. Es würde sich dabei um eine Summe von 3000 Mk. handeln. Die Filiale der Dresdner Bank in Hannover hat Donald 5000 Mk. auf seinen Erbschaftsantheil vorgestreckt, aber, wie mir der Director der Bank erklärte, aus specieller Liebenswürdigkeit für Donalds Bevollmächtigten, den alten Heiliger. Donald bezahlt dafür 6 oder 7 %., die ich Dir selbstverständlich auch biete. |

Du fragst michin einem nicht überlieferten Schreiben; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 23.8.1900. nun warum ich mich mit der Bitte nicht an jemand anders wende. Da ich aber die Anknüpfung neuer Beziehung in der Hoffnung auf Auszahlung der Erbschaft bis jetzt immer noch hinausgeschoben, kämen für mich nur Langen und Heymel, der Herausgeber der „InselWedekinds „Marquis von Keith“ war unter dem Titel „Münchner Scenen. Nach dem Leben aufgezeichnet“ von April bis Juni 1900 in der Monatsschrift „Die Insel“ erschienen, die Alfred Walter Heymel zusammen mit Otto Julius Bierbaum und Rudolf Alexander Schröder herausgab. in Betracht. Langen habe ich aber, seit wir unseren StreitWedekinds Streitigkeiten mit seinem Verleger Albert Langen infolge der Majestätsbeleidigungsaffäre um den „Simplicissimus“, die Ende 1898 begonnen haben. ausgefochten noch nicht wieder persönlich gesprochen; obschon ich geschäftlich jetzt sehr gut mit ihm stehe und monatlich Tantièmen von ihm erhalte, kann ich doch vor einer persönlichen | Aussprache nicht mit einer solchen Bitte an ihn herantreten. Mit Heymel habe ich sehr gute Geschäfte gemacht; da ich aber niemanden bei mir in meiner Wüstenei empfangen kann, und in Folge dieser Erbschaftsangelegenheit, die über mich hereinbrach als ich mich eben aus dem Simplicissimusproceß glücklich herausgewickelt hatte und körperlich und geistig erschöpft war, neurasthenisch und menschenscheu geworden bin, habe ich ihn in den letzten Monaten gänzlich vernachlässigt. |

Es handelt sich für mich jetzt darum, den Vorsprung, den ich gewonnen, auszunutzen; statt dessen sehe ich ihn mir sich zwischen den Fingern verkrümeln, wenn ich nicht die Möglichkeit erhalte, mich einigermaßen um meine geschäftlichen und künstlerischen Interessen persönlich kümmern zu können.

Wenn Du mir eine zusagende Antwort schickst, dann wird dir mein Rechtsanwalt eine Urkunde über die Cession(frz.) Übertragung. Zession = Übertragung einer Forderung vom alten auf einen neuen Gläubiger (im Zivilrecht). zugehen lassen mit der Bitte, sie von Deinem Anwalt in Dresden daraufhin prüfen zu lassen, daß Du Dich finanziell in | keiner Weise damit einer Gefahr aussetzt.

Grüße Mama und Walther aufs herzlichste. Deiner baldigen Antwort entgegensehend grüßt dich herzlichst dein treuer dankbarer Bruder
Frank.


München, 28 August. 1900


Franz Josephstraße 42.II.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 29. August 1900 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Walther Oschwald vom 30.8.1900 aus München:]


Deine liebe Frau theilt mir [...] mit, Du habest dich auf meine letzten Zeilenvgl. Frank Wedekind an Walther Oschwald, 1.8.1900. sehr gekränkt und beleidigt gefühlt. [...]

Mieze schreibt mir sehr betrübende Nachrichten [...]. Ich lasse Mieze herzlich für Ihren Brief danken.


Frank Wedekind schrieb am 3. September 1900 in München folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

Meine liebe Mieze,

das war ein edler Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 29.8.1900.. Ich gratuliere. Deswegen mußte ich 10 Tage langvon Wedekinds Brief vom 24.8.1900 an gerechnet [vgl. Frank Wedekind an Erika Wedekind, 24.8.1900] bis zum vorliegenden Brief vom 3.9.1900 sind es 10 Tage. in Ungewißheit gelassen werden wegen einer Gefälligkeit die auch nicht einen Pfennig gekostet und mir unendlich geholfen hätte; deswegen weil dein lieber Mann einen Achtungsbeweis nötig hatte! Wäre es nicht doch vielleicht richtiger gewesen, mir gleich zu schreiben: Du hast uns beleidigt; wir wollen nichts mehr mit Dir zu thun haben! ‒

Was verspricht sich denn dein Mann von dem für mich demütigenden BriefWedekind meint hier seinen Brief vom 30.8.1900 [vgl. Frank Wedekind an Walther Oschwald, 24.8.1900]., den er jetzt von mir in Händen hat? ‒ Es muß doch etwas von Bedeutung sein, daß er sich nicht | scheut, ihn sich durch eine Geldangelegenheit zu verschaffen. Daß man für Geld auch Achtung erkaufen kann ist eine alte Wahrheit. Freilich steht diese Achtung unter Menschen von anständiger Denkungsart sehr tief im Kurs. Was beabsichtigt s/d/ein Mann mit meinem Briefe zu thun, daß er ihn so theuer erkauft? Will er ihn drucken lassen? Will er sich vor seinen Verwandten damit brüsten? Oder vor seinen VorgesetztenDer Jurist Walther Oschwald, Schulfreund von Arnim und Frank Wedekind und seit dem 15.10.1898 mit Erika Wedekind verheiratet, war bei der „Eisenbahn-Betriebs-Direktion Dresden-Altstadt“ (Hauptbahnhof) als Finanz-Assessor in der Funktion „Juristischer Hilfsarbeiter“ [Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1900, Teil III, S. 28] tätig; sein unmittelbarer Vorgesetzter war Carl Hermann Andrae, „Eisenbahndirektor“ [ebd.]. Generaldirektor der Königlichen Generaldirektion der Sächsischen Eisenbahnen war Hans Friedrich Carl von Kirchbach, sein Stellvertreter Hugo Otto Donath, „Geheimer Finanzrath, zugleich Vorstand der I. (Allgemeinen Verwaltungs-)Abtheilung“ [ebd., S. 24].? ‒ Mir kann es gleichgültig sein; ich habe das eine so wenig wie das andere zu fürchten. Allerdings bin ich auch nicht in der unglücklichen Lage vor Witzen zittern zu müssen, die in meiner Umgebung gerissen werden. Und wenn im Tingeltangel ein Spottlied über mich gesungen wird, dann ist es mir ein Vergnügen, es mir anzuhören. Ich bin nicht so armselig, daß ich auf Mittel und Wege sinnen muß, um es zu unterdrücken. |

Dein Mann hätte sich auch sagen können, daß der Streit zwischen uns nicht meinet- sondern Donalds wegenDonald Wedekind befand sich ärger noch als Frank Wedekind in großer Geldnot; auf ihn kommt Frank Wedekind in seiner Korrespondenz mit seinem Schwager mehrfach zu sprechen (siehe seine Briefe an Walther Oschwald aus dieser Zeit). entstanden war, daß es also mindestens menschlich verzeihlich ist, wenn ich meinen Bruder, der schließlich bis jetzt s/d/och ein armer bedauernswerther Mensch ist, in Schutz nehme. Aber das ist eine Logik für die deinem Manne jede Spur von Verständnis zu fehlen scheint. Sonst hätte er mir auch unmöglich auf die Art und Weise gratulieren können wie er es gethan hat.

Ich glaube ich schrieb letzten Donnerstagvgl. Wedekind an Walther Oschwald, 30.8.1900. an deinen lieben Mann, daß ich ihn um den behaglichen Comfort in dem er lebt, beneide. Das ist ein Ausspruch den ich feierlich wiederrufen muß. Dieser Comfort scheint mir zu theuer erkauft durch eine Denkungsart, wie ich sie in meiner Umgebung noch bei keinem Menschen getroffen habe.

Damit bin ich dein treuer Bruder
Frank.


München. 3. Sept. 1900.

Frank Wedekind schrieb am 23. Dezember 1900 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[1. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 21.1.1901 aus München:]


Nachdem ich Mieze einmal den Vorschlag gemachtHinweis auf das nicht überlieferte Korrespondenzstück. […]


[2. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Erika Wedekind vom 26.2.1901 aus München:]


Ich hatte dir vorgeschlagen, mir alle weiteren Zuschriften Donalds uneröffnet zu zusenden […] Ich hatte das Wort uneröffnet noch extra unterstrichen.


[3. Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Emilie Wedekind vom 25.4.1901 aus München:]


[…] um Weihnachten machte ich Mieze […] den Vorschlag, mir jede Zuschrift an Donald sofort zuzuschicken.

Frank Wedekind schrieb am 5. Februar 1901 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Max Halbe vom 5.2.1901 aus München:]


Du erlaubst mir, Dir beiliegenden Gruß an meine liebe Schwester aufzutragen.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 25. Februar 1901 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Erika Wedekind vom 26.2.1901 aus München:]


[...] deine lieben Zeilen [...] deinen Zeilen [...] das Couvert deines Briefes [...]

Frank Wedekind schrieb am 26. Februar 1901 in München folgenden Brief
an Erika (Mieze) Wedekind

FRANK WEDEKIND.


MÜNCHEN, den 26. Februar 1901
Franz Josefstr. 42/II.


Meine liebe Erika,

es ist mir leider nicht möglich, dir auf deine lieben Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 22.2.1901. eine genügende Antwort zu geben, da du augenscheinlich vergessen hast, Donalds BriefDonald Wedekinds Brief an Erika Wedekind ist nicht überliefert., von dem du mir sprichst, deinen Zeilen beizulegen und ich daher gar nicht weiß um was es sich eigentlich handelt. Ein Irrthum meinerseits scheint mir ausgeschlossen, da das Couvert deines Briefes seinem Aussehen nach unmöglich zwei verschiedene Bogen enthalten haben kann. Zugleich muß ich das Mißverständnis bedauern, das sich bei dieser AngelegenheitDonald Wedekind befand sich in einer „kritischen depressiven Phase“, in der er „mit Suizid drohte“, weshalb Frank Wedekind „bereit war, sich seiner, stellvertretend für alle, anzunehmen, da er zu ihm, wie er meinte, noch den besten Zugang habe.“ [Vinçon 2021, Bd. 2, S. 206] zwischen uns geltend gemacht hat. Ich hatte dir vorgeschlagenin einem nicht überlieferten Schreiben, erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Erika Wedekind, 23.12.1900., mir alle weiteren Zuschriften Donalds uneröffnet zu zusenden | um dadurch ein für allemal alle weiteren Belästigungen von seiner Seite loszusein. Ich hatte das Wort uneröffnet noch extra unterstrichen. Donald wäre dadurch nur noch mit mir in Contact geblieben, ich würde ihn durch kleine Zuschüsse e.ct. nach Kräften enervirt und aufgestachelt haben, ich würde ihn mit Phrasen abgespeist und an der Nase herumgeführt haben bis er schließlich es selber für praktischer und einfacher gefunden hätte, sich selbst zu helfen. Jetzt ist er leider im Besitz meines Geschäftsgeheimnisses, außerdem wird er sich in Folge Deines BriefesErika Wedekinds Brief an Donald Wedekind ist nicht überliefert. sagen, ich hätte bei Dir gegen ihn intriguirt, denn thatsächlich habe ich doch auch nicht das geringste Recht, Dir irgend etwas zur Pflicht zu machen, wie Du schreibst. Es wäre mir das auch nie in meinem Leben eingefallen. Mit meinem Vorschlag war es mir | weit mehr darum zu thun, Dich von der unangenehmen Angelegenheit zu befreien. Mit Donald wäre ich dann schon fertig geworden, wenn er auf mich allein angewiesen wäre. Jetzt wird er fürchterlich gegen mich aufgebracht sein und ich habe jedes Vertrauen bei ihm verloren. Wenn daher mein Plan nicht den Erfolg hat, den ich mir davon versprach, so ist das gewiß nicht meine Schuld. Ich bedaure das wie gesagt nur um Deinetwillen; denn statt die Belästigung los zu sein, hast du ihn Dir jetzt erst recht wieder auf den Hals geladen. Eigentlich ist ja die ganze Sache keines Aufhebens und keiner Aufregung werth. Ich habe dem, was Donald in seinen Briefen schreibt, immer nur den allergeringsten Werth beigelegt. Immerhin wird es mich interessieren was er jetzt wieder für neue Vorschläge macht. | Also schick mir bitte den Brief, wenn du es noch der Mühe werth findest. Wenn er wirklich erfreuliche Nachrichten enthält werde ich mich am meisten darüber freuen.

Max Halbe hat mir sehr viel Schönes von seinem Besuch bei DirMax Halbe war zur Uraufführung seines Schauspiels „Haus Rosenhagen“ (1901) am 14.2.1901 am Königlichen Hoftheater nach Dresden gereist; wann genau er Wedekinds Schwester einen Besuch abstattete, ist nicht ermittelt. und der liebenswürdigen Aufnahme, die ihm zutheil wurde erzählt. Er läßt Dir bestens für deinen Gruß danken und bittet mich, ihm Dir seine ergebenste Empfehlung auszurichten. Seit 14 TagenWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ (1899) hatte am 16.2.1901 am Münchner Schauspielhaus (Direktion: Georg Stollberg) Premiere gehabt (zusammen mit zwei Stücken anderer Autoren). Wedekind spielte in 5 der 8 Vorstellungen seines Stücks die Hauptrolle, zuerst bei der Premiere, angekündigt (so jeweils auch bei den anderen Auftritten): „Gerardo – Herr Frank Wedekind als Gast.“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 78, 16.2.1901, Vorabendblatt, S. 5] Das gefiel schon nach der Premiere: „Der gestrige Einakter-Abend verlief sehr angeregt. [...] Mit dem ‚Kammersänger‘ von Frank Wedekind wurden wir schon im letzten Sommer durch das Gastspiel des Heine-Ensembles bekannt gemacht. Die Attraktion der zweiten ‚Erstausführung‘ war das Auftreten des Verfassers in der Titelrolle.“ [Rth. (d.i. Willy Rath): Münchner Schauspielhaus. In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 54, Nr. 82, 18.2.1901, S. 4] spiele ich hier alle zwei Tage Kammersänger vor gut besetzten Häusern. Nächste Woche gebe ich die Rolle an einen andern SchauspielerDie Rolle des Gerardo spielte ab dem 8.3.1901 Hans Schwartze. Die Presse meldete: „Kommenden Freitag wird an Stelle des Herrn Frank Wedekind Herr Hans Schwartze den Kammersänger in Wedekinds gleichnamigem Einakter spielen.“ [Münchener Schauspielhaus. In: Allgemeine Zeitung, Jg. 104, Nr. 59, 28.2.1901, Morgenblatt, S. 6] ab um dann meine Junge Welt herauszubringenWedekinds Versuch, seine Komödie „Die junge Welt“ (1897), die neubearbeitete Fassung von „Kinder und Narren“ (1891), auf die Bühne zu bringen, scheiterte; das Stück wurde erst 1908 uraufgeführt [vgl. KSA 2, S. 744f.]..

Mama lasse ich herzlichst für ihre lieben Zeilennicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Emilie Wedekind an Frank Wedekind, 22.2.1901. danken. Ich werde ihr nächster Tage ausführlich antworten.

Mit herzlichstem Gruß
Dein treuer Bruder
Frank.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 29. März 1904 in Lenzburg folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Erika Wedekinds Brief an Frank Wedekind vom 30.3.1904 aus Lenzburg:]


Gestern Vormittag habe ich eine Depesche an dich geschickt [...]

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 30. März 1904 in Lenzburg folgenden Brief
an Frank Wedekind

Lenzburg 30. März 1904


Mein lieber Frank.

Gestern Vormittag habe ich eine Depesche an dichnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Erika Wedekind an Frank Wedekind, 29.3.1904. geschich/k/t mit einer Anfrage nach Mati, die seit gestern VormittagWedekind notierte am 29.3.1904 im Tagebuch: „Mati kommt nach München.“ Er hielt dann die Abreise der jüngsten Schwester am 2.4.1904 fest: „Mati fährt nach Lenzburg“, am 4.4.1904 die erneute Ankunft: „Mati kommt nach München zurück.“ in München sein soll und da ich wir bis heute noch keine Nach Antwort von dir haben, so ist es wohl besser, wenn ich dir schreibe und einige Aufklärungen über Mati’s Reise nach München gebe. Es wäre für Mamma und mich eine wahre Erlösung, wenn du, vorausgesetzt, daß du überhaupt gegenwärtig in München bist, uns bald Nachrichten über Mati geben wolltest. Am letzten Freitagam 25.3.1904. | kam ich mit Eva auf eine Woche hierher zu Besuch. Mati wollte eigentlich schon vorher nach PettighofenEmilie (Mati) Wedekind war von 1899 bis 1902 in Pettighofen bei einer Unternehmerfamilie als Hauslehrerin und Hausdame tätig gewesen [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 323], die sie später besuchte. fahren, blieb dann aber, aus Rücksicht für uns und um Mamma zu helfen noch zu Hause. Ich fand hörte nun vom ersten Augenblick meiner Ankunft an, von allen Seiten besonders aber von Sophie HämmerliSophie Marti war seit 1890 mit dem Lenzburger Arzt Max Haemmerli verheiratet., daß sich Mati den ganzen Winter nur mit dummen, unpassenden Liebesgeschichten abgegeben, die im gegenwärtigen Moment einen Grad angenommen, der es nöthig machte Mati so schnell wie möglich in eine andere Umgebung zu bringen, und vor allen Dingen sie zu einer anstrengenden, sie vollständig ausfüllenden Thätigkeit zu zwingen. Als ich Mati selbst die Tage über beobachtete fand ich sie in ihrem ganzen Wesen so verändert, | daß mir Himmel Angst wurde. Sie interessierte sich für gar nichts mehr jede Thätigkeit jede Handreichung für Eva oder mich schien ihr et im höchsten Grade wiederwärtig, sie selbst schien beständig abwesend und vollständig absorbiert von diesen, wenn auch nicht schlechten so doch furchtbar unwürdigen Liebesabenteuern. Als am Sonntag mir auch Armin erzählte, daß er de von diesen Sachen auch in Zürich gehört hatte, und mir Sophie Hämmerli mittheilte, daß sie es für ihre Pflicht halte, mir die ganze Sache mitzutheilen, da sie jetzt nichts mehr mit der Angelegenheit zu thun haben wolle, so fieng ich mit Mati an zu sprechen. Am Montag früh sprach ich erst sehr ruhig mit ihr, fand sie aber sehr abweisend und durchaus nicht geneigt mich ins Vertrauen zu ziehen und mir zu sagen, was sie sich eigentlich bei den Geschichten denkt. Abends | fing ich noch einmal davon an und jetzt allerdings etwas heftiger und eindringlicher, jetzt wurde sie ganz verstockt, verweigerte mir jede Auskunft und lief in Zorn und Bosheit hinter unserem Rücken ohne irgend ein Gepäck zum Hause hinaus. Ich hatte nämlich von ihr verlangt, sie solle mir das Versprechen geben, sowohl mit dem dummen 19. jährigen Paul Hämmerli, wie mit dem Doktor Gabler jeden Verkehr abzubrechen, dies Versprechen verweigerte sie mir offen heraus; worauf ich ihr sagte, daß ich unter diesen Umständen nicht weiter mit ihr verkehren könne. Als wir nun bemerkten, daß sie sich da im höchsten Zorn davongeschlichen, waren wir beide zwölf Stunden lange in der denkbar aufgeregtesten Stimmung. Sie ist ja eine so heftige undisciplinierte und mir so fremd gewordene Natur, daß ich beständig glaubte sie hätte sich was angethan. Ich lief Nachts um 12 zum Doktor Hämmerli | und fragte dort nach hier. Dieser gieng zu ihrem Vertrauten dem Doktor Gabler und unterdessen durchsuchte ich beide Bahnhöfe. Mamma und ich verbrachten wohl eine schauderhafte Nacht bis gestern Vormittag eineSchreibversehen, statt: ein. Telegrammnicht überliefert; ob Frank Wedekind oder Emilie (Mati) Wedekind das verschollene Telegramm nach Lenzburg aufgegeben hat, ist unklar. eintraf ohne Unterschrift.

Mati München, Brief folgt.

Da ich nicht wußte, ob diese Depesche von Mati oder dir war, so telegraphierte ich an dich. Gestern Abend kam dann Armin von Zürich um Mamma und mich etwas zu beruhigen. Wir alle dachten, wir würden nun heute früh den angekündigten Brief bekommen, aber bis jetzt ist noch nichts da. Da Mati nun auch gar nichts mit hat und wir auch nicht wissen ob sie bei dir oder allein in München ist sind wir in furchtbarer Sorge. Mati hatte die Absicht in 8 Tagen nach Dresden zu kommen aber nachdem sie mir jedes | Vertrauen und jeden Antheil an ihr verweigert und sich gegen Mamma und mich so furchtbar roh benommen hat, ist es mir unmöglich, sie in der nächsten Zeit wiederzusehen. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß Mati wenn sie ihre jetzige Lebensweise weiterführt und sie in aller kürzester Zeit zu Grunde geht in Folge ihrer Veranlagung und ihrer Faulheit und Schwäche. Sie muß absolut ein anderes Leben anfangen und arbeiten so viel sie im Stande ist um aus diesem Sumpf herauszukommen. Ich kann dir nicht sagen wie entsetzlich weh mir diese Erkenntniß von ihrem Wesen gethan hat, und beschwöre dich, sie mit Strenge und Energie auf einen anderen Weg zu leiten. Sie sollte meiner Ansicht nach, so bald umgehend nach Hause kommen, Mamma um Verzeihung | bitten, ihre Sachen packen nach Pettighofen fahren und sich von dort aus eine Stelle suchen, in der sie ihr wieder einmal alle ihre geistigen und körperlichen Kräfte vollständig aufbrauchen anspannen muß. Sie ist in einer Weise unter dem Einfluß schlechter und schwacher Menschen, versumpft, daß kein Tag zu verlieren ist um sie zu retten.

Leider steht sie noch dazu auf dem bornierten Standpunkt, daß sie ein freier selbstständiger Mensch sei und N niemandem Rechenschaft schuldig sei. Wenn man sie von dieser Ansicht w/d/ie für ihren geistig und körperlich faulen und schwachen Menschen eben geradezu verderblich ist nicht zurückkommt, so ist es eine furchtbare schwere Aufgabe einen sie zu einem anderen Leben zu bringen. ich hoffe mein lieber | Frank, daß du meine und Mammas Herzensangst verstehst und da du doch einen großen Einfluß auf Mati hast sie zu anderen Ueberzeugungen bringen kannst.

Indem ich hoffe recht bald von dir zu hören grüßt dich
in Liebe
deine Schwester
Mieze.


Natürlich will ich wenn meine Hülfe nöthig ist in der Angelegenheit Mati eine Stelle zu suchen und eine Lebensstellung zu verschaffen gerne alles thun, was gethan werden kann, nur wiedersehen kann ich Mati in der nächsten Zeit nicht

Ich bin bis Sonnabend früh hier, dann von Sonnabend bis Montagvom 2. bis 4.4.1904. abend in Basel Lothringer Strasse 7. und Dienstag früh wieder in Dresden.

Frank Wedekind schrieb am 18. April 1904 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 18.4.1904 in München:]


Brief an Mieze.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 19. April 1904 in Dresden folgenden Brief
an Frank Wedekind

Dresden 19. April 1904


Mein lieber Frank!

Soeben bekomme ich Deinen l. Briefnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank Wedekind an Erika Wedekind, 18.4.1904. mit der überraschenden Nachricht, daß sich Mati verlobt hat. Ich hatte keine Ahnung davon und möchte natürlich schrecklich gerne wissen, mit wem; denn wenn es eine richtige Verlobung mit Aussicht | auf Heirath ist, dann freue ich mich von ganzem Herzen darüber und lasse Mati von/aus/ vollem Herzen gratulieren. Nur um Gotteswillen nicht wieder so eine Verlobung, die in 8 Tagen wieder aus ist, das wäre schrecklich. Andererseits ist die Aussicht, Mati in einem eigenen Haus, mit einem guten Mann und in einem bestimmten Pflichtkreis zu wissen, für | mich das Schönste, was ich mir seit Jahren für meine liebe Schwester wünsche. Also bitte theilt mir recht bald mit, mit wem sie sich verlobt hat. Nun zu deinen anderen Angelegenheiten. Die Billets zum KammersängerWedekinds Einakter „Der Kammersänger“ war mit mäßigem Erfolg als Gastspiel des Berliner Kleinen Theaters zusammen mit Oscar Wildes „Salome“ am 26.4.1903 in einer Matinee der Dresdner Literarischen Gesellschaft aufgeführt worden. Ein Jahr später versuchte Wedekind eine nachträgliche Honorarzahlung bei der Literarischen Gesellschaft Dresden zu erwirken [vgl. Wedekind an die Literarische Gesellschaft Dresden, 7.4.1904 und die daran anschließende Korrespondenz] und hatte sich offenbar bei seiner Schwester über die damalige Eintrittskartenregelung erkundigt. haben wir nicht bezahlt, ich hatte bei der Hoftheaterleitung um Billets gebeten und diese übermittelte meine Billets/tte/ an den Vorstand des Litterarischen VereinsErika Wedekind verwechselt die Literarische Gesellschaft, die gemeint ist, mit dem Literarischen Verein (beides waren Vereine in Dresden)., worauf ich vom Präsident des Vereins Herrn Hauptmann oder MajorKarl Elias Nicolai, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft (ihr Veranstaltungsort war der Saal des Musenhauses), ist als Schriftsteller und „Major a.D.“ [Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1904, Teil III, S. 169] ausgewiesen. Nicolai, mit seiner Karte, | 1. Billet zugeschickt bekam. Walther bekam vom Hofrath Meyer d/u/nserem DramaturgenHofrat Dr. phil. Wolfgang Alexander Meyer (genannt: Meyer-Waldeck) ist als „Hoftheater-Dramaturg“ [Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1904, Teil I, S. 513] ausgewiesen; er war vom 1.10.1896 bis 31.3.1909 Dramaturg am Dresdner Hoftheater. den Platz seiner Frau überlassen. Auch dieses Billet, übrigens also ein Dienstplatz, haben wir nicht abgeholt, sondern hat mir Herr Hofrath Meyer selbst gegeben. Ich würde übrigens an deiner Stelle mein Recht gründlich verfechten, denn der litterarische Verein kann wohl anständig zahlen, nur ist sein PresidentSchreibversehen, statt: Präsident. Vorsitzender des Literarischen Vereins war der Oberlehrer Dr. phil. Carl Theodor Reuschel [vgl. Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1904, Teil I, S. 670; Teil III, S. 169], gemeint ist aber Karl Elias Nicolai, der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft. wie ich von anderen Sachen her weiß, leicht filzig(salopp, abwertend) geizig.. Nun noch etwas Ich glaube nun aber auch nicht, daß D’ Albert deine Sachen nur vom Hören sagen kennt, da er doch in Berlin wohnt und sich gerade für Litteratur sehr interessiert. |


[Fortsetzung Seite 1 oben um 180 Grad gedreht:]

Meiner Ansicht nach müßte ihm ein Stoff/ück/ wie „So ist das Leben“ am besten zusagen es ist auch stofflich in meinen Augen am ehesten musikalisch auszubeutenWedekind war an einer musikalischen Bearbeitung seines Schauspiels „So ist das Leben“ (1902) interessiert und suchte den Kontakt zu Eugen d’Albert, den offenbar seine Schwester vermittelt hatte, zu nutzen und den Komponisten und Pianisten zur Vertonung seines Stücks anzuregen [vgl. KSA 4, S. 634], zumal dieser begeistert von dem Stück war [vgl. Eugen d’Albert an Wedekind, 19.7.1904]. Eine Vertonung von „König Nicolo oder So ist das Leben“ wurde nicht realisiert.. Doch nun lebwohl und nimm einen herzlichen Gruß von deiner Schwester
Mieze


[Seite 1 rechter Rand um 90 Grad gedreht:]

Walther läßt auch schön grüßen.

Frank Wedekind und Tilly Wedekind schrieben am 17. August 1906 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Erika Wedekinds Postkarte an Tilly und Frank Wedekind vom 28.8.1906 aus Dresden:]


Schönsten Dank für Eure Karte aus München.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 28. August 1906 in Dresden folgende Bildpostkarte
an Tilly Wedekind , Frank Wedekind

Post card.
CARTE POSTALE.
Union postale universelle.
Postkarte. [...]


Frau Tilly Wedekind
p. adr. Herrn Frank Wedekind, Schriftsteller
Berlin
Marienstrasse 23 |


Liebe Tilly!

Schönsten Dank für Eure Kartenicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Frank und Tilly Wedekind an Erika Wedekind, 17.8.1906. aus MünchenWedekind notierte am 12.8.1906 „Ankunft in München“ [Tb], am 17.8.1906 die Abreise: „Nachtfahrt nach Berlin.“ [Tb]. Euer ServiceHochzeitsgeschenk (Wedekinds Heirat mit Tilly Newes hatte in engstem Kreis am 1.5.1906 in Berlin stattgefunden); es könnte in Lenzburg verabredet worden sein, wo Frank und Tilly Wedekind vom 31.7.1906 bis 11.8.1906 zu Besuch bei der Mutter waren, so auch seine Schwester Erika, die bereits dort war und am 4.8.1906 abreiste, wie Frank Wedekind in Lenzburg festhielt: „Mieze reist ab.“ [Tb] habe ich letzte Woche bestellt doch dauert es wohl 6 Wochen bis es fertig ist da gerade das von dir gewünschte Muster nur auf Bestellung gemacht wird.

Bitte schicke mir doch Eure genaue AdresseFrank und Tilly Wedekind zogen in Berlin am 31.8.1906 von der Marienstraße 23 um in die Kurfürstenstraße 125. ich bin immer im Zweifel und muss sie doch in der Porzellan-Manufaktur angeben. Uns geht es gut. Ich habe schon wieder sehr viel Arbeit. Seit gestern ist auch Eva wieder daEva Oschwald, die Tochter von Erika Wedekind und Walther Oschwald, war in Lenzburg zu Besuch bei ihrer Großmutter gewesen; sie hat ihren Onkel dort verabschiedet, wie Frank Wedekind am 11.8.1906 festhielt: „Abfahrt von Lenzburg. Mati, Eva und Fräulein begleiten uns auf den Bahnhof.“ [Tb], worüber ich sehr glücklich bin, da ich grosses Heimweh nach ihr hatte. Walther grüsst mit herzlichem Gruss Deine Erika O.


Erika Wedekind

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 8. Juni 1908 in Dresden folgendes Telegramm
an Franz Wolfbauer , Frank Wedekind

franz wolfbauerFranz Wolfbauer, Schriftsteller in Wien (III, Marokkanergasse 9) [vgl. Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger für Wien 1908, Bd. 2, S. 1287], hatte es über Vermittlung Frida Strindbergs unternommen, Frank Wedekind über den Freitod seines Bruders Donald Wedekind zu informieren [vgl. Franz Wolfbauer an Wedekind, 7.6.1908], wie sie dessen „Lieblingsschwester“ schrieb: „An Frank liess ich telegraphieren“ [Frida Strindberg an Emilie (Mati) Wedekind, 7.6.1908; Aa, Wedekind-Archiv, A II Donald Wedekind, b Autographen]. Der eigentliche Adressat des vorliegenden Telegramms war Frank Wedekind, der dem Tagebuch zufolge am 7.6.1908 nach Wien reiste („Suche Wilhelm Rosenthal auf der mir Reisegeld giebt. [...] Abfahrt nach Wien“), in Wien am 8.6.1908 die Beisetzung seines Bruders organisierte („Fahre auf den Friedhof und sehe Donald im Sarg liegen. Fahre zum Beerdigungsamt [...]. Auf dem Weg zu Geiringer stürzt mir Frieda Strindberg aus einem Café nach, lerne Herrn Wolfbauer kennen“), dabei von Wolfbauer unterstützt, auch am 9.6.1908, dem Tag der Beisetzung („Ich bezahle das Grab. [...] Fahre zum Kirchhof. Mama Mieze Armin Walter und Herr Wolfbauer. Mit Wolfbauer fahre ich zurück und hole Tilly Anna Pamela Martha vom Südbahnhof ab“).
marokkanergasze 9 wien


Telegramm
aus

v dresden [...]


dank fuer fuersorge und nachrichtHauptinhalt dieser Nachricht dürfte gewesen sein, dass Donald Wedekind sich am 5.6.1908 in Wien das Leben genommen hat.. eilbriefFrida Strindbergs Brief an die jüngere Schwester war ein „Eilbrief“ [Frida Strindberg an Emilie (Mati) Wedekind, 7.6.1908; Aa, Wedekind-Archiv, A II Donald Wedekind, b Autographen], abgesendet aus Wien, adressiert nach Lenzburg, nachgesendet nach Thalheim (Kanton Aargau), dort Posteingangsstempel 8.6.1908. In diesem Eilbrief heißt es: „Ich fürchte, Sie haben aus den Zeitungen erfahren, was geschehen ist. Ich konnte mich, als ich es heute früh erfuhr, nicht entschliessen es Ihnen telegraphisch mitzuteilen ‒ denn ich wollte Ihnen gleichzeitig ganz sagen, dass ohne Schmerz, ohne Leiden, ohne Verbitterung [...] mit Gedanken der Liebe u Fürsorge für Sie Ihr armer, lieber guter Bruder Donald von dieser Welt durch eigenen Entschluss geschieden ist. ‒ Gestern [...] in den frühen Morgenstunden hat er seinem Leben ein Ende gemacht ‒ im Prater unten, in grünen Anlagen, unweit einer Kapelle, die Zigeunermusik spielte, die er so lieb gehabt. Um 6 Uhr früh hat ihn die Polizei gefunden. Dank ihrer Unfähigkeit wurde niemand verständigt u erst heute stand die Nachricht in den Zeitungen. Tief erschüttert eilte ich hin [...]. Ich bitte vielmals verständigen Sie die anderen Leidtragenden“ [ebd.]. noch nicht erhalten. mutter und aeltester bruder treffen morgen dort einEmilie Wedekind und ihr ältester Sohn Armin Wedekind trafen am 9.6.1908 aus Lenzburg und Zürich zur Beisetzung Donald Wedekinds in Wien ein., mein mann voraussichtlich mittwochder 10.6.1908. Erika Wedekinds Ehemann Walther Oschwald und sie selbst trafen allerdings ebenfalls bereits am 9.6.1908 zur Beisetzung Donald Wedekinds in Wien ein. = erika wedekind.

Frank Wedekind schrieb am 2. Februar 1910 in Berlin folgendes Telegramm
an Erika (Mieze) Wedekind

Erika Wedekind Dresden Elisenstraße 3.bElisenstraße 3b (Parterre) in der Dresdner Johannstadt war inzwischen die Adresse von Erika Wedekind und ihrem Mann Walther Oschwald [vgl. Adreßbuch für Dresden und seine Vororte1910, Teil III, S. 146]..

Bitte dringendOtto Julius Bierbaum war am 1.2.1902 in Dresden gestorben, wie Wedekind am 1.2.1902 wohl aus der Presse erfuhr [vgl. F.L. (Felix Lorenz): Otto Julius Bierbaum †. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 58, 2.2.1910, Morgen-Ausgabe, S. (2)] und sofort der Witwe telegraphierte [vgl. Frank und Tilly Wedekind an Gemma Bierbaum, 2.2.1010]: „Lese die Nachricht von Bierbaums Tod, telegraphiere Gemma“ [Tb]. In der Presse war auch mitgeteilt, der Leichnam des Schriftstellers werde am 4.2.1910 abends nach Chemnitz überführt, wo die Einäscherung stattfinde und am 5.2.1910 die Beisetzung [vgl. Bierbaums Begräbnis. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 59, 2.2.1910, Abend-Ausgabe, S. (3)]; eine Trauerfeier fand aber am 4.2.1910 nachmittags noch in Dresden in Bierbaums Wohnung statt [vgl. Trauerfeier für Otto Julius Bierbaum. In: Berliner Tageblatt, Jg. 39, Nr. 64, 5.2.1910, Morgen-Ausgabe, S. (3)]. Adresse von BierbaumOtto Julius Bierbaums Adresse in Dresden war Bernhardstraße 7 (1. Stock) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1910, Teil I, S. 62]. zu telegraphieren an Blumenschmidt BerlinDas war die Telegrammadresse der großen Berliner Gärtnerei und Blumenhandlung J. C. Schmidt aus Erfurt (Unter den Linden 16): „Telegr.-Adresse: Blumenschmidt Berlin“ [Berliner Adreßbuch 1910, Teil I, S. 2477], die spezialisiert war auf „Kranzbindereien“ [Berliner Adreßbuch 1910, Teil IV, S. 231], also Trauergestecke. Besten Dank Voraus
Frank.

Frank Wedekind schrieb am 2. Mai 1910 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Brief an Maximilian Harden vom 2.5.1910 aus München:]


Jetzt bin ich im Begriff, an meine Schwester in Dresden zu schreiben.

Frank Wedekind schrieb am 17. Januar 1913 in München folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Erika (Mieze) Wedekind

[Hinweis in Wedekinds Tagebuch vom 17.1.1913 in München:]


Telegramm an Mieze wegen Ännchens Herkunft„Ännchen“ ist Anna Wedekind, am 19.4.1890 in Johannesburg geboren, die Tochter von Frank Wedekinds Bruder William (Willy) Wedekind und seiner Frau Anna (geb. Kammerer) in Südafrika; sie lebte seit 1902 bei der Großmutter in Lenzburg und ist dort auch in die Schule gegangen [vgl. Vinçon 2021, Bd. 2, S. 215]. Frank Wedekinds Tagebuch zufolge war seine inzwischen erwachsene Nichte in München bei ihm zu Besuch; so war er mit ihr, seiner Frau Tilly und dem Schauspieler August Weigert am 22.1.1913 in der Torggelstube: „T.St. Mit Tilly Ännchen Weigert.“.

Erika (Mieze) Wedekind schrieb am 23. Juli 1914 in Dresden folgendes Erschlossenes Korrespondenzstück
an Frank Wedekind

[Hinweis in Frank Wedekinds Brief an Armin Wedekind vom 3.8.1914 aus München:]


Ueber Mamas Befinden erhielt ich derweil auch Nachrichten […] von Mieze […]